Widerborstigkeit und langer Atem

In der Nazizeit hatte der BVB drei echte Widerstandskämpfer in seinen Reihen, die dem Faschismus trotzten. Vielleicht zusätzliche Motivation, als Borusse auch heute entschieden gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorzugehen.

Die Projektgruppe „Zivilcourage“ der BVB-Fanabteilung hatte zur Podiumsdiskussion geladen. Und dort, wo sonst für Freddie Röckenhaus und Kollegen Freigetränke zur Verfügung stehen, fanden sich gut 60   Zuhörer ein, darunter viele junge Gesichter, bekannte und unbekannte. Als Experten hinter den Mikros des Presseraums im Westfalenstadion waren neben BVB-Präsident Reinhard Rauball, den Spielern Lars Ricken und Sahr Senesie auch Fanvertreter Jens Volke, BVB-Historiker Gerd Kolbe und Ältestenratsmitglied Friedhelm „Pierre“ Meyer geladen. Die eineinhalbstündige Veranstaltung moderierte gewohnt souverän Reinhard Beck, ehemaliger Vorsitzender der Fanabteilung.

Widerborstige Vergangenheit
Ein erkälteter Gerd Kolbe betonte gleich zu Beginn die Wurzeln des BVB im Hoesch-Arbeitermilieu rund um den Borsigplatz, das eindeutig sozialdemokratisch und auch kommunistisch gefärbt war. An dieser Ideologie, so Kolbe, orientierte sich der Verein auch klar. Um überhaupt weiter Fußball spielen zu können, erhielt zu Beginn des Nazi-Regimes auch bei Borussia das Führerprinzip Einzug. Kein Spiel begann oder endete ohne gemeinschaftlichen Hitlergruß. Doch die Besonderheit in der „BVB-Familie“ (Kolbe) war eine gewisse Widerborstigkeit. So weigerte sich der damalige Präsident August Busse lange, in die NSDAP einzutreten. Drei echte Widerstandskämpfer waren in den Verein integriert: Die Kommunisten Heinrich Czerkus und Franz Hippler wurden trotz eines BVB-internen Hilfsnetzwerks hingerichtet, der Sozialdemokrat Fritz Weller überlebte. „Rassismus hat in unserem Verein keine Geschichte und kein Berechtigungsdasein“, resümierte Kolbe.
 

Langer Atem in den Achtzigern

Friedhelm Meyer, der 1952 seine Lehre beim Hoesch-Konzern begann, sprach über die Borussenfront, die besonders in den 80er Jahren zu unrühmlicher medialer Aufmerksamkeit gekommen war und sich immer mehr nach Rechts orientiert hatte. Präsident Rauball gibt zu, dass der Verein diesem Problem seinerzeit ohnmächtig gegenüber gestanden habe, bis eine eigens gegründete Kommission und schließlich das   Fanprojekt erfolgreich gegen die Gewaltausbrüche vorgehen konnten. „Es war wichtig, einen langen Atem zu beweisen“, urteilte Gerd Kolbe. Heute sind Stadion- und Mitgliederordnung so verändert, dass Rassisten sofort ausgeschlossen werden können.
 

Gewalt in der Gegenwart: ein gesellschaftliches Problem

Bis auf einen Vorfall, den er als 15-Jähriger auf einem Berliner Fußballplatz erlebte, ist Sahr Senesie noch nicht mit offenem Rassismus konfrontiert worden. Aber Angst, das gab der junge Deutsche mit Wurzeln in Sierra Leone zu, Angst habe er manchmal schon. Fanvertreter Jens Volke wünschte sich vom DFB, dass er sich ob der jüngsten Medienberichte nicht in blinden Aktionismus flüchten möge, sondern einsehe, dass Rassismus und Gewalt keine Phänomene seien, die isoliert beim Fußball auftreten. „Das sind gesellschaftliche Probleme“, betonte Volke, „es fehlt an Respekt untereinander. Wir Fans können zwar initiativ dagegen sein, ändern muss sich aber etwas in der Gesellschaft.“

Zivilcourage zeigen

Wie alle Teilnehmer rief auch Ur-Borusse Lars Ricken dazu auf, Zivilcourage gegen Gewalt und fremdenfeindliche Äußerungen zu zeigen. „Das fängt bei rassistischen Witzen an“, sagte der Mittelfeldspieler, der auf der Südtribüne selbst einmal unangenehmen Kontakt mit der Borussenfront hatte.
 
Wie Reinhard Rauball zum Ende der Podiumsdiskussion mitteilte, laufen Gespräche mit der Stadt Dortmund, um einer der neuen Straßen am Brackeler Trainingsgelände des BVB den Namen von Heinrich Czerkus zu geben.
 

 



Geschrieben von Borussiamaniac