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Spieler im Fokus - 31.08.2017

​Andrij Yarmolenko - Kiews Halbgott im Dortmunder Tempel

Als am Sonntag die ersten Gerüchte über eine mögliche Verpflichtung von Andrij Yarmolenko aufkamen, konnte ich mir ein Augenrollen nicht verkneifen. Nicht etwa, weil die Verpflichtung unrealistisch gewesen wäre. Oder ich mich nicht auf den Ukrainer gefreut hätte, wäre er denn gekommen. Aber eine mögliche Verpflichtung von Yarmolenko gehörte zu den typischen Abläufen im Transferfenster. So vorhersehbar wie leere Auswärtsblöcke bei einem Gastspiel von Wolfsburg und eine Trainerentlassung bei den Blauen. Als es dann am Montag ganz schnell ging, war ich froh. Denn mit Yarmolenko haben wir binnen kürzester Zeit eine Lösung gefunden, die unsere vermeintlichen Probleme auf dem Flügel schnell lösen sollte. Und nach über drei Jahren, in denen Yarmolenko sogar schon einmal in Dortmund war und in letzter Minute doch nicht wechseln durfte, fühlte es sich beinahe an, als wäre ein alter Freund nach Hause gekommen.

Gleich vorweg: Dass die meisten Leute Andrij Yarmolenko nicht wirklich kannten, ist weniger eine sportliche Wissenslücke als vollkommen verständlich. Die ukrainische erste Liga hat überhaupt nur vier wirkliche Duelle, die sehenswert sind. Und auch in der Champions League dürfte ein Blick nach Kiew eher die Seltenheit gewesen sein. Dabei hätte es sich wegen Yarmolenko durchaus gelohnt, einmal einen Blick in den kalten Osten Europas zu werfen.

Mit seinen knapp 1,90 ist Yarmolenko mit Sicherheit nicht zu vergleichen mit jenem Mietnomaden, der uns gerade gegen eine epische Entschädigung in Richtung Barcelona verlassen hat. Vergleiche mit ihm wären für beide Seiten unfair. Während ein Dembele ein Tempo-Dribbler der ersten Güte war, hatte man doch immer etwas Angst, dass ein zu starker Luftzug ihn vielleicht aus dem Stadion wehen könnte. Diese Probleme wird man mit Andrij nicht haben: Seine Körperform ist nicht einfach nur "groß". Nein, wenn irgendwann Dan-Axel Zagadou aus der Pubertät kommt und seine geplante Größe von etwa 2,12 Metern bei gleicher Breite erreicht hat, könnten die beiden problemlos eine Sicherheitsfirma in Dortmund gründen.

Etwaige Vergleiche in der Spielweise mit einem Glatzkopf aus München sind durchaus berechtigt, aber auch ein wenig einfach gehalten. In der Tat, bevor Arjen Robbens Glanz aus den Augen verschwand (nach fünf Jahren München sind diese toten Augen nur verständlich), war er in seiner Spielweise Yarmolenko sehr ähnlich. Beide neigen dazu, hier und dort den Ball zu nehmen, nach innen zu ziehen und der gegnerischen Abwehr mit einem "Fuck you" den Ball durch die Linien ins Tor zu hämmern. Während bei Robben diese Spielweise mehr und mehr in Verbindung mit seiner Lebensfreude schwindet, hat Yarmolenko seine Position einfach ein wenig neu beurteilt.

Keine Angst: Dribblings erster Güte und seinen starken und zielsicheren Fuß hat er immer noch. Heute ist Yarmolenko im System von Kiew aber mehr Spielmacher als alles andere. Er liest das Spiel, behält den Überblick und sorgt dafür, dass seine Kollegen auch mal Tore machen. Von einem Highlight-Spieler hat er sich zu einem mannschaftsdienlichen Außen entwickelt, der bei Bedarf auch selbst den Hammer auspackt, zwei Spieler mit Übersteigern vernascht und den Ball einfach mal ins Tor natzt.

Natürlich gibt es auch Schwächen, sonst würden wir nicht von einem 25-Millionen-Einkauf aus Kiew, sondern von einem 75-Millionen-Einkauf aus Liverpool reden. Bis heute hat Yarmolenko erhebliche Defizite, was sein Spiel nach hinten angeht. Dabei ist "Defizite" hier vielleicht ein zu hartes Wort: Im System von Kiew war alles auf Andrij zugeschnitten. Es war nicht der Plan der Trainer, dass er nach hinten arbeiten muss. Das wird sich unter Peter Bosz mit Sicherheit ändern, und genau hier liegt das größte Fragezeichen seiner Präsenz auf dem Platz. Kann aus dem Offensivspieler mit Überblick auch ein Defensivspieler mit Gefühl werden?

Zum Abschluss noch ein paar Dinge über Missverständnisse oder zu Fragen über die Person Yarmolenko, die auch im Forum diskutiert worden sind: Ja, es ist auf den ersten Blick seltsam, dass er bis knapp 28 in der ukrainischen Liga gespielt hat. Aber auch nur auf den ersten Blick. Yarmolenko ist das Wunderkind Kiews. Der legitime Nachfolger von Andrij Schewtschenko. Er wird in der Ukraine verehrt und pflegte ein gutes Verhältnis mit dem reichen Präsidenten von Kiew. Dieser hat mehr als einmal in letzter Minute einen Wechsel nach Westeuropa verhindert. Nun haben sich aber die Parameter geändert: Kiew ist nicht mehr in der Champions League vertreten, und der Präsident von Kiew sieht sich mit gesperrten Konten konfrontiert. Der Zeitpunkt für einen Ausstieg war also gekommen. Es werden nicht wenige Erwartungen auf dem großen Ukrainer liegen, der nun nach Deutschland gekommen ist, um eine ähnliche Karriere wie der andere große Andrij hinzulegen.

Wir können uns freuen. Wir erhalten nicht nur eine schnelle und für den Markt günstige Lösung für unseren Flügel. Vor allem erhalten wir einen Spieler, der Loyalität zu seinem Verein lebt, alles für Youtube-Videos mitbringt und ganz nebenbei auch noch ein verdammt guter Kicker ist. Sollte ihm der Übergang nach Deutschland schnell gelingen, gibt es eigentlich keine Zweifel, dass wir großen Spaß an ihm haben werden.

31.08.2017, Voomy


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