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Auffem Platz - 09.04.2018

Sonntags ein Schuss Selbstvertrauen

Warm-Up

Ein Spruchband zum Geburtstag

Ein Hauch von Hochsommer im schwarzgelben Tempel – nach der letztwöchigen Klatsche in München und den dunklen sportlichen Wolken bedurfte es dringend einer Hoffnung auf einen strahlenden Heimauftritt. Die Gäste aus dem Schwabenland kamen mit reichlich Rückenwind nach Dortmund, waren seit acht Spielen ungeschlagen und unter Neu-Coach Korkut deutlich im Aufschwung. Für den BVB ging es nach der deftigen Ohrfeige gegen die Bayern nicht nur um Wiedergutmachung, sondern auch um die nötige Portion Selbstvertrauen vor dem Derby nächste Woche.

Taktik & Personal

Castro auf der Tribüne, Weigl und Götze auf der Bank – kein Drama, doch Stöger sendete mit seiner Aufstellung schon deutliche Signale in Richtung vermeintlicher Leistungsträger. Die wiedergenesenen Reus und Toprak durften wieder ran, Sahin tauchte eher überraschend in der ersten Elf der Gastgeber auf.

Erste Hälfte

Cristian Gentner gegen Lukasz Piszczek

Klare Marschroute des BVB von Beginn an - Peter Stöger schickte mit Philipp, Reus, Pulisic und Batsman nominell vier Offensivkräfte ins Rennen, besetzte die Doppelsechs mit Dahoud und Sahin ebenfalls (theoretisch) mit mehr Zug zum Tor als gewöhnlich. Der Drang zum Gehäuse von Ex-Nationalkeeper Zieler gelang in der Anfangsphase der Partie jedoch nur bedingt, die formstarken Schwaben standen defensiv sicher und verbuchten nach knapp zehn Minuten die erste, Augenblicke später auch die zweite und dritte Ecke des Spiels. Der VfB setzte sich erstmals in der Dortmunder Hälfte fest und kam durch Thommy zum ersten erfolglosen Torabschluss. Auch im Anschluss offenbarten die Dortmunder ihre momentan offensichtlichen Schwierigkeiten im Spielaufbau - Torchancen blieben Mangelware, exemplarisch bolzte Bürki einen Ball unnötig in Richtung Osttribüne.

Der mitgereiste Gästeblock sorgte in dieser Phase für den meisten Alarm, die Mannschaft von Korkut konnte offensiv in Person von Gomez die erste richtige Torchance verzeichnen: Völlig unbedrängt köpfte der WM-Kandidat nach Aogo’s Freistoßflanke am Tor vorbei. Eine Prise Glück für den BVB, die jegliches Tempo, Kreativität und Überraschungsmoment vermissen ließen. Behäbig und ohne Durchschlagskraft zeigte sich Schwarzgelb in der ersten halben Stunde, von der saftigen

Statt einer Flanke gab es das 1-0

Münchner Watschn aus der letzten Woche noch nachträglich gezeichnet. Also was machen, wenn es spielerisch überhaupt nicht läuft? Richtig - Fortuna kam früher ins Westfalenstadion als erst zur nächsten Saison. Pulisic bekam auf rechts außen den Ball, startete durch und setzte zur Flanke an - diese flog in hohem Bogen über Zieler hinweg und landete „verunglückt“ zur Führung im Netz. “Psychologisch wertvoll“ und „Dosenöffner“ – kurz vor dem Pausenpfiff kaschierte der BVB seinen teils grausigen Spielvortrag klischeehaft überragend. Das Wetter lieferte bis zum diesem Zeitpunkt eine deutlich bessere Leistung als der Gastgeber.

Zweite Hälfte

Und plötzlich führte man mit 2:0, und keiner wusste so recht warum. Fünf Minuten nach Wiederanpfiff hatte Sahin auf links viel zu viel Platz und bediente in der Mitte Batshuayi. Stuttgart musste reagieren, brachte mit Bruun Larsen einen alten Bekannten und versprach sich die beinahe non-existenten Offensivaktionen anzukurbeln. Dortmund agierte nach dem zweiten Tor mit einer deutlich veränderten Körpersprache - präsenter, agiler, zielstrebiger. Die Stuttgarter konnten Gomez und Ginczek in vorderster Front nicht in Position bringen, der BVB

Marco Reus gab sein Comeback

agierte vor allem durch die individuelle Klasse der Offensivleute rund um Pulisic gefährlicher in der Spitze. Nach einer knappen Stunde ließ der erste stark vorgetragene Angriff das erste Mal so etwas wie Spielkultur erkennen: Über Dahoud und Pulisic wurde der Ball stark kombiniert, Philipp verwertete im zweiten Anlauf zum 3:0. Ehe sich die Gäste versehen konnten, war die Partie plötzlich entschieden.

Fast genau sechs Jahre nach dem denkwürdigen 4:4 gegen die Schwaben lieferten die Gäste in dieser Partie jedoch keinerlei Hinweise auf ein mögliches Deja-Vu-Erlebnis a la 2012. Pulisic verpasste das 4:0 und den Gnadenstoß, im Anschluss knallte Gomez die Kugel aus dem Nichts einfach mal an das Dortmunder Gebälk zur gefährlichsten Stuttgarter Szene im gesamten Spiel. Die Gäste waren geschlagen, die Borussia stimmte sich mental schon auf das bevorstehende Derby ein.

Ein besonderes Highlight erlebte ein blutjunger Neu-Borusse noch kurz vor Schluss: Der 17-jährige Sergio Gomez kam zu seinem Bundesligadebüt und ließ in wenigen Minuten schon klar in Ansätzen erkennen, mit welchen fußballerischen Fähigkeiten der ehemalige Barca-Akteur gesegnet ist.

Fazit

Maximilian Philipp bejubelt das 3-0

Ein bizarres Spiel. Die ersten 40 Minuten zeigte der BVB einen „Fußball“ zum Abgewöhnen. Gruseliger Spielaufbau, keine Torchancen und keinerlei Impulse in der Offensive. Mit dem Zufallsprodukt des Führungstreffers und der Leistung nach Wiederanpfiff zeigte die Borussia anschließend ein komplett anderes Gesicht und hätte am Ende auch noch höher gewinnen können, vielleicht sogar müssen – selten hat man im Westfalenstadion zwei so diametrale Halbzeiten gesehen.

Teilweise rehabiliert von der Nicht-Leistung in München, ein Stück Selbstbewusstsein für das anstehende Derby getankt – der BVB könnte mit diesem Sieg die Initialzündung für die restlichen anstehenden wichtigen Spiele gegeben haben. Die Konkurrenz ließ Punkte liegen, die Blauen sind nur einen Punkt weg. Champions League – das klappt schon irgendwie.

Abseits

Dass Sky teils fragwürdige Berichterstattung betreibt, und dass nicht erst seit gestern, ist hinlänglich bekannt. Was Sky-Reporter Patrick Wasserziehr jedoch am Ende des eigentlich sehr guten Interviews mit Nuri Sahin nach Spielende abliefern musste, war ein klarer Fall für die unterste Schublade.

Sergio Gomez bekam seine ersten Bundesligaminuten

Die Frage nach dem bevorstehenden Jahrestag des Anschlags auf den Mannschaftsbus war nicht nur pietäts – und geschmacklos, sondern auch komplett unnötig. Unsensibel und zum Schämen, Sky – nicht mehr und nicht weniger.

Abseits der Partie gab es auch positive Geschichten: Mit Mangala, Bruun Larsen und Ginczek standen drei ehemalige Borussen im Kader der Gäste, mit Burnic fehlte ein weiterer Akteur mit schwarzgelber Vergangenheit - Ginczek durfte seit seinem Abgang tatsächlich zum allerersten Mal den Rasen im Westfalenstadion als Gast betreten.

„Klar war es schön, hier bei meinem alten Verein zu spielen. Dazu diese Kulisse, das tolle Wetter. Das Ergebnis ist für uns aber natürlich unbefriedigend. Es fällt ein Tor, bei dem keiner weiß, wie es fällt. Danach sind wir eingebrochen, haben defensiv nicht mehr den Zugriff gehabt. Spätestens nach dem 2:0 wurde es dann ganz schwer.“

Statistik

BVB: Bürki - Piszczek, Sokratis, Toprak, Schmelzer (64. Toljan) - Sahin, Dahoud, Pulisic, Reus (87. Gomez), Philipp (80. Sancho) - Batshuayi

Stuttgart: Zieler - Beck, Pavard, Badstuber, Insua – Aogo (68. Özcan), Ascacibar (88. Mangala), Gentner, Thommy (57. Larsen) - Ginczek, Gomez

Schiedsrichter: Patrick Ittrich

Holger Badstuber gegen Michy BatshuayiAssistenten: Norbert Grudzinski, Sascha Thielert

Vierter Offizieller: Dr. Matthias Jöllenbeck

Video-Assistent: Tobias Stieler

Tore: 1:0 Pulisic (38.), 2:0 Batshuayi (48.), 3:0 Philipp (59.)

Zuschauer: 81.360 (ausverkauft)

Karten: Schmelzer Beck, Aogo, Gomez, Ascacibar

Torschüsse: 8:2

Ecken: 5:7

"Es war sehr schwer für uns, denn der Gegner hat sich einiges zugetraut."Ballbesitz: 50:50 %

Stimmen zum Spiel:

Peter Stöger:

„In der ersten Halbzeit hat man gesehen, warum Stuttgart dieses Jahr so gut dasteht. Es war sehr schwer für uns, denn der Gegner hat sich einiges zugetraut. Wir haben hingegen nicht die optimalen Lösungen gefunden. Deshalb gehen wir mit einem etwas glücklichen 1:0 in die Pause. In der Kabine haben wir dann nochmal besprochen, was wir ändern müssen. Nach der Pause haben wir dann viele Dinge deutlich besser umgesetzt, mit der sind wir sehr zufrieden. Es war nicht einfach, mit der Situation umzugehen nach der Niederlage in München. Aber in der zweiten Halbzeit war das richtig gut.“

Nuri Sahin:

„Das 1:0 war sehr wichtig in unserer Phase. Auch wenn Christian der Ball - glaube ich - abrutscht; das nehmen wir gerne mit. Danach war es besser, auch wenn das Spiel kein Leckerbissen war. Nach einem 0:6 in München, das auch in der Höhe verdient war, hat man natürlich schwere Beine, der Kopf fängt an zu grübeln. Um die Frische im Kopf zurückzuerlangen, braucht man manchmal dann vielleicht so ein Tor, damit es wieder flutscht. Am Ende haben wir verdient gewonnen. Trotzdem ist es Fakt, dass vieles besser werden muss. Unsere Leistung in der zweiten Halbzeit ging in die richtige Richtung, aber komplett optimal war das auch noch nicht. Wir müssen jetzt die letzten fünf Spiele über die Bühne bringen und die Saison am besten

"Wir haben eine sehr sehr gute erste Halbzeit gespielt und letztendlich einfach zu wenig daraus gemacht."

auf Platz zwei beenden. Dafür brauchen wir alle. Nicht nur die Spieler, auch jeden einzelnen Fan. Danach werden wir diese Saison knallhart analysieren.“

Tayfun Korkut:

„Wir haben eine sehr sehr gute erste Halbzeit gespielt und letztendlich einfach zu wenig daraus gemacht. Wir sollten diese Niederlage nicht überbewerten, genauso wie wir die Siege davor nicht überbewertet haben. Wir müssen uns auf das nächste Spiel konzentrieren und schauen, dass wir unsere Lehren aus diesem Spiel ziehen.

… zu Mangala, Bruun Larsen und Burnic:

„Gute Jungs. Ich habe sie noch nicht so lange, bisschen mehr als zwei Monate - von daher maße ich mir nicht irgendeine Aussage an. Ich bin sehr zufrieden mit allen, vor allem wie sie sich in den letzten Wochen gegeben haben. Sie sind im Moment VfB-Spieler – und das steht über allem.

Boris Davidovski, 09.04.2018


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