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Unsa Senf - 06.04.2018

Zukunftsvision BVB: Emotionen und Philosophie

Liverpool FC gegen Manchester City, es ist das Champions League Viertelfinale und irgendwie erinnert eine der beiden Mannschaften an den BVB 2012/2013. Liverpool demontiert City in der ersten Halbzeit und verteidigt den Vorsprung mit Mann und Maus in der zweiten Hälfte. Einer rennt für den anderen, man haut sich in jeden Ball. Da werden tatsächlich Erinnerungen wach. Natürlich, die Parallelen liegen auf der Hand. Liverpool und der BVB sind sich vom Umfeld, von der Mentalität her ähnlich und dann ist da noch eine weitere Schnittmenge: Jürgen Klopp.

Es entsteht eine angeregte Diskussion bei uns in der Redaktion. Emotionalität vs. sachliche Analytik, Verklärung der Vergangenheit vs. Einordnen, Rückwärtsgewandheit vs. Blick in die Zukunft, „Wir hätten Klopp nie gehen lassen dürfen" vs. „Der Verein ist größer als eine Person". Dass man die Zeit mit Klopp genossen hat, verleugnet keiner. Dass etwas danach kommen musste, auch nicht. Dass ein wenig „Klopp-Gefühl" fehlt, erkennt jeder.

Der Blick zurück

Wenn man die aktuelle Situation analysieren will, ist der Blick zurück zwingend notwendig, vor allem auch, wenn man sich auf eine Vereinsphilosophie verständigen will, wenn man wissen will, „wer bin ich". Die Vergangenheit, die eigene Geschichte ist dann Gradmesser und Wegweiser zugleich, ist dann Anker, Seele und auch Erklärer.

Die Geschichte von Borussia Dortmund beginnt 1909. Sie beginnt mit dem Aufbegehren gegen den Kaplan, mit dem Aufbegehren gegen eine übergeordnete Instanz. Sie beginnt auch mit dem Zusammenhalt der Menschen vom Borsigplatz und sie beginnt mit einer Triebfeder: Franz Jacobi. Wann immer die Geschichte von Borussia Dortmund besondere Bögen macht, wann immer Erfolge gefeiert werden, werden diese Zeitpunkte auch mit Personen verknüpft und alle würden wahrscheinlich sagen: „Der Verein ist größer als eine einzelne Person". Trotzdem hat es sie gebraucht. Es wurde immer eine Triebfeder benötigt, die den BVB verstanden und die DNA entschlüsselt hat, um dadurch den Grundstein für den Erfolg zu legen.

Emotionen wecken

Während in der Anfangszeit vom BVB natürlich noch „ranghohe" Vereinsvertreter die Triebfedern waren, verlagerte es sich mit dem Fokus auf den Profifußball immer weiter in den Kader und das Trainerteam, die dann Helden und Antreiber hervorbrachten. Bezogen auf die letzten Jahre fiel mit Klopp genau dieser Held, Antreiber, Emotionalisierer aus dem Umfeld Profifußball weg, ohne dass es aufgefangen werden konnte. Watzke und Zorc sind dann eben schon fast eine Ebene zu hoch, um die Lücke im Brennglas zu füllen. Blieben also nur Trainer und Kader: Der Trainer Tuchel ist ein ganz anderer Typ als Klopp und wollte die Lücke gar nicht füllen. Sein Plan war es erfolgreichen Fußball zu spielen, aber er verkannte die DNA. Bereits schnell fehlte den Fans die Identifikation. Das äußerte sich auf verschiedenen Ebenen. Die einen kritisierten die Art des Fußballs, die anderen den fehlenden Bezug zur Mannschaft. Tatsächlich gab es gewisse Umbauarbeiten am Kader. Verdiente Spieler wurden sukzessive abgesägt und ausgetauscht. Großkreutz, Kuba, Subotic, irgendwann auch Hummels, der sich zumindest als Weltklassefußballer und Wortführer in der Mannschaft nach Außen abhob. Letztendlich ging es dann auch unter Bosz und Stöger weiter: Bender, aber auch emotionale Potenzialträger wie Auba oder Bartra gingen ebenfalls.

Der Emotionalisierer fehlt

Die Mannschaft wurde stetig emotionsloser. Man konnte das schon gut am Ausscheiden in der Europa League gegen eben jenen von Klopp trainierten Liverpool FC sehen. „Technokratischer Fußball", war im Gästeblock damals zu vernehmen. Wir hatten in dem Spiel einfach kein Management für Emotionen. Uns fehlte zur Crunchtime der unbedingte Wille. Der Wille, mit dem man sich gegen Malaga noch in jeden Ball schmiss. Die Mannschaft konnte diesen emotionalen Abbau nicht auffangen. Reus wäre prädestiniert für die besonderen Momente, für das Mitreißende, ist leider viel zu häufig verletzt. Schmelzer, den man in der Schlussphase gegen Malaga immer wieder mit seiner Maske vor Augen hat, wie er den Ball blockt, wäre auch so ein Typ. Der wurde allerdings immer vom Großteil der Fans abgestempelt: Fußballerisch zu limitiert, „Königsmörder", etc. In diesen unemotionalen Wirrungen, zu denen wir Fans vielleicht auch beitragen, hebt sich dann schon ein Batshuayi vom Rest ab, weil er zumindest in den Sozialen Medien versucht, zu emotionalisieren. Batshuayi ist aber noch nicht lange genug dabei und im Sommer vermutlich wieder weg, um wirklich nachhaltig Emotionen wecken zu können.

„Hitzfeld emotionalisierte auch nicht",sagte Watzke genau auf diesen Kritikpunkt an Tuchel gegenüber schwatzgelb.de im Interview. Da kann man natürlich keinen Widerspruch anbringen. Er hatte aber damals eine ganz andere Mannschaft als Tuchel. In Hitzfelds Kader waren mehr als genug Charakterköpfe, die vorangingen, die auf dem Platz brannten und eben statt des Trainers die Emotionen weckten.

Vereinsphilosophie

Was hat das alles jetzt mit unserer Philosophie zu tun? Zunächst einmal muss man festhalten, dass Emotionen ein wichtiger Teil unseres Selbstverständnisses sind. „Echte Liebe", „Adrenalin" sind alle aus diesem Selbstverständnis entstanden. Wir nehmen beim BVB nicht einfach zur Kenntnis, sondern sind immer mit dem Herzen, mit unseren Emotionen dabei. In genau diesen Moment, wo wir zu 100% dabei sind, verhindern wir den Abstieg, gewinnen wir Meisterschaften und hauen auch mal den Kaplan weg.

Wie kann man also die Emotionen wieder wecken? Als es dem BVB richtig schlecht ging, waren wir Fans immer da und brachten die Emotionen mit. Immer für den Verein, immer auch für die Stadt Dortmund. Daraus entstand zum Beispiel die Fanabteilung. Daraus entstanden auch tolle Auswärtsfahrten und bleibende Erinnerungen über den Zusammenhalt unter Fans.

Am Ende gilt: Wir haben es auf vielen Ebenen selbst in der Hand, wieder Geschichten zu erzählen.

Aber welche Geschichte will man in der jetzigen Situation erzählen? Beim Dortmunder „Stammpublikum" merkt man bereits eine gewisse Ratlosigkeit und Desillusioniertheit. Man fühlt, dass man eigentlich fünfzehn Vereinen der Liga überlegen sein sollte, andererseits aber dem einen aus dem Süden hoffnungslos unterlegen ist. Wir sind auf der einen Seite satt, haben auf der anderen Seite aber Hunger und wissen, dass es nicht viel mehr gibt. Wo soll es hingehen und welche Wege gibt es? Jedes Jahr als Ziel auszurufen, die Tabellenplätze zwei bis vier zu erreichen, bietet auf Dauer zu wenig Fantasie, zu wenig Spannung. Und für eine internationale Vermarktung findet der Gewinn des DFB-Pokals als „Ersatzmeisterschaft" zu wenig Beachtung.

Vielleicht gibt es für das Problem der „Erfolglosigkeit" keine Lösung, weil wir finanziell bereits endgültig abgehängt sind. Dann gilt es jedoch ein anderes Leitbild, ein anderes Selbstverständnis zu entwickeln, dem sich die Fans wieder nahe fühlen können. Aktuell steckt man in einem Kreislauf fest, indem man mehr Gelder generiert, um in Zukunft weitere Gelder einnehmen zu können. Das ist im Kern der Sinn und Zweck von „jedes Jahr in der Champions-League dabei sein". Das ist nichts, mit dem man die Fans emotional mitnimmt.

Der BVB muss andere Wege finden, um die Menschen zu faszinieren. Das kann zum Beispiel eine mitreißende Fußballphilosophie sein, die natürlich auch funktionieren muss, aber auch mehr als strikt erfolgsorientiertes Ballverwalten bietet. Oder eine Kaderzusammensetzung, die mehr darauf ausgerichtet ist, ein „2011er-Gefühl" zu entwickeln, statt Durchlauferhitzer für junge Talente sein, die im Kern aber nur auf einen schnellen Aufstieg nach England oder Spanien hoffen. Borussia Dortmund muss sich auch noch stärker gesellschaftspolitisch positionieren und Werte noch stärker für sich besetzen. Man sollte sich auch noch viel mehr in Dortmund verankern. Gerade die letzten Punkte sind immerhin in der (Gründungs-)Geschichte vom BVB deutliche Stützen.

Und am Ende braucht es auch wieder diese besonderen Typen, die prägend sind. Ein Punkt, der bei der Kaderzusammenstellung oder bei der Auswahl des Trainers beachtet werden muss. Im sportlichen Bereich braucht es wieder eine Führungsfigur, jemanden, an dem sich andere aufrichten, der mitzieht und der die DNA des BVB verstanden hat. Jemanden, der weiß, wie man dieses Umfeld dazu bringen kann, Höchstleistungen zu vollbringen und Titel zu gewinnen, obwohl man vielleicht gar nicht die beste Mannschaft auf dem Platz hat. Und wir Fans müssen wieder ein Gespür dafür entwickeln, solche Typen zu ermöglichen, Freiräume geben und Vertrauen entwickeln, was in Zeiten der Ich-AGs nicht immer einfach ist.

Generell haben wir Fans ein gewichtiges Wort mitzureden. Dank 50+1 haben die Mitglieder immer noch Stimmrecht und die Möglichkeit auf den Verein Einfluss zu nehmen. Gerade was die Bereiche gesellschaftlicher Werte und Engagement in der Stadt betrifft, haben wir die Chance auf Reinhard Rauball einzuwirken. Und auch im Stadion können wir diejenigen sein, die Emotionen wecken. Dazu müssen wir uns aber eben auch als Teil dieser Verantwortung sehen.


06.04.2018, Sascha und Seb


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