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Reportage - 31.01.2018

„Damit es nie wieder ein zweites Auschwitz geben wird“ – Zeitzeugin Eva Weyl im Borusseum

Die Zeitzeugen, die aus erster Hand über die Verbrechen des Nationalsozialismus berichten können, werden immer weniger. Erst vor wenigen Tagen ist mit Coco Schumann ein prominenter und beliebter Botschafter verstorben.

Welch ein Glück für die rund 150 Gäste am Montagabend im Borusseum, die der Lebensgeschichte von Eva Weyl lauschen konnten. Als Jüdin überlebte die heute 82-Jährige das Konzentrationslager Westerbork in den Niederlanden. Anlässlich des „Tages gegen das Vergessen“ zum Jahrestag der Auschwitz-Befreiung hielt sie einen Vortrag im Westfalenstadion.

„Damit es nie wieder ein zweites Auschwitz geben wird“

„Habe ich das Recht, zu leben?“, fragte Eva Weyl gleich zu Beginn angesichts der mehr als 100.000 Toten, deren qualvoller Weg im Nordosten der Niederlande seinen Anfang nahm. In Westerbork gab es keine Gaskammern wie in Auschwitz-Birkenau. Es war Sammel- und Durchgangsstation: Jeden Dienstag fuhr ein Zug in die großen Vernichtungslager nach Osteuropa, nach Sobibór, Bergen-Belsen, Theresienstadt oder Auschwitz. Nur 5.000 ehemalige in Westerbork gefangene Menschen überlebten. Auch Anne Frank war wenige Wochen vor ihrer Deportation hier interniert.

„Anscheinend habe ich das Recht, zu leben“, fuhr die erfreulich forsche Eva Weyl fort, „damit ich erzählen kann und damit es nie wieder ein zweites Auschwitz geben wird“. Ihre Eltern, beide jüdischen Glaubens, flohen bereits 1933 aus Deutschland in die Niederlande, aus Angst vor dem wachsenden Antisemitismus. Im Nachbarland fühlten sie sich sicher, schließlich seien die Niederlande im Ersten Weltkrieg neutral gewesen. Im Falle eines erneuten Krieges wähnten sie sich außer Gefahr.

Auch Dortmunder wurden in Westerbork gefangen gehalten

„Für Jüdinnen und Juden waren die Niederlande einer der wichtigsten Zufluchtsorte“, berichtete am Montagabend der Historiker Rolf Fischer in seiner kurzen Einführung. „Viele hatten Familie hier, die Grenze war nah und vergleichsweise durchlässig.“ So war Westerbork selbst ursprünglich ein Auffanglager für jüdische Geflüchtete, bis die deutsche Besatzungsmacht 1942 die Verwaltung übernahm. Auch Dortmunderinnen und Dortmunder waren unter den Gefangenen in Westerbork. Von den 211 Menschen, unter ihnen rund 50 Kinder und Jugendliche, überlebte keiner die Deportation in die deutschen Vernichtungslager im annektierten Polen. (In einer früheren Version ist uns leider ein Fehler unterlaufen. Dort hieß es: "in die polnischen Vernichtungslager". Das nicht natürlich nicht korrekt, wir bitten dies zu entschuldigen.)

Eva Weyl und ihre Familie haben hingegen überlebten – dank einer gehörigen Portion Glück. Sie war gerade mal sechs Jahre alt, als sie sich mit ihren Eltern im Kamp Westerbork einfinden musste. „Wir hatten Gepäck dabei, ich dachte erst, wir würden umziehen“, erinnerte sie sich vor den gespannten Zuhörerinnen und Zuhörern im Borusseum. Doch die nervöse Neugier wich schnell der grauen Realität im Lager. Dort angekommen wurde die Familie registriert und in die Baracke gebracht, in der sie künftig leben sollte: „80 Meter lang, ohne Heizung, drei Stapelbetten übereinander, dünne Matratzen, durch die man das kalte Eisen spürte, und kein Platz, um Sachen zu verstauen.“

„Der Mord wurde industrialisiert“

Und dennoch sagt sie heute: „Dreieinhalb Jahre lang ging es mir nicht richtig schlecht.“ In Westerbork gab es ein Kabarett, regelmäßige Konzerte und arbeitsfreie Tage. SS-Leute habe man nur wenige gesehen, stattdessen wurde das Lager zum größten Teil von den Gefangenen selbst verwaltet. Eva Weyl ging zur Schule und konnte auch humorvolle Anekdoten aus dem Leben im Lager erzählen. Anders als im Kindesalter weiß sie mittlerweile jedoch, dass dies nur eine Fassade war. „All das war nur ein trügerischer, ein perfider Schein. In Wirklichkeit wurde der Mord so industrialisiert.“

Tatsächlich diente es dem Ziel der Nationalsozialisten, die Deportationen in die Vernichtungslager reibungslos durchzuführen und das tödliche Ende der Transporte vor den Gefangenen zu verschleiern. Mit Erfolg, denn einen Aufstand hat es in Westerbork nie gegeben, und die Nachrichten, was tatsächlich in Auschwitz und Sobibór passierte, hätten sich erst sehr spät verbreitet, berichtete Eva Weyl in ihrem rund 90-minütigen Vortrag.

Ein Alliierten-Angriff rettete Familie Weyl das Leben

Die Eltern von Eva Weyl hatten das große Glück, im Lager eine Beschäftigung bekommen zu haben. Ihre Mutter arbeitete in der Wäscherei, ihr Vater als Bauer. Später bekam er sogar eine Stelle in der Administration und die Familie ein kleines, beheiztes Zimmer. Wer arbeitete, war von Nutzen. Das schützte vor Deportationen. „Jeder versuchte, Arbeit zu haben, es entwickelte sich regelrecht Streit“, erinnerte sich die Überlebende. Doch eines Tages stand auch Familie Weyl auf einer der Transportlisten. Sie hatte sich am frühen Morgen bereits vor ihrer Baracke eingefunden und wartete auf die Abfahrt Richtung Polen. Das große Überlebens-Glück Eva Weyls und ihrer Eltern: alliierte Kampfflieger, die just an diesem Morgen über das Lager flogen und den großen Schornstein des Lagers zerschossen. Der Transport wurde abgesagt. Kurze Zeit später, am 12. April 1945, wurde das Lager Westerbork befreit.

„Gegen das Vergessen hilft nur das Erinnern. Angesichts vieler aktueller Themen dürfen wir nicht nur an die Vergangenheit denken, sondern müssen auch das Heute im Blick haben“, mahnte BVB-Schatzmeister Dr. Reinhold Lunow treffend während des „Tages gegen das Vergessen“, an dem sich der Verein zum achten Mal und in Zusammenarbeit mit dem Heimatsucher e. V. beteiligte.

All das hat Eva Weyl vor mehr als 70 Jahren erlebt. Ihre Botschaften sind jedoch aktueller denn je. Weil eine Partei, deren prominenter Vertreter das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnete, nun im Bundestag ist. Weil im Nachbarland Österreich Rechtspopulisten gar in der Regierung sitzen. Aber auch, weil in Dortmund, genau vor unserer Haustür, am 14. April Neonazis aufmarschieren und offen ihr fremdenfeindliches Gedankengut verbreiten wollen.

Es sind wohl all diese und noch viel mehr Dinge, die Eva Weyl, mittlerweile Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und stolze Großmutter von fünf Enkellinnen und Enkeln, meinte, als sie am Montagabend immer wieder und in aller Deutlichkeit Rassismus und Diskriminierung verurteilte. Ihre Schilderungen wurden treffend erweitert durch die Musik von Dr. Maik Hester und Peter Sturm, die Lieder spielten, die in Gefängnissen, Konzentrationslagern oder Ghettos während des NS-Regimes entstanden sind.

Es ist erfreulich, dass so viele Menschen, mehr als in den Vorjahren, zum „Tag gegen das Vergessen“ ins Borusseum kamen. Viele waren sichtlich bewegt von den Schilderungen Eva Weyls, die trotz allen Leids ihre Lebenslust offenbar nicht verloren hat – und fest entschlossen ist, ihre Geschichte noch vielen Menschen zu erzählen.

31.01.2018, Text: Malte S., Fotos: W. Hartwich


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