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Auffem Platz - 28.01.2018

Enttäuschte Gesichter in Schwarzgelb und Ärger über Pfiffe von den Rängen

Bedröppelte Gesichter nach Abpfiff

Die Erleichterung bei den Schwarzgelben über den Ausgleich in der Nachspielzeit war groß, doch sie wich schnell der Enttäuschung: Das 2:2 gegen den Sportclub Freiburg fühlte sich letztlich dann doch mindestens wie eine halbe Niederlage an. Entsprechend quittierten einige Zuschauer die 90 Minuten mit Pfiffen. Pfiffe, die es auch während des Spiels schon mehrfach gegeben hatte - und die in den Interviews nach der Partie noch zum großen Thema werden sollten.

Das Duell gegen die Breisgauer wurde im Vorfeld gleich zu einem doppelten Aktionsspieltag. Im Rahmen des 14. Erinnerungstages im deutschen Fußball der Initiative „Nie wieder“ wurde vor dem Spiel an die Befreiung des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee auf den Tag genau vor 73 Jahren erinnert. An der Nordtribüne prangte daher erneut das bereits wohlbekannte und geschätzte Banner des Vereins mit der Aufschrift „Borussia verbindet Generationen. Männer und Frauen. Alle Nationen. Fußball und Rassismus passen nicht zusammen!“ Leider wurde dieses während der Halbzeit abgenommen, bevor im zweiten Durchgang der BVB fernsehwirksam auf diese Tribüne hinspielte, sodass wieder die etatmäßige Bierwerbung sichtbar war.

Erinnerung an die Folgen von Ausgrenzung und Intoleranz darf niemals verblassen

In den ersten 12 Minuten wurde auf jegliches Material verzichtet

An der Erinnerung an die Verbrechen, die Deutschland begangen hat, beteiligte sich vor dem Anpfiff auch das antirassistische Dortmunder Fanbündnis „ballspiel.vereint!“ mit dem Transparent „27.01. - Gegen das Vergessen #WeRemember“ auf der Südtribüne. Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen mit dem Einzug einer von Rassismus und auch Antisemitismus durchsetzten Partei in den Bundestag zeigen, dass die Erinnerung an die Folgen von Ausgrenzung und Intoleranz niemals verblassen darf und das Engagement gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung jeglicher Art unbedingt fortgeführt werden muss - insbesondere auch in Dortmund.

Verschiedene aktive Fanszenen der Republik ihrerseits stellten den Spieltag ebenfalls unter ein Motto. Vereinsübergreifend stand an diesem Bundesliga-Wochenende der Protest gegen Materialverbote in den Kurven und die uneinheitliche Vorgehensweisen bei der Freigabe von Material im Mittelpunkt. So kann beispielsweise der Doppelhalter beim Auswärtsspiel in dieser Woche noch erlaubt sein, beim folgenden Auswärtsspiel handhabt der gastgebende Verein es jedoch möglicherweise ganz anders, sodass Doppelhalter plötzlich draußen bleiben müssen. Gleiches gilt insbesondere auch für große Schwenk-Fahnen, die beim einen Verein erlaubt und beim anderen Verein schon wieder verboten sein können. Hier herrscht tatsächlich ein erhebliches Maß an Willkür vor, das oftmals wenig einleuchtend erscheint.

Fanprotest gegen Materialverbote

Fahnenchaos ab der zwölften Minute

Um der Forderung nach der Freigabe sämtlichen Materials Nachdruck zu verleihen, wurde an diesem Spieltag kurvenübergreifend protestiert. Während der ersten zwölf Minuten verzichteten in Dortmund sodann sowohl die aktive Szene der Südtribüne als auch der Gästeblock während der ersten zwölf Minuten auf sämtliches Material wie Fahnen, Banner und Doppelhalter. Vor dem anschließend auf der Südtribüne aufkommenden schwarzgelben Fahnenmeer prangte danach ein großes Banner des Fanbündnisses „Südtribüne Dortmund“ mit der Aufschrift: „Taten statt Worte - Freigabe aller Fan-Utensilien bundesweit! Jetzt!“

Es ist jedoch fraglich, ob der Zeitpunkt für den Fan-Protest angesichts des Erinnerungstages glücklich gewählt wurde. Statt den Fokus auf der „Nie wieder“-Kampagne zu belassen, wurde in unnötiger Addition eine zweite Aktion gestartet. Die Wahl des kommenden Spieltags für den selbstverständlich legitimen und notwendigen Protest gegen das Materialverbotschaos hätte der Sache auch keinen Abbruch getan und den Fokus an diesem Wochenende auf der Erinnerung belassen.

Spruchbänder zum Abschied von Neven Subotic

Ein klarer Abschiedsgruß an Neven Subotic

Daneben spiegelten sich auch zwei aktuelle Personalien in Transparenten auf der Gelben Wand wider. So wurde einerseits Neven Subotic verabschiedet. Die Jubos äußerten sich per Spruchband: „Ein guter Mensch in einem scheiß Geschäft… Danke Neven!“ Und auch die Desperados dankten dem abwandernden Sympathieträger: „Abgesägt und trotzdem loyal – Danke Neven!“ THE UNITY äußerte sich andererseits ebenfalls noch vor dem Anpfiff mit einem Banner in Richtung des wechselwilligen Pierre-Emerick Aubameyang: „Kein Spieler ist größer als unser Verein“. In der gleichen Richtung deutete auch das Fanbündnis „Südtribüne Dortmund“ schon vor dem Spiel an, dass man zwar mit dem jüngsten Verhalten des Gabuners keinesfalls einverstanden sei, stellte jedoch auch klar: „Allerdings hat es unsere Fanszene immer ausgemacht, das Große und Ganze zu sehen und wie eine Wand hinter der Mannschaft zu stehen.“ Dieser Appell gegen Pfiffe gegen Aubameyang sollte jedoch nicht bei allen Schwarzgelben im Stadion verfangen.

Kagawa & Co. bejubeln den Führungstreffer

Das Spiel selbst ist schnell erzählt. Dabei sah zu Beginn noch alles nach einem runden Nachmittag aus. Shinji Kagawa brachte den Ballspielverein früh mit 1:0 in Führung. Nach der Hereingabe von Gonzalo Castro und dem abgewehrten Schuss von Lukas Piszczek landete der Ball beim Japaner, der per Seitfallzieher artistisch einnetzte (9.). Einen Schlenzer des Youngsters Jadon Sancho konnte Freiburgs Keeper Rafal Gikiewicz zur Seite abwehren (14.). Doch es folgte aus dem Nichts die kalte Dusche für den BVB: Ein Zuspiel in die Tiefe verwertete Janik Haberer mit einem Querpass von der Grundlinie an den kurzen Pfosten, wo Nils Petersen zum 1:1 einschoss (21.). Der Gegentreffer wirkte - wie so oft in dieser Saison - wie ein lähmender Schock für die Borussen.

Der zuletzt medial omnipräsente Aubameyang tauchte während des Spiels weitgehend unter. Seinen ersten richtigen Ballkontakt hatte der extrovertierte Angreifer in der 29. Minute – begleitet von einem deutlich wahrnehmbaren Pfeifkonzert von den Rängen. Dieses sollte auch bei den weiteren gefühlten drei Ballkontakten Aubameyangs nur geringfügig leiser werden. Die beste Aktion hatte der Gabuner mit einem Kopfball über das Tor (32.).

Mit einem Doppelpack war Nils Petersen der Mann des Spiels

Den Gästefans lag wenig später der Torschrei schon auf den Lippen. Der Schuss von Lukas Kübler rutschte zunächst unter Roman Bürki durch und trudelte Richtung Netz, doch kurz vor der Torlinie hatte der Schweizer den Ball im Nachfassen sicher (39.).

Bürki ärgert sich über die Pfiffe der Zuschauer - zurecht!

Das BVB-Spiel war nach dem Ausgleich von Ideenlosigkeit geprägt, wobei die Freiburger den Gastgebern mit ihrer Fünferkette das Leben auch nicht einfacher machten. Das Resultat: Statt schnellen Spiels nach vorne waren mehrere Rückpässe auf den Torwart Roman Bürki zu verzeichnen, die mit Pfiffen insbesondere von den beiden Haupttribünen begleitet wurden. Der Keeper kritisierte den Unmut der Fans nach dem Spiel vor dem Sky-Mikrofon völlig zurecht als unangebracht und kontraproduktiv mit Blick auf eine ohnehin verunsicherte Mannschaft.

In der Tat sollten die Zuschauer, welche die - zugegeben - ideenlosen Rückpässe auf den Keeper mit Pfiffen garnierten, einmal ihre Erwartungshaltung überdenken. Der BVB ist nicht mehr der Vollgasfußball-Verein vergangener Jahre. Insbesondere nach der Hinrunde muss verloren gegangenes Selbstvertrauen mühsam wieder erspielt werden. Gnadenlose Pfiffe sind, trotz des blutleeren Auftritts, hierbei völlig fehl am Platze, insbesondere bei einem Zwischenstand von 1:1.

Roman Bürki beim Gegentreffer zum 1:2

Apropos blutleer: Dies gilt keineswegs nur für die Fußballprofis auf dem Rasen. Das gilt insbesondere auch für viele - zu viele! - der schwarzgelben Anhänger auf den Tribünen. Es ist schwer zu sagen, wer wen mit seiner Lethargie ansteckt, die Profis die Fans oder die Fans die Profis, Fakt ist jedoch eins: Mit der derzeitigen Apathie-Symbiose werden wir in Dortmund den Umschwung in spielerisch und ergebnistechnisch bessere Zeiten nicht hinbekommen.

Nach der Halbzeitpause nutzten die BVB Supporters Lennetal die Gelegenheit auf der Südtribüne, um gegen die Montagsspiele zu demonstrieren. So hieß es auf ihrem Spruchband: „Eure Geldgier ist so groß, eure Fans seid ihr bald los! Montags? Ohne uns!“ Dortmunds Trainer Peter Stöger reagierte zur zweiten Hälfte und wollte der Offensive mit Mario Götze für den bereits gelbbelasteten Gonzalo Castro mehr Leben einhauchen. Der Plan sollte jedoch nicht aufgehen, auch wenn Götze am Ende in der Statistik als der Spieler mit den meisten Torschussvorlagen auftauchen sollte. Kagawa traf nur das Außennetz (60.).

Toljan und Aubameyang bejubeln den späten Ausgleich

Doch dann nutzte Petersen einen leichtfertigen Fehlpass von Nuri Sahin im Mittelfeld zu einer Bogenlampe aus gefühlten 40 Metern über den weit vor dem Tor stehenden Bürki zum 1:2 (68.). Piszczek köpfte einen Ball genau in die Arme von Gikiewicz (73.) und ein abgefälschter Schuss von Jeremy Toljan strich rechts unten am Tor vorbei (85.). In der Nachspielzeit hatte der Linksverteidiger jedoch mehr Glück, als er den Ball mit mehr als 100 km/h in die Maschen zum 2:2 drosch (90.+3).

Unsere Fotostrecke zum Spiel gibt es wie gehabt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Statistik

BVB (4-2-3-1): Bürki - Toljan, Toprak, Sokratis, Piszczek - Sahin (78. Isak), Castro (46. Götze) - Sancho, Kagawa, Pulisic (67. Yarmolenko) - Aubameyang.

Freiburg (5-4-1): Gikiewicz - Günter, Kempf, Gulde, Söyüncü, Kübler - Abrashi, Koch - Haberer (84. Dräger), Höler (81. Kleindienst) - Petersen.

Tore: 1:0 Kagawa (9.), 1:1/1:2 Petersen (21./68.), 2:2 Toljan (90.+3). Schiedsrichter: Daniel Siebert. Zuschauer: 80.360 (ausverkauft). Gelbe Karten: Castro (26. Minute). Torschüsse: 12:4. Ecken: 5:2. Flanken: 21:4. Ballkontakte: 66:34 %. Zweikämpfe gewonnen: 55:45 %. Fouls: 11:12. Abseits: 1:1. Die meisten Torschüsse: Toljan (3) - Petersen (3). Die meisten Torschussvorlagen: Götze (3) - Haberer (2). Die meisten Ballkontakte: Toprak (133) - Kempf (57). Die Zweikampfstärksten: Sokratis (80 %) - Söyüncü (85 %).

Stimmen zum Spiel

Christian Streich (Freiburg): „Dortmund hat gut angefangen, wir haben nicht richtig den Zugriff bekommen. Wir wollten auch Fußball spielen, denn

Streich und Stöger vor dem Anpfiff

sonst wird man erdrückt. Nach dem 0:1 wurde alles etwas stabiler. Das 2:2 ist letztlich sehr schade für uns, aber wenn wir stabil bleiben, dann können wir es schaffen und in der Liga bleiben.“

Peter Stöger (BVB): „Wir sind richtig gut reingekommen, nach dem Ausgleich haben wir aber den Faden verloren und die Sicherheit im Spiel. Die Freiburger haben an Stabilität dazugewonnen. Es bedarf dann einfach noch mehr Arbeit, noch mehr Laufbereitschaft, noch mehr Konsequenz, auch ein bisschen mehr Überwindung auch in die gefährlichen Räume reinzugehen, das habe ich in unserem Spiel über sehr, sehr lange Strecken zu wenig gesehen. Wir haben die Bälle im gefährlichen Bereich gehabt, sind aber nicht in den ganz gefährlichen Bereich reingekommen, weil das Risiko auch nicht so genommen wurde. Am Ende musst du dann sagen, dass man zufrieden sein muss, dass man den Punkt macht. Der Punkt ist glücklich, den nehmen wir gerne mit, auch wenn er uns am Ende nicht zufriedenstellt, aber nach der Vorstellung nehmen wir ihn gerne mit.“

DM, 28.01.2018

Nachtrag:

Wie seitens des BVB zwischenzeitlich mitgeteilt wurde, wurde das Antirassismus-Banner durch Vereinsvertreter aufgrund des starken Windes während der Halbzeit abgehängt. Der Bier-Sponsor habe das Aufhängen des Banners und das damit verbundene Überhängen der Werbung selbstverständlich vorab, wie immer anstandslos, für die gesamten 90 Minuten genehmigt. In der Tat wurden gestern Teile des Banners bereits während des ersten Durchgangs vom Wind über das Geländer des Oberrangs geweht, sodass es nicht mehr komplett lesbar war. (DM, 28.01.2018)


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