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Unsa Senf - 15.01.2018

Pierre-Emerick Aubameyang - "Der Nächste, bitte"

Aubameyang weist eine Statistik auf, die ihn ligaweit ziemlich einmalig macht. Nein, nicht die stattliche Anzahl der für den BVB erzielten Treffer. Die ist zwar auch ganz beachtlich, aber eben nicht außergewöhnlich. Außergewöhnlich ist, dass Aubameyang in mittlerweile viereinhalb Spielzeiten für unsere Borussia genau so viele Ligaspiele aufgrund von Verletzungen verpasst hat, wie aus disziplinarischen Gründen. Nämlich genau jeweils drei Spiele. Das zeigt einerseits, dass er körperlich ziemlich robust ist, andererseits aber auch nicht gerade der ideale Arbeitnehmer. Mögen die Verantwortlichen beim BVB zumindest bis gestern immer seine Professionalität hervorgehoben haben – die Tatsache, dass mit Peter Stöger nun bereits der dritte Trainer zu diesem Mittel greifen musste, spricht eine leicht andere Sprache.

Kein Verein suspendiert einen Spieler gerne und bereitwillig. Erst recht nicht, wenn der Spieler für die Mannschaft so eine eminent wichtige Bedeutung wie Aubameyang hat. In der Regel behilft man sich mit Geldstrafen in einer Höhe, die jedem Fan in die Privatinsolvenz treiben würde, dem Profikicker allerdings eher ein müdes Lächeln entlockt. Erst wenn dieses Mittel ausgeschöpft ist, greift man zum vielleicht schärfsten Mittel der Sanktion, das der Verein hat. Was soll er sonst machen? Mit einer Kündigung täte man dem Spieler in der Regel einen Gefallen, weil er dann bei seinem nächsten Wechsel als vertragsloser Kicker ein sattes Handgeld kassieren würde.

Und so ergeben schon allein die Fälle, die über Aubameyang nach außen gedrungen sind, in Summe das Bild eines Arbeitnehmers, der sich nicht professionell verhält, sondern seinem Gehaltszahler und Arbeitskollegen auf der Nase herum tanzt. Verspätungen beim Abschlusstraining, private Videodrehs auf Vereinsgelände, Präsentation von Privatsponsoren während des Spiels und die Mitnahme seiner Familie ins Trainingslager. Letzteres wäre für sich genommen kein großes Problem, da das Hotel in Marbella eh für den Tourismusverkehr geöffnet war, aber in diesem Trainingslager sollte es auch zu einem großen Teil um Teambuildung gehen. Wenn man ausgerechnet dann ein Verhalten an den Tag legt, das gegensätzlich zu dem aller anderen Mannschaftskameraden steht, dann hat das auch eine eigene Aussage.

Für sein aktuelles Verhalten gestern gibt es keine Entschuldigung. Auch die nicht, dass Kicker-Chefredakteur Wild aktuell im Zusammenhang mit ihm das Wort „Affenzirkus“ verwendet hat. Ganz davon abgesehen, dass es dieses Wort nicht gibt und er wohl eher „Affentheater“ meinte, hätte dem Kicker-Redakteur durchaus bewusst sein können, dass dieser Begriff bei einem schwarzen Nichtmuttersprachler rassistisch konnotiert aufgefasst werden kann. Das kann aber auch überhaupt keine Entschuldigung dafür sein, dass er einfach eine wichtige Teambesprechung schwänzt. Der BVB bezahlt ihm für seine Arbeit mittlerweile einen enorm hohen Millionenbetrag und kann dafür auch ein entsprechendes Verhalten erwarten. Das Mindeste, was ein Spieler zu tun hat, der vielleicht gerade etwas anderes klären möchte, ist, seinen Brötchengeber im Gespräch um Erlaubnis und Zeit dafür zu bitten. Aber darum geht es ja mutmaßlich auch gar nicht. Aubameyang hat in den letzten zwei Jahren regelmäßig seinen Wunsch zu wechseln geäußert und scheint mittlerweile auch nicht mehr all zu wählerisch bei der Wahl seiner Transferziele zu sein. Die rührende Darstellung, nach der er seinem Opa auf dem Sterbebett versprochen habe, einmal für Real Madrid zu spielen, wird zumindest schon lange nicht mehr bemüht. Jetzt geht es nur noch um noch fettere Gehaltsschecks und Aubameyang und seine Familie scheinen bei der Wahl der Waffen immer weniger zimperlich zu werden. Das Wort „Affentheater“ in Sinne des Dudens als „im Zusammenhang mit einer bestimmten Angelegenheit stehendes, als unsinnig, lästig oder übertrieben empfundenes Tun“ ist da fast noch zu milde. Man könnte das alles auch durchaus als Arschlochverhalten bezeichnen.

Aber es ist ja nicht so, als wären wir BVB-Fans so etwas nicht schon gewohnt. Konnte man bei Sahins Wechsel zu Real Madrid noch geteilter Meinung über Art und Weise sein, so stieß sie bei Mario Götze mit der Verkündigung direkt vor dem Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid definitiv sauer auf. Gefolgt von Robert Lewandowski, der im Interview auf Wechselwünsche angesprochen treudoof in die Kamera blickte und erzählte, sich nur auf Borussia Dortmund konzentrieren zu wollen, während seine Berater in seinem Auftrag mit ungelenker Rechtschreibung den Verein und seine Vertreter über Social-Media-Kanäle beschimpfen durften. Dennoch wusste man bei denen jedoch zumindest das sie wechseln wollten, während Herr Mkhitaryan den BVB erst über seine Bereitwilligkeit zur Vertragsverlängerung ins Gesicht log und dann anschließend Berater Raiola hat rumpoltern lassen. An der Spitze steht bislang jedoch Ousmane Dembélé, der nach nur einem Jahr in Dortmund die Wechselfreigabe für Barcelona schlichtweg frech erstreikte.

Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass die Zunahme der Schärfe der „Maßnahmen“, mit denen die Spieler ihre Wechsel forcieren, auch der zeitlichen Reihenfolge entspricht. Analog zu den immer wahnwitzigeren Vertragsklauseln, die man in schöner Regelmäßigkeit beim Spiegel im Rahmen der „Football Leaks“-Enthüllungen bestaunen darf, scheint auch die Bereitschaft, auf Werte wie Anstand und Loyalität zu – entschuldigt bitte – scheißen, zunehmend bei den Spieler zu steigen.

Fairerweise muss man allerdings auch anführen, dass dazu zwei Seiten gehören. Die Vereine überbieten sich gegenseitig mit Anreizen, Wechsel auch in schmutzigster Art zu forcieren, und scheinen Charaktereigenschaften im Anforderungsprofil eher deutlich hinter den sportlichen eingeordnet zu haben. Zumindest bei Robert Lewandowski und Ousmane Dembélé hatten schon die Vereine vor unserer Borussia mit unlauteren Methoden zu kämpfen, die Begleitumstände des Wechseln von Mkhitaryan kann man zumindest als dubios betrachten. So ganz überraschend kommt das also alles nicht und so lange so ein Verhalten nicht nur toleriert, sondern gar belohnt wird, haben die Vereine auch wenig Grund, sich über die moralische Verkommenheit ihrer Starspieler zu beschweren.

Stimmungsfördernd wirkt sich das alles nicht auf den Fußball aus. Mögen die Vereine in Marketingkonzepten Identifikation und Leidenschaft beschwören, real hat man irgendwann als Anhänger eines Vereins keine Lust mehr, den nächsten Tritt eines Spielers zu kassieren. Natürlich, Spieler dürfen Wechselwünsche hegen und in ihrer Karriere, auch monetär, vorankommen wollen. Das ist absolut legitim. Aber mit einem Mindestmaß an Fairness und Respekt dem Verein und den Fans gegenüber. Und mit der absoluten Bereitschaft, einen einmal geschlossenen Vertrag notfalls auch erfüllen zu müssen, wenn diesen Wünschen nicht entsprochen wird. Ansonsten sinkt nämlich auch auf den Tribünen die Bereitschaft rapide, Spielern zuzujubeln, von denen man immer stärker annehmen muss, dass sie es mit unlauteren Methoden vergelten.

So bleibt auch nach dieser Posse um Aubameyang der schale Geschmack, dass der Spieler zwar doch bitteschön eher heute als morgen seinen Spind in Dortmund räumen möge, es sich dabei aber auch nicht um das Ende, sondern nur um ein weiteres Kapitel einer ekligen Geschichte handelt, dem noch einige folgen werden. Letztendlich ist nämlich auch Aubameyang nur das Symptom eines Geschäfts, das von Moral und Anstand schon lange Abstand genommen hat. Zum Liebhaben ist das alles nichts mehr.

Sascha, 15.01.2018


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