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Im Gespräch mit ... - 11.01.2018

"Kuba" Blaszczykowski: "Das war eine unserer Stärken"

Du hast letztens der 11Freunde ein Interview gegeben und eins der Schlagworte, die am meisten herausstachen, war Demut. Was bedeutet dir Demut und was ist dir daran besonders wichtig?

Ich glaube, dass es im Leben generell sehr wichtig ist, vor seinen Mitmenschen Respekt zu haben. Im Fußball natürlich auch, vor Mitspielern und vor Gegnern. Das brauchst du, um wirklich nach oben zu kommen und dich weiterzuentwickeln. Zu denken, du kannst alles und hast alles erreicht, bringt dich nicht weiter. Im Fußball ist das so, wenn du nicht immer 100% gibst, nicht täglich weiter Gas gibst, dann bist du nicht in Form. Da brauchst du Demut. Das ist im Leben genau das gleiche. Um zu reflektieren, was du erlebt hast, dafür brauchst du Demut. Das Leben sollte man so nehmen, wie es ist, wie es schmeckt. Und dann einfach immer weitergehen.

Gibst du das auch an deine jüngeren Kollegen weiter?

Ich glaube, das muss man einfach entwickeln. Die Erfahrung muss man selber machen, indem man durch leichte und schwierige Situationen geht. In der Regel ist es so: Je einfacher das Leben ist, desto schwieriger ist es demütig zu sein. Natürlich trifft das nicht auf alle zu, aber schwierige Situationen, die man meistert, prägen mehr und machen demütiger. Daran lernst du mehr. Dann lernst du dich selber auch besser kennen. Das ist wie im Fußball: Wenn du verlierst, dann schaust du mehr auf den Fehler und wenn du gewinnst, bist du zufriedener und denkst, du hast alles gut gemacht. Ab und zu spielt man aber auch Spiele, die man gewinnt und trotzdem viel schlechter gespielt hat als bei einer Niederlage. Das ist einfach Fußball, aber trotzdem reflektiert man den Sieg wahrscheinlich weniger als die Niederlage und lernt daraus weniger.

Du wurdest in Polen häufig als der „polnische Figo" bezeichnet. Wie bewahrt man sich Demut, wenn man so hochgejubelt wird?

Das waren immer nur die Sprüche. Ich habe mich selber nie als „polnischer Figo" gesehen. Damals war ich jung. Das war, bevor ich nach Dortmund gekommen bin, glaube ich. Trotzdem muss man Qualität auf dem Platz zeigen und, was vor allem wichtig ist: Ich heiße Kuba oder Blaszczykowski!

Wie hast du den Vergleich empfunden? Wärst du lieber jemand anderes gewesen – vielleicht der „polnische Zidane" oder der „polnische Beckham"?

Nein. Der Vergleich mit Figo ehrt mich, aber ich bin lieber Kuba.

Als du zum BVB gewechselt bist, war die Anfangszeit für dich nicht so einfach ...

Damals hatten wir alle eine schwierige Situation. Ich habe im Winter den Vertrag unterschrieben und Dortmund war, glaube ich, auf dem 13. Platz und hatte nur 2 oder 3 Punkte Abstand zur Abstiegszone. In der Rückrunde hat man dann gegen Schalke gewonnen, 2:0, das war sehr wichtig. Die Situation war also schon vor der Saison 2007/2008 nicht einfach. Aber auch für mich persönlich war der Wechsel nicht leicht: Ich war jung, habe kein Deutsch gesprochen, neue Kultur, neuer, großer Verein, neue Hoffnung. Ich war 20 oder 21 und da muss man noch viel lernen, weil die Bundesliga doch anders ist als die polnische Liga. Glücklicherweise habe ich von Anfang an gespielt, dadurch habe ich schnell gelernt, aber es war nicht einfach. Damals war der BVB auch noch anders als er jetzt ist, das muss man auch bedenken. Es tat gut, zu spielen und wie eben schon gesagt, man lernt an den schwierigen Situationen und kann sie nutzen. Diese Zeit war eine gute Schule für mich und dann ging es eigentlich nur bergauf.

Gab es da eine konkrete schwierige Situation?

Nein, es war vor allem insgesamt eine schwierige Situation. Wir haben nicht gut gespielt und sind dann auf Platz 13 gelandet. Wir haben zwar im Pokalfinale gestanden, aber leider gegen Bayern 2:1 verloren. Und ich glaube, da habe ich auch meine einzige rote Karte bekommen, also zumindest in meiner professionellen Fußballkarriere. Es war eine harte Zeit und dann kam Kloppo und der Erfolg...

War der Platzverweis berechtigt?

Der Schiri hat immer Recht. Da können wir nichts mehr ändern. Das passiert und muss man so hinnehmen. Ich mache auch Fehler im Leben, das ist kein Problem, das ist normal, das ist Fußball beziehungsweise ein Teil vom Fußball.

Wie ist es, im Pokalfinale zu stehen? Einem der größten Spiele Deutschlands.

Ja, also, ich war viermal im Finale, habe dreimal gespielt, aber es viermal erreicht und leider nur einmal gewonnen. Natürlich ist das etwas Besonderes, weil es das letzte Spiel der Saison ist, auf das viele Menschen schauen und du kannst etwas erreichen. Das ist das wichtigste im Fußball: Titel gewinnen. Das finde ich von allem das Wichtigste und solche Spiele sind dann natürlich besonders.

Dann kam Jürgen Klopp. Was änderte sich?

Was sich geändert hat? Aus meiner Sicht: alles! Wenn ich mir alle Spieler von uns angucke, dann gibt es, glaube ich, keinen, der danach das erreicht hat, was wir zusammen erreichen konnten. Zu der damaligen Zeit dachten wir, ‚das ist normal, das ist eine völlig natürliche Zeit'. Aber wenn man jetzt im Rückblick draufschaut, dann muss man sagen: „Ey, was war das eine geile Zeit". Jürgen hat uns von Null, eine ganz junge Truppe, in der keiner einen Namen hatten, zum Erfolg geführt. Und was für mich auch ganz wichtig war: ich konnte von ihm viel Menschliches lernen. Er ist einfach ein toller Mensch und ich glaube, wir haben alle viel gelernt, nicht nur fußballerisch, sondern eben auch menschlich. Auch die Fans konnten da viel mitnehmen. Diese Verbindung zwischen Mannschaft und Fans, das war einfach überragend. Die Aussage „Echte Liebe" passte genau in diese Situation.

„Echte Liebe" beschreibt also für dich die Klopp Zeit?

Auf jeden Fall! Wir haben immer eine Wahnsinnsatmosphäre gehabt, auch wenn wir nicht gut gespielt haben. Wir hatten diese schwierige Hinrunde 2014 und ich habe nicht einmal Pfiffe gehört und das war etwas ganz Besonderes. Wir standen auf dem letzten Tabellenplatz, ich saß verletzt auf der Tribüne und konnte nicht helfen. Natürlich waren die Fans sauer, aber sie haben trotzdem für uns gesungen. Das hat mir im Herzen wehgetan. Das sind die Momente, die bleiben. Es gibt Fußball und über dem Fußball steht noch etwas Anderes. Das habe ich auch nur einmal in meiner Karriere erlebt.

Im dritten Pflichtspiel unter Jürgen Klopp hast du ein wunderschönes Tor gegen die Bayern geschossen. Gibt es noch weitere Tore in schwarzgelb, an die du dich gerne erinnerst?

Jedes Tor war mir wichtig, aber wichtiger war natürlich immer, dass die Mannschaft gewinnt. Das ist am Ende entscheidend. Aber auf jeden Fall fällt mir das Tor in Hamburg ein. Wir lagen 0:1 hinten und dann bin ich kurz vor Schluss reingekommen, Owomoyela verlängert mit dem Kopf und ich mache ihn rein. Das war wichtig für die Meisterschaft. Jürgen Klopp ist dann die 100 Meter in neun Sekunden gelaufen und hat sich dabei verletzt (lacht). Das sind die Momente, wo man nachher sagt: „Das war geil."

Gibt es auch Momente oder Situationen in schwarzgelb, die du gerne aus deinem Gedächtnis streichen würdest?

Nein.

Wirklich gar nichts?

Nein, das prägt dich und daran wächst du. Aus jeder Situation nimmst du etwas mit. Das was passiert, muss man einfach akzeptieren und weiterkämpfen. Ich vergesse keinen einzigen Moment aus meiner Zeit in Dortmund. Auch die schwierigen Momente gehören dazu und sind ein Teil vom ganzen.

Nach der schwierigen Saison 2014/2015 endete dann die Zeit von Klopp ...

Schwierige Saison kann man nicht sagen, es war eigentlich vor allem die Hinrunde. Die Rückrunde war größtenteils gut. Wir standen auf dem letzten Platz und sind trotzdem noch in den Europapokal eingezogen. Da muss ich sagen, was wir mit den Fans in der Hinrunde erlebt haben, dadurch haben wir für die Rückrunde so viel Energie gehabt, so gebrannt, weil wir diese Unterstützung erfahren haben. Das war jedem bewusst, dass wir da etwas zurückzahlen müssen. Vom letzten Platz in den Europapokal schaffen nicht viele Mannschaften, aber wir haben es geschafft.

Habt ihr das damals in der Kabine besprochen, dass ihr den Fans etwas zurückzahlen müsst?

Wir mussten nicht sprechen. Das hat jeder gemerkt und wir hatten natürlich auch viele Sachen zusammen erlebt und mussten das gar nicht besprechen, weil wir uns fast blind verstanden haben im gesamten Verein. Das war eine unserer Stärken. Das haben wir in der Situation auch gebraucht.

Diese verschworene Gemeinschaft war eine eurer Stärken?

Ja, eine sehr große Stärke.

Vielleicht sogar der entscheidende Faktor in der Zeit?

Ich glaube nicht der entscheidende Faktor, aber einer der wichtigsten.

Um nochmal auf die Situation nach der Saison zurückzukommen: Nach Klopps Abschied, folgte auch deine Leihe nach Florenz. Wie hast du das damals empfunden?

Das ist Fußball. Wenn ich den Verein wechseln muss, dann mache ich das.

Wie muss man sich so eine Situation vorstellen? Wir bekommen ja meist nur das Resultat, also den Wechsel an sich, mit. Geht der Trainer dann auf den Spieler zu und sagt ‚Es wäre besser, wenn du dir einen anderen Verein suchst.'?

Ich will über solche Sachen nicht so viel reden. Ich denke immer positiv. Natürlich ist das eine schwierige Situation, aber ich versuche alles zu verstehen. Der Verein ist viel wichtiger als ich und deswegen habe ich vollen Respekt. Alle im Verein waren immer korrekt und haben mich mit Respekt behandelt. Das ist dann passiert und das Leben läuft weiter.

Trotzdem warst du mit der Art und Weise nicht zufrieden, oder? Vor allem die Aussage von Thomas Tuchel, du müsstest Rechtsverteidiger spielen und mit Lukasz Piszczek konkurrieren, hat dich verwundert.

Das hat er mir niemals so gesagt, dass ich mit Lukasz um eine Position konkurrieren muss. Da war ich komplett überrascht. Aber ich möchte das Thema auch nicht breit treten. Ich rede lieber über die positiven Sachen.

Dann kamen die Rückkehr aus Florenz und die EM. Wann war dir klar, dass ein endgültiger Wechsel ansteht?

Ich habe damals nicht viel Zeit gehabt vor dem Wechsel zu Florenz. Ich hatte nur eine Woche, um mich darauf vorzubereiten, weil es kurz vor Ende der Transferperiode war. Ich glaube, am letzten Tag habe ich dann noch einen neuen Verein gefunden. Aber damals habe ich schon gespürt, dass es enden könnte. Nach der EM war für mich dann auch relativ schnell klar, dass ich den Verein wechseln sollte.

Als du damals nach Florenz verliehen wurdest, hast du ein Foto aus dem Flugzeug auf Facebook gepostet und geschrieben, dass Dortmund deine Heimat ist. Was macht Dortmund zu deiner Heimat?

Ich habe in Dortmund mit meiner Familie fast neun Jahre, abzüglich ein Jahr Florenz, eine schöne Zeit erlebt. Das ist fast meine ganze Karriere. Viele, viele schöne Momente, auch schwierige Momente habe ich da erlebt, aber die Zeit hat mir sehr viel gegeben und ich hatte immer positive Gedanken, auch wenn es nicht immer positiv lief.

Wenn du mit Wolfsburg gegen Schalke spielst. Ist das immer noch was Besonderes für dich?

Ich sehe das nicht mehr so besonders. Natürlich möchte ich jedes Spiel gewinnen, das ist klar. Gegen Schalke ist es noch ein bisschen anders, weil ich viele Derbys miterlebt habe. Aber in Wolfsburg spürt man natürlich nicht schon Wochen vorher die Energie des Revierderbys. Da hat man in Dortmund schon gemerkt, dass etwas Großes kommt und dass es den Fans sehr wichtig ist. Aber hier in Wolfsburg ist das Spiel gegen Schalke entspannter, aber gewinnen will ich natürlich trotzdem.

Gibt es einen Mitspieler, mit dem du besonders gerne zusammen gespielt hast?

Ja, da gibt es natürlich einen. (lacht) Das ist natürlich Lukasz Piszczek. Wir verstehen uns blind, nicht nur auf dem Platz, sondern außerhalb auch. Er ist ein super Mensch, ein super Spieler. Wir kennen uns schon sehr lange, deshalb kann es also nur einer sein.

Habt ihr euch in Dortmund kennengelernt?

In der U19 war das damals, sogar noch ein bisschen früher. Also wir kennen uns jetzt seit ca. 15 Jahren. Wir waren ein halbes Jahr zusammen im Internat, aber damals waren wir noch sehr jung, aber dadurch kennen wir uns schon lange. Bestellt ihm einen schönen Gruß, auch wenn ich wahrscheinlich vor euch mit ihm spreche (lacht).

Hast du noch mit allen Kollegen von damals Kontakt?

Ja, wir sprechen alle noch viel. Vor allem mit den Spielern, die in den Meisterjahren dabei waren, die natürlich auch lange zusammen gespielt haben.

Gibt es einen Spieler, vor dem du den meisten Respekt hast? Bzw. den du fußballerisch interessant findest?

Ich habe vor allen Respekt. Bei jedem Fußballer ist etwas anders, jeder hat etwas Starkes. Deswegen habe ich vor allen Respekt, weil ich weiß, wie viel Energie man investieren muss, um auf dem Niveau zu spielen. Ich habe das geschafft und weiß genau, dass es nicht leicht ist. Alle Erfolge waren nicht leicht, auch für andere ist es nicht leicht und deswegen braucht es Respekt vor allen.

Was sind deine Erwartungen und Ziele für die WM?

Guten Fußball spielen. Ich stecke mir da keine Ziele. Jedes Spiel zu gewinnen, ist immer mein Ziel. Aber bis zur WM denke ich noch nicht, das ist noch ein halbes Jahr und das ist viel Zeit im Fußball, da kann viel passieren. Deswegen bin ich ganz, ganz vorsichtig.

Und 2020 findet dann ja wieder eine EM statt. Wenn du dann noch fit bist, sehen wir dich dann noch im Dress der polnischen Nationalmannschaft? Wäre dann ja schon deine vierte EM.

Wenn ich fit bin, wenn ich noch der Mannschaft helfen kann, wenn ich noch genug Kraft habe und der Trainer mich nominiert, dann stehe ich immer für die Nationalmannschaft zur Verfügung. Das ist mein Traum und das wird es immer sein. Aber das ist so weit weg.

Gibt es einen Spieler aus der polnischen Nationalmannschaft, den du dem BVB empfehlen würdest?

Das ist schwer zu sagen. Der BVB hat viele gute Spieler und für Spieler, gerade junge, ist es sehr wichtig, dass sie ankommen und viel spielen. Dann funktioniert die Entwicklung, das ist das wichtigste. Es gibt viele gute Spieler in der Nationalmannschaft. Wenn ich einen Namen nennen müsste, dann Piotr Zielinski. Ein junger Spieler, der hat noch ein bisschen Zeit, aber zeigt schon, dass er viel Potenzial hat.

Ein weiterer „polnischer Figo"?

So will ihn nicht nennen. Ich sage Piotr Zielinski. Es ist besser, wenn du ein Original bist als eine Kopie.

Planst du zum Ende deiner Karriere noch mal in Polen zu spielen, zum Beispiel bei Wisla Krakau?

So ist es geplant, das habe ich bei meinem Wechsel zum BVB schon gesagt, dass ich dort meine Karriere beenden will. Aber es kann auch anders kommen, das weiß man nie. Ich muss gesund bleiben, aber wenn es passt, dann will ich das so machen.

Hast du eine besondere Verbindung zu Wisla?

Ich kenne viele Leute aus meiner Zeit bei Wisla, die immer noch im Verein sind. Ich vergesse gemeinsame Zeiten nicht, wie ich eben schon gesagt habe. Ich habe immer im Hinterkopf, was Menschen für mich getan haben. Ich habe eine große Chance von Wisla bekommen und ich vergesse nie, wer mir eine Chance gegeben hat. Nur durch Wisla Krakau bin ich auf das professionelle Level gekommen. Das war ein wichtiger Schritt und dafür möchte ich zum Ende meiner Karriere ‚Danke' sagen.

Wie ist dein Tipp für Sonntag?

Schwere Frage, aber darauf werde ich nicht antworten.

Was für ein Spiel erwartest du?

Ein sehr schweres Spiel, in Dortmund ist es immer schwer.

Das erste Mal wieder vor der Süd?

Die Süd war ja damals gesperrt, bestimmt absichtlich (lacht). Diesmal werde ich wohl auch nicht vor der Süd spielen, weil ich noch verletzt bin. Ich möchte nicht tippen, aber es liegt ein sehr schweres Spiel vor uns.

Dann bedanken wir uns für dieses Interview und freuen uns, dich am Sonntag im Westfalenstadion begrüßen zu dürfen.



Larissa und Seb, 11.01.2018


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