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Eua Senf - 09.01.2018

Mein Fußball ist vor die Hunde gegangen

Viele Fans haben ein Problem mit dem ProfifußballIch habe nun 31 Jahre auf dem breiten Buckel. Noch nicht allzu viele, möchten man meinen. Trotzdem erzähle ich vielen jüngeren Fans von den guten, alten Zeiten des Fußballs.

Bei diesen Erzählungen muss ich immer ganz, ganz weit ausholen, damit die Zuhörer meine Gefühle verstehen können. Dies möchte ich auch hier tun, denn das erspart mir zukünftig viele Berichte aus den alten Zeiten. Wenn ich mich mit Freunden im gleichen Alter unterhalte, geht es vielen mittlerweile ähnlich. Warum ist es nur soweit gekommen? Warum hat sich der von mir geliebte und geschätzte Fußball so entfremdet? Warum lebe ich im Bereich Fußball nur noch nach dem Motto „alles außer Dortmund ist sche**e? Das Interesse ist dermaßen verloren gegangen, dass ich lange nach den Gründen und Ursachen grübeln musste. Denn ich wollte diese Frage für mich beantworten können.

Die Liebe zum Fußball und dem BVB entsteht

Beginnen wir aber am Anfang des Ganzen. Aufgewachsen in der Nähe von Würzburg waren die ersten Erinnerungen an den Fußball als Fan die Besuche des Stadions in Nürnberg, also der Glubb aus Nürnberch. Mein Vater ist und war Fan dieses Vereins und nahm mich dementsprechend mit ins Stadion. Zum BVB kam ich dann als typischer Erfolgsfan, der anders sein wollte. In der Schule war der Großteil der Kinder Bayern- oder eben Nürnberg-Fan, wie es sich eben für Franken gehört. Mitte der 90er Jahre gehörte aber der BVB zur Spitze von Europa, was sich am CL-Sieg von 1997 zeigen sollte. Auch stellte der BVB damals viele Nationalspieler beim EM-Titelgewinn. Mit 10 Jahren fühlte ich mich alt genug, mir meinen eigenen Verein zu suchen. Eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereut habe. Der Titelgewinn 2002 zeigte, dass ich alles richtig gemacht habe. Am 14.9.2002 war es dann endlich soweit. Der erste Besuch im Westfalenstadion stand an, die Entjungferung mit 16 Jahren. Bei einer Entfernung von 330 Kilometern konnte ich es meinen Eltern auch nicht verübeln. Mein Vater hatte 2 Dauerkarten von Bekannten organisiert und das ausgerechnet zum Derby. Eigentlich wollte er mit mir ins Stadion, während meine Mutter und Schwester Starlight Express in Bochum bestaunen sollten. Der Plan wurde aber geändert, weil Schwesterherz ebenfalls mit ins Stadion wollte. Schlussendlich musste sich dann der Vater das Musical antun. Fakt ist, ich war hin und weg nach dem Stadionbesuch und es fühlte sich wie Liebe an. In den folgenden Jahren ging es dann immer öfter ins Stadion, dem Führerschein sei Dank. Viele Auswärtsspiele in der Nähe (Frankfurt, Nürnberg, Hoffenheim, Stuttgart, Mainz) machten es zudem auch einfach. Oftmals wurde die Entscheidung, am nächsten Morgen zum Spiel zu fahren, auch erst mitten in der Nacht beim fünften Bier beschlossen. Vom dauerausverkauften Tempel bzw. Gästekurven war damals noch lange nicht die Rede.

So ging es für einige Jahre weiter bis dann die Entscheidung fiel sich für Dauerkarten zu bewerben. Und siehe da, es kam Post mit der Zuteilung von ZWEI Stehplatz Dauerkarten auf der Süd. Warum und weshalb kann ich bis heute nicht beantworten. Immer wieder liest man Berichte über die öminöse DK-Warteliste. Diese muss ich irgendwie umgangen haben. Es folgten ab dem Jahr 2010 dann Saisons mit über 20 Spielen pro Saison, was für mich vollkommen ausreichend war. Auch Fahrten zu Spielen im Ausland fanden statt. Ich hatte mittlerweile viele Freundschaften geschlossen, mit Menschen aus den verschiedensten Ecken des Landes. Auch in der Heimat gab es immer mehr BVB Fans, weshalb wir 2011 den Fanclub „BVB Supporters Mainfranken“ gründeten, um uns besser organisieren und vernetzen zu können. Die Meisterjahre live mitzuerleben war mit Abstand das Beste, das mir die Beziehung zum BVB gab. Es fühlte sich einfach großartig an. Auch die Bewunderung der Fans anderer Vereine war gegeben. Nicht nur für die Spielweise, sondern auch für unseren Support und teilweise Auswärts-Invasionen mit über 10.000 Mann. Es kam auch nach Jahren der Ära Klopp zu keinem Gefühlsbruch bei mir. Wir waren immer noch der BVB, der aus der Gosse kam, besser als jeder Phönix es aus der Asche tun könnte. Mein persönlicher Bruch zum Fußball und phasenweise auch zum BVB kommt nicht von Erfolg oder Misserfolg.

Als Jugendlicher schaute ich gefühlt jedes Spiel, in dem der Ball live auf Premiere/Sky gerollt ist. Oldfirm-Derby in Schottland, Clasico aus Spanien, Derby von Mailand bis zur Premier League. Ich kannte mich im europäischen Fußball richtig gut aus. Jeder Transfer größer 10 Mio. Euro war mir bekannt. Spieler wie Maldini, Zanetti, del Piero, Buffon, Gerrard und Totti waren damals schon gefühlt Legenden für mich. Warum dies so war ist mir aber erst die letzten Jahre richtig bewusst geworden. Es waren Spieler einer akut aussterbenden Spezies. Den treuen, loyalen Anführern ohne sich dabei größer zu machen als das Team. Selbstverständlich habe ich auch die großen Turniere zum Großteil live verfolgt und ab 2006 wurde jedes Spiel der deutschen Mannschaft zum Event gemacht.

Aber nun genug über die Vergangenheit gesprochen, was zählt ist das Traurige hier und jetzt.

TV Rechte:

Ich selbst habe noch nie einen Cent für Pay-TV gezahlt und werde dies auch nicht tun. Mein Vater hat nach wie vor Sky und auch viele Freunde. Ansonsten gibt es zum Glück noch die Möglichkeit, die Spiele in Kneipen zu verfolgen. Auch wenn die Anzahl dieser in Würzburg rapide kleiner wurde. Als einzigen Grund nannten die ehemaligen Sky-Kneipen-Besitzer die Preisexplosion der Lizenz. Aktuell ist es bekanntlich nicht mehr einfach mit Sky getan. Unfassbar, welche Rechte mittlerweile nur noch übrig sind und zu welchem Preis diese den Endkunden verkauft werden. Der Breitbandausbau ist in unserem Lande auch noch nicht soweit, dass jeder Haushalt sich die Spiele aus dem Netz streamen kann. Falls der Haushalt dies überhaupt möchte. „Früher“ hatten diese Menschen ihr Sky-Abo und fertig. Eine Entwicklung, die die nächsten Jahre noch schlimmer werden wird. So zeigt sich dies bei den neuesten Vergaben der TV-Rechte.

Fußball, Fußball, Fußball

Auch ohne Live-Rechte wird man heutzutage bombardiert mit dem Thema. In allen Nachrichten oder Sendungen geht es gefühlt nur um das Eine. Die runde Leder-äh Plastikkugel. Abgehalfterte „Stars“ und Ex-Trainer sitzen in Talksendungen zu sämtlichen Themen und geben ihren Senf dazu. Frühere Anekdoten aus längst vergessenen Zeiten werden zum x-ten Mal wiedergegeben. Warum sich manche Trainer wundern keinen neuen, angemessenen Job zu erhalten (Peter der Große) und noch gegen arbeitswütige Kollegen (Stöger) zu schießen, bringt mich immer wieder zum Lachen. Die Teilnahmen an der sonntäglichen 11 Uhr-Weißbierrunde machen sich sicherlich gut im Lebenslauf. Anscheinend hat das Fußballbusiness aber rein gar nichts mit der freien Wirtschaft zu tun. Dass andere Sportarten unter der Präsenz von König Fußball leiden ist seit Jahren bekannt. Den TV Anstalten ist dies aber wohl herzlich egal, solange die Quote stimmt. Es gibt immer mal wieder einen kurzen Aufschrei wenn anstatt eines Deutschland-WM-Handball-Spiels ein Kick von Buxtehude (sorry) gegen xyz live gezeigt wird.

Social Media

Ein weiterer Grund warum Fußball so omnipräsent ist sind die sozialen Medien. Zu meiner Jugend wusste ich kaum etwas von den Spielern und wollte das auch gar nicht. Welchen Wagen sie fahren, wo sie Urlaub machen und mit wem etc. interessiert mich schlichtweg nicht. Auffem Platz ist das was für mich immer gezählt hat. Die Medien greifen die Tweets, Posts und whatever der Spieler aber auch immer wieder gerne auf. Bei Auba ist es gefühlt mittlerweile wichtiger, ob er im Pinguin-Kostüm oder als Sherlock Holmes auf der Tribüne Platz nimmt, anstatt uns zum Sieg zu ballern. Dass die unterbezahlten Spieler dadurch zusätzlich Moneten scheffeln, dürfte Jedem klar sein. Sie haben es aber auch bitter nötig bei ihrem Lifestyle.

Spielergeneration

Ich glaube, heutzutage spielt ein Spieler nur noch für sich, nicht mehr für das Team, den Verein und erst recht nicht uns Fans. Die Selbstdarstellung vieler bestätigt mir das immer wieder aufs Neue. Jeder ist sich selbst der Nächste. Egal eben ob auf dem Platz oder drum herum. Die Marke Spieler muss wachsen. Zig Angestellte wie Berater, Twitter-Account-Manager und Chauffeur ermöglichen den Spielern sich eigentlich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Stellt sich die Frage, was für den Spieler das Wesentliche ist. Oder eben für seinen Berater… Eine eigene Meinung traue ich aktuell nur noch den wenigsten Spielern zu. Sie wirken zum Großteil wie fremdgesteuerte Litfaßsäulen. In was für Werbespots und für welche Produkte manche Stars (die längst ausgesorgt haben) werben lässt einen immer wieder ungläubig aufs Geschäft Profifußball blicken. Bekommt denn wirklich kaum noch einer den Rachen voll? Die Schere zwischen arm und reich ging die letzten Jahre in der Gesellschaft immer weiter auseinander. Ein Profifußballer ist in meinen Augen schon gar kein Teil mehr der Gesellschaft.

Identifikation und Moral

Das bringt mich zum nächsten Punkt. Welchem Spieler kaufe ich es denn noch ab, dass es ihm eine Ehre ist, für den Verein zu spielen? Niemals würde ich auch nur einen Cent ausgeben für den Namen auf einem Trikot. Immer wieder werden die Fronten gewechselt. Spätestens seit dem Götze-Wechsel nach Minga sollte das auch der Letzte begriffen haben. Und nein, ich bin nicht happy, dass er wieder hier ist. Bring ein paar Jahre gute Leistung, opfere dich auf dem Platz auf und dann werde auch ich dir verzeihen, Mario. Jeder macht im Leben mal einen Fehler. Die Frage ist: Wie geht man damit um?

Verträge sind heutzutage rein gar nichts mehr wert. Von Moral beziehungsweise Anstand möchte ich gar nicht mehr sprechen. Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern könnte man sich bei Spielern wie Dembélé, Miki und Co. denken. Der Spieler sitzt gefühlt immer am längeren Hebel und bekommt seinen Willen. Auch hier ist es unmöglich, eine Brücke zum wirklichen Leben von 80 Millionen Menschen in Deutschland zu schlagen. Das Wechseltheater hat mit dem Sommer 2017 auf jeden Fall seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Fortsetzung wird folgen, da wette ich alles.

Wie gerne erinnere ich mich zurück an Bilder als gefühlt alle verletzten Spieler unseres Vereins gemeinsam bei Neven oder Nuri daheim ein CL-Auswärtsspiel gesehen haben. Auch das ist wohl wieder ein Bild aus längst vergangenen Tagen. Oder Facebook hat mir dies nicht angezeigt... Vielleicht bin ich ohne Twitter und Instagram aber einfach auch nicht mehr up to date.

Glaubwürdigkeit

Wie ich bei diesem Wort auf die FIFA komme ist schon verwunderlich. Außer ich setze das Wort Gegenteil davor. Die WM-Vergabe nach Katar hat in dieser Hinsicht sämtliche Fässer zum Überlaufen gebracht. Und das für eine Entscheidung in der Wüste, wo Wasserfässer eher die Seltenheit sein dürften. Auch hier habe ich mir wieder den Blick in die Wirtschaftswelt erlaubt. Ausgeschrieben war eine WM zum Zeitraum Sommer 2022. Wieso zum Henker ist es rechtens, diese ein halbes Jahr später stattfinden zu lassen? Sämtliche Mitbewerber hätten dem Sieger der Ausschreibung sicherlich die Hölle heiß gemacht und Klagen eingereicht bzw. die Ausschreibung angefochten, da sich nicht an den festgeschriebenen Zeitraum gehalten wird.

Denn Schreck oh Schreck, im Juni ist es viel zu heiß, um in Katar zu spielen. Also legen wir diese kurzerhand in den europäischen Winter, ändern alle Rahmenspielkalender der UEFA und schon ist alles in Butter. Das auch darunter wieder Sportarten zu leiden haben werden, dürfte bekannt sein. Skispringen, Biathlon und weitere Wintersportarten werden sich bedanken.

Selbst der blauäugigste Fan dieser schönen Sportart wird erkannt haben, dass spätestens die Farce von Katar einigen Entscheidern die Konten ordentlich gefüllt hat. Es gibt dafür handfeste Beweise, mehrere Reportagen zeigten dies deutlich auf. Deutschland stellt sich in manchen Bereichen immer gerne als Vorreiter auf. Wie sehr würde ich mir wünschen, dass der größte Verband der Welt, der DFB, es hier täte. Und zwar mit der Aussage „Eine WM im Winter in Katar? Ohne uns!“

In Deutschland haben wir durch RB, Hoffenheim, Kühne und Co. aber auch unser Glaubwürdigkeitsproblem in der Hinsicht 50+1. Es ist also schwer vorstellbar, dass sich überhaupt noch jemand der Oberen Gedanken um das Wirken auf die nachdenklichen Fans macht. Der Vergleich mit den drei Affen die weder hören, sehen noch sprechen wollen trifft es bildlich ganz gut.

Zukunft?

Wie sollen wir unseren Kindern denn Werte wie Ehre, Glaubhaftigkeit und Moral vermitteln wenn ihre Idole aus dem Netz bzw. TV diese mit Füßen treten. Und das häufiger als den Ball.

„Denn zuerst will man reich sein und wenn man reich ist mehr reich“. Diese wahren Worte sind aus der Feder eines bekannten deutschen Rappers. Die Verbände, Ligen, Spieler und alle, die am Geschäft Profifußball Geld verdienen, haben die Schraube komplett überdreht. Die Folgen sind teilweise jetzt schon zu sehen und zu spüren. Operetten-Publikum in vielen Stadien, da der Besuch für die Basis schlicht zu teuer wurde. Das ist nur ein kurzes Beispiel.

Haltet die Fußball-Welt an, ich steige aus.

Diesen Entschluss haben viele meiner gleichaltrigen, früher fußballsüchtigen Freunde und ich getroffen. Die WM 2018 wird die Letzte sein, der ich noch Aufmerksamkeit spenden werde. Mein letztes Länderspiel, das ich gesehen habe, war „unser“ Halbfinale 2016 gegen Frankreich. CL-Spiele habe ich keines außer unsere eigenen gesehen, nicht mal die Finals der letzten Jahre. Von Euro-League, Bundesliga und anderen Ligaspielen ganz zu schweigen. Ja, ich habe nicht mal noch alle unsere BVB-Spiele der Hinrunde gesehen. Teilweise durch einen triftigen Grund, teilweise aber auch einfach durch eine Leere in mir.

Ist das noch mein Verein? Sind da noch Spieler, für die ich mich stundenlang ins Auto setze? Eine Mannschaft, die bis zum Schlusspfiff alles gibt und fest und treu zusammen steht?

Ich bin noch nicht soweit, dass ich die Scheidung vom BVB beantrage, aber die Gefühle sind merklich abgekühlt. Ein weiser Satz der Oma und Opa-Generation lautet:

„Wir haben früher erstmal versucht, es zu reparieren anstatt es gleich wegzuwerfen.“

Dieser passt in meinen Augen auch zu vielen Themen. Egal, ob Beziehung oder wirklich materielle Dinge. Ich hoffe, dass die Entscheider über den Fußball sich nicht weiterhin für jede neue Umsatzrekordzahl feiern lassen, sondern sich zumindest mal Gedanken um die Basis des Ganzen zu machen. Kommt bitte wieder back to the roots und teilt den Gedanken „Football is for you and me – not for fucking industry!“

Ebenfalls würde ich mir wünschen, dass die Spieler und Berater einen Teil ihrer Gier an Kohle und Aufmerksamkeit verlieren. Ihr lebt den Traum von so vielen, genießt das doch einfach in Maßen anstatt Massen.

Macht den Fußball nicht vollends kaputt. Es gibt immer noch Menschen, die ihn lieben. Von Liebe kann bei mir nicht mehr die Rede sein. Mein Fußball, wie ich ihn kennen und lieben gelernt habe, ist vor die Hunde gegangen. Ein langsam und stetiger Gang hinab in die Tiefe.

Gastautor Christian, 09.01.2018


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