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Spielbericht Profis - 19.03.2017

Dreckige Siege sind auch schön

Spärliches Fahnenintro auf der Südtribüne

Ich mag den März. Eine Zeit der positiven Veränderung. Die kalte Jahreszeit neigt sich dem Ende zu und man spürt, dass die Natur bereit ist für den Frühling. Auch wenn es gestern nicht mehr so warm und sonnig war wie den Tag zuvor, beschloss ich spontan, vom Uni-Parkplatz zu Fuß zum Stadion zu gehen. An den ersten Büschen sind grüne Triebe zu sehen, die Abenddämmerung wird von Vogelgezwitscher untermalt und in der Luft riecht man den ersten Hauch von Frühling. Noch nicht wirklich kräftig und intensiv, aber er ist unverkennbar vorhanden. Dann kommt das Stadion ins Blickfeld. Für den Fan hat so ein Betonklotz ja schon eine erotische Ausstrahlung und nie kommt sie besser zur Geltung als am Abend. Im hinaus wabernden Flutlicht wirken auch die härtesten Ecken und Kanten sanft und rund, wie an einer Perlenschnur aufgezogene Bremslichter auf den Straßen weisen sie den Weg zum Ziel der Wünsche.

Wenn das dann noch alles an einem Freitagabend stattfindet, das Wochenende also noch neu und unverbraucht vor einem liegt und der Samstag mit einer Fußballkonferenz lockt, die man im Falle eines eigenen Sieges dann herrlich entspannt verfolgen kann, dann ist das unter dem Strich schon ziemlich perfekt. Das Einzige, was die Vorfreude am gestrigen Tage etwas eintrübte, war der Gegner Ingolstadt. Der wiederum versprüht die Erotik eines Bauzauns an einem regnerischen Novembertag. Es lohnt sich auch gar nicht, groß irgendwelche Worte über die Gästekurve zu verlieren. Das

Aufmunternde Worte in Block 12/13

war schlicht und ergreifend gar nichts. Man musste schon sehr genau hinschauen, um zu erkennen, dass da auf gerade mal einer Hälfte der Nord-Ost-Ecke Leute saßen, die vielleicht etwas Schwarzes und Rotes tragen könnten. Einen Schal vielleicht. Oder die ganz Verrückten eventuell sogar ein Trikot ihres Vereins. Optisch kaum, akustisch gar nicht wahrnehmbar. Bei solchen Anblicken hilft nur der Blick auf die Tabelle der zweiten Liga, die mit Stuttgart, Union Berlin, Eintracht Braunschweig, Hannover 96 und Dynamo Dresden für die nächste Saison deutlich andere Kaliber als die "Schanzer" verspricht.

Selbst die Polizei schien gestern Abend nicht von einem Spiel mit Krawallpotential auszugehen und war auf dem Vorplatz nur spärlich präsent. Vorschlag meinerseits: Könnte man dann nicht auch einfach die Reiterstaffel im Stall lassen? Die Zossen kacken die ganze Strobelallee zu und sorgen nach Abpfiff für einen veritablen Slalomlauf um die dicksten Pferdeäpfel.

Im Stadion selbst dann erst einmal die Segnungen des modernen Fußballs genossen. Man kann über Sponsoren ja sagen was man will, ich selbst kritisiere das gerne und oft, aber ich muss zugeben, dass ich diese armen, unterbezahlten Schweine mit ihren Ültje-Fahnen und Funny-Jacken mittlerweile echt lieb gewonnen habe. Mit etwas Beharrlichkeit und Engagement schafft man es locker, bei denen so viele Gratispackungen zu schnorren, dass man eine volle Ladeneinheit für umme zusammen bekommt. Besonders die Kessel-Nüsse können echt was und sind ein willkommener Snack für die Zeit vor dem Anpfiff. Vielleicht nimmt Opel sich ja auch mal ein Beispiel und verteilt demnächst Probier-Corsas. Ich nehm dann wie gehabt gleich zwei davon.

Lukasz Piszczek gegen Sonny Kittel

Rechtzeitig zum "Heja BVB" war dann auch alles weggemampft und die Hamsterbacken wieder frei. Und es klang richtig gut. Wie überhaupt die ersten Minuten eine Forsetzung des Aufwärtstrends der letzten Spiele in Sachen Support versprach. Es war laut, auf allen Tribünen war ordentliches Mitmachpotential vorhanden, das Stadion einfach gut drauf. Leider verflachte das allerdings ziemlich schnell und die Stimmung passte sich dem spielerischen Niveau auf dem Rasen an. Die letzte Viertelstunde dann sogar mit Tendenz zu unterirdisch. Aber vielleicht muss man auch mal positiv dagegen halten, dass es eben auch keine Pfiffe gegen die Mannschaft gab. Das ist nicht komplett selbstverständlich, wenn ein Viertelfinalteilnehmer der Champions-League zuhause gegen einen eindeutigen Abstiegskandidaten einen knappen Vorsprung mit rausgepöhlten Bällen über die Zeit retten muss.

Womit wir dann auch schon beim Spiel wären. Nach der äußerst dürftigen Leistung in Berlin durfte sich erneut Matthias Ginter in der Innenverteidigung behaupten. Diesmal neben "Papa" Sokratis, da Bartra vom Trainer ebenso eine Pause bekam wie der unter der Woche angeschlagene Weigl. Nicht so ganz abwegig, gegen Ingolstadt auf einen eher defensiv agierenden Sechser zu verzichten. Dafür durften sich abwechselnd Guerreiro und Castro am Spielaufbau versuchen. In der Offensive musste Trainer Tuchel auf den gelbgesperrten Dembélé verzichten, aber wenigstens Aubameyang wurde noch rechtzeitig fit. Für André Schürrle hieß es deshalb erst einmal wieder auf der Bank Platz zu nehmen.

Alle Hände voll zu tun für Sokratis & Co.

In den ersten Minuten wirkten die Gegner noch seltsam schläfrig und unkonzentriert. So hielt Gästekeeper Hansen den Ball so lange am Fuß, dass Aubameyang gar nicht anders konnte, als den Turbo zu zünden und den Torwart anzulaufen. Er konnte den Abschlag sogar blocken, allerdings so unkontrolliert, dass der Ball über die Grundlinie kullerte. Borussia hatte, ohne groß zu glänzen, alles ziemlich im Griff und nach einer Viertelstunde auch das erhoffte, frühe Tor auf der Habenseite. Kagawa vernatzte erst einmal Matip amtlich, schickte Schmelzer steil, der den Ball scharf in die Mitte herein gab. Aubameyang machte in dieser Szene, was ein Aubameyang eben so in so einer Szene macht: eine Bude. Gleich drei Dinge sind bei diesem Tor erwähnenswert:

1. Vor wenigen Wochen noch als klarer Wechselkandidat gehandelt, hat Shinji die Leistungskurve wieder massiv umgebogen und ist mittlerweile wieder eine echte Alternative für die Startelf. Schön, wieder den Japaner auf dem Platz zu sehen, der früher zurecht mit "Kagawa-Shinji"-Gesängen gefeiert wurde.

2. Schmelle scheint bei flachen Flanken deutlich zielsicherer zu sein als bei hohen Hereingaben. Zwei Torvorlagen in zwei aufeinander folgenden Heimspielen. Wann gab's das zuletzt von ihm?

3. Aubameyang ist ein ziemlich kompletter Stürmer. Mittlerweile sieht man ihn kaum noch durch die Schnittstellen der Abwehr sprinten und allein auf den Keeper zugehen, sondern richtig traditionell "knipsen". Laufwege auf den kurzen oder langen Pfosten und mit einem Ballkontakt den Ball über die Linie drücken. 23 Bundesligatore. Ein echtes Brett.

Aubameyang ist ein ziemlich kompletter Stürmer

Leider muss man sich ab dieser Minute echt anstrengen, um noch weitere positive Aspekte am Spiel unserer Borussia zu finden. Ingolstadt spielte ein kluges Pressing, aus dem sich unsere Jungs kaum befreien konnten. Das lag zu einem großen Teil am gestern wirklich hundsmiserablen Passspiel. Gerade einmal 66 % Passgenauigkeit wies eine Statistik zum Ende der ersten 45 Minuten aus. Jeder dritte Ball von uns landete also bei einem Ingolstädter. So kann man einfach kein vernünftiges Angriffsspiel inszenieren. Schon echt krass, welchen Einfluss Reus und auch Dembélé mit seinen gerade einmal 19 Jahren auf unser Offensivspiel haben. Das Fehlen von einem kann man vielleicht noch kompensieren, fallen beide aus, geht unserem Spiel die Struktur ziemlich ab.

Aber einen Borussen kann, nein muss, man jedoch für seine gestrige Leistung explizit loben: Roman Bürki. Es sagt schon viel aus, wenn der Torwart der beste Spieler in einem Kick gegen den Tabellensiebzehnten ist. Nur fünf Minuten nach der Führung köpfte Leckie einen Eckball aus so kurzer Distanz aufs Tor, dass man schon präventiv über den Ausgleich fluchen wollte. Bürki fuhr den Fuß aus, klärte und faustete danach den Ball kompromisslos aus dem Strafraum. Kurz vor der Pause klärte der Schweizer dann noch in höchster Not eine Hereingabe von Suttner und warf sich auch noch erfolgreich dem einschussbereiten Kittel vor die Füße.

André Schürrle wurde eingewechselt, konnte dem Spiel aber auch keine Impulse geben

Beide Szenen waren allemal gefährlicher als das, was der BVB noch so anzubieten hatte. Zwei Mal konnte man sich, ähnlich zum 1:0, auf der linken Außenbahn durchsetzen, Schmelzer und Guerreiro entschieden sich jedoch zu ziemlich kläglichen Schüssen am Tor vorbei, statt für den Pass in die Mitte.

Über die zweite Spielhälfte hüllt man dann am besten komplett den Mantel des Schweigens. Direkt nach der Pause guckten Sokratis und Ginter gleichzeitig dem Ball zu, wie er vor der Strafraumkante aus dem Himmel herunter fiel, keiner wusste so wirklich, wer jetzt dafür zuständig war, so dass letztendlich Ginter mit einem blinden Schlag klären wollte. Dabei schoss er seinen Nebenmann Sokratis über den Haufen, Leckie sagte artig Danke und schoss frei auf's Tor. Oder dahin, wo er das Tor vermutete. Also wenigstens in die grobe Richtung. Letztendlich ging der Ball jeweils zehn Meter links und drüber am Gehäuse vorbei.

Ansonsten war Schiedsrichter Siebert eindeutig der aktivste Mann auf dem Platz und musste das Spiel immer wieder wegen Foulspiels unterbrechen. Am spektakulärsten wurde wohl Ginter in Höhe der Mittellinie abgeräumt, der gut in der Luft lag und fast direkt bis auf die Auswechselbank der Schanzer segelte. Konnte man dem Gegner für eine engagierte Leistung in der ersten Halbzeit noch Respekt zollen, war der Auftritt in der zweiten Spielhälfte schon ziemlich widerlich. Einerseits selbst wie die Kesselflicker hinlangen, andererseits sich aber selbst bei jedem härteren Einsteigen auf dem Boden wälzen und sich beim Schiri beschweren. Eine Disziplin, der sich besonders Sportkamerad Lezcano hervor tat.

Raufte sich mehrmals die Haare: Coach Thomas Tuchel

Er war es auch, der in der 52. Minute ziemlich frei vor Bürki auftauchte. Von meinem Platz in der Süd-Ost-Ecke erneut eine ziemlich souveräne Vorstellung von Bürki, der Lezcano und Ball sauber und regelkonform voneinander trennte. Ich guck mir das auch besser nicht noch einmal im Fernsehen an.

Irgendwie schaffte man es dann doch die insgesamt 95 Spielminuten ohne Gegentor zu überstehen und den Dreier einzutüten. Über das Wie sollte Trainer Tuchel mit seiner Mannschaft allerdings noch einmal sprechen.

Ich guck mir dann in der Zwischenzeit gemütlich den Rest des Spieltags an.

Aufstellung Borussia: Bürki - Schmelzer, Ginter, Sokratis, Piszczek, Durm - Guerreiro, Castro - Kagawa, Pulisic - Aubameyang

Einwechslungen:

56. Minute Weigl für Guerreiro

Vorsichtiger Jubel nach Abpfiff vor der Südtribüne

77. Minute Schürrle für Pulisic

83. Minute Merino für Castro

Aufstellung Ingolstadt:

Hanse - Matip, Bregerie, Tisserand - Hadergjonaj, Suttner - Cohen, Morals, Leckie, Kittel - Lescano

Statistik:

Torschüsse: 10:14

Passquote: 69 % : 60 %

Ballbesitz: 55 % : 45 %

Fouls: 12 : 23

Sascha, 19.03.2017


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