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Unsa Senf - 30.12.2017

Midseason Greetings

Thomas Tuchel holte den Pott in den Pott

Eines der verrücktesten Jahre der Geschichte von Borussia Dortmund neigt sich dem Ende zu: Die Sperrung der Südtribüne, der Mordanschlag auf den Mannschaftsbus, Aki Watzke und Thomas Tuchel in einer Schmierenkomödie mit dem Pokalsieg als ironischem Höhepunkt des Dramas, der Aufstieg und Fall des Peter Bosz, mit Hoppy Kurrats Tod der nächste schmerzliche Verlust in der BVB-Familie, ein immerhin halbwegs erfreulicher Hinrundenabschluss unter einem neuen Trainer, bei dem man gar nicht so genau weiß, ob er lange im Amt bleiben wird. Auch wenn diese Geschichten scheinbar unverbunden nebeneinanderstehen, wird man das Gefühl nicht los, dass viele von ihnen unter der Oberfläche miteinander verwoben sind. Auch deshalb werden sie uns vermutlich noch weit ins nächste Jahr begleiten.

Will man Borussia Dortmund zum Abschluss des Jahres 2017 mit einem Wort charakterisieren, so würde sich „ratlos“ anbieten. Sportlich, organisatorisch, fantechnisch: So richtig scheint niemand zu wissen, in welche Richtung man sich in Zukunft entwickeln möchte. Ist der Kader grundsätzlich gut genug, um die seit Jahren hoch gesteckten Ziele auch weiterhin beständig zu erreichen? Welche Rolle spielt der perfide Anschlag aus dem April für die Psyche der Spieler? Kann ein möglicher Sprung von Tuchel zu Bosz zu Stöger zu dessen

Peter Bosz musste noch vor der Winterpause gehen

Nachfolger überhaupt ohne einen spürbaren Schnitt im Kader funktionieren? Und wer wäre dieser Nachfolger? Wie ist es um die immer wieder anklingende Amtsmüdigkeit von Aki Watzke und/oder Michael Zorc bestellt? Und wie sähen Bedingungen aus, unter denen das Westfalenstadion endlich mal wieder über eine volle Saison zu einem Ort der Begeisterung werden kann? Viele Fragen, kaum Antworten.

Stattdessen ist das vorherrschende Gefühl: So richtig viel wird sich zur Rückrunde nicht ändern, bloß weil das Kalenderjahr ein anderes ist. Trainerwechsel während der Saison gehen oft, und in Dortmund gefühlt fast immer, mit der Gefahr eines Totalabsturzes einher. Erstaunlich parallel verlief zum Beispiel die Horrorsaison 1999/2000, in die der BVB als Champions-League-Teilnehmer höchst erfolgreich startete und in der er insbesondere nach der Hälfte der Hinrunde Tabellenführer war. Trotz 28 Punkten zur Winterpause geriet der BVB dennoch im Frühjahr, nach einem viel zu späten Trainerwechsel, tief in den Abstiegskampf und wurde erst in den letzten Spielen vom Trainerduo Lattek/Sammer gerettet. Auch wenn mit einem ähnlichen Verlauf im nächstem Jahr kaum zu rechnen ist, gerade auch weil die Qualitätsunterschiede in der Bundesliga weitaus größer sind als früher, sollte klar sein: Gelingt unter Peter Stöger die Konsolidierung auf relativ hohem Niveau, etwa mit der Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb, dürfte die kommende Rückrunde sportlich schon als Erfolg zu werten sein. Und dann wird man sehen, was kommt.

Die Anstoßzeiten werden gerade in der Rückrunde im Fokus stehen

Vermutlich ist es gerade dieses Gefühl einer Zwischenzeit, wonach das Vergangene nicht mehr und das Neue noch nicht da ist, das auf die Stimmung im Verein drückt. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber wer den BVB seit vielen Jahren begleitet, wird den Gedanken an eine junge, hungrige Mannschaft mit einem jungen, hungrigen Trainer nur schwer beiseite drücken können. Eine Zeit, als man neugierig war, auf das was noch kommen würde, als man sich ernsthaft auf die Europa League freute und Sonntagsspiele als notwendiges Übel in Kauf nahm, als für ein paar Jahre alles stimmig und die Stimmung im Stadion eben entsprechend war: Man konnte gelöst und begeistert sein, fast dankbar, Teil einer solch tollen Geschichte zu sein. Heute wirkt vieles auf der Tribüne ebenso professionell wie das Produkt auf dem Rasen, und so richtig freut sich wohl auch niemand auf den bald anstehenden Protest-Double-Header montags gegen Augsburg und dann samstags in Leipzig. Insbesondere droht wieder eine gähnende Leere auf der Südtribüne. Welch Ironie.

Und dabei haben wir vom „elephant in the room“ noch gar nicht richtig gesprochen: Was macht es eigentlich mit Menschen, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit nur knapp einem Mordanschlag entgehen? Viele Fußballfans neigen dazu, Spieler manchmal als Roboter anzusehen, von denen man Woche

Zu viel Licht und Schatten in der aktuellen Hinrunde

für Woche eine ähnliche Leistung erwarten kann. Schon bei körperlichen Verletzungen tun sie sich schwer, in anderen Kategorien als „fit“ und „fällt aus“ zu denken, selbst wenn sie immer wieder neue Beispiele sehen, die belegen, wie lange es gerade nach schweren Verletzungen dauert, um wieder gut in Form zu sein. Wie viel weniger noch lässt sich von außen beurteilen, was so ein Anschlag mit einer Person macht? Wir alle können letztlich nur raten. Zu wünschen ist, von Mensch zu Mensch, ganz ohne Fußball, dass alle Beteiligten mit der Zeit lernen (oder bereits gelernt haben), mit diesem dunklen Tag umzugehen.

Und vielleicht setzt sich die Erkenntnis ja auch langsam durch, dass Spieler nicht einfach so funktionieren, sondern dass sie eine Umgebung benötigen, in der sie sich entfalten können. Die Zeiten sind schnelllebiger geworden, interaktiver und anonymer zugleich, und nur noch wenige Spieler werden die klassischen Karriere der BVB-Familie hinlegen: Vom Jugendspieler bis in den Ältestenrat, für immer Dortmund. Und doch waren die besten Tage beim BVB die, als wir alle, von der Tribüne bis zum Spielfeld, das Gefühl hatten, hier genau richtig zu sein. Und sei es nur für einen kurzen Moment. Sich diesem Gefühl wieder anzunähern, wieder gemeinsam der BVB sein zu wollen, zumindest die richtigen Weichen auf dem Weg dorthin zu stellen: Wäre das als Wunsch für 2018 zu viel verlangt?

Scherben, 30.12.2017


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