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Unsa Senf - 23.12.2017

Stöger-Wonderland vs. Realität

Peter Bosz wurde vor knapp zwei Wochen entlassen und das, obwohl er sicherlich am wenigsten für die Misere konnte. Doch was sollte folgen? Gebannt starrte ich am 10.12., dem großen Tag der Verkündung eines Nachfolgers, auf den Bildschirm. Tief in meinem Inneren wünschte sich mein Romantikerherz einen echten Typen. Einen richtigen Kerl, der mich mitreißen und dem Verein ein bisschen mehr Seele zurückgeben würde. Und dann saß er da, mein Wunschtrainer. Von Köln undankbar in den Wind geschossen, von Aki Watzke in Wien aufgegabelt. Die ersten Fanreaktionen reichten von „Oh Gott, bitte nicht drei-Punkte-Peter“ bis hin zum Gegenteil - und somit meiner Meinung. Doch wie sieht es nach drei Spielen aus? Nicht sportlich, sondern vielmehr auf menschlicher Ebene. Lässt sich schon jetzt eine Veränderung erkennen?

Peter musste gehen, ein neuer Peter folgte

Meine „Analyse“ beginnt in Mainz, wo es für Peter Stöger gilt, sich nach zwei Tagen Amtszeit zu beweisen. Eine ziemlich kurze Zeit. Dazu eine vor Selbstvertrauen nicht gerade strotzende Mannschaft und große Erwartungen von allen Seiten. Und hier sind wir auch an dem Punkt, an dem ich mich frage, welche Ursachen diese bescheidende Mannschaftsleistung hat. Gibt es wirklich Probleme innerhalb der Mannschaft und seiner Ich-AGs? Oder liegt es doch am Anschlag? Genau aus diesem möglichen Grund für diese Kackleistung, dem Anschlag, fällt es mir auch jetzt noch schwer, die Jungs für diesen Augenkrebs auf dem Platz auszupfeifen. Und trotzdem macht es mich wütend. Leidenschaft und Kampfeswille sind momentan so weit entfernt von Borussia Dortmund wie der Kölner Vorstand von der Basis. Wie kann das sein? Und wird es Peter Stöger richten können? Aber ich schweife ab.

An Peter Stöger in schwarzgelb muss man sich erst einmal gewöhnen

Hektisch stecke ich mein HDMI-Kabel in den Fernseher und kaum, dass ich die Übertragung starten kann, erscheint er auf dem Bildschirm: Peter Stöger, seit vorgestern Trainer von Borussia Dortmund. Klingt merkwürdig, sieht auch so aus. Er trägt eine schwarze Cap aus dem Fanshop, ein ungewohntes und noch künstlich wirkendes Bild. Cut. Die Mannschaften beginnen mit dem Aufwärmen, Teddy de Beer und Stöger klopfen sich lachend auf die Schulter, letzterer tätschelt Teddy anschließend die Wange. Ich bin verliebt. Er wirkt kleiner und unscheinbarer, als ich ihn in Erinnerung hatte und selbiges höre ich auch aus seinen Worten heraus: Ein sich nicht wichtig nehmender Trainer, dessen Herz für den effzeh schlägt, völlig verträumt in seinem großen Abenteuerland. Kurz nach dem Siegtreffer dann erwacht in mir ein unerwartetes Gefühl der Euphorie, ich sehe, wie losgelöst die Jungs auf dem Platz jubeln und muss unwillkürlich schlucken.

Und auch wenige Tage später, zu Hause im Westfalenstadion, gibt es einen solchen Moment. Das 2:1 ist erneut ein Befreiungsschlag, auch für die Tribüne. Denn ich bin mir sicher, dass eine erneute Niederlage ein weiteres Pfeifkonzert mit sich geführt hätte. Momente, in denen ich Mitleid habe und die mich zeitgleich auf meiner Suche nach Gründen für die Misere verunsichern. Was ist los, Jungs? Woran liegt es, dass es manchmal funktioniert und noch viel öfter eben nicht? Weißt du es, Peter? Ich hoffe es. Ich klammere mich an eine bestimmte Szene für meinen Wunsch, dass alles wieder gut wird. Das Spiel am 16.12 ist noch nicht angepfiffen, Peter Stöger auf dem Weg zu einem Interview. Während die Sonnenkinder sich auf ihr unbekümmertes Singhüpfen vorbereiten, erscheint Stöger im Scheinwerferlicht der Kameras. Unscheinbar wirkte er zuvor, jetzt erleuchtet er hell. Ein Synonym für die gemeinsame Zukunft? Vielleicht. Vielleicht spinne ich aber auch. Vermutlich letzteres.

Peter Stöger im Flutlicht des Westfalenstadions

Bei genau diesem Spiel stelle ich mir dann auch die Frage, wann ich zuletzt einen Trainer vor der Süd begrüßt, angemotzt oder geheiligt habe. „Vor mindestens drei Jahren“, beantwortete ich mir meine Frage selbst. Es scheint unwichtig, für mich ist auch das aber ein Ausdruck von Geschlossenheit von Trainer und Mannschaft. Zusammen für die Scheiße gerade stehen, zusammen feiern. Und genau das passiert bei diesem letzten Heimspiel im Jahr 2017. Stöger läuft auf Papa Sokratis zu, dieser lacht. Und wer ihn kennt, weiß, dass ein Lachen von Sokratis etwas sehr Seltenes ist. Meine-ich-will-einen-Menschen-als-Trainer-keinen-Disziplinfreak – Stimme wird lauter. Es mag bescheuert sein, gerade in der heutigen Zeit, in der „wir“ Borussia Dortmund doch „ganz oben“ sehen wollen. Aber bei all dem sportlichen Druck und den Marionettenspielereien fehlt mir der Bezug zur Basis, das Echte, was den Fußball ausmacht. Warum Peter Stöger der Halm ist, an den ich mich dabei hoffnungslos klammere? Andersrum: An wen sonst?

Der BVB ist wieder da! Auch wenn es in München zeitweise wieder anders aussah, das gewonnene Selbstvertrauen beurlaubt war und nur Bürki ausgeschlafen hatte: Bitte, Peter, gib diesem Verein ein Stück Seele und Leidenschaft zurück und verwandle die Mannschaft in das zurück, was sie sein könnte: ein Team! Von Vereinsseite wünsche ich mir an dieser Stelle nur, dass man an dem festhält, was dem Verein in JEGLICHER Hinsicht gut tut. Und wenn es Peter Stöger ist, dann ist es Peter Stöger und nicht Nagelsmann & Co., weil man das im Hinterstübchen schon vereinbart hat und unbedingt seinen Dickschädel durchsetzen möchte. In diesem Sinne: Danke für die ersten sechs Punkte nach laaanger Durststrecke, drei-Punkte-Peter. Herzlichen Willkommen beim besten Verein der Welt!

Michi, 23.12.2017


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