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Spielbericht Profis - 21.12.2017

Achtelfinale DFB Pokal - Jahrensausklang in München

Enttäuschung nach Abpfiff - in der Hinrunde ein zu oft gesehenes Bild

Endlich, so möchte man sagen. Endlich ist das Fußballjahr 2017 beendet. Ein Jahr, das neben dem unbestritteten Highlight Pokalsieg unfassbar viele Turbulenzen, Streitigkeiten und mit dem Bombenanschlag auch einen großen Schrecken zu bieten hatte. Genug Aufregung für mehrere Fanjahre. Zum Abschluss sollte es dann also darum gehen, den eben erst gewonnenen Titel im DFB-Pokal zu verteidigen. Die Kugelheizung bescherte den Bayern völlig überraschenderweise erneut ein Heimspiel und es passte irgendwie total ins Bild, dass wir die armen Vögel waren, die ihnen dafür als Gegner zugelost wurden.

Da auch bei den beiden Siegen unter Neutrainer Peter Stöger unsere Borussia nicht gerade die Sterne vom Himmel gespielt und unser Lazarett mittlerweile von der Stadt Dortmund eine eigene Postleitzahl zugeteilt bekommen hat, war die Erwartungshaltung unter weiten Teilen der Fans auch arg gedämpft und die Nachricht, dass letztendlich auch Toptorjäger Aubameyang nicht auflaufen konnte, verbesserte die Stimmung nicht gerade. Hand aufs Herz: wer hat im Vorfeld nicht befürchtet, dass wir dort amtlich geFUBAKt (furchtbar böse den Arsch voll kriegen) werden? Das ist übrigens ein Zitat aus dem oscarverdächtigen Film „Tango und Cash“. Soll ja keiner sagen, dass man bei schwatzgelb.de nicht auch noch was lernt.

Auch der Gästeblock zeigte keine Glanzleistung

Peter Stöger schien zumindest ähnliches zu befürchten und so tat der Stöger eben, was ein Stöger so tut. Die Parole „safety first“ ausrufen und die Mannschaft mit einer Fünferkette auf den Platz schicken. Eine Maßnahme, die mit Sicherheit viele andere auch so ergriffen hätten. Köln und Stuttgart haben ja gerade erst gezeigt, dass die Bayern auch unter Don Jupp spielerisch noch deutlich von den Guardiolajahren entfernt sind und ihre Probleme mit Gegnern haben, die hinten konzentriert stehen. Womit wir auch gleich beim Knackpunkt angelangt wären. Die beste Taktik hilft nichts, wenn sie von den Spielern nur unzureichend umgesetzt wird. Schon nach ganzen drei Minuten schaute Guerreiro, der erneut eine Leistung aufbot, für die das Wort „indisponiert“ geradezu erfunden wurde, Müller sehr interessiert beim Flanken zu, während Bartra in der Mitte Arturo Vidal im Duell hoffnungslos unterlegen war. Zum Glück knallte die chilenische Schnapsdrossel den Kopfball an die Latte. Ein Wort noch zu Marc Bartra: der Junge ist extrem symphatisch und in guter Form mit Sicherheit ein Gewinn für den BVB. Aber vielleicht sollte man mal überlegen, ihn einfach für einige Zeit völlig aus dem Verkehr zu ziehen und alles in Ruhe verarbeiten zu lassen. In der derzeitigen Verfassung gehört er überall hin, aber nicht auf einen Fußballplatz. Es kam auch nicht von ungefähr, dass er bereits in der 35. Minute gegen Mo Dahoud ausgewechselt wurde.

Gegen Boatengs Kopfball war Roman Bürki machtlos

Bis es so weit war, schienen die Bayern unsere Borussen aber nach allen Regeln der Kunst filettieren zu wollen. Nur Roman Bürki, der eine glänzende Leistung bot, und ganz viel Glück verhinderten einen sehr schnellen Rückstand. Wenigstens bis zu 12. Minute. Für die BVB-Defensive anscheinend eine Neuigkeit, im Rest der Welt ist aber durchaus bekannt, dass die Innenverteidigung der Bayern körperlich sehr stark ist und ein hervorragendes Kopfballspiel aufweist. Warum man dann erst Süle unbedrängt einen Chamäss (bei der Aussprache des Namens darf sich auch Kai Dittmann mal wie Enrique Iglesias fühlen)-Freistoß erneut gegen die Latte köpfen lässt und dann zusieht, wie Boateng den Abpraller gegen die Laufrichtung von Bürki ins Tor köpft, bleibt eine interessante Frage. Dass sich die Führung für die Bazis abzeichnete wäre eine hemmungslose Untertreibung. Sie war sowas von verdient.

Die bereits erwähnte Auswechselung von Bartra war dann auch die erste „Spielszene“ in der der BVB eine aktive Rolle einnahm. Ansonsten war das jämmerlich wenig, was man auf den Rasen zauberte. Hinten der berühmte Hühnerhaufen und vorne planlos im Weltraum. Zum Glück zeigten die Bayern überdeutlich, was sie von den Triple-Bayern von 2013 unterscheidet. Die hätten früher einen riesen Spaß daran gehabt, uns über den Haufen

Raphael Guerreiro gegen James

zu schießen und mit einem 5:0 in die Halbzeitpause zu schicken. Die 2018er Bayern schalteten gleich mehrere Gänge zurück und beschränkten sich darauf, die knappe Führung zu verwalten. Und so sichteten die Zuschauer in der 35. Minute etwas, das man bis dahin für ein Fabelwesen wie den Yeti halten musste: eine Torchance für schwatzgelb. Und was für eine. Alaba ließ einen langen Ball von Weigl unterm Fuß durchrutschen und Yarmolenko stand völlig frei vor Ulreich. Der Ukrainer musste aber leider genau das machen, was schon mehrmals für „Puls“ unter den Fans in der gleichen Situation gesorgt hat. Anstatt direkt die Aktion zu suchen, musste Yarmolenko den Ball erst mit rechts stoppen, auf links umlegen und dann aufs Tor schießen. Ein Fortschritt zu früheren Gelegenheiten war immerhin, dass er den Ball wenigstens am Keeper vorbei bekommen hat. Dumm aber, dass Alaba in dieser Szene wirklich wollte, gallig zurück rannte und seinen Patzer wieder korrigierte, indem er den Ball von der Linie köpfte.

Vielleicht zeigen diese Szene und das zweite Bayerntor nur fünf Minuten später am besten, worin der Unterschied gestern lag. Wo Alaba zwar einen Fehler machte, ihn aber wild entschlossen korrigieren wollte, stand Toprak deutlich zu weit von Lewandowski entfernt, konnte ihn dadurch nicht am „Durchstecken“ hindern und Schmelzer bemerkte nicht nur nicht einen Laufweg von Thomas Müller, der schon Montagabend in der Zeitung stand, er lief dann auch noch auf den eigenen Mann auf und prallte von Toprak ab. Und während beide resigniert abwunken, lupfte Müller den Ball zum 2:0 ein. Pause.

Süle gegen Pulisic im Kopfballduell

Die zweite Halbzeit fing genau so an wie die erste. Mit einer Großchance, die erneut Bürki parierte. Aber, und das war wirklich erstaunlich, das war es dann auch für den Rest des Spiels mit der bajuwarischen Herrlichkeit. Vor allem Kagawa wurde sichtbar stärker, nahm das Heft in die Hand und der BVB wurde Stück für Stück die spielbestimmende Mannschaft. Und man kam zu Chancen. Erst verzog Kagawa freistehend ziemlich deutlich, dann klärte Ullreich einen Ball von Schmelzer über die Latte. Ob es sich dabei um einen bewussten Torschuss, oder eine Flanke, die über den Spann gerutscht war, handelte, weiß wohl unser Kapitän nur alleine.

In der 77. Minute dann der mittlerweile wirklich verdiente Anschluss. Kagawa hatte eine furchtbar schlaue Idee und dachte sich, dass Yarmolenko einen Kopfball nicht erst anstoppen kann und lupfte ihn gefühlvoll an den langen Pfosten. Kopfball aufs kurze Eck, Ullreich kriegt die Hand nicht entscheident dran und auf einmal waren unsere Borussen wirklich wieder voll drin im Spiel. Von den Bayern kamen in dieser Phase kaum noch Entlastungsangriffe. Die Roten schleppten sich eher mühsam über den Platz und sehnten den Abschluss sichtbar herbei.

Andrej Yarmolenko sorgte für den Anschlusstreffer

Fast hätte der sich noch von 90 auf 120 Minuten hinaus gezögert. In der Nachspielzeit kam der eingewechselte Isak frei vorm Tor zum Schuss. Doch statt zum Helden des Tages zu werden, entschied er sich leider zum „Yarmostyle“ und schlug noch einen Haken. Es war irgendwie das perfekte Bild zum Ende diesen Jahres, dass der Ball dann abgeblockt wurde und um Zentimeter am Pfosten vorbei hoppelte. Am Ende waren die Bayern dann einfach auch verdient weiter und unsere Spieler konnten wenigstens eine sich abzeichnende Vollkatastrophe in ein „achtbar geschlagen“ umwandeln.

Zum Schluss aber noch ein paar generelle Zeilen zur spielerischen Qualität. Hier haben der Tabellenführer gegen den Tabellendritten der Bundesliga gespielt. Gemeinsam kommen beide Clubs auf Jahrensumsätze von über einer Milliarde Euro. Dafür war das gezeigte mit „dürftig“ noch wohlwollend umschrieben. Bei unserer Borussia sticht vor allem das Passspiel negativ heraus. Verletzte hin, Verletzte her, von einem Profi mit „Ansprüchen“ sollte man erwarten können, einen Ball in der richtigen Schärfe an die richtige Stelle zu spielen. Ohne vorher groß Zeit zur Vorbereitung zu haben. So ungenau und lasch wie viele Bälle in unseren Reihen wandeln, wird man in jeder Formation Probleme haben und sich nur darauf zu verlassen, dass ein Kagawa, Götze oder Castro den Ball schon irgendwie nach vorne tragen, damit man die Distanz nicht mit Pässen überwinden muss, ist schon arg wenig.

Enttäuschung nach Abpfiff

Bei den Bayern erschreckt vor allem der körperliche Zustand. Klar, die Saison war lang und einige Spieler waren in der Sommerpause bei den Nationalmannschaften. Das galt für den BVB aber auch und bei MUC Rot war der konditionelle Abfall nach rund 60 Minuten viel deutlicher sichtbar. Die Vorwürfe in Richtung Ancelotti scheinen nicht komplett aus der Luft gegriffen zu sein, aber auch die Leitung darf sich gerne an die eigene Nase fassen, wenn sie zusieht und zulässt, dass der Trainer so wenig sorgsam mit dem Anlagevermögen umgeht. In der Verfassung von gestern haben die Bayern in der europäischen Spitze eher nichts zu suchen. Und wir natürlich schon gar nicht.

Aber jetzt ist endlich Winterpause. Ich wünsche allen schöne Feiertage und einen guten Rutsch. 2018 kann eigentlich nur besser werden.

BVB: Bürki – Schmelzer, Toprak, Sokratis, Bartra (34. Minute Dahoud), Toljan (88. Minute Isak) – Guerreiro (56. Minute Schürrle), Weigl, Kagawa – Pulisic, Yarmolenko

21.12.2017, Sascha


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