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Unsa Senf - 27.11.2017

Ich bin sauer

Schwatzgelb.de ist ein, bei aller Bescheidenheit, nicht so ganz unbekanntes Fanzine, mit einer großen Reichweite. Das ist für uns Redakteure einerseits schön, weil es auch ein tolles Gefühl ist, wenn das eigene „Hobby“ bei so vielen Lesern ankommt und Beachtung findet. Es ist aber auch gleichzeitig schwierig, weil es eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Es wird häufig als „die Fans meinen“ wahrgenommen, obwohl jeder von uns in aller erster Linie für seine eigene Meinung steht. So kommt man beim Schreiben eines Textes zwangsläufig an den Punkt, an dem man sich überlegt, welche Außenwirkung so ein Artikel hat und in welche Richtung man eine Stimmung mit rückt.

Und das macht es für mich so schwer, die aktuelle Situation textlich zu verarbeiten. Ich weiß, dass ein zielloses Draufhauen auf Alles und Jeden nicht zielführend ist, andererseits hat der Fan in mir nach den letzten acht Wochen auch keine große Lust mehr darauf, alles sachlich zu analysieren, Verständnis zu haben und auf all die kleinen und großen Problemchen einzugehen, die mit Sicherheit den Verlauf einer Saison beeinflussen. Spätestens, wenn ich an den letzten Samstag denke, ist diese heiße, lodernde Wut wieder da auf ein Spiel, das man nach allen Maßstäben nicht mehr aus der Hand geben konnte.

An ein Spiel, in dem Ihr, liebe Spieler und lieber Trainer, uns an einem wunderbaren, süßen und tollen Gefühl habt schnuppern lassen. Nach all den teils grausamen Spielen der letzten Wochen haben wir uns auf der Tribüne fassungslos in den Armen gelegen und konnten unseren Augen kaum glauben. Eine Halbzeit lang haben wir im Derby unseren ungeliebten Gegner vorgeführt, Tor um Tor eingeschenkt und waren auf dem Weg zu einem Ergebnis, das wir „den Blauen“ wie den 12. Mai 2007 bis in alle Ewigkeit unter die Nase hätten reiben können.

Und dann habt ihr aufgehört und uns alle zusammen brutal abstürzen lassen.

Am Ende musste man froh sein, nicht sogar noch verloren zu haben, auch wenn es sich für uns alle auch so schon wie eine Niederlage anfühlt. Wie kann man eine 4-zu-Null-Führung versauen? Ich kapier es nicht. Erklärt es mir bitte – und das ohne Bullshitbingo-Phrasen und nebulöse, nicht greifbare Andeutungen. Genau so schonungslos offen wie ich gestehe, dass ich jedem Einzelnen von Euch am liebsten für jedes süffisante Grinsen, jeden dummen Spruch und jede hämische Nachricht, die man im Nachgang an dieses Spiel ertragen muss, einen Tritt in den Hintern verpassen möchte. Ja, das ist plump und platt. Der Fan in mir ist nun mal oft primitiv und einfach gestrickt, so ehrlich sollte man zu sich selbst sein. Und an diesem Punkt habe ich wirklich keine Lust mehr, diesen Primitivling im inneren Zwiegespräch mit nüchterner Sachlichkeit zum Schweigen zu bringen. Ich bin sauer. Stinksauer.

Und das legt sich auch nicht, wenn die offizielle Reaktion in Aufforderungen besteht, jetzt „jeden Stein umzudrehen“, „keine Denkverbote“ zu haben und „alles auf den Prüfstand zu stellen“. Hallo? Was habt Ihr da so in den letzten Wochen getrieben, in denen wir unter anderem hintereinander bei beiden Aufsteigern verloren und zwei Spiele gegen den zypriotischen Vertreter in der Champions-League nicht gewinnen konnten? Kerzen angezündet und himmlische Mächte gebeten, dass irgendwie wieder alles gut wird? Ja, natürlich weiß eben der rationale Teil in mir, was solche Phrasen wirklich bedeuten. Ein gutes Stück ist Hilflosigkeit, der Rest der Versuch, einfache Lösungswege in einer Situation zu suggerieren, in der man selber keinen festen Ansatzpunkt finden kann. Bei dem irrationalen Teil in mir aber, der immer noch vor Augen hat, wie die Blauen beim 4:4 amtlich ausrasten, sorgt das eher für eine geballte Faust, weil es eben nichts anderes ist als substanzloses Geschwätz.

Arbeitet daran, kommt wieder in die Spur. Mir egal wie, mir egal wer das schafft. Den letzten Samstag könnt Ihr eh nicht wieder komplett gutmachen, aber zumindest wieder ein bisschen versöhnen. Ich beiße derweil weiter in meine Tischkante und warte auf den nächsten Blauen, der mir das Derby unter die Nase reiben will. Muss ich durch. Das ist Teil der Beziehung, die ich mit meiner Borussia eingegangen bin. Aber Spaß macht das nicht und manchmal muss der Frust einfach raus. So wie jetzt und heute.

Manchmal sind geschriebene Texte nämlich nicht vorbildlich, nüchtern und objektiv – sondern schlicht und einfach therapeutisch.

27.11.2017, Sascha


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