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Unsa Senf - 27.11.2017

​Borussias Probleme - der Elefant, den niemand sehen will

Borussia vergeigt das Derby nach 4:0-Führung, zeigt Schwächen in Sachen Kondition und Konzentration und offenbart Grabenkämpfe in der Mannschaft. Was ist hier bitte los?

Ratlosigkeit ist ein mieses Gefühl. Es läuft nicht, und keiner weiß, warum. Und alles, was als mögliche Ursache ins Feld geführt wird, wird mit einem Kopfschütteln quittiert - wie bei der Suche nach dem Grund oder den Gründen für die Krise unserer Borussia.

Vordergründig fing es so gut an. Ein Rekordstart, viele Tore, viele Punkte und ein - nicht von allen ernst gemeintes - „Deutscher Meister wird nur der BVB!“ Und dann kam der Bruch.

Mit den Champions-League-Spielen in Tottenham und gegen Real Madrid kippte die Gefühlslage rund um den BVB. Niederlagen, ideenloser Fußball und Schwächen, die wir so nie erwartet hätten, prägen seitdem das Bild.

Plötzlich werden taktische Mängel offenbar, die, wenn wir ehrlich sind, in den ersten Spielen schon sichtbar waren, wegen der starken Offensive aber nicht ins Gewicht fielen. Gegen Freiburg stümperte die Borussia einfallslos zum 0:0 und Gladbach hätte mit etwas mehr Glück oder Geschick schon in der ersten Halbzeit zwei bis drei Tore gegen uns schießen können. Hertha und Wolfsburg waren die richtigen - biederen - Gegner zum richtigen Zeitpunkt.

Und trotzdem unterscheidet den BVB von vor und den nach dem Tottenham-Spiel etwas. Die Mannschaft wirkt plötzlich gehemmt und blockiert. Nie hat man als Zuschauer das Gefühl, dass da elf Mentalitätsmonster auf dem Platz stehen, die einen Rückstand drehen können. Andererseits schwingt bei jedem Führungstreffer die Angst vor dem Ausgleich oder der Niederlage mit. Besonders schlimm: Der Mannschaft scheint es ähnlich zu gehen. Das Team ist so verunsichert, dass selbst bei einem 4:0 zur Pause ein Tor ausreicht, um für die kollektive Paralyse zu sorgen.

Sind das wirklich nur die viel erwähnten konditionellen Mängel? Ist Trainer Peter Bosz noch nicht in der Bundesliga angekommen? Hat er vor seinem Amtsantritt bei Borussia seine Hausaufgaben nicht gemacht, um Unterschiede zwischen der Erendivision und der Bundesliga zu erkennen?

Das wäre fatal. Spieler und Umfeld betonen allerdings immer wieder, die Mannschaft sei konditionell sehr wohl auf der Höhe. Als Fan lässt sich das schlecht widerlegen. Wir können die Mannschaft schlecht zum Laktattest bitten.

Passend zur sportlichen Situation häufen sich Meldungen über Missstimmungen in der Mannschaft. Aubas Extravaganzen sollen beim Trainer nicht so gut ankommen, der Gabuner soll weniger Freiheiten genießen als unter Thomas Tuchel. Er will sich diese Freiheiten nicht nehmen lassen und kassiert dafür offene Kritik von seinen Kollegen. Gut möglich, dass durch die Mannschaft immer noch ein Riss geht zwischen Tuchel-Befürwortern und seinen Gegnern. Doch selbst Spieler, die ob Tuchels Demission Purzelbäume schlagen müssten, können derzeit nicht ihre Stärke auf den Rasen bringen. Vielleicht auch, weil Bosz‘ ursprüngliches System mit sehr hoch stehenden Außenverteidigern nicht gerade die Schokoladenseite von beispielsweise Marcel Schmelzer zum Vorschein bringt.

Dennoch scheint es, als ob der gesamte BVB konsequent versucht, den Elefanten, der mitten im Raum bzw. auf dem Rasen steht, zu ignorieren. Es ist gerade mal ein halbes Jahr her, dass große Teile dieser Mannschaft mit unfassbar großem Glück dem Tode entronnen sind. Und dieser Umstand wird seit Beginn der Saison konsequent ausgeblendet, als ob mit dem Pokalsieg plötzlich alle Köpfe frei und Seelen unbelastet wären.

Dabei kann doch niemand von uns beurteilen, wie sich so ein Erlebnis langfristig auswirkt und wie empfindlich die sicherlich sehr unterschiedliche Art der Aufarbeitung sich auf ein so fragiles Gebilde wie eine Fußballmannschaft auswirkt.

In diesem Zusammenhang ist es verwunderlich, dass der Anschlag in der Kommunikation gar kein Thema mehr ist. Nein, er muss nicht wie eine Monstranz vor der Mannschaft hergetragen werden. Aber es schadet sicherlich nicht, hin und wieder in einem dezenten Nebensatz zu erwähnen, dass beispielsweise ein Marc Bartra das gottverdammte Recht hat, verunsichert zu sein. Ein hoher Kontostand hat leider keinen Einfluss auf die Genetik oder die Psyche eines Menschen.

Umso undankbarer ist die Aufgabe für Peter Bosz, der mit einer Mannschaft arbeiten muss, die in Teilen ganz andere Sorgen hat als die Frage zwischen 4-3-3 und 4-2-3-1. Das entlässt den Trainer nicht aus der Verantwortung. Vielleicht muss Bosz aber erst noch dämmern, dass die Mannschaft mehr braucht als Taktik-Training und dass Fitness im Kopf anfängt. Vielleicht sollte ihm das mal jemand sagen. Aber dann müssen wir alle auch bereit sein, den Elefanten im Raum zu sehen.

27.11.2017, desperado09


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