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Im Gespräch mit... - 09.11.2017

Michael Zorc: Damit war ich nicht einverstanden

Sportdirektor Michael Zorc ist im kommenden Sommer vierzig (!) Jahre am Stück aktiv beim BVB. Wir trafen ihn vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern zum ausführlichen schwatzgelb.de-Interview.

Schwatzgelb.de: Herr Zorc, Sie sind gefühlt schon immer im Verein, weit über 30 Jahre. Welchen Teil in der Geschichte von Borussia Dortmund hätten Sie gerne noch miterlebt?

Michael Zorc: Es sind jedenfalls viele Jahre oder eigentlich sogar Jahrzehnte, die ich den Verein als Aktiver begleiten konnte. Und jetzt in der neuen Funktion, wobei... Wie lange übe ich die jetzt aus? 18 Jahre, noch länger sogar. Dass die neu ist, kann man auch nicht mehr sagen. (lacht)

Jede Periode hatte jedenfalls ihren besonderen Reiz. Ich bin 1978 in den Club gekommen und habe zunächst noch drei Jahre im Jugendbereich gespielt, ehe ich in den Achtzigern als Jungprofi in den Kader der ersten Mannschaft gekommen bin. Diese Zeit hatte viele Aufs und Abs, mit der Relegation als sportlichem Tiefpunkt, der aber gleichzeitig auch ein Neubeginn war. Mit dem Pokalsieg 1989 haben wir eine neue Ära in der Geschichte des BVB eingeleitet. Letztlich habe ich in meinem Club selbst so viel erlebt, dass ich mir nie Gedanken gemacht habe, ob ich zum Beispiel 1966 gern dabei gewesen wäre. Dann wäre ich ja jetzt auch zu alt, um meinen Job ausüben zu können!

In Ihre Zeit im Verein fallen viele prägende Ereignisse – die angesprochene Relegation, die Meisterschaft 1994/95, der Champions-League-Sieg, der Finanzkollaps oder auch das Märchen von 2011: Gibt es ein Erlebnis, das sie emotional herauspicken würden?

Auch wenn das aus heutiger Sicht schon sehr weit zurückliegt: Für mich war die Meisterschaft 1995 im Prinzip eine emotionale Explosion. Wie die Stadt diesen Titel aufgenommen hat, als wir unseren Korso gemacht und in so viele glückliche Gesichter geschaut haben... Daran kann ich mich noch gut erinnern. In der folgenden Saison, als wir schon Deutscher Meister waren und als solcher auch in die anderen Stadien gefahren sind, war das eher eine Bestätigung unserer Leistung, eine Art Reifeprüfung. Wobei es für Borussia Dortmund natürlich nicht alltäglich ist, dass man eine Meisterschaft wiederholt. Aber der emotionale Höhepunkt war sicherlich die Meisterschaft 1995. Auch von der Ursprünglichkeit her war dieser Titel nicht mit dem Champions-League-Triumph 1997 zu vergleichen. Eher noch mit dem Pokalsieg 1989, weil das damals der erste Titel für den BVB seit 1966, also nach 23 Jahren ohne ein solches Erfolgserlebnis war.

Lars Ricken hat bei uns im Interview über die Mannschaft von 1997 gesagt: „Ich glaube, der Kitt, der das alles zusammengehalten hat, war Michael Zorc als Dortmunder Leitfigur.“ Sehen Sie das auch so, und ist es in Dortmund besonders wichtig, eine Identifikationsfigur mit regionalem Bezug zu haben?

Das hat Lars sicher lieb gemeint, aber er hat meine Rolle ein bisschen überhöht dargestellt. Wir waren damals eine extrem gute Mannschaft, sehr reif. Eine Mannschaft, in der fast jeder Einzelne auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. Viele Jungs sind vorher mit Deutschland Europameister geworden, für den BVB war es der dritte Titel in Serie. Allein daran sieht man schon, dass viele exzellente Einzelspieler auf dem Platz standen. Der Trainer hat dieses Team überragend geleitet und moderiert, was nicht einfach war, weil es natürlich das eine oder andere große Ego gab.

Sie sprachen gerade Ottmar Hitzfeld an, der nach dem Sieg 1997 „wegbefördert“ worden ist, wenn man das so nennen mag. War das eine richtige Entscheidung, und wie kam es überhaupt dazu, dass er plötzlich nicht mehr Trainer war?

Ottmar Hitzfeld war seit 1991 beim BVB, und selbst wenn das damals nicht so ganz extrem war wie es heutzutage ist: Sechs Jahre als Trainer zu arbeiten, bei einem sehr intensiven Club wie dem BVB, das ist schon eine lange Zeit. Wir waren am Ende einer Entwicklung angekommen, mit dem Gewinn der Champions League als absolutem Höhepunkt. Was sollte da sportlich gesehen noch kommen? Es war, und so hat Ottmar das auch selbst einmal eingeschätzt, das Ende eines Zyklus. Zudem brach die Mannschaft danach ein Stück weit auseinander, weil wir viele ältere Spieler im Kader hatten. Natürlich werden auch Reibereien und Konflikte mit der damaligen Vereinsführung eine Rolle gespielt haben, aber in erster Linie war der Titel der Abschluss einer außergewöhnlich erfolgreichen Ära.

Was waren das für Konflikte mit der Vereinsführung?

Die Üblichen (lacht)! Darüber ist damals genug geschrieben worden.

Sind Sie eigentlich stolz darauf, immer bei einem Verein gewesen zu sein oder bereuen Sie es ein bisschen, dass Sie nie im Ausland gespielt haben?

Nein. Ich bin sehr stolz darauf! Ich war als Spieler unheimlich ehrgeizig, und als ich dann im Spätherbst meiner Karriere nicht mehr jedes Spiel von Anfang an machen durfte, habe ich natürlich überlegt, ob ich noch mal den Club wechseln möchte. Es gab das eine oder andere Angebot: Horst Köppel war zum Beispiel Trainer in Japan bei den Urawa Red Diamonds, und eine Offerte aus der japanischen Liga, die damals einen völlig anderen Stellenwert hatte als heute, war auch finanziell äußerst lukrativ. Aber ich habe das durchdacht und mich letztlich dafür entschieden, bei meinem Club zu bleiben. In der Retrospektive war das die richtige Entscheidung.

Nach Ihrer aktiven Laufbahn sind Sie relativ schnell Sportdirektor geworden. War das bereits vorher geplant, und was reizt Sie grundsätzlich an dieser Aufgabe?

Ich habe mich gegen Ende meiner Karriere entschieden, dass ich gern im Fußball bleiben würde. Ein möglicher Weg wäre gewesen, Trainer zu werden. Dieser Job bedingt aber, dass man nur eine relativ überschaubare Zeit an einem Ort verweilt. Ich habe mich in Dortmund immer sehr wohlgefühlt und hatte auch früher schon, also am Anfang meiner Karriere, angefangen, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Durch dieses Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen war es für mich ein logischer Schritt, ins Management zu wechseln. Ich weiß auch nicht, ob ich ein guter Trainer geworden wäre.

Auch als Sportdirektor waren Sie lange nicht unumstritten. Sogar in der Anfangsphase unter Jürgen Klopp, als eigentlich ein bisschen die Euphorie losbrach, wurden Sie in Leverkusen für den Zidan-Petric-Tausch mit „Zorc raus“-Bannern bedacht. Lässt man so etwas an sich abprallen oder beschäftigt Sie das auch?

Wenn man so einen Job für sehr lange Zeit macht, dann lernt man damit zu leben. Das ist ja auch das Schöne am Profifußball, dass man mehr als in jedem anderen Beruf mit fast täglichen oder zumindest wöchentlichen Rückmeldungen der Menschen – im Positiven wie im Negativen – umgehen muss. Da steht man permanent auf dem Prüfstand und wird benotet, klar ablesbar an den Reaktionen der Fans. Und natürlich freut man sich nicht immer darüber. Ich bin übrigens auch weit entfernt davon zu sagen, dass jede Entscheidung, die ich getroffen habe, richtig war.

Spürt man trotzdem ein bisschen Genugtuung, wenn sich solch ein Wechsel, der am Anfang stark in der Kritik stand, im Nachhinein als richtig entpuppt und sogar letztlich noch Geld freigemacht hat, um davon Mats Hummels zu verpflichten?

Um ehrlich zu sein, habe ich gar nicht mehr auf dem Schirm, dass speziell dieser Wechsel so in der Kritik stand. Jürgen bevorzugte damals ein sehr laufintensives Spiel und für eben dieses war Mladen Petric bei aller Wertschätzung unbestrittenermaßen nicht der Prototyp. (lacht)

Dass diese Hintergründe und Zusammenhänge vielen Fans nicht immer sofort klar sind, ist doch logisch. Insbesondere dann nicht, wenn es sich um verdiente Spieler handelt. Aber Jürgen hatte ein klares Anforderungsprofil, das beinhaltete, dass etwa die Stürmer auch als die ersten Verteidiger agieren und entsprechend veranlagt sein müssen. Diese Vorstellungen hat er später fast bis zur Perfektion, bis zur Meisterschaft, im Sinne des BVB umgesetzt.

Alex Frei sagte bei uns im Interview, er habe die Erkenntnis gewonnen, Sie sehr zu bewundern, da Sie seit Jahren diesen Beruf ausüben und dabei „eigentlich viel mit Schwachköpfen zu tun“ haben. Inwiefern würden Sie dieser Aussage zustimmen?

Offiziell oder inoffiziell? (lacht laut).

Alex ist ein total netter Kerl. Er hat auch mal eine Zeit lang meine Funktion ausgeübt und spricht vielleicht aus seiner Erfahrung. Ich würde das jetzt aber nicht 1:1 so übernehmen wollen. (lacht)

Wie sehr hat sich Ihre Arbeit in den letzten zwanzig Jahren verändert?

(Überlegt lange) Schwierige Frage, gar nicht so einfach zu beantworten.

Der Fußball hat sich natürlich insgesamt verändert: Das Spiel als solches ist schneller, dynamischer, intensiver geworden. Deutlich athletischer, professioneller, mit allen Begleitumständen.

Aber die größte Entwicklung hat neben dem Fußball stattgefunden, in der Berichterstattung und Wahrnehmung. Das Internet ist als ganz wichtiges Medium dazugekommen, Informationen, Nachrichten und Gerüchte stehen quasi in Echtzeit sofort allen Menschen zur Verfügung!

In Deutschland hat sich obendrein durch die WM 2006 die Einstellung zum Fußball in unserem Land geändert: Die Sportart durchdringt nun alle Bevölkerungsgruppen und Gesellschaftsschichten, sie ist darüber hinaus viel familientauglicher geworden. Der Fußball ist heute extrem beliebt und sexy, unter anderem sogar für DAX-Vorstände, die sich in den verschiedensten Gremien der Fußballclubs engagieren und ihre wirtschaftliche Kompetenz mit einbringen. Das war vor zwanzig Jahren höchst selten der Fall. Da hat sich diese Klientel eher beim Tennis oder Golf engagiert.

Und natürlich ist die Aufmerksamkeit größer geworden. Der Fußball hat einen viel größeren Stellenwert in der Gesellschaft, aber noch mehr in der medialen Berichterstattung. Die Medienwelt ist in den vergangenen zehn Jahren geradezu explodiert, die Besprechung der Spiele ist extremer geworden. Jede verlorene Begegnung löst eine Katastrophe aus und wird einige Tage mit lang vor diesem Hintergrund begleitet.

Wie sieht heutzutage ein typischer Arbeitstag bei Michael Zorc aus?

Den gibt es so gar nicht. Arbeitstage können komplett unterschiedlich sein und sind auch nicht immer vorhersehbar, weil sie häufig viel von der Aktualität bestimmt werden. Jetzt gerade haben wir eine sportlich schwierige Phase, in der wir alle nicht glücklich sind, in der wir kaum gute Ergebnisse liefern und unserem eigenen Anspruch auch nicht genügen. Da versucht man schon, noch häufiger hier vor Ort am Trainingsgelände zu sein, noch mehr den Kontakt zu suchen, dem Trainer als Gesprächspartner zur Seite zu stehen. Dann hast du auf der anderen Seite die typischen Phasen vor und innerhalb der Transferperioden, in denen man viele Gespräche führt und versucht, die Transfers, die geplant sind, umzusetzen. Es ist ja nicht so, dass man sagt „Den kaufen wir jetzt, treffen den kurz, rufen den Berater an und dann klappt das sofort“! Das geht manchmal über Monate und benötigt viele Gespräche. Deswegen gibt es den typischen Ablauf eines Tages gar nicht.

Im Sommer gab es auch viele untypische Tage, weil ein neuer Trainer verpflichtet werden musste. Wie läuft der Auswahlprozess ab? Gibt es richtiges Trainer-Scouting?

Wir versuchen, uns permanent über Jahre hinweg einen Überblick zu verschaffen. Wir schauen uns an, wie einzelne Mannschaften Fußball spielen und erörtern, ob das auf Borussia Dortmund übertragbar ist. Ist das ein Spielstil, der nach Dortmund, der zum BVB passt? Es ist einfach schwer vorstellbar, dass wir auf einmal sagen „Wir stellen uns im Signal Iduna Park hinten rein und verfahren nach dem Motto ‘Die Null muss stehen. Lass den Gegner angreifen, wir versuchen irgendwie zu kontern‘.“ Das würde einfach nicht zu Borussia Dortmund passen!

Wenn akut ein Trainerwechsel ansteht, dann holt man sich so viele Informationen wie möglich über Kandidaten ein, die in Betracht kommen. Da gucken wir uns auch schon mal eine Trainingseinheit bei den anderen Vereinen an. Wichtig ist auch immer das persönliche Gespräch, damit man einen Eindruck bekommt, wie groß die sportliche Schnittmenge ist, wie das Gegenüber tickt und ob es zusammenpasst.

Welche Rolle spielt die „Vereinsphilosophie" bei der Trainersuche und wie passen da so unterschiedliche Typen wie Tuchel und Bosz hinein?

Philosophie ist immer so ein großes Wort. (lacht) Viele Wege führen nach Rom! Wir benötigen nie irgendeinen Klon, Thomas Tuchel war auch komplett anders als Jürgen Klopp. Die Vorstellung davon, wie der jeweilige Fußball auszusehen hat, passt bei Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Peter Bosz sehr gut zum BVB, weil es in erster Linie um attackierenden, frischen, offensiven Fußball geht – natürlich mit Unterschieden. Es sind aber häufig nur Nuancen, die sich ändern.

Welche Möglichkeiten hat die sportliche Leitung, auf einen Trainer einzuwirken? Sind Sie dem Trainer komplett „ausgeliefert“, was die Spielphilosophie betrifft oder können Sie gemeinsam mit dem Trainer an Lösungen arbeiten?

Ich halte viel davon, die jeweiligen Kompetenzen zu beachten und zu respektieren. Trotzdem ist der Fußball, gerade der heutige moderne, auf dieser Ebene keine One-Man-Show mehr. Natürlich hat der Trainer immer die letzte Verantwortung für die Aufstellung, für die Taktik und die Herangehensweise, aber man führt im Team auch Gespräche. Wenn man in einem Punkt unterschiedlicher Meinung ist, dann kann man kontrovers diskutieren – das ist auch befruchtend und für mich unerlässlich, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Aber, wie gesagt, die Kernbereiche Trainingsarbeit, Aufstellung und Taktik sind grundsätzlich die Sache des jeweiligen Trainers. Für sie steht er in der Verantwortung.

Eben jener Trainer steht jetzt schon seit einigen Wochen in der Kritik. Zu Recht?

Ich finde nicht. Natürlich sind wir sehr unzufrieden mit der sportlichen Entwicklung in den vergangenen vier Wochen. Diesen negativen Trend – wie medial mitunter geschehen – allein am System und damit am Trainer festzumachen, ist aber viel zu kurz gedacht. Das System hat in den ersten Spielen gut funktioniert. Ich habe den Trainer in den vergangenen Wochen sehr intensiv mit der Mannschaft arbeiten sehen. Das Fehlverhalten, welches wir an den Tag gelegt haben, hat er immer klar analysiert und thematisiert.

Die Kritik an Bosz beziehungsweise an der vielleicht zu offensiven oder zu hohen Ausrichtung wurde von Herrn Watzke als „krank“ und von Ihnen selbst als „schizophren“ bezeichnet. Inwiefern erscheint es sinnvoll, Kritik so abzubügeln?

Das ist nicht korrekt, weil der Gesamtzusammenhang nicht stimmt. Natürlich ist es völlig legitim, uns für schwache Spiele zu kritisieren. Das war so, ist so und wird auch immer so bleiben. Aber uns als Tabellenführer der Fußball-Bundesliga schon vor zwei Wochen grundsätzlich so zu besprechen, als würden wir im freien Fall dem Abstieg entgegensausen – das ist etwas, wogegen wir uns wehren.

Nur einmal zur sachlichen Einordnung: Wenn ich mich richtig erinnere, waren wir in der kompletten vergangenen Saison nur am 5. Spieltag mal Tabellenzweiter. Wir sind relativ lange hinterhergelaufen, haben am Ende gerade noch Hoffenheim hinter uns gelassen. Wir hatten auch Spiele wie in Frankfurt oder Darmstadt dabei, in denen wir nicht die Sterne vom Himmel gespielt haben.

Natürlich sehen wir auch die Tendenz. Die ist gegenwärtig nicht positiv. Aber wir wissen auch, dass es im Fußball manchmal sehr schnell geht. Diese Frage wäre doch vor vier Wochen nicht gestellt worden. Wir wollen gar nichts kleinreden, vor allem diese Spiele gegen Nikosia und Hannover, die waren grausam. Frankfurt sehe ich etwas anders, da haben wir in den vergangenen drei Jahren selbst mit vollster Kapelle und „bester Taktik“ verloren.

Wir sehen aktuell, dass wir die Dinge nicht so auf den Platz bekommen wie es in der Anfangsphase der Liga der Fall war, als medial begründet wurde, warum wir 91 Punkte holen und auf jeden Fall Meister werden. Jetzt – drei Wochen später – allerdings alles komplett in Frage zu stellen, das machen wir so nicht bei Borussia Dortmund! Wir haben schon immer ein bisschen den Blick gehoben und versucht, das große Ganze zu sehen.

Aber es gab schon einen Knick in den Ergebnissen …

… ja, auch in der Leistung. Da sind wir einer Meinung.

Was ist denn der Grund für diese zwei Gesichter? Gab es da einen Knackpunkt?

Wenn es so einfach wäre, dann würden wir sagen: „Am nächsten Samstag drehen wir das komplett um.“ Was sicherlich Spuren hinterlassen hat, war das Spiel gegen Real Madrid, in dem wir chancenlos waren. Das müssen wir wirklich sagen. Real hatte deutlich mehr Torchancen und hätte auch höher gewinnen können. Wir haben im Anschluss Spiele verloren oder zumindest nicht gewonnen, in denen wir mehr Torchancen hatten als der Gegner. Nikosia müssen wir eigentlich aus dem Stadion schießen. Vielleicht ist das Vertrauen in das eigene Tun ein Stück weit verloren gegangen. Aber das so richtig greifbar zu machen, ist schwierig.

Gegen Hannover holten Sie selbst zur Kritik gegen die Mannschaft aus: „Du gewinnst kein Spiel in der Bundesliga, wenn du so auftrittst.“ Hat die Mannschaft ein Einstellungsproblem?

Was dieses Spiel angeht, war ich sehr unzufrieden, auch mit der Herangehensweise. Ich hatte den Eindruck, dass uns Hannover 96 mit einfachen Mitteln geschlagen hat. Damit war ich nicht einverstanden. Ich bekomme ja auch die Statistiken, und unsere Zweikampfquote war durchaus besser als die des Gegners, aber die wichtigen Zweikämpfe haben wir eben zumeist verloren, und es gibt noch ein paar andere Werte, die gezeigt haben, dass wir nicht hundertprozentig auf dem Platz waren. Da hat Robustheit gefehlt, da hat der absolute Wille gefehlt.

Diese einfachen Mittel hat André Breitenreiter schon angekündigt. Hätte der Trainer nicht darauf reagieren müssen?

Der Trainer hat die Mannschaft gut vorbereitet. Unsere Verhaltensweisen waren nicht adäquat. Das Spiel war ja nicht Spiegelbild dessen, was vorgegeben war. Wir haben uns auf dem Rasen einfach falsch verhalten. Wir sind zum Beispiel hinten rausgerückt, wenn es gar kein Signal gab, wenn es gar nicht angebracht war. Das haben wir aber auch sehr intensiv mit der Mannschaft, insbesondere mit der Defensive, besprochen und anhand von Bildern anschaulich gemacht.

Es scheint so, als wäre die Mannschaft phasenweise verunsichert. Was würden Sie sich von den Fans im Stadion in so einer Situation wünschen, auch aus Ihrem eigenen Erfahrungsschatz als Spieler heraus?

Ich finde, dass wir sehr gut unterstützt werden. Was ich mir manchmal wünschen würde: Dass vielleicht auch mal wieder einzelne Spieler für ein gutes Spiel gefeiert werden. Früher gab es Sprechchöre für einzelne Jungs. Wenn einer zwei oder drei Tore macht oder ein besonders gutes Spiel. Das hilft sicherlich. Aber da bin ich vielleicht zu sehr Traditionalist oder Romantiker. Grundsätzlich ist die Unterstützung sehr gut. Ich finde, unsere Fans haben ein feines Gespür dafür, wenn die Mannschaft versucht hat, alles zu geben und trotzdem nicht erfolgreich war.

Gegen Nikosia gab es vereinzelt Pfiffe. Hilft das der Mannschaft oder ist das überhaupt nicht förderlich?

Es ist verständlich, wenn du in einem Spiel, in dem jeder mit einem Sieg, vielleicht sogar einem klaren Sieg, rechnet, nur mit einem Unentschieden im Gepäck vom Platz schleichst. Wenn wir Negativerlebnisse im Spiel haben, sei es durch ein Gegentor oder wenn wir uns phasenweise nur schwer durchspielen können, dann habe ich aktuell den Eindruck, dass die Mannschaft sich dadurch ein wenig aus der Ruhe bringen lässt und sich das Spiel dann mitunter verändert. Wir müssen lernen, unser Spiel über 90 Minuten durchzuziehen.

Wenn man die Meinungen unter den Fans betrachtet, gibt es im Großen und Ganzen zwei Lager: Ein Lager, das die Trennung von Tuchel befürwortet und eines, das sich in etwa wie folgt äußert: „Man hätte sich nicht von Tuchel trennen dürfen. Dass aus der Mannschaft Informationen an die Presse gegeben werden und der Trainer aufgrund gekränkter Spieler-Egos entlassen wurde, zeigt, dass in der Mannschaft etwas nicht passt." Was würden Sie einer solchen Meinung entgegnen?

Fakt ist, dass wir mit Thomas Tuchel zwei sportlich gute Jahre hatten, dass wir unsere Saisonziele mehrheitlich erreicht haben, aber dass wir alle im Verein am Ende das deutliche Gefühl hatten und der klaren Meinung waren, dass es in dieser personellen Konstellation nicht weiter erfolgreich sein würde. Wir als Verantwortliche müssen immer nach vorne gerichtete Entscheidungen treffen! Natürlich waren die zwei Jahre erfolgreich. Es ist für mich auch nach wie vor richtig, Thomas Tuchel verpflichtet zu haben. Es war eine schwierige Situation. Jürgen Klopp war nicht mehr da und das emotionale Stimmungsbild rund um den BVB war von einem „Sollen wir die Fußballabteilung dicht machen?“ nicht mehr weit entfernt. Thomas Tuchel hat in dieser Phase einen guten Job gemacht. Was den Trainerwechsel nach der vergangenen Saison angeht: Ich denke, dass wir hinreichend verdeutlicht haben, dass die Gründe hauptsächlich nicht im sportlichen Bereich lagen. Und dabei möchte ich es auch belassen.

Es entsteht von außen bisweilen der Eindruck, der Kader sei für Bosz’ Spielphilosophie nicht zu einhundert Prozent geeignet. Die Verteidiger wirken für das extrem hohe Aufrücken zu langsam, Sahin oder Weigl als alleiniger Sechser mitunter verloren. Was sagen Sie dazu?

Weigl hat in der vergangenen Saison mehrheitlich alleine auf der Sechs gespielt. Auch unter Thomas Tuchel haben wir mit hoch stehenden offensiven Mittelfeldspielern gespielt. Wir haben mit Sokratis einen der schnellsten Innenverteidiger der Liga. Was wir natürlich nicht auf dem Zettel hatten, war das Verletzungspech auf den Außenverteidigerpositionen. Mal ist die eine Seite, mal die andere Seite komplett weggebrochen, in den ersten 16 Pflichtspielen der Saison mussten wir zehn verschiedene Ketten aufbieten. Dadurch wurden die Kompaktheit und die Abläufe erheblich gestört. Dan-Axel Zagadou musste häufig hinten links aushelfen, obwohl er eigentlich ein ganz junger Innenverteidiger ist, den wir langsam heranführen wollten. Im Fall von Lukasz Piszczek sieht jetzt, da er nicht spielen kann, wirklich jeder, welchen Wert er für uns hat. Er ist ein absolut stabilisierender Faktor in unserer Mannschaft. In Frankfurt musste sogar Jule Weigl im Abwehrzentrum aushelfen. Wir haben natürlich auch Pech gehabt, was die Konzentration der Ausfälle auf einen Bereich betrifft. Aber richtig ist, dass wir in der zentralen Abwehr noch nicht kontinuierlich unser Potenzial abrufen.

Mal weg von der Diskussion um Trainer, Taktik und die letzten Ergebnisse. Es war auch ein ereignisreicher Sommer: Dembélé hat den Verein verlassen, Yarmolenko, Sancho und andere kamen zum BVB. Was war beim Dembélé-Transfer die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war es, mit dem Spielerstreik umzugehen und trotzdem nicht die gute Verhandlungsposition aus der Hand zu geben. Es musste immer noch die Alternative der Re-Integration in unseren Kader offen gehalten werden, um gegenüber Barcelona unsere wirtschaftlichen Interessen durchsetzen zu können. Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.

Das kann man so sagen. Wie läuft denn so ein Prozess überhaupt ab? Es sind teilweise riesige Summen im Spiel, wie kann man sich das vorstellen?

Die Gespräche sind keine anderen, nur weil die Zahl eine Null mehr hat. (lacht) Natürlich bedingen solche Summen eine besondere Verantwortung gegenüber dem Verein, aber die Abläufe sind stets ähnlich. Man verabredet und trifft sich. Im Fall der Dembélé-Gespräche in Düsseldorf, nicht in Barcelona – und schon gar nicht bei uns vor der Haustür. In der Regel geht man erst mal ergebnislos auseinander. Danach wird viel telefoniert und hinter den Kulissen weiterverhandelt. Wir haben uns am Rande der Champions-League-Auslosung in Monaco nochmals zusammengesetzt und dort auch eine Einigung gefunden. (Lacht) Dann wurde ein bisschen Papier ausgetauscht, bis der Transfer durch war.

An Yarmolenko war man auch lange interessiert. Das wurde schon fast zu einem Running Gag. Warum hat es vorher nicht geklappt, aber ausgerechnet diesen Sommer?

Es stimmt, wir waren schon öfter an ihm interessiert. Einmal zu einem sehr späten Zeitpunkt der Transferperiode. Der Wechsel ließ sich leider nicht mehr verwirklichen, weil Kiew sich inzwischen selbst für die Champions League qualifiziert hatte. Dynamo wollte ihn nicht mehr abgeben.

In diesem Sommer war es so, dass der Dembélé-Transfer sich über einige Zeit angebahnt hatte und wir für den Fall der Fälle schon Gespräche mit Kiew und dem Spieler geführt haben. Wir konnten deshalb fast zeitgleich den Dembélé-Vollzug vermelden und im Fall des Yarmolenko-Wechsels auf den Knopf drücken .

Mit Sancho wurde das nächste hoffnungsvolle Talent verpflichtet. Der Kicker schrieb, dass die Kündigung von Sancho rechtlich völlig korrekt war. Trotzdem hat der BVB eine stattliche Ablöse bezahlt und Manchester City eine Beteiligung an einem Weiterverkauf eingeräumt. Warum?

Weil es verhandlungstechnisch nicht anders ging und wir der Meinung waren und sind, dass dieser Transfer sowohl sportlich als auch für den Fall, dass der Spieler irgendwann einmal wechselt, sehr lohnenswert ist. Sein englisches Nachwuchs-Nationalteam ist gerade Weltmeister geworden, Sancho ist eines der größten Talente, nicht nur auf der Insel, sondern weltweit in seinem Jahrgang.

Inwiefern war das ein Problem bei der Verhandlung? Im Prinzip war er doch ohne Vertrag?

Nein, er war nicht ohne Vertrag. Er hatte durch seinen Scholarship-Vertrag die Möglichkeit, einseitig zu kündigen, um weitere Gespräche zu führen. Um die Frage der Wirksamkeit einer Kündigung gab es zwischen dem Spieler und seinem Arbeitgeber allerdings unterschiedliche Meinungen. Wir wollten den Transfer aufgrund der drohenden Rechtsunsicherheit nicht blockieren und waren bemüht, eine juristische Klärung zu vermeiden. Unter Clubs wie Manchester City und Borussia Dortmund geht man vernünftig miteinander um. Manchester wollte ihn unbedingt halten. Wir hatten dennoch gute, intensive Gespräche und haben für alle Seiten eine gute Lösung gefunden.

Sancho ließ zuletzt schon sein Talent bei Kurzeinsätzen und auch bei der U23 aufblitzen. Obwohl die englische U17 auf einem guten Weg bei der WM war, wurde Sancho zurückbeordert und letztendlich bei der U23 eingesetzt. War das im Nachhinein betrachtet eine falsche Entscheidung, ihn zurückzuholen?

Da schlagen immer zwei Herzen in meiner Brust. Natürlich denkt man sich, dass ein solches Turnier für den jungen Spieler ein außergewöhnliches Ereignis ist. Auf der anderen Seite ist der Junge schon so weit, dass wir mit ihm abgesprochen haben, dass er so schnell wie möglich an den Profifußball herangeführt werden soll. Es bestand keine Abstellungspflicht für den Zeitraum der WM. Ich hatte mich mit dem englischen Verband deshalb darauf verständigt, dass wir eine Kompromisslösung finden und ihn für die Gruppenphase abstellen. Wir hatten damals im Offensivbereich Verletzungsprobleme und es war nicht klar, ob wir personell so aufgestellt sein würden, dass wir auf Jadon verzichten können. Er hat in Frankfurt letztlich ja auch gespielt und fast noch die Vorlage zum Siegtor gegeben.

Der BVB hat sich ein bisschen das Image als Talentschmiede in Europa erarbeitet. Ist es da für das Image schädlich, wenn zum Beispiel Spieler wie Merino oder Mor nicht den Sprung in die erste Mannschaft schaffen?

Ich würde es noch etwas anders sagen wollen: Wir haben uns europaweit einen sehr guten Ruf erworben und können vorweisen, dass wir Spieler, die noch in ihrer Entwicklung sind und enormes Potenzial aufweisen, weiterentwickeln, integrieren und auf Top-Niveau spielen lassen. Das geht natürlich nicht mit jedem Talent, denn je höher das Fußball-Niveau ist, umso weniger Talente schaffen letztlich auch den direkten Sprung in die Mannschaft. Trotzdem haben wir auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahren viel erreicht. Wenn wir den Fall Merino nehmen, der über eine Leihe mit einer obligatorischen Kaufoption bei relativ wenigen Spieleinsätzen zu Newcastle United transferiert wurde, muss man sagen: Das ist für den BVB letztlich auch wirtschaftlich ein gutes Geschäft gewesen. Darüber hinaus partizipieren wir weiterhin an einer zukünftigen Entwicklung. Das heißt, sollte er woanders richtig durchschlagen, ist der BVB weiter dabei. Wenn es so läuft, kann ich nicht viel Negatives an so einem Transfer finden, weil es eben nicht jeder bei uns schaffen kann.

Auch auf der Torhüterposition gab es Entwicklungen: Der Vertrag mit Roman Bürki wurde trotz Kritik verlängert. Ein Vertrauensbeweis in schwierigen Zeiten?

Zum einen ja, Roman hat keine gute Phase gehabt. Er hat den einen oder anderen Fehler gemacht. Aber das war auf der anderen Seite auch kein vordergründiger Vertrauensbeweis, denn ich glaube wirklich, dass er mit seiner Art zu spielen der richtige Torwart für den BVB ist.

Es wurde auch vermeldet, dass Roman Weidenfeller seine Karriere nach dieser Saison beenden wird. Wie laufen die Nachfolgeplanungen? Traut man Reimann den Schritt schon zu oder wird es ein Torhüter, der die Nr. 1 attackieren kann?

Unsere Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen. Natürlich beobachten wir genau, wer bei uns aus dem Nachwuchs kommt.

Abschließend noch: Wie bewerten Sie das frühe Ausscheiden aus der Champions League?

Das muss man jetzt leider schon zugeben, alles andere wäre realitätsfremd, auch wenn rechnerisch nach wie vor eine minimale Chance da ist (lacht). Sportlich ist das sicherlich enttäuschend, wir sehen allerdings auch die Gruppenkonstellation. Ich glaube, es wurde insgesamt in Fußball-Dortmund und Fußball-Deutschland etwas unterschätzt, wie stark Tottenham Hotspur ist. Zweimal Vizemeister in England und nicht durch die englische Lotterie, sondern weil sie Chelsea, Arsenal, Liverpool und Manchester United hinter sich gelassen haben. Tottenham hat gerade Real Madrid geschlagen, das in vier Jahren dreimal Champions-League-Sieger war. Unser Ausscheiden ist enttäuschend, weil wir nicht wirklich gut aufgetreten sind. In einer anderen Gruppe wäre es vielleicht ein bisschen einfacher geworden, sich zu qualifizieren.

Vielen Dank für das Interview.


Larissa und Seb, 09.11.2017


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