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Spielbericht Profis - 02.11.2017

Schrammen einer Herbstdepression

Warm-Up

Bedröppelte Gesichter nach Abpfiff

„Krise“ oder „Ergebniskrise“ - seit Oktober läuft es nicht mehr beim BVB. Die 2:4 - Niederlage am letzten Wochenende in Hannover glich dem Höhepunkt einer anhaltenden spielerisch äußerst dürftigen Phase. In der Champions League im Hinspiel auf Zypern nur mit einem eher peinlichen 1:1 - Unentschieden der Marke „Ausrutscher“, war ein Sieg im Rückspiel gegen APOEL gefühlt als nur Pflicht und alternativlos. Gegen 22:40 Uhr sollte die allgemeine herbstliche schwarzgelbe Tiefschlafphase am Mittwoch Abend ihren vorläufigen neuen Höhepunkt erreicht haben - und sowohl Fans als auch Verantwortliche und Spieler ratlos zurücklassen. Über 30 Schüsse und nur ein Tor: „Krise … äh, schwierige Phase“. Selbst Kapitän Schmelzer wusste nicht so recht, wo, wie und warum man gerade da ist wo man ist.

Taktik & Personal

Peter Bosz veränderte die Startelf im Vergleich zur ernüchternden Niederlage in Hannover auf fünf Positionen. Zagadou, Schmelzer, Castro, Sahin und Yarmolenko wurden durch Toprak, Guerreiro, Weigl, Kagawa und Philipp ersetzt.


Erste Hälfte

Fahnenintro auf der Südtribüne

Nicht nur der Tribünenblock der Gäste aus Zypern machte von Anfang an einen äußerst soliden Eindruck. Die Mannen in Orange von Georgis Donis standen wie erwartet abwartend defensiv in der eigenen Hälfte und ließen die Borussia die Partie initiieren. Die ersten Tormöglichkeiten durch und Götze, Weigl und Aubameyang nach knapp zehn Minuten überstanden die Zyprioten unbeschadet. Die Marschroute gaben jedoch sowohl die Fans auf der Süd als auch das Team auf dem Rasen von Anfang an vor: Alles andere als ein Sieg kam an diesem Abend gar nicht erst in Frage. Der BVB setzte sich von Minute zu Minute in der gegnerischen Hälfte fest und ließ APOEL keine Luft zum Atmen. Nach einer knappen Viertelstunde war Nikosias Schlussmann Nauzet Perez der meist beschäftigte Akteur auf dem Platz. Ecke Kagawa, Chaos im Strafraum - in Minute 14 übersteht APOEL die Unruhe vor dem eigenen Tor nur mit Glück ohne Gegentreffer. Perez parierte gegen Toprak, im Nachklang stocherten Philipp und Pulisic den Ball ohne Gefahr nach.

Klare Ansage aus dem Gästeblock

Die Gäste verteidigten im gefühlten 5-5-0-System, Coach Donis gab an der Seitenlinie fast durchgehend nicht nur den gefühlten zwölften Mann, sondern animierte seine Spieler durch eigene äußerst stilvolle und engagierte Bewegungen zu einer effektiveren Defensivarbeit. Was angestrengt helfend anmutete, schien nach 30 Minuten immer noch und verbessert zu funktionieren. Die Borussia fand gegen den orange angerührten Abwehrzement kein Durchkommen, etliche Querpässe und Zuspiele brachten keinen Ertrag, sogar die Innenverteidiger standen über zehn Meter in der Hälfte der Gäste.

Ein Geistesblitz von Kagawa öffnete dann die Büchse der Pandora: Der erste Überraschungsmoment im Spiel seit längerer Zeit war ein direkt mit dem ersten Kontakt weitergespielter Ball des Japaners, der im gegnerischen Strafraum vom aufgerückten Guerreiro allein stehend vor Keeper Perez zum Führungstreffer verwertet werden konnte. Die Statistiken zu diesem Zeitpunkt? 76 % Ballbesitz, 6:0 Torschüsse und knapp 250 mehr gespielte Pässe. Ja, die Führung für den BVB war in der Tat verdient.

Schwatzgelber Jubel zum 1-0

Die nächste ganz dicke Chance verzeichnete im Anschluss „Auba“: Einen zu kurzen Rückpass konnte der Gabuner ersprinten und frei vor Nauzet Perez auftauchen - das Resultat war eine Mischung aus Torschuss und Querpass, wobei nichts von beidem für APOEL gefährlich wurde. Die Gäste liefen den ersten wirklich gefährlichen Konter im Anschluss über Aloneftis, die scharfe Hereingäbe am langen Pfosten klärte auf überragende Art und Weise der zurückgesprintete Philipp.

Ohne ein wirkliches weiteres Highlight endete der erste Abschnitt mit knapp 70 % Ballbesitz für den BVB und einer in allen Belangen verdienten Führung, der lang ersehnte erste Erfolg in der Gruppenphase lag in der Luft.


Zweite Hälfte

Aubameyang gegen Rueda

Genau sechs Minuten waren gespielt, da explodierte der Gästeblock im Westfalenstadion und sorgte bei den restlichen Fans für ziemliche Schockstarre. Aloneftis brach auf links durch und bediente Carlao, der in der Mitte Pote fand. Der einzig richtige Offensivmann der Gäste ließ Toprak ziemlich alt aussehen und netzte mit einer schönen Drehung zum Ausgleich ein. Erneut reichte eine kurze Situation der Unkonzentriertheit in der Defensive des BVB für ein leicht zu verhinderndes Gegentor.

Gehörig schütteln müssen hätte man sich in den schwarzgelben Reihen, doch im Spiel der Borussen fehlten weiterhin die offensive Zielstrebigkeit und der Spielwitz. Aubameyang hing weitestgehend in der Luft, Pulisic und Philipp konnten ihre Schnelligkeit nicht auf den Rasen bringen. Nach einer Stunde sprachen die Zahlen weiterhin eine deutliche Sprache: 13:2 Torschüsse, auf der Anzeigetafel jedoch weiterhin nur ein 1:1. In Minute 65 reagierte Bosz das erste Mal personell, brachte Yarmolenko für den eher unauffälligen Philipp.

An dieser Stelle hätte mit Sicherheit mehr zur Partie stehen können, doch der BVB zeigte auch nach 75 gespielten Minuten eine äußerst dürftige Leistung. In der Defensive nicht gefordert, in der Offensive absolut blass und ohne eine zündende Idee die auch nur annähernd Torgefahr versprüht

Agilster Borusse: Christian Pulisic

hätte. Zuvor durfte sich Guerreiro bei seiner Auswechslung als einer der wenigen verdientermaßen Applaus einheimsen, für ihn kam Schmelzer auf den Rasen. Kurz darauf sah Carlao auf Seiten der Gäste die erste Verwarnung der Partie, Yarmolenko wurde im Mittelfeld gefoult.

Grund zur Aufregung versprühte der ansonsten abwesende Aubameyang mit einem Kopfball an die Querlatte, nachdem sich Pulisic stark auf links durchtanken konnte. Aus knapp fünf Metern vergab der BVB jedoch die Chance den so wichtigen Führungstreffer in der 77. Die angestrengten Offensivbemühungen der Borussia wurden stellenweise von Pfiffen der Fans begleitet, zu langsam und berechenbar waren die Handlungen der Mannen in Gelb.

In der 86. Minute trug der letzte Strohhalm Hoffnung den Namen Andre Schürrle, Toprak musste weichen. Nur Augenblicke später schlenzte der offensive Außen den Ball dann auch in typischer Manier mit rechts einen guten halben Meter über den Kasten der Gäste - auch nicht wirklich gefährlich.

Fazit

Ratlose Gesichter nach Schlusspfiff vor der Südtribüne

Der Tempel leer im Rekordtempo, vermehrte Pfiffe während des Spiels, nach Schlusspfiff die Mannschaft auf direktem Wege in die Kabine - die Stimmung nach der erneuten Blamage gegen APOEL verbesserte sich bei den Schwarzgelben und all seinen Sympathisanten nicht wirklich. Zu einfallslos und unkreativ in der Offensive zeigte sich die Borussia zum wiederholten Male, gegen einen allenfalls spielerisch durchschnittlichen Gegner kassierte man erneut viel zu einfach einen unnötigen Gegentreffer - mit dem ersten richtigen Torschuss. In der Folge verzeichnete man eine Vielzahl an Möglichkeiten, doch in der momentanen Phase fehlt es dem Team von Peter Bosz an vielen Ecken und Enden.

Trotz der erneut schwachen Leistung auf internationalem Parkett, verändert sich für den BVB in der Champions League nicht allzu viel. Immer noch geht vornehmlich darum den dritten Platz zu sichern und zumindest in die Europa League einzuziehen. Das anstehende Programm wird äußerst anspruchsvoll, in der Liga kommen am Samstag die Bayern zum Top-Spiel in den Tempel.

Kagawa gegen Morais

„Wir stecken zusammen drin, aber wir kommen da auch zusammen wieder raus. Am Anfang der Saison hat man gesehen, was wir leisten können. Wenn die Spieler das Selbstvertrauen zurückfinden, dann kommen wir auch wieder zurück in die Spur.“

Es bleibt zu hoffen, dass die Worte von Peter Bosz bei der Borussia eine vorweihnachtliche Verschönerungskur einleiten und den ersten tieferen Abnutzungserscheinungen der spielerischen Herbstdepression den Garaus machen.

Abseits

Neben dem Platz stand die schwarzgelbe Woche im Zeichen der Trauer: Die Spieler-Legende Dieter „Hoppy“ Kurrat verstarb im Alter von 75 Jahren nach langer Krankheit. Vor der Partie wurde in Gedenken an einen der beliebtesten Borussen aller Zeiten eine Schweigeminute abgehalten. „Der Kleinste war der Größte“ - an diesem Abend erwiesen alle im Westfalenstadion Anwesenden der schwarzgelben Identifikationsfigur die letzte gebührende Ehre.

Gedenken an Hoppy Kurrat

Schon vor Anpfiff machten die zahlreichen mitgereisten und ansässigen Anhänger der Zyprioten lautstark auf sich aufmerksam. Der gut gefüllte Gästeblock machte früh Alarm und sorgte mit einem kurz vor Anpfiff gezeigten Banner mit der Aufschrift „Smash The Wall - Destroy Them All“ für Aufsehen. Doch auch in der Woche vor dem gestrigen Champions-League-Auftritt sorgten die Zyprioten neben dem Rasen in der Heimat für Schlagzeilen. Nach einem wiederholt enttäuschenden Auftritt in der Liga, dem 1:1 - Unentschieden gegen den Letzten von Ethnikos Achnas, bot Coach Georgios Donis den Verantwortlichen seinen Rücktritt an. Der Verein jedoch lehnte ab und reagierte auf die angespannte Situation eher trocken via Twitter: „Jeder ist verpflichtet, die Situation zu korrigieren.“

Statistik

BVB: Bürki - Bartra, Sokratis, Toprak (86. Schürrle), Guerreiro (72. Schmelzer) - Götze, Weigl, Kagawa - Pulisic, Aubameyang, Philipp (65. Yarmolenko)

APOEL: Nauzet Perez - Vouros, Merkis, Jesus Rueda, Carlao - N. Alexandrou (46. Sallai) - Vinicius, Nuno Morais - Zahid, Aloneftis (82. Farias) - Poté (74. de Camargo)

Aubameyang hatte in der Nachspielzeit noch die große Möglichkeit zum FührungstrefferSchiedsrichter: Matej Jug
Assistenten: Matej Žunič, Manuel Vidali
Torrichter: Rade Obrenovic, Dejan Balažič
Vierter Offizieller: Tomislav Pospeh

Tore: 1:0 Guerreiro (29.), Poté (51.)

Zuschauer: 64.509

Karten: Carlao, Vouros, Perez

Torschüsse: 6:1

Ecken: 9:1

Ballbesitz: 71:29 %

Stimmen zum Spiel

Peter Bosz:

Peter Bosz war enttäuscht

„Die Enttäuschung ist sehr groß. Wir müssen zuhause gegen Nikosia gewinnen. Das haben wir nicht getan; das ist schlecht; dafür gibt es keine Entschuldigungen. Aber ich sehe einen großen Unterschied zum Spiel in Hannover. Die Spieler haben bis zum Ende gekämpft, aber sie hatten kein Glück. Die Räume, die wir Hannover überlasen haben, waren heute für den Gegner nicht da. Trotzdem ist auch dieses Resultat enttäuschend.

Wir haben die vielen Torchancen, die wir hatten, nicht genutzt. Als APOEL das erste Mal vor unser Tor kam, war das gleich ein Treffer. Wenn man dann auch noch die letzten Spiele nicht gewonnen hat, kratzt das am Selbstvertrauen der Spieler. Nach dem Ausgleich war sichtbar, wie enttäuscht die Spieler waren. Ich kann das verstehen, aber es muss dann weitergehen.“

Marcel Schmelzer:

„Wir stecken in einer schwierigen Phase, das kennt jeder aus seinem eigenen Job.“

Boris Davidovski, 02.11.2017


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