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Unsa Senf - 30.10.2017

Antisemitische Sticker im Fußball

Klare Ansage von der TribüneEs gibt Dinge, die sind so widerlich, dass man sie am liebsten verschweigen möchte. Weil man nicht möchte, dass sie sich weiter verbreiten, vielleicht auch, weil man sich fälschlicherweise dafür schämt, dass sie von Menschen begangen wurden, mit denen man eine Gemeinsamkeit hat. Aber das wäre falsch. Sie gehören ans Licht und in die Öffentlichkeit gezerrt. Schon allein, um andere davor zu warnen, ihnen zu glauben oder auch nur davor, sie zu unterschätzen.

Die Ruhrbarone berichteten am vergangenen Sonntag über einen derartigen Fall. Sticker im Stile der altbekannten Panini-Sammelbildchen mit dem Gesicht von Anne Frank als Spielerin des FC Schalke 04. Die historischen Hintergründe der Person Anne Frank sollten durch ihr Tagebuch allen Menschen bekannt sein. Annelies Marie Frank, so ihr vollständiger Name, wurde im Februar oder März 1945 im Alter von 15 Jahren im KZ Bergen-Belsen wegen ihres jüdischen Glaubens umgebracht.

Natürlich ist es kein Zufall, dass diese Sticker nur wenige Tage später hier auftauchen, nachdem die faschistische Ultragruppierung Irriducibili (die Unbeugsamen) von Lazio Rom europaweit in die Schlagzeilen geriet, weil sie die Ränge der "Curva Sud", der Tribüne vom Stadtrivalen AS Rom, mit Stickern von Anne Frank im roten Trikot der Roma beklebten. Der Hintergrund dieser Aktion ist klar. "Jude" als Abwertung, als Beschimpfung, als Forderung nach einer Vernichtung des Gegners. Nur ein vorläufiger Höhepunkt in einer langen Geschichte von homophoben, rassistischen und antisemitischen Ausfällen.

Ebenso stehen die Sticker in einem dunklen Kontext antisemitischer Lieder wie dem "U-Bahn Lied" oder "Zyklon B für UGE", die noch vor zehn oder fünfzehn Jahren häufig von Dortmunder Seite im Rahmen des Derbys intoniert wurden. Der beharrlichen Arbeit verschiedener Fan- und Vereinsinstitutionen ist es glücklicherweise gelungen, diese Gesänge weitestgehend zu ächten. Zudem ist gerichtlich die Strafbarkeit des "U-Bahn Liedes" als Tatbestand der Volksverhetzung festgestellt worden.

Die jetzt aufgetauchten Sticker zeigen klar, dass es gar keinen Grund gibt, selbstgefällig die Nase zu rümpfen und auf "italienische Verhältnisse" zu verweisen. Auch auf unseren Tribünen, oder zumindest im Fußballumfeld, bewegen sich Menschen mit der gleichen rassistischen Ideologie. Die Erstellung derartigen Materials darf nicht als schwarzer Humor, der über das Ziel hinaus geschossen ist, oder falsch verstandene Derbyrivalität verklärt werden. Nichts, worüber man im stillen Kämmerlein heimlich schmunzeln und sich denken kann "böse, aber gut". Die Sticker zeugen von einer geschlossen antisemitischen Gedankenwelt und ihre Verbreitung ist der Versuch, andere in diese Gedankenwelt einzuladen. Indoktrination über Fußball. Dass der Bezug zum Derby, in dessen Zusammenhang es häufig etwas gehässiger zugeht und Beleidigungen häufiger toleriert werden, hergestellt wird, macht die Sache noch perfider.

Die Darstellung der Ruhrbarone, dass sich ein BVB-Hool an der Verbreitung dieser Sticker über Facebook beteiligt hat, ist noch nicht verifiziert und auch die Urheberschaft in einem anderen Ruhrgebietsverein mit einem signifikanten Anteil rechtsradikaler Fans ist nicht ausgeschlossen. Aufgrund der engen Verzahnung der rechten Szene im Ruhrgebiet ist eine Verbreitung auch nach und in Dortmund jedoch sehr wahrscheinlich. So gilt: wer derartiges Gedenkstättenfahrten gehören zur Antirassimusarbeit des BVBherstellt oder verbreitet, bewegt sich ganz klar außerhalb des Wertekanons, für den unser BVB steht. Borussia Dortmund lädt alle Menschen ein, Teil der Familie zu sein. Egal, ob er an Jahwe, Allah, den christlichen Gott oder sonst wen glaubt. Oder auch überhaupt keinem Glauben angehört. Ebenso wenig spielen Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder das Alter eine Rolle dafür, wer hier willkommen ist. Was zählt, ist die Leidenschaft für unsere schwarzgelben Farben. Derjenige, der andere Menschen aufgrund derartiger Attribute jedoch diskriminiert, ausgrenzt und verfolgt, der gehört ganz sicher nicht dazu. So wäre auch jeder Verweis auf die oft angeführte Selbstreinigung der Fanszene oder das altbekannte "Politik hat im Fußball nichts zu suchen" völlig fehl am Platze. Wer eine derartige Ideologie lebt, lässt sich auch von warmen Worten des Tribünennachbarn nicht davon abbringen und das Einstehen gegen diese Ideologie ist keine Frage von Politik, sondern von Menschlichkeit. Ganz davon abgesehen, dass es in der Geschichte schon mehr als einen Versuch von rechtsradikalen Parteien und Gruppen gegeben hat, die Fankurven zu infiltrieren. Der banale Satz, dass man sich damit im Fußball nicht auseinandersetzen solle und im Stadion demzufolge auch Menschen mit rechter Gesinnung ihren Platz haben, ist nur allzu oft ein Deckmäntelchen, mit dem sie sich Zeit und Raum verschaffen wollen, um ihre Ideen und Gedanken zu verbreiten.

Fallt nicht auf diese Menschen herein und schenkt ihnen kein Gehör. Lasst nicht zu, dass sich ihre Weltanschauung auf der Tribüne verbreitet. Wenn ihr diese oder ähnliche Sticker seht, nehmt sie nicht einfach als etwas Normales hin, sondern seht sie als das, was sie wirklich sind: widerlich, antisemitisch, unmenschlich. Redet mit euren Freunden und Kollegen in den Fanklubs darüber und sensibilisiert sie für solche Versuche der Einflussnahme.

Gegen Rassismus, Diskriminierung und Antisemitismus.

Ferdinand, 30.10.2017


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