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Spielbericht Profis - 22.10.2017

Spektakel in Frankfurt

Fahnenchaos in der Frankfurter Nordwestkurve

In einem spektakulären Bundesligaspiel trennen sich Eintracht Frankfurt und der BVB, trotz einer 2:0 Führung des BVB, leistungsgerecht 2:2 unentschieden. Die Freude über den gewonnen Punkt nach drei Spielen ohne Punktgewinn im Waldstadion, hielt sich beim BVB dabei verständlicher Weise in Grenzen.

Bereits im Vorfeld hätte man die ungünstigen Zeichen erkennen können. Angefangen mit überfüllten Zügen aus dem Ruhrgebiet in Richtung Frankfurter Flughafen – spätestens jetzt wurde auch dem letzten BVB-Anhänger klar, dass die Herbstferien in NRW begonnen hatten – über sehr intime Begegnungen beim Stadioneinlass, bis hin zu dem Gefühl, sich in der größten Open-Air-Disco der Welt zu befinden. Bereits eine Stunde vor Spielbeginn gab es eine Dauerbeschallung sämtlicher Musikrichtungen, vielleicht einer der Gründe, weshalb sich das Stadion erst in den letzten Minute schlagartig füllte. Immerhin versöhnlich und eine wahre Wohltat für die Ohren, vor Spielbeginn die „Frankfurter Hymne“ (Im Herzen von Europa) des Polizeichors zu hören, die wie immer durch zahlreiche Fahnen in der Heimkurve untermalt wird. Zum Einlaufen der Mannschaften gab es von Seiten der Frankfurter einige rote Rauchbomben, welche die Heimkurve ein paar Minuten ordentlich einnebelte.

Mittelmäßiger Auftritt des Gästeblocks

Zur Freude vieler Schwatzgelben stand seit einer gefühlten Ewigkeit (März 2016) Publikumsliebling Neven Subotic in der Startelf. Zumindest genauso überraschend wirkte die „neu“ formatierte Abwehr, deren Innenverteidung neben Neven Julian Weigl bildete und auf den Außenpositionen durch Bartra und Toljans besetzt wurde. Eine Viererkette, die in dieser Konstellation noch nie zusammengespielt hat und sicher auch nicht mehr allzu häufig spielen wird, was sicherlich nicht daran liegen wird, dass die vier Jungs ihre Aufgaben nicht ordentlich erfüllt haben, sondern vielmehr daran liegt, dass die aktuelle Verletzten-/Gesperrten-Liste außergewöhnlich lang ist. Den Grund für die „gefühlte“ Niederlage nur in der Abwehr zu suchen, wäre zu einfach und auch sicherlich nicht gerecht.

Auf der Spurensuche nach Gründen führt kein Weg an der taktischen Ausrichtung der Frankfurter vorbei. Mit einem 3-4-1-2 System, mit viel Mut und aggressivem Pressing machte man es den Leipzigern nach, die es ebenfalls schafften, den BVB vor große Probleme zu stellen. Ähnlich wie beim letzten Heimspiel, entsprach auch das Spiel in Frankfurt einem richtigen Spektakel, das 90 Minuten beste Unterhaltung bot.

Neven Subotic stand wieder in der Startelf

Von Beginn entwickelte sich ein munteres Spielchen mit interessanten und packenden Zweikämpfen. Mal musste ein Frankfurter mit einer Wunde am Kopf vom Platz (3.Minute), dann wird ein Frankfurter k.o. geschossen (5. Minute) oder aber der Frankfurter Stürmer kann sich nicht damit abfinden, dass Bürki ihm den Ball vom Fuß gefischt hat und stochert nach. Beide Mannschaften wirken hoch motiviert. Eine Folge: Viele Freistöße, überwiegend für den BVB, die aber kaum Gefahr bringen. Mal muss Bürki in höchster Not vor dem Frankfurter Rebic klären, mal hat der BVB Pech beim Abschluss und der Ball bleibt im Frankfurter Pulk hängen. Als der Ball dann zum ersten Mal im BVB-Kasten einschlägt, das Stadion jubelt, ist es nicht der Videoschiedsrichter, der das Tor nicht zählen lässt, nein, es ist der Schiedsrichterassistent, der relativ frühzeitig mit dem Schwenken der Fahne begonnen hatte. Sämtliche Versuche des Stürmers, den Schiedsrichter davon zu überzeugen, mal in Köln beim Videoassistenten durchzuklingen, wurden ignoriert. Vermutlich suchte die Frankfurter Abwehr noch nach der Kölner-Telefonnummer, als der BVB fast im Gegenzug eiskalt zuschlägt. Bartra zieht einfach mal aus 20 Metern von halblinks flach ab, der Ball geht in Richtung des langen Pfostens. Sahin sprintet von hinten heran und schiebt den Ball ins Netz. Die Eintracht-Fans haben längst den Schiedsrichter als ihren Schuldigen auserkoren. Old-School-Lieder wie „Oh hängt sie auf die rote Sau“ hallen durch das Stadion während der schwatzgelbe Mob jetzt so richtig aufdreht. Frankfurt wagt von nun an mehr in der Offensive und es entwickelt sich jetzt schon mehr und mehr ein offener Schlagabtausch mit

Torjubel zum 1-0

Chancen auf beiden Seiten. Immer wieder sind es lange Bälle, welche die BVB-Abwehr in Bedrängnis bringen, doch am Ende grätschen Neven und Weigl immer zum richtigen Zeitpunkt dazwischen. Frankfurt verpasst es das ein oder andere Mal, den einen oder anderen Stellungsfehler auszunutzen und den Ausgleich zu erzielen. Das 1:0 für den BVB ist zur Halbzeit schon äußerst schmeichelhaft. Gut und gerne könnte der Zwischenstand auch 3:3 lauten.

"Das darf nicht passieren" N.Sahin

Doch es sollte für den gemeinen Fußballfan noch besser kommen. Gleich von Beginn an legten beide Mannschaften los, als würde es kein Morgen geben. Was sicherlich einen hohen Unterhaltungswert für die Zuschauer hat, ist aber aus Trainersicht eine Vollkatastrophe. Beide Mannschaften spielen ohne Mittelfeld, ohne Disziplin und ohne kontrollierten Spielaufbau, so dass es mehr als genug Torraumszenen auf beiden Seiten gibt. Fast schon fahrlässig lässt der BVB die ein oder andere 100% -Chance liegen, allen voran Aubameyang, der an diesem Tag nicht seinen besten hat. Das 2:0 (57.Minute), nach toller Vorarbeit von Götze, erzielt Philipp und lässt im BVB-Gästeblock die ersten Meisterschaftsgesänge anstimmen. Der Drops schien gelutscht und auch die bis dahin gute Stimmung der Frankfurter im Stadion schien verflogen. Beim BVB wurde gewechselt, um der bis dahin sehr wackeligen Defensive mehr Stabilität zu geben. Es kam Zagadou für Weigl, welcher wiederum mit Bartra und Toljan die Position tauschte. Dieser Wechsel machte durchaus Sinn. Weigl hatte bereits eine gelbe Karte erhalten und machte auch nicht mehr den frischesten Eindruck. Auch die Auswechslung des äußerst schwachen Castro für Kagawa machte durchaus Sinn.

Marius Wolf erzielte den Ausgleichstreffer

Die Eintracht schüttelte sich sieben Minuten lang, bis Bürki zum X-Mal in höchster Not vor Rebic retten musste. Doch dieses Mal checkte er bei seiner Rettungstat den gegnerischen Spieler in bester Wrestlermanier. Es gab Elfmeter, den Haller eiskalte verwandelte. Das Waldstadion witterte seine Chance und puschte die Eintracht nun an ihr Limit. Ein kleines Wunder lag in der Luft.

Letzlich war es Wolf, der das 2:2 macht. Jener Wolf, der knapp 68. Minuten nichts anderes gemacht hat, als hinter Nuri Sahin herzu rennen und ihn in Manndeckung zu nehmen. Wolf startet im rechten Moment, Bartra kommt nicht hinterher, als Wolf eiskalt einnetzt. Die neu geordnete Dortmunder Abwehr ist völlig überfordert, allerdings nicht mehr, als die vorige Abwehrkonstellation auch. Eine Diskussion darüber, ob Bosz vielleicht die Abwehr nicht hätte umstellen sollen, ist eine Milchmädchenrechnung. Das Glück, welches der BVB 60 Minuten vorher genossen hatte, war einfach aufgebraucht. Dass der Torschützenkönig der Liga erneut eine unterirdische Leistung bot, wiegt dabei viel schwerer. Alleine Aubameyang hätte zwei Tore machen müssen, vergab die Chancen aber kläglich. Auch ihm sei eine schlechte Phase zugestanden. Dass Sahin in der 90. Minute den kleinsten aller Spieler auf der Torlinie abschießt, passt daher gut in das Gesamtbild, welches der BVB an diesem Samstag abgegeben hat. Auch kann man von Glück sprechen, dass Bartra nach seinem harten Einsteigen an der Seitenline nur die gelbe Karte gesehen hat und mit einer durchaus berechtigten roten Karte beim nächsten Spiel in Hannover gesperrt gewesen wäre.

Am Ende überwiegte die Enttäuschung

Insgesamt schmerzen die beiden liegengelassen Punkte in Frankfurt, weil man nach der 2:0 Führung durchaus mit einem Sieg hätte rechnen dürfen. Betrachtet man allerdings das ganze Spiel, so geht das 2:2 in Ordnung. Nach zwei Jahren Ball Hin- und Hergeschiebe, welches jeweils in Niederlagen in Frankfurt endete, ist ein spektakuläres 2:2 in Frankfurt ein Segen, erst recht mit einer derart dezimierten Defensive, wie sie aktuell bei Borussia herrscht. Jegliche Diskussionen, die jetzt wieder geführt werden, sind Luxusprobleme, welche 17 andere Vereine in der Liga gerne hätten.

Die Anreise mal anders...

Die Anreise nach Frankfurt war für die meisten Fans der gewohnte Ablauf. Irgendwann vor Frankfurt wurden die Busse von Polizeieinheiten eskortiert und auch der unverzichtbare Helikopter knatterte wieder durch die Luft. Der Marsch der Szene vom Busparkplatz zum Einlass ins Waldstadion wurde dann durch die "Kettenhunde" (Zitat eines Polizeieinsatzleiters) der BFE begleitet. Auch nach dem Einlass wurde man in lockerer Formation zum Gästeblock eskortiert. Hier kommt es nun zu einer zweiten Kontrolle samt Vereinzelungsanlage. Das kennt man so schon seit Jahren in Berlin und Frankfurt - warum den Ordnern am Eingang nicht vertraut, müssen die Vereine erklären. Doch während diese Maßnahme in Berlin relativ gut organisiert ist und schnell verläuft, wird es in Frankfurt von Jahr zu Jahr schlimmer. Dieses Jahr wurden vier bis fünf Ordner für das intensive Abtasten abgestellt, während ungefähr zehn Männer und Frauen in "Ich-bin-furchtbar-wichtiger"-Westen dahinter standen und ihre Hauptaufgabe darin sahen, grimmig zu gucken. Wer dann diesen albernen Clowns nicht gefiel wurde zu einer Sonderuntersuchung in einen zweiten Raum gebracht. Hier machte es schnell die Runde, dass Damen sich teilweise auf die Unterwäsche entkleiden sollten und auch wieder einmal verlangt, die Brieftaschen zu durchsuchen - "es könnten ja u.a. Aufkleber darin sein". Ein Glück wer keine größeren Sorgen bei einer Großveranstaltung hat. Fans die sich weigerten dahergelaufenden Sicherheitskaspern ihre Brieftasche zu übergeben, wurde mit Rausschmiss gedroht. Als man sich schon auf das Verlassen des Stadions geeinigte hatte, wurde dann doch lieber die anwesenden BFE Einheiten zu Maßnahme gebeten. Die fanden dann auch nur Geld im Portomonaie. Spannend! Währenddessen wurde vor dem Eingang das Gedränge immer größer und zehn Minuten vor Spielbeginn war der Block immer noch verdammt leer. Das Fanprojekt berichtete, dass einige Fans nach der Kontrolle kreidebleich erstmal beiseite genommen wurden, damit diese sich von dem Gedränge erholen konnte. Erschreckend dabei war, dass die reichlich vorhandenen hessischen BFE Einheiten, lieber mit drei (!) Kameras den Einlass filmten und irgendwann Aufstellung annahmen, um in die Masse reinzustürmen, falls es Anlass gäbe. Auf Nachfrage bei einem Beamten, ob ein solche Engstelle mit Gedränge gewollt sei, wurde unumwunden vor Zeugen bestätigt: "Das sei richtig so, schließlich müsse man Pyrotechnik verhindern." Ein weiteres Beispiel welche Dimension das vermeintliche Teufelszeug Pyrotechnik angenommen hat und das selbst staatliche Vertreter hier mittlerweile völlig den Bezug zu den Prioritäten ihres Tuns verloren haben. Bis zu letzt sahen weder Polizei noch Ordnungsdienst ein, dass man den Vorgang durch mehr tätiges Personal beschleunigen sollte, sondern man gefiel sich in der Rolle des erhabenen Beobachters. Man mag den Handelnden die Webseite des Frankfurt Hauptsponsors ans Herz legen, vielleicht finden sich da Jobs mit weniger Verantwortung. Denn dieser wurden werder hessische Polizei noch die "Protect Veranstaltungsdienste GmbH" gerecht. Zur Abrundung leutete dann die Nordwestkurve auch das Spiel mit ordentlich roten Rauch. Gratulation für euren beherzten Einsatz am Gästeblock!

Unsere Fotostrecke zum Unentschieden des BVB in Frankfurt gibt es wie gehabt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Stimmen zum Spiel:

Maximilian Philipp: Die Enttäuschung ist groß. Wir hatten uns viel vorgenommen, aber wir wussten, dass die Eintracht eine gute Mannschaft hat, die viel Leidenschaft zeigt. Das haben sie heute gemacht. Frankfurt hat Qualität in seinen Reihen – das steht außer Frage. Wir machen das 2:0 und ich weiß nicht, ob wir gedacht haben, der Deckel ist drauf. Das sollte so nicht sein. Dann kriegen wir innerhalb von fünf Minuten zwei Gegentore und verschlafen das. Das ist bitter.

Peter Bosz: Ein bisschen Glück fehlt uns im Moment. Wenn man 2:0 führt und danach noch solche Chancen hat, dann muss man dieses Spiel "Wir haben es verpasst, das 3:0 zu machen, obwohl wir viele gute Chancen hatten."gewinnen. Wir haben es verpasst, das 3:0 zu machen, obwohl wir viele gute Chancen hatten. Das ist heute falsch gelaufen. Bei so vielen Chancen darf man den Gegner nicht mehr leben lassen. Die Wechsel würde ich genau so wieder machen.

Nuri Sahin: Das darf dir einfach nicht passieren. Wenn du 2:0 führst, darfst du kein offenes Spiel mehr gestalten. Wir wussten, wir bekommen noch mehr Chancen. Nach dem Elfmeter nimmt das Spiel dann seinen Lauf. Das darf nicht passieren.

Marius Wolf: Es spricht für die Mannschaft, dass wir ein 0:2 wieder aufgeholt haben. Wie sich jeder reingehauen hat. Wenn wir das so machen, können wir auch gegen Borussia Dortmund was holen. Wenn wir nicht mehr dran geglaubt hätten, hätten wir es auch nicht mehr geschafft. Wir haben ein sehr gutes Spiel gemacht und können am Ende mit dem 2:2 und dem Punkt zufrieden sein.

So haben sie gespielt

Eintracht Frankfurt: Hradecky – Russ (59. Hrgota), Hasebe, Abraham – Chandler (37. Salcedo), Gacinovic, Boateng, Willems – Wolf (76. Tawatha) – Haller, Rebic

Borussia Dortmund: Bürki – Bartra, Weigl (58. Zagadou), Subotic, Toljan – Sahin – Castro (58. Kagawa), Götze – Pulisic, Aubameyang, Philipp (84.

Bartra und Toljan gegen Haller

Sancho)

Tore: 0:1 Sahin (19., Bartra), 0:2 Philipp (57., Götze), 1:2 Haller (64., Foulelfmeter, Bürki an Rebic), 2:2 Wolf (68., Gacinovic)

Eckstöße: 4:4 (Halbzeit 0:2)

Chancenverhältnis: 8:10 (3:3)

Torschüsse: 14:20

Ballaktionen: 42% : 58%

Fouls: 13: 10

Christoph und Nicolai 22.10.17


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