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Unsa Senf - 13.10.2017

"Vater&Sohn"-T-Shirts im BVB-Fanshop - ein Rückschritt im Kampf um Gleichstellung? Pro und Contra

CONTRA (von Jakob und Malte D.):

Kampf um Gleichberechtigung wird nicht im Fanshop entschieden

Im Mai 1957 verabschiedet der Deutsche Bundestag das Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts. Zeitreise. 60 Jahre später. Ein Beben droht den BVB zu erfassen. Es hat seinen Ursprung in den Untiefen des vereinseigenen Fanshops. „Vater&Sohn“-Shirts werden da verkauft, das eine klein, das andere groß.

Der Papa und sein Stöpsel können so die Gemeinsamkeit ihrer Leidenschaft nicht nur leben, sondern auch zeigen. Wo aber bleiben Mama und Tochter? Sind sie etwa bewusst vergessen worden? Sind sie Opfer historisch gewachsener Geschlechterstereotypen geworden? Sind sie, die Frauen und Mädchen (egal ob gewollt oder ungewollt) Märtyrer im Kampf für die Gleichstellung geworden? Und: Fühlen sie sich in dieser Sache überhaupt vergessen?

Ich kann mit der Kritik an einem einzelnen Artikel im BVB-Fanshop und dem implizierten Vorwurf in Richtung BVB nichts anfangen. Der Verein wird als gespaltenes Wesen hingestellt: auf der einen Seite als Kämpfer für Gleichstellung und gegen Intoleranz, auf der anderen Seite als plumper Bediener von Geschlechterstereotypen der 30er-Jahre. Nur so viel: Die Welt ist nicht schwarzweiß und das Handeln der Menschen folgt nicht immer nur entweder dem höchsten Gut oder der bösen Absicht. Es gibt auch ein Dazwischen und in diesem gibt es viel Raum für Meinung, historisch bedingte Konstellationen, unterschiedlich stark ausgeprägte Motivation zum Gleichstellungskampf, Gelassenheit und eben Verbissenheit.

Ich bin ein Familienmensch. Ich stehe am Herd (und gegen die Prämie dafür), ich kümmere mich mit ums Kind (und Haushalt) und führe – so glaube ich – auch sonst ein recht aufgeklärtes Leben. Umso mehr verwundert mich die Diskussion um eine potenzielle und gefühlte Ausgrenzung der Frau durch einen Fanshop-Artikel, weil sie für mich an der vollkommen falschen Stelle geführt wird. Genauso wenig wie unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, genauso wenig wird der Kampf um Geschlechtergleichstellung im Fanshop oder am Bierstand gewonnen.

Möchte man den Gleichstellungsgedanken in den Köpfen der Menschen verankern braucht es vernünftige Anker und nicht ein Vater/Sohn-Shirt, das sämtliche Damen der Republik weinend zurücklässt, weil sie ja nicht bedacht wurden. Ebenso wenig als Anker dienlich ist hierfür der Bierträger „Herrenhandtasche“, der schon lange als witziger und sowas von überhaupt nicht vorbelasteter Gag zu verstehen war und dessen Missbrauch als Symbol des Verfalls unseres Kampfes für Gleichstellung mich eher ratlos zurücklässt.

Ich möchte davor warnen, durch das Verwenden dieser in meinen Augen zweifelhaften Anker eine Chance zu verspielen; die Chance ernsthaft Gehör in der Gesellschaft, aber auch beim BVB zu finden. Nutzt man seine Einflussmöglichkeiten auf das Tun und Handeln des Vereins mit dem Abkämpfen an derartigen Lappalien ab, so könnte es eines Tages geschehen, dass man bei Kritik an großen Verfehlungen kein Gehör mehr findet oder schlichtweg nicht mehr ernstgenommen wird. Zumal sich eine Gesellschaft von innen heraus verändern und nicht aufoktroyiert bekommen sollte, was Gender Mainstream ist und was nicht. Das Denken und Handeln der Menschen im Kampf um Gleichbehandlung einer introjizierten Motivation unterwerfen zu wollen, könnte ein interessanter Ansatz sein; mit derart biederen Ankern schärft man nur leider keine Norm, man befeuert den Widerstand gegen den Widerstand.

Historisch gesehen ist der Stadionbesuch oder der Fußball eine männlich konnotierte Sache. Hier und heute hege ich den Wunsch, dass sich diese eindeutige Zuordnung auflösen möge. Aber man kann diesen Wunsch nicht erzwingen. Es muss eine natürliche Entwicklung hin zu einem gemeinsamen Familienerlebnis Fußball geben; die gibt es aber nur aus den Familien selbst heraus und nicht, weil wir uns gegen die Ausgrenzung der Frau im Fanshop zur Wehr setzen.

Ich habe mich ein wenig umgehört, bei Männlein und Weiblein gleichermaßen; ich erntete ob des Vortrags der Kritik an diesem Fanshopartikel nur müdes Lächeln. Das Lächeln kam aus Gesichtern reflektierter, aufgeklärter, intelligenter Menschen. Sie alle werden diskreditiert durch die Kritik, die impliziert, dass jeder, der sie nicht teilt, mit Scheuklappen durchs Leben läuft und sehenden Auges in die Rückständigkeit abgleitet. Zudem grenzt diese Kritik am BVB wiederum gedanklich mich aus, der ich durch das Nicht-Akzeptieren-Wollens der Berechtigung für eine derartige Diskussion in eine Ecke geschoben werde mit denen, denen das Thema Gleichstellung wirklich komplett am Hintern vorbeigeht. Und das stimmt einfach nicht.

Wir müssen aufpassen, dass wir als aktive und kritische Fanszene nicht komplett an den Bedürfnissen der 80.000 Zuschauer im Stadion und der Fans vorbei kritisieren, argumentieren und agieren. Und dabei geht es weniger um politisch-ideologische Fragen oder die Kluft zwischen links und konservativ oder Mann und Frau. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob die endgültige Gleichstellung zwischen den Geschlechtern, die in Deutschland auf gesamtgesellschaftlicher Ebene tatsächlich nur als skandalös bezeichnet werden kann, nach herkömmlichem bottom-up-Prinzip (bezüglich des Diskussionsauslösers) herbeigeführt werden kann. Einfacher und polemischer formuliert: Es ist fraglich, ob die Entscheidungsträger und Diskursbeteiligten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durch die Thematik „BVB-Herrenhandtasche“ in ihren antiquierten Rollenbildern tangiert werden. Wer Gleichstellung einfordern und dafür kämpfen möchte, sollte dies n dafür prädestinierteren Orten tun: Parteien, NGO's und Lobbygruppen.

Gleichberechtigung ist nicht mit Gleichheit oder Angleichung gleichzusetzen. Gleichwertigkeit baut auf der Unterschiedlichkeit von Frauen und Männern auf und hier haben wir es sogar mit einer historisch bedingten Unterschiedlichkeit zu tun, die aufzubohren nicht von oben herab diktiert werden kann. Sie muss von den Menschen selbst zuerst gewollt, dann gelebt und schlussendlich zur Gewohnheit gemacht werden. Das kann nur funktionieren, wenn der Diskurs rund um das Thema Gleichberechtigung weniger verbissen geführt wird und die richtigen Anker gefunden werden. Den Anker „Vater&Sohn“-T-Shirt sollten wir daher schleunigst von Bord werfen. Ohne Kette.

PRO (von Sascha):

Nur ein T-Shirt-Angebot? - Nein, ein schlechtes Symbol für den Kampf um Gleichberechtigung

Ein Vater und der Sohn gehen zum Fußball. Ein Bild, das mittlerweile nicht nur völlig altmodisch sondern schlichtweg überholt ist. Wer seinen Blick über die Tribünen schweifen lässt, sieht dort alle möglichen Familienkombinationen. Da gehen ganze Familien gemeinsam zum Fußball, oder – Gott bewahre – sogar Mütter alleine mit ihren Töchtern, weil sich der männliche Part überhaupt nicht für diesen Sport begeistern kann.

Diese Entwicklung ist uneingeschränkt gut und begrüßenswert. Ist es dann so verwunderlich, wenn so ein plump-stereotypes Motiv bei manchen Frauen ein schlechtes Gefühl hinterlässt, weil es durch das Fehlen aller übrigen Konstellationen suggeriert, dass sie sich außerhalb der Norm beim Fußball befinden? Vater und Sohn, das ist klassisch. So hat die Liebe zum Fußball, zum Verein, innerhalb der Familie weitergegeben zu werden. Weiter noch, durch den Begleittext „Soll also keiner sagen, wir würden nicht genug für Familien tun“ wird der Kern einer Familie auf den rein männlichen Anteil reduziert. Die Frau wird nicht direkt, sondern über das Ausschlussverfahren von der Teilnahme am Fußball ausgegrenzt.

Nein, das ist natürlich nicht bewusst erfolgt. In der Marketingabteilung des BVB sitzen mit Sicherheit keine Macho-Chauvinisten, die Frauen mit aller Macht wieder aus dem Stadion drängen wollen. Aber dieses Vater-Sohn-Motiv zeigt sehr gut stereotype Geschlechterbilder, die im Unterbewusstsein vorhanden sind. Klassische Rollenverteilungen, mit denen viele von uns noch groß geworden sind und die immer wieder in den Gedanken hervorkommen, wenn man sie sich nicht permanent bewusst macht.

Mag sein, dass viele andere Besucher im Stadion diese Sichtweise nicht teilen, den Kopf schütteln und „Ist doch nur ein T-Shirt“ murmeln. Und? Ist das etwa ein Grund dafür, etwas stillschweigend zu akzeptieren, bei dem man sich ungerecht und ungleich behandelt fühlt, nur weil eine Mehrheit eine andere Sichtweise darauf hat? Nein, ist es nicht. Mit dieser Argumentationsweise könnte man, mit Verweis auf die konstant hohen Besucherzahlen im Profifußball, jede Interessenvertretung von Fanseite aus zum Schweigen bringen. Protest gegen Ausgliederungen der Fußballabteilungen in Kapitalgesellschaften, gegen die Abschaffung von 50+1, gegen zu hohe Ticketpreise, gegen Repressionen – was wollt Ihr denn eigentlich, die Stadien sind doch trotzdem voll. Den Leuten scheint es also, genau so wie es ist zu gefallen. Es ist bigott, diesen Protest gegen einen offensichtlichen Mehrheitswillen zu legitimieren, aber Frauen, die sich an immer noch vorhandenen Geschlechterstereotypen und Sexismus im Stadion stören zu bedeuten, dass sie sich nicht über jede Kleinigkeit aufregen sollen. Zumal andere Frauen sich ja auch nicht daran stören würden. Eine analoge Argumentation mit Verweis auf Leute, die ja bei ebay oder Viagogo Tickets zum mehrfachen des Nominalpreises kaufen und man sich deshalb bei geringfügigen Preiserhöhungen doch bitte nicht künstlich aufregen solle, würde an dieser Stelle jedenfalls für lautstarken Widerspruch sorgen.

Wer eine Meinung hat, sich ungerecht behandelt fühlt und gesellschaftliche Probleme erkennt, soll diese auch äußern dürfen. Das nennt man gesellschaftlichen Diskurs und nur der verändert langfristig Denkstrukturen und Verhaltensweisen.

Und welcher Ort und welche Zeit sollte besser in diesem Punkt besser dafür geeignet sein als das Stadion? Ja, natürlich kann und sollte man sich auch in entsprechenden Organisationen dafür engagieren, aber letztendlich ist der Verweis darauf nichts anderes als der altbekannte und bequeme Versuch, Missstände als diffuses „Gesellschaftsproblem“ zu definieren und die Bearbeitung an irgendeinen anderen zu delegieren. Was versuchen Parteien, NGO’s oder Lobbygruppen denn anderes, als Zugang zu finden, um ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen? Dieser Zugang ist aber doch bereits da, wenn man auf der immer noch männlich dominierten Tribüne steht und mit Freunden und/oder Fanclubmitgliedern spricht, bei denen das Bewusstsein für Diskriminierungsproblematiken noch nicht so ausgeprägt ist, wie es sein sollte. Diese Diskussion in außen stehende Organisationsformen zu verlagern wäre nichts anderes als einen mächtigen Schritt zurück machen und Türen suchen zu müssen, die an dieser Stelle sperrangelweit offen stehen.

Und nicht zuletzt der BVB hat doch ganz praktikabel gezeigt, wie wichtig die Arbeit vor Ort ist. Die Bierdeckelaktion „Kein Bier für Rassisten“ ist da ein sehr gutes und starkes Beispiel dafür, dass Diskussionen und Argumentationen genau dann am wirkungsvollsten sind, wenn man sie dort führt, wo Missstände geschehen. Ein Verweis, dass diese Arbeit doch besser und sinnvoller in der Gesellschaft statt im Stadion, bzw. am Stammtisch erledigt werden sollte, wäre von vielen empört zurück gewiesen worden. Warum sollte es dann falsch sein, wenn Frauen sich für eine moderne Geschlechtergleichstellung aussprechen? Selbst, wenn es sich dabei „nur“ um ein T-Shirt handelt.

Sascha/Jakob/Malte D.; 12.10.2017


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