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Fußball offline - 11.10.2017

Gelesen: In der Wand

Choreo im WestfalenstadionEin Bild- und Gedichtband zur Südtribüne. Mit Gedichten verbinde ich schlimmste Grundschulzeiten und sinnloses Auswendiglernen von „John Maynard“ und „Der Herbst steht auf der Leiter“. Im Kontext mit Fußball sagen mir Gedichte in ihrer pathetischen Form überhaupt nicht zu. Irgendwie sind das für mich zwei Welten, die nicht wirklich zusammenpassen.

Insofern bin ich schon ein wenig skeptisch an das Machwerk von Lucas Vogelsang, Reinaldo Coddou, Andreas Volleritsch und Oliver Wurm herangegangen. Warum ich mich dann trotzdem für die Rezension gemeldet habe? Mir ist das „Magazin“ schon in den Boutiquen im Dortmunder Kiez aufgefallen. Denn das Format in Form eines Magazins gefällt mir. Dazu kommt, dass mit Reinaldo Coddou ein Mann dabei ist, dessen Bilder für absolute Qualität stehen. Ich habe eine Reihe von Büchern im Regal, an denen er zumindest mitgearbeitet hat und „Buenos Aires“ ist für mich persönlich der großartigste Bilderband, den ich bisher in die Finger bekommen habe.

Die anderen Redakteure sagten mir spontan nichts und die bisherigen Veröffentlichen von Fussballgold.de rund um Welt- und Europameisterschafften sprechen mich mal gar nicht an. Beim ersten Aufschlagen strahlt einen dann zuallererst eine zweiseitige Werbung vom BVB-Hauptsponsor entgegen. Kann man machen – finde ich persönlich nicht schön. Da zahle ich lieber mehr als die 4,50 €, aber habe eben Borussia bzw. Südtribüne pur. Danach folgen noch Werbung von einem Dortmunder Versicherungskonzern und einem US-Brausehersteller, ehe der Inhalt beginnt.

Ein Tier

Hier erklärt Oliver Wurm den Ausgangspunkt des Magazins. Seine Idee war die Visualisierung eines Gedichts aus der Literatur-Kolumne des BVB Hauptsponsors. Auch gut – jetzt weiß ich, dass es die überhaupt gibt. Verrückte Blüten treibt der Irrsinn moderner Fußball.

Das Gedicht selber sagt mir gar nicht zu – weder in der Originalform noch in der erweiterten Form, die im Heft verwendet wurde. Das ist natürlich Geschmackssache, aber irgendwie finde ich mich da nicht wieder. Gefühlt sind solche Machwerke immer nur ein Abklatsch irgendwelcher Erzählungen oder Vorstellungen wie es ist oder eher sein sollte. Es fühlt sich nicht so an, als ob der Autor alle zwei Wochen sein Plätzchen auf der Südtribüne einnimmt. Insbesondere die Zuschreibungen, dass man (die Wand respektive die Südtribüne) „den Zirkus braucht“, „die Pirouetten von Dembelé“, „den Salto von Aubameyang“ und „Karneval und den Maskenball“. Die Südtribüne gab es in ihrer Form schon vor 2011 und wird es auch danach geben. In ihren besten Moment ist sie kein Karneval oder Maskenball, sondern eine brachiale Wucht. Das ist nicht besonders feingeistig, aber geil. Die emotionalsten Momente sind gefühlt auch nicht Hacke-Spitze-1-2-3, sondern wenn ein Pöhler wie Florian Kringe das Herz in die Hand nimmt und aus 25 Metern den Ball in die Maschen drischt. Dann kracht es, dat is Doatmund!

Westfalenstadion Choreo

Was bleibt nach all der Kritik? Natürlich die tollen Bilder. Neben tollen Aufnahmen der Südtribüne sind auch einige Klassiker der BVB-Geschichte dabei. Ob ein junger Reinhard Rauball oder Karl-Heinz Riedle in München 97. Einen echten Bonuspunkt gibt es auch dafür, dass man sich nicht scheut, umstrittene Szenen und Ereignisse rund um das Derby oder das vergangene Spiel gegen den Rasenballsport zu dokumentieren. Fußball ist eben nicht nur drollige Folklore, sondern auch zuweilen immer noch hart.

Das Heft selber ist auf Grund seiner Mache mehr Zeitung als Magazin. Das passt eindeutig besser zur Südtribüne als ein 40 €-Hochglanzbilderband und fühlt sicht echter an als manches Erzeugnis der offiziellen durchgestylten BVB Öffentlichkeits- und Merchandisingarbeit. Zusammenfassend bleibt, man macht dem Kauf bei 4,50 € nicht allzu viel falsch. Die lyrische Verarbeitung ist eben Geschmackssache, die Bilder fangen aber die Tribüne in ihrer Art sehr gut ein. Wer noch ein kleines Weihnachtsgeschenk für einen BVB Fan sucht, für den Borussia mehr als Dembelé, Reus & Co. ist, kann hier beruhigt zugreifen.

Beziehen kann man das Heft über fussballgold.de oder in etlichen Läden im Dortmunder Kiez.

Nicolai, 11.10.2017


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