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Unsa Senf - 28.09.2017

Erwartungshaltungen

Zwischen "Wer wird deutscher Meister?"...Wer die aktuelle Bundesligatabelle und die Tabelle der Gruppe H in der Champions League nebeneinander legt, der bekommt ein sehr kurioses Gesamtbild. In der einen Tabelle ist der BVB sogar sehr souverän Tabellenführer. Mit stolzen 16 Punkten aus sechs Spielen und einem Torverhältnis von fulminanten 19:1 Toren. Zum Vergleich: Der Branchenprimus FC Bayern München hatte zum gleichen Zeitpunkt in der letzten Saison 16:2 und in der Vorsaison 20:3 Tore. Die Tabellenspitze strahlt schwarzgelb.

Der Blick auf den Zwischenstand in der Liga der Champions ist dagegen das totale Kontrastprogramm. Dritter mit null Punkten. Genau so viele Gegentore kassiert wie das internationale Schwergewicht Apoel Nikosia und nur zwei selbst geschossene Buden verhindern, dass wir hier das Ende der Tabelle zieren. Der Abstand auf Tottenham Hotspur und Titelverteidiger Real Madrid beträgt bereits sechs Punkte und das Achtelfinale ist maximal ein kleiner Punkt am Horizont.

Wo steht der BVB Ende September also wirklich und vor allem: Wie soll man die bisherige Arbeit von Peter Bosz bewerten?

Zuerst einmal sollte man beide Tabellen in den Kontext einordnen. In der Bundesliga haben wir einfach noch gegen keine Spitzenmannschaft gespielt. Von unseren bisherigen Gegnern ist aktuell Hertha BSC auf Platz 8 der Bestplatzierte. Und natürlich kommt es dem von Peter Bosz favorisierten Offensivpressing sehr entgegen, wenn die Gegner einerseits nicht die höchste spielerische Qualität im Aufbau haben, andererseits bei eigenen Angriffen auch nicht über die Leute verfügen, die eiskalt die zwar wenigen, dann aber oft hochwertigen Chancen nutzen. In der Wertung der erzielten Tore ist Gladbach mit acht Treffern aus sechs Spielen schon weit vor unseren übrigen Gegnern. Wie weit der spielerische Ansatz, hoch zu stehen und die Räume in der gegnerischen Hälfte eng zu halten, wirklich praxistauglich für die Ligaspitze ist, wird man wohl erst sehen, wenn man gegen Mannschaften wie Leverkusen, Hoffenheim, RaBa oder Bayern München spielt, die allesamt schon Torerfolge im zweistelligen Bereich vorweisen können.

... und deutlicher Niederlage gegen Real MadridAndererseits ist man in der Champions League aber auch nicht so massiv schlecht, wie der Abstand auf Real und die Spurs vermittelt. Neben dem Fakt, ganz einfach eine sehr starke Gruppe mit dem Meister aus „La Liga“ und dem Zweiten der letztjährigen Premier-League-Saison erwischt zu haben, haben wir auch die denkbar ungünstigste Terminierung erwischt. Zum Start auswärts in London, dann zu Hause gegen Real Madrid. Diese beiden Spiele zu verlieren ist keine Schande und unsere beiden bisherigen Gegner haben bereits ein Spiel gegen Nikosia gehabt, die man zwingend schlagen muss. Ein Weiterkommen wird zwar schwer, aber es ist auch nicht komplett ausgeschlossen, dass sich das Rückspiel gegen Tottenham zu einem echten Showdown im Kampf um Platz 2 entwickelt. Trotzdem muss man ehrlicherweise anmerken, dass beide Niederlagen verdient waren. In London war der BVB in der ersten Halbzeit zu naiv, in der zweiten deutlich unterlegen. Von zwei Mannschaften mit ähnlichen Spielansätzen haben die Spurs es geschafft, uns zu einem statischen Ballbesitzspiel zu zwingen, um selber phasenweise pressen und schnell umschalten zu können. Real Madrid, das muss man konstatieren, ist nahezu in Bestbesetzung und in guter Tagesform für uns eine Nummer zu groß. Der Auftritt in unserem Westfalenstadion war ein eindrückliches Zeichen, warum sie derzeit als beste Vereinsmannschaft der Welt gelten. Absolute Monster in Sachen Ballsicherheit und Passspiel, die sich über unseren bis an die Mittellinie aufgerückten Abwehrverbund vermutlich ziemlich gefreut haben. Realistisch betrachtet ist die Vorstellung, dass man dieses Real Madrid mit einem Offensivpressing zerdrücken kann, wohl doch etwas naiv gewesen.

Wobei naiv vielleicht eine Spur zu hart ist, denn welche andere Möglichkeit hätte Peter Bosz denn gehabt? Spulen wir mal zurück in den Juli, als der neue Trainer seine Mannschaft zum ersten Training bat.

Probleme bei der Umsetzung waren von Anfang an angekündigt

Schon damals wies Peter Bosz darauf hin, dass es auch bei seinen bisherigen Stationen eine gewisse Zeit gebraucht hat, bis seine Spieler seinen Spielansatz vollständig verinnerlicht hatten, Geschäftsführer Aki Watzke befürchtete gar einen Stotterstart. Neben der Anforderung, nach Thomas Tuchels eher ballbesitzorientierter Ausrichtung wieder auf ein Angriffspressing umzuschalten, das nicht völlig außer Acht lässt, dass der BVB mittlerweile in fast jedem Bundesligaspiel die Mannschaft ist, die am häufigsten den Ball hat, waren auch die personellen Anforderungen an die Übergangsphase nicht gerade leicht. Mit Ousmane Dembélé verließ kurz vor Saisonstart ein fest eingeplanter Baustein das Team und wurde kurzfristig durch Andrey Yarmolenko ersetzt. Darüber hinaus mussten die Neuverpflichtungen Ömer Toprak, Jeremy Toljan, Maximilian Philipp, Dan-Axel Zagadou und Mo Dahoud integriert werden. On top kamen noch längerfristige Ausfälle von eigentlichen Stammspielern wie Marcel Schmelzer, Marco Reus, Raphaël Guerreiro und Julian Weigl sowie die schrittweise „Wiedereingliederung in den Arbeitsalltag“ bei Mario Götze und Shinji Kagawa. Über weitere Verletzungen von Marc Bartra, André Schürrle, Sebastian Rode oder Erik Durm sprach man ja schon fast gar nicht mehr.

Aki Watzke und Peter Bosz haben Probleme angekündigtKurz zusammengefasst: Die Ausgangslage zur Installation eines neuen Spielsystems in eine neue Mannschaft hätte für Trainer Bosz deutlich besser sein können. Unter diesem Gesichtspunkt steht der BVB wirklich sehr gut da. Bis auf das Spiel gegen Freiburg, das aufgrund der roten Karte einen speziellen Verlauf bekam, wurden die Spiele, die man gewinnen musste, auch gewonnen. Und nicht nur irgendwie, sondern mit einer Art, die jedem Fan wirklich Spaß gemacht hat. Drei Tore in Wolfsburg, fünf gegen den FC Köln und satte sechs Tore gegen die Gladbacher. Döpdöpdöpdöbödöpdöpdöp. Gegen Mannschaften aus Tabellenregionen, die uns in der letzten Saison teilweise echte Probleme bereitet haben wie in Ingolstadt oder gegen Darmstadt.

Man sieht der Mannschaft Lernerfolge im Vergleich zu den Testspielen gegen Espanyol Barcelona oder Atalanta Bergamo deutlich an, in denen sie vorne nur selten zu Torgelegenheiten kam, hinten jedoch durch eigene Fehler leichte Gegentore kassierte. Dabei wird man sich von der Erwartungshaltung verabschieden müssen, dass unser Spiel unter Bosz jemals ohne Risiko für Gegentore sein wird. Sein 4-3-3 funktioniert perfekt, wenn es eben perfekt funktioniert. Ballverluste in der Vorwärtsbewegung, falsch besetzte Räume und individuelle Fehler im Defensivbereich werden auch in Zukunft zu Chancen für das gegnerische Team führen. Wer offensiven „Wuchtfußball“ liebt, der wird das akzeptieren müssen.

Hätte Bosz in der Champions League seine Taktik den höheren Anforderungen anpassen müssen?

Aber hätte er nicht doch auf dem deutlich höheren Niveau der Champions League anders spielen lassen müssen? Die Frage ist, welche Alternativen er gehabt hat. Eine defensive Spielweise ist für eine Mannschaft nicht leichter, nur anders. Auch sie erfordert intensives Training und Zeit, die Bosz einfach nicht gehabt hat. Noch einmal: Die Mannschaft befindet sich aktuell in der Phase, die vor Saison noch als (Kennen-)Lernphase deklariert wurde. Abläufe werden automatisiert und verfeinert. Wer meint, da „mal eben“ in ein paar Tagen ein anderes System einstudieren zu können, der irrt.

Bosz hätte natürlich eine Aufstellung mit zwei Sechsern, einer Fünferkette oder einem 4-3-2-1 wählen können, um vor allem gegen Real Madrid die Defensive zu stärken. Aber die Gleichung, dass eine defensive Grundordnung ein besseres Ergebnis zur Folge gehabt hätte, ist zumindest blauäugig. Derartige Mittel müssen exakt so zeitintensiv und umfänglich eingeübt werden wie eben die Abläufe in der aktuellen Variante, damit es in der Königsklasse auch wirklich eine Wirkung hat. Real Madrid sagt bei einer Fünferkette, bei der die Abstände und Übergabepunkte nicht stimmen, genau so „Danke“ wie bei einer aufgerückten Viererkette mit anschließendem Ballverlust.

Unter Jürgen Klopp war ein häufig geäußerter Vorwurf, dass man Standardsituationen nicht ausreichend trainieren würde, was vom Trainer damals derart beantwortet wurde, dass man es zwar gerne machen würde, dafür aber schlichtweg die Zeit fehle. Man wird diese Saison damit leben müssen, in der Champions League auf höchstem Niveau einfach nicht konkurrenzfähig zu sein und sehr wahrscheinlich in die Europa League „abzusteigen“, weil die Zeit zwischen den Spielen aufeinanderfolgender englischen Wochen und Nationalelfabstellungen eben nicht reicht, die gewünschte Standardausrichtung perfekt einzupauken und nebenbei noch ein paar situative Varianten zu üben.

Ganz davon abgesehen, dass es in der letzten Saison ein zentraler Kritikpunkt an der Arbeit von Thomas Tuchel war, dass er einer Mannschaft in personell schwierigen Phasen eben keine Kontinuität und Stabilität vermittelt, sondern sie mit wechselnden „Matchplänen“ und einhergehender Rotation häufig genug verunsichert hat. Peter Bosz geht genau den umgekehrten Weg. Er strahlt ein unerschütterliches Vertrauen in seinen Plan aus und zieht ihn konsequent durch. Natürlich mit dem Manko, dass es auch mit ziemlicher Gewissheit nicht zum Erfolg führt, wenn dieser Plan ausgehebelt wird.

Welcher Weg letztendlich der richtige ist, werden wir in zwei, drei Monaten genauer bewerten können. Bislang läuft es eben so gut, wie es laufen könnte. Und wir haben Spaß dabei.

28. September 2017, Sascha


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