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Eua Senf - 21.09.2017

Leitlinien der Nutzung der Videotechnologie

Die Einführung der Videotechnologie in der Bundesliga hat bisher für mehr negative als positive Reaktionen gesorgt. Doch warum ist das so? Das Spiel des BVB gegen den 1. FC Köln hat eine Menge Anschauungsmaterial geliefert, warum der Videobeweis bisher nicht wirklich überzeugen konnte. Zugleich ist aber auch deutlich geworden, dass er trotz der laienhaften Nutzung durch die Protagonisten zu gerechteren Ergebnissen führt: Ohne die – inhaltlich richtigen – Hilfestellungen des Videoassistenten wäre es wohl kaum das verdiente 5:0 geworden, sondern eine enge Kiste gegen mauernde Anti-Fußballer aus Köln – schlichtweg weil ein reguläres Tor zum 2:0 nicht gegeben worden wäre und ein glasklarer Elfmeter zum 3:0 übersehen worden wäre. Gerade wenn man kontrastierend das so klar reguläre, technisch anspruchsvolle und dennoch weggepfiffene Tor von Wembley zum 2:2 sieht, kann man als Freund des gerechten Wettbewerbs gar nicht grundsätzlich gegen den Videoassistenten sein. Manche kritisieren die starken Verbände und großen Vereine, dass diese mal wieder nur zu ihren Gunsten den Wettbewerb verändern wollten. Kurz gesagt fordert diese Gruppe, dass sportlicher Wettbewerb zugunsten der schlechteren Mannschaften durch Fehlentscheidungen des Schiedsrichters beeinflusst werden sollte und unterstellt, dass dies in der Vergangenheit auch so war. Das ist zum einen gegen jeden Gedanken sportlichen Wettbewerbs, zum anderen aber auch inhaltlich unzutreffend. Mehrere Studien haben gezeigt, dass große Vereine von Schiedsrichtern unbewusst bevorzugt werden, weswegen etwa der FC Bayern München überproportional viele Elfmeter erhalten hat (http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/bundesliga/fussball-bundesliga-es-gibt-einen-bayern-bonus-der-schiris-14180840.html). Selbst wenn man also eine Verzerrung zugunsten kleinerer Vereine wünschte - was man als Sportler und Fan des sportlichen Wettkampfs nicht wirklich kann! – ist dies mit der klassischen Spielleitung ohne Videounterstützung gerade nicht der Fall.

Im Übrigen: Sportlicher Wettkampf wird maßgeblich in der Bilanz der umgangssprachlich als Vereine bezeichneten Sportunternehmen vorbereitet und gewonnen. Dort müssten dringend Maßnahmen zur Verbesserung der Situation kleinerer Fische ergriffen werden. Freilich ein anderes und deutlich komplexeres Thema. Schließlich führt auch das dümmliche, aber dennoch immer wieder vorgebrachte Scheinargument des Wegfalls der montaglichen Diskussionen um Fehlentscheidungen des Schiedsrichters in die Irre: Ein Blick in den Blätterwald, sei es der mit Bildern buntbedruckte oder mit schönen Worten geschmückte, führt seit Wochen zu einem Thema: Videobeweis. Auf Dauer sollte jedoch der Sport als solcher, also Tore, Flanken oder Grätschen, Thema sein und nicht der neutrale Spielleiter. Wer diesen als Blitzableiter (zumal außerhalb der 90 Minuten) braucht, hat andere Probleme.

Die technische Unterstützung ist also da, ob man es mag oder nicht. Besser als alte Grabenkämpfe weiterzuführen ist es daher, an einer Verbesserung der jetzigen Situation zu arbeiten. Was kann also tatsächlich besser gemacht werden? Ziel muss zweierlei sein: Die Nutzung des Videoassistenten muss zu einer echten Hilfe für den Schiedsrichter zur Verbesserung der sportlichen Gerechtigkeit werden und darf zugleich das (Stadion-) Erlebnis „Fußball“ nicht grundlegend verändern. Folgende Leitlinien tragen diesen Zielen Rechnung.

1. Der Schiedsrichter entscheidet über das Ende der Spielsituation durch seinen Pfiff und wird von den sonstigen Schiedsrichtern nur assistiert (Spielleiterprinzip).

Offenbar hat die in der Verhaltenspsychologie schon lange erkannte „Technikgläubigkeit“ auch vor deutschen Schiedsrichtern nicht Halt gemacht. Was dort als Glaube an die Unfehlbarkeit der Technik und die Aussagekraft von Zahlen ohne vermeintliche Wertung durch fehlbare Menschen verstanden wird, funktioniert auf ähnliche Weise bei Schiedsrichtern. Diese vertrauen darauf, dass im Zweifel schon der Videoassistent eingreift und dann auch die richtige Entscheidung trifft. Der Videobeweis wird aber auch nur von einem Menschen bedient, er liefert – anders als etwa die Torlinientechnik – kein messbar richtiges Ergebnis, sondern nur die Möglichkeiten durch Auswertung von Bildmaterial zu richtigen Entscheidung zu kommen. Der Spielleiter sollte sich also klarer vor Augen führen, dass weiterhin er entscheidet und der „Mann im Bunker“ nur eine Hilfestellung ist.

2. Der Spielleiter sollte Situationen in Tornähe nur bei von ihm als glasklar erkannten Situationen unterbrechen; ansonsten gilt es, Szenen "zu Ende" spielen zu lassen und nicht einzugreifen („im Zweifel für den Spielfluss“)

In Anwendung des Spielleitungsrechts sollte der Schiedsrichter Szenen, die unmittelbar zum Torerfolg führen können, grundsätzlich erst einmal laufen lassen. Ähnlich wie bei Vorteilsauslegung wird sonst der angreifenden Mannschaft der Vorteil der Videoauswertung genommen. Wird in einem Spielzug während Abseits zurückgepfiffen, wird dieser nicht wiederhergestellt. Ist der Ball erstmal einmal im Tor, kann man immer noch einmal überprüfen. Und nein, dies wird nicht das Stadionerlebnis grundlegend beeinträchtigen: Die meisten Torerfolge sind unproblematisch regelkonform. Bei Abseitsverdacht nimmt der erfahrene Stadionbesucher auch zunächst einmal den Linienrichter ins Visier, ob dieser keine Einwände hat. Wenn der „Mann im Bunker“ schnell reagiert, wird der zeitliche Unterschied nicht bedeutend größer sein.

3. Der Videoassistent sollte im Stadion sitzen, idealerweise in einer Box am Spielfeldrand. Dadurch könnte der Schiedsrichter besser kommunizieren und in Zweifelsfällen an die Seitenlinie Unklarheiten austauschen. Ob man diesen daneben mit einer Fahne ausstattet oder die Nutzung seiner Dienste über die Videoleinwand anzeigt, ist Geschmackssache. Jedenfalls muss schnell klar sein, dass eine Szene überprüft wird.

Daneben ist es notwendig, die Zuschauer im Stadion besser in den Entscheidungsprozess einzubinden. Beim nun so umstrittenen 2:0 durch Sokratis schien vielen Fans am Ende nicht klar zu sein, ob das Tor nun zählte oder nicht. Ittrich kommunizierte, nachdem er das Tor bereits gegeben hatte, auf Nachfrage der Kölner an der Mittellinie stehend offenbar noch einmal mit Köln, um dann sofort zur Halbzeit zu pfeifen. Eine merkwürdige Szene, die doch einige Fans ratlos zurückließ. Auch der (völlig berechtigte) Elfmeter wurde eher als Geschenk denn als richtige Entscheidung wahrgenommen. Schlichtweg, weil die meisten Besucher „gar nichts“ gesehen hatten und selbst die fast schon obligatorischen „Hand!“-Rufe bei abgewehrten Flanken ausblieben. Gerade Kölner Fans dürften sich wie Herr K. in Kafkas Process gefühlt haben – Wo bleibt die Transparenz der Entscheidungsfindung und die Mitteilung des Tatvorwurfs? Wer wurde hier für was bestraft? Man konnte nur mutmaßen. Um künftig derart kafkaeske Situationen zu vermeiden muss dringend

- die jeweilige Szene parallel im Stadion auf den Leinwänden gezeigt werden und

- der Spielleiter per Durchsage mitteilen, was der Regelverstoß etc. war.

Durch die parallele Wiederholung der Spielszene im Stadion erleben die Zuschauer die Situation noch einmal "live" und können entsprechend mitfiebern. So einzigartig der Fußball sein mag, ein Vergleich zum Hawk-Eye-Einsatz im Tennis zeigt, dass dies durchaus auch mit Emotionen verbunden sein kann. Häufig ist ja weniger die Bewertung der Szene das Problem, sondern deren Wahrnehmung. So könnte künftig durchaus ein „Hand!!!“-Ruf durchs Stadion schallen, wenn eine Szene auf der Videoleinwand wiederholt wird. Eine zusätzliche Komponente für das Stadionerlebnis, aber keine grundlegende Veränderung. Dafür sind solche Szenen zum Glück zu selten.

Neben diesen zwingend notwendigen Veränderungen sollte auch wir Fans und Stadiongänger uns zweierlei klar machen: Der Videobeweis ist nicht erst dann ein wirksames Mittel, wenn er alle falschen Entscheidungen ausmerzt. Schon der Ausschluss der meisten gravierenden Fehlentscheide sollte von uns als Fortschritt gewertet werden. Daneben muss man der Anwendung des neuen Systems etwas Zeit zugestehen. Ja, man fragt sich, was der DFB im letzten Jahr gemacht hat. Man hat den Verdacht, dass die Nutzung des Videoassistenten nicht sauber vorbereitet worden ist. Dass dies auf guten Nährboden fällt („Scheiss DFB“; „Fußballmafia DFB“) mag verständlich sein, hilft aber nicht, unseren Sport die Gerechtigkeit zu geben, die er und wir als Fans verdienen.

Gastautor Max, 21.09.2017


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