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Spielbericht Profis - 16.09.2017

Auswärts bei den Spurs – oder: wenn das Spiel zur Nebensache wird

Die Auslosung zur Gruppenphase war unspektakulär verlaufen – schon wieder nach Madrid, schon wieder nach London und als Highlight das Los auf Topf Nummer 4. Viele der sonst reisefreudigen Fans hatten den Trip nach London gar nicht erst angetreten, weil sie keinen Urlaub bekommen oder nach den vielen Trips der letzten Jahre vielleicht auch schlichtweg eine Pause nötig hatten. So fanden sich unter den rund 4.000 mitgereisten Borussen vergleichsweise wenig bekannte Gesichter und bot sich immerhin für all jene, die sonst „nie Karten bekommen“, eine gute Gelegenheit zum Besuch eines Auswärtsspiels in der Champions League.

Die Reise

Chaos bei der Anreise: Viele Fans hatten mit Verspätungen und Flugabsagen zu kämpfenStellvertretend für so viele Borussen, die sich über mehrstündige Verspätungen und diverse Flugabsagen ärgerten oder eine vergleichbare Odyssee über die Kanalfähren erlebten, beginnen wir mit einer ausführlichen Schilderung unserer Anreise. Diese nahm ihren Lauf von Frankfurt am Main mit Ryanair am Dienstagabend. Um 18.55 Uhr hätte es losgehen sollen, Freunde hatten zu diesem Zeitpunkt bereits von ihrer Flugabsage in Dortmund berichtet. Während am Gate um 20.30 Uhr noch tapfer der pünktliche Abflug um 18.55 Uhr bescheinigt und die Maschine durch das Personal bereits 45 Minuten zuvor als „bereit zum Boarden“ angekündigt worden war, sprang die Ryanair-App auf „cancelled“. Im Warteraum brach Hektik aus - das Personal und der mit uns wartende Pilot, von der Ryanair-Zentrale herzlich im Stich gelassen, erfuhren erst eine halbe Stunde später von der Absage.

Geschockt und bemüht um Erklärungen, fielen Sätze wie diese: „Wir wissen auch nicht, was passiert ist. Das Flugzeug aus Pisa, das nach London weiterfliegt, hätte schon längst landen sollen. Der Flug ist aber spurlos verschwunden, das Flugzeug ist nie in Frankfurt angekommen. Wir warten auf Informationen aus Dublin. Es ist einfach weg.“ Während das Personal um Fassung rang und die ersten Passagiere sich so langsam unwohl fühlten, wusste die App bereits mehr: Um 20.22 Uhr war der Flug von Pisa nach Frankfurt am Main nach Frankfurt/Hahn umgeleitet worden. Das nun irgendwann auch einmal informierte Personal übte sich weiter in "Deeskalation": „Wir wissen nicht, warum die Maschine notgelandet ist, ob es technische Defekte gab. Wenn wir es schaffen, fahren wir Sie hin und Sie können dort einsteigen.“ Wen packt da nicht die große Reiselust?

Es schlug die Stunde des Flughafenpersonals. Die Anweisung, unser Gepäck an „Band D46“ abzuholen und dann zum Treffpunkt „Schalter E936“ zu kommen, entpuppte sich als Reise zum Passierschein A38. Ein Mitarbeiter des Flughafens hatte den Zugang zu Gepäckhalle D bereits mit Absperrband geschlossen und bestand auf den Ausgang durch Halle E. Dort gab es natürlich kein Gepäck, sodass sich die Reisegruppe aus rund 200 irritierten Passagieren erneut zurück in Halle D bewegte. Nach zweimaliger Wiederholung des lustigen Suchspiels übernahm nun wieder das Ryanair-Personal: „Wir müssen durch Halle E, das Gepäck in Halle D ist erst einmal weg. Wir gehen jetzt raus zum Schalter und Ihr Gepäck können Sie dann später um einen Umweg holen.“

Es folgten zwei Stunden Anstehen am Ticketschalter, in denen Informationen die größte Mangelware blieben. Während drei Ryanair-Mitarbeiter sich um Umbuchungen und Problemlösungen für die Passagiere kümmerten, sprach sich als Running Gag zwischen den Passagieren herum, wie man an seinen Koffer gelangen könnte: „Da hinten in Halle D, vorbei an den Rolltreppen und Schalter XY, findet ihr eine Tür mit Telefon. Den Hörer müsst ihr abnehmen und wieder auflegen, dann öffnet sich die Tür und ihr steht am Gepäckband.“ Und weil das tatsächlich funktionierte, erreichten wir ohne jede Kontrolle das Gepäck und erhielten gegen Mitternacht, also fünf Stunden nach dem geplanten Abflug, sogar noch einen Tipp zur Entgegennahme eines ominösen 15-Euro-Verzehrgutscheins. Gegen 2 Uhr morgens, wir waren kurz zuvor auf einen Flug ab Nürnberg umgebucht worden, konnten wir tatsächlich mit rund 30 Passagieren in einen Reisebus steigen. Und während man in Frankfurt noch das Gefühl gehabt hatte, erstmals in der Geschichte der Luftfahrt eine Flugabsage organisieren zu müssen, reichten Check In und Abfertigung in Nürnberg trotz denkbar engen Zeitrahmens für einen pünktlichen Abflug um 6.30 Uhr.

Spiel und Drumherum

Vor dem Stadion herrschte Lust auf deutsche Würstchen

Völlig übermüdet und mit 12 Stunden Verspätung angekommen, entschieden wir uns nach Nickerchen und Mittagessen zur direkten Fahrt nach Wembley, wo ein großer Pub mit Gartenfläche für Gästefans vorgesehen war. Tatsächlich hielten sich dort zahlreiche Borussen auf und erzählten sich von ihren Erlebnissen mit Flughäfen und Fährüberfahrten. Eine richtige Europapokalstimmung kam nur leider nicht auf, man saß eben zusammen und trank ziemlich teures Bier. Die größte Begeisterung war noch bei einigen Kölnern zu spüren, die sich Tickets für das Spiel besorgt und unter die Menge gemischt hatten.

Im Stadion herrschte das übliche Bild englischer Stadien. Die riesige Arena füllte sich erst wenige Minuten vor Anpfiff, bei Ticketpreisen von satt über 50 Euro blieben gut über 20.000 Plätze frei. Im Gästeblock hingen Zaunfahnen und wurden eine Hand voll Fahnen geschwenkt, auf Heimseite war dergleichen nichts zu sehen. Während sich der BVB-Anhang zumindest zu Spielbeginn um etwas wie Stimmung bemühte, sang und hüpfte, begnügten sich die Anhänger der Spurs über weite Strecken des Spiels mit schweigender Anteilnahme. Erst mit zunehmender Dauer starteten auch die Briten einige Gesangsversuche, wurden kurz laut und gleich wieder sehr belanglos. Alles in allem ein durchgehend mäßiges Stimmungsbild, das angesichts von Spielentwicklung und Rahmenbedingungen wohl auch niemanden so wirklich überraschte.

Peter Bosz hatte im Vorfeld angekündigt, den als offensiv erwarteten Spurs mit einer ebenso offensiven Spielweise zu begegnen. Auf diese Weise sollte dem Gegner nicht nur die eigene Spielfreude aufgedrückt, sondern auch der Vorteil der internationalen Erfahrung genutzt werden. Nur leider hatte sich Bosz in seiner Erwartung vertan – die Hausherren ließen den BVB gewähren und spekulierten auf Konter, die ihnen die allzu offene Spielweise des BVB mit Sicherheit gewähren würde. Dieser Plan ging auch direkt auf: Der BVB drückte, verlor den Ball an der gegnerischen Eckfahne und Heung-Min Son roch den Braten – steil geschickt fand sich der Südkoreaner binnen Sekunden im schwarzgelben Strafraum wieder, wurde von Sokratis freundlich begleitet und hatte kein Problem damit, den Ball nach gerade einmal vier Minuten ins Tor zu wuchten. Dass sein Linksschuss aus kurzer Distanz und drei Metern Entfernung zur Grundlinie dann auch noch im Torwarteck einschlug, wird Roman Bürki wohl noch länger vorgehalten werden.

Bis auf leere Plätze nicht viel zu bieten: Die Fans aus TottenhamDer schwarzgelbe Druck setzte sich fort und es dauerte gerade einmal sechs Minuten, bis Borussia ihn auch nutzen konnte. Jeremy Toljan hatte auf links eine schöne Aktion eingeleitet, bevor der Ball seinen Weg nach rechts auf Andriy Yarmolenko fand. Es folgte ein kurzer Doppelpass mit Shinji Kagawa und schon zwirbelte der Ukrainer das Leder mit allerfeinster Technik in die linke obere Ecke. Ein absolutes Sahneding und der perfekte Einstand für das Startelfdebut. Leider hielt die Freude über den Treffer nur kurz an, da der BVB schon wieder miserabel verteidigte: Bürki schlug einen weiten Ball auf Yarmolenko, der aber nicht einmal nahe an diesen herankam. Stattdessen drosch Jan Vertonghen den Ball mit blinder Gewalt nach vorne, wo Harry Kane sich zunächst gegen Sokratis, dann gegen Nuri Sahin und zuletzt auch gegen Ömer Töprak durchsetzte. Dass Bürki schon wieder im Torwarteck hinter sich greifen musste, sorgte für so manches Augenrollen. Gerade die Vorbereitung der erneuten Führung war symptomatisch für das Spiel unserer Mannschaft: Klare Überlegenheit bei Ballbesitz und Zweikämpfen traf auf robuste Engländer, die sich in den wichtigen Situationen eben nicht auf den Hosenboden setzten.

Und so dominierte der BVB das Spiel bis zur Halbzeit nach Belieben, ohne etwas Zählbares herauszuholen. Eng wurde es nur noch in der 30. Minute, als Christian Pulisic frei im Strafraum aufgetaucht war und mit einem ungenauen Querspiel auf Pierre-Emerick Aubameyang die falsche Entscheidung getroffen hatte, und in der 36. Minute, als Aubameyang nicht ausreichend genau auf Pulisic ablegte und dieser wenige Zentimeter am Tor vorbei schoss. Als Pulisic den Ball kurz vor der Pause dann doch noch im Tor unterbringen konnte, wurde der verdiente Treffer nicht gegeben – er hatte sich zwar nichts zuschulden kommen lassen, doch Aubemeyang den Torwart aus klarer Abseitsstellung irritiert.

Vor allem zu Spielbeginn um Stimmung bemüht: Die Fans des BVB

Nach dem Seitenwechsel hatte zunächst Tottenham mehr vom Spiel: Erst zielte Kane aus etwa 8 Metern über das Tor, obwohl Son in besserer Position freigestanden hätte (50.), dann zielt Son nach Vorarbeit Kanes knapp über den Kasten (51.) Erneut hätte ein Tor des BVB für neuen Schwung sorgen können, wurde aber zurückgepfiffen: Yarmolenko hatte den Ball zu Mahmoud Dahoud geschoben, dieser eine butterzarte Flanke und Aubameyang den Ball mit einer satten Direktabnahme in die Maschen geschlagen. Dass Aubameyang gute zwei Meter von einer Abseitsstellung entfernt war und alle anderen Borussen sich klar von Ball und Tor weg bewegten, hatte bis auf den Schiedsrichter jeder im Stadion gesehen. Mit viel Wut im Bauch wollten die Schwarzgelben nun den Ausgleich erzwingen, boten den Engländern aber zunehmend Platz für eigene Akzente – so auch in der 60. Minute, als ein Doppelpass zwischen Christian Eriksen und Kane die Viererkette aushebeln und Kane durch Lukasz Piszczeks Beine ins lange Eck zum 3:1 vollenden konnte.

Dass Borussia nun immer wilder leichtsinniger verteidigte und den Spurs teilweise im Stile eines aufgescheuchten Hühnerhaufens immer neue Chancen bot, ließ spätestens ab der 70. Minute das Gefühl einer satten Niederlage eintreten. Denn erneut hatte Aubameyang das Pech am Schlappen kleben, als nun auch noch sein Schuss aus kürzester Distanz direkt auf Hugo Lloris Füße prallte, und schien die Ungenauigkeit der letzten Pässe von wenigen Zentimetern (erste Halbzeit) zu wenigen Metern einfach zu eklatant geworden zu sein. So konnten wir uns glücklich schätzen, nicht weitere Treffer kassiert und im Rückspiel noch immer eine realistische Chance auf einen Sieg im direkten Vergleich zu haben, als das Spiel nach einem Platzverweis gegen Vertonghen, der dem eingewechselten Mario Götze mal eben einen Besuch beim Zahnarzt beschert hatte, im zehn gegen zehn zu Ende gegangen war.

Am Ende wurde Fußball zur Nebensache

Die Laune deutlich im Keller, ging es vom Stadion zurück nach Kings Cross, wo sich noch einige ernüchterte Borussen in Pubs tummelten und von sangesfreudigen Kölnern zaghaft aufmuntern ließen. Nach Feiern war zumindest uns allerdings nicht mehr zumute, da uns nach Reisestrapazen und miesem Spiel tatsächlich eine noch viel schlechtere Nachricht aus Deutschland erreicht hatte: Mammut, ein alter Teil der schwarzgelben Fanszene und langjähriger Weggefährte, war nach dem Auswärtsspiel in seiner alten Heimat Freiburg urplötzlich erkrankt - mittlerweile wissen wir, dass er seinen letzten Kampf verloren hat.

Lieber Mammut, das war einfach viel zu früh! Danke für die gemeinsamen Jahre, wir sind in Gedanken ganz nah bei dir und deinen Lieben. Ruhe in Frieden.


Der Form halber: Statistik

Spurs: Lloris - Alderweireld, Sanchez, Vertonghen - Aurier, Dembelé, Dier, Davies - Eriksen, Son - Kane
Wechsel: Sissoko für Son (83.), Llorente für Kane (87.)

BVB: Bürki - Piszczek, Sokratis, Toprak, Toljan - Sahin - Dahoud - Kagawa - Yarmolenko, Aubameyang, Pulisic
Wechsel: Götze für Kagawa (66.), Castro für Dahoud (72.), Zagadou für Toprak (80.)

Tore: 1:0 Son (4.), 1:1 Yarmolenko (11.), 2:1 Kane (15.), 3:1 Kane (60.)
Gelbe Karten: Dier - Toljan, Castro
Gelb-rote Karte: Vertonghen (90.+2)
Zuschauer: 67.300

SSC, 16.09.2017


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