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Unsa Senf - 15.09.2017

Chaos mit System beim Arsenal FC

„Wir wussten, dass viele Auswärtsfans kommen würden, aber wir dachten, dass wir die Situation beherrschen können.“ So erklärt ein Sprecher des Arsenal Football Club das, was sich am Donnerstagabend vor dem „Emirates Stadium“ in Nord-London ereignete.

Chaos, weil mehrere Tausend Fans des 1. FC Köln zeitgleich das Stadion erreichten und Chaos, weil der Premier League-Club zunächst versuchte, seine miserable Ticket-Politik irgendwie durchzusetzen.

Manch BVB-Fan dürfte sich angesichts der Bilder von tausenden wartenden Fans vor geschlossenen Stadion-Eingängen an die eigenen Besuche beim Arsenal FC erinnert haben. Drei Champions League-Duelle beim AFC zwischen 2011 und 2014 bescherte uns die UEFA-Losfee - und aus keinem dieser Besuche scheint man in Nord-London seine Lehren gezogen haben.

Denn blicken wir kurz auf die Ausgangslage des Kölner Gastspiels:
Arsenal spielt erstmals seit 20 Jahren nicht in der Champions League und der Ansturm auf Tickets für Heimspiele im „Cup der Verlierer“ ist entsprechend gering. Auf der anderen Seite steht der 1. FC Köln, der erstmals seit 25 Jahren wieder ein internationales Pflichtspiel bestreiten darf. 2900 Tickets stellten die Londoner dem FC zur Verfügung. Dort lagen Anfragen für 20.000 Tickets vor.

Ganz ähnlich war es 2011, als wir in unserer ersten Champions-League-Saison seit 2002 ebenfalls nach London reisen durften. Nachdem tausende Dortmunder entweder selbst Arsenal-Mitglied wurden oder über Mitglieder an Tickets für den Heimbereich kamen, erhöhten die Gastgeber schließlich das Gäste-Kontingent etwas. Am Ende waren rund 8.000 Dortmunder im „Emirates“.

Dennoch kam es am Einlass zu chaotischen Zuständen. Weil der AFC nicht auf einen angekündigten Fanmarsch vorbereitet war, der mehrere tausend BVB-Fans zeitgleich vor die Einlasstore spülte. Aber auch, weil Dortmunder Ticketinhabern für die neutralen Blöcke der Zutritt verweigert werden sollte.

Sechs Jahre sind seitdem vergangen, es folgten zwei weitere Spiele beim AFC. Der Ticket-Run auf diese Spiele war geringer, die Probleme vor dem Stadion blieben.

Und nun kam also im September der 1. FC Köln zu seinem ersten Europapokalspiel seit 25 Jahren. Bis zu 20.000 Kölner waren in der Stadt, hatten sich auf ähnlichen Wegen wie wir anno 2011 Tickets organisiert. Ein Fanmarsch zog durch die Stadt zum Stadion, die sozialen Netzwerke spülten unzählige Videos mit völlig euphorisierten FC-Fans in die Timelines. Vorerst Schluss mit dieser Begeisterung war erst am Stadion.

Bekannt ist, dass 30-50 Fans versuchten, durch den Eingang am Gästeblock zu brechen. Ob ohne Karte oder doch nur mit Karten für den neutralen Stadionbereich, ist ungeklärt. Klar ist auch, dass Arsenal tausende Kölner aus den Blöcken rund um den Gastbereich aussperren wollte. Die Eingänge wurden nach dem ersten Chaos schnell wieder geschlossen, das Spiel um eine Stunde verschoben. „Aus Sicherheitsgründen“, erklärt der Verein, der versuchte "Blocksturm" wurde später lediglich von medialer Seite als Ursache interpretiert. Man kann sicher sein, dass in dieser Phase die Sicherheitskräfte, die UEFA und die Vereine überlegten, wie mit den Fans vor dem Stadion umgegangen werden soll. Am Ende ließ der AFC nahezu alle Kölner ins Stadion, auch in die besagten neutralen Blöcke. Es waren schlichtweg zu viele.

Die Londoner Polizei zog Anfang der zweiten Halbzeit eine Bilanz zum versuchten „Blocksturm“, der da schon die Berichterstattung von Sky und Co. dominierte: Vier Festnahmen gab es auf Kölner Seite, weil sich Fans den Anweisungen der Polizei widersetzt hatten. Vier! Und das bei mindestens 10.000 FC-Fans in der chaotischen Einlasssituation vor dem Stadion.

Im Vorfeld und vor allem im Anschluss sorgten diese Massen für eine Fußball-Atmosphäre, wie sie London lange nicht erleben durfte. Als „beste Stimmung, die Arsenal seit dem Umzug ins Emirates je gesehen hat“, beschrieb ein britischer Reporter auf Twitter. Von Ausschreitungen zwischen den Fanlagern in den neutralen Bereichen rund um den Gästeblock ist bis heute nichts bekannt, vielmehr machten Bilder gemeinsam feiernder Fans die Runde.

Das ärgerliche ist: Diese Atmosphäre hätte man ganz ohne Einlassprobleme erzeugen können. Das Stadion war nicht ansatzweise ausverkauft, ein deutlich größeres Kartenkontingent für FC-Fans wäre folgerichtig kein Problem gewesen, doch die Londoner weigerten sich. Trotzdem war der Verein über die große Zahl FC-Fans außerhalb des Gästeblocks informiert, genauso wie über den Fanmarsch. Man war nur schlichtweg nicht bzw. falsch vorbereitet - wie von offizieller Seite selbst kommuniziert.

"Wir wussten, dass viele Auswärtsfans kommen würden, aber wir dachten, dass wir die Situation beherrschen können.“
Falsch gedacht, Arsenal Football Club!

Doch am Pranger von TV, Radio und Presse steht nun nicht der AFC, sondern tatsächlich der 1. FC Köln und seine Fanszene. Weil sie in eine Situation gerieten, die der Gastgeber in Kauf genommen und zu verantworten hat. Arsenal sorgt mit ihrer Organisation dafür, dass Situationen wie ein versuchter „Blocksturm“ überhaupt erst entstehen. Und das nicht zum ersten Mal.

Doch an Besserung scheint man in Nord-London gar nicht interessiert. Schließlich kommt man immer wieder davon, weil die Schuld an einer Eskalation ja nahezu widerspruchslos auf die angereisten Gästefans abgeschoben werden kann. Das ist ein Skandal. Der einzig wahre Skandal des Abends.

Clemens, 15.09.2017


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