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Unsa Senf - 30.08.2017

Platzt die Blase bald?

Eins steht zum Ende der Transferperiode fest: Dieser Sommer war von unvorstellbar hohen Ablösesummen geprägt. Nicht erst seit dem Wahnsinnstransfer von Neymar und dem anschließenden Theater um Dembélé, auch schon vorher geisterten Fantasiezahlen durch die Presse, etwa als es um den mittlerweile finalisierten Transfer von Keita aus Leipzig nach Liverpool ging. Ganz natürlich ergeben sich vor diesem Hintergrund Fragen, die die wirtschaftliche Zukunft des Fußballs angehen: Bleiben diese Zahlen jetzt bis in alle Ewigkeit so? Geht es noch weiter aufwärts? Oder erleben wir das Ende einer völlig überdrehten Entwicklung und die Blase platzt bald?

Ein Versuch, sich der Antwort auf diese Fragen zu nähern, müsste zweierlei beinhalten: Zum einen sollte man sich fragen, woher eigentlich diese absurden Geldbeträge kommen. Sind sie vom Fußball selbst erwirtschaftet? Werden sie von außen in das System gepumpt? Wird im großen Stil darauf spekuliert, dass Ablösesummen weiter steigen? Werden großflächig Kredite aufgenommen, um mit den großen Vereinen mitgehen zu können? Zum anderen müsste man sich fragen, was eigentlich Blasen ausmacht und was passieren muss, damit sie platzen.

Was macht eine Blase eigentlich aus?

Historisch würde man Blasen vermutlich durch zwei Dinge charakterisieren: Einerseits gibt es eine Vielzahl an Akteuren, die steigende Preise in einem Markt erwarten und sich zum Teil stark verschulden, um dort investieren zu können. Zweitens bestehen starke Verflechtungen untereinander, etwa über die kreditgebenden Banken, so dass der Zahlungsausfall eines Investors direkt oder indirekt die Bonität der anderen Akteure gefährdet. Kommt es dann entgegen der Erwartung zu sinkenden Preisen auf dem Markt und können einzelne Akteure ihre Kredite nicht mehr bedienen, hat man unter Umständen ein Problem: Die Blase platzt.

Wie sieht es nun im Fußball aus? Die Verflechtung der Akteure lässt sich kaum bestreiten, so dass der wesentliche Blick darauf gerichtet sein muss, wie die hohen Ablösesummen entstehen. Bezogen auf Neymar und Dembélé zum Beispiel scheint ein wesentliches Kriterium für eine Blase nicht vorhanden zu sein: Das Geld für den Transfer des Brasilianers nach Paris wurde nirgends gepumpt (und nicht einmal per Ratenzahlung überwiesen), sondern landete per Scheck aus Katar direkt auf dem Konto in Barcelona. Dieses Geld sorgt jetzt als Einmaleffekt dafür, dass verschiedene weitere hohe Ablösesummen erzielt werden: Es wird zum Teil für Dembélé nach Dortmund gereicht, wir reichen wieder einen Teil für Yarmolenko nach Kiew, dort wird vielleicht wieder investiert, und nach einer gewissen Zeit ist alles ausgegeben und verteilt. Insbesondere lässt sich davon ausgehen, dass ohne weiteres Geld von außen die Ablösesummen erstmal wieder auf das Niveau vor Neymar fallen.

Und sonst so im Fußball? Selbst ohne Neymar und Dembélé haben sich die Ablösesummen in den letzten zehn Jahren im Schnitt wohl sicher verfünffacht. Wie viel von diesem Geld wird denn faktisch gepumpt und muss eigentlich erst noch verdient werden? Grundsätzlich lässt sich sagen, dass heute schlicht mehr Geld im Fußball vorhanden ist als früher. Nicht nur aus Katar wird Geld in den Fußball gebuttert, und was im großen Stil mit Abramowitsch bei Chelsea begann, ist mittlerweile in vielen Ligen Standard: Die Vereine gehören zu großen Teilen Privatpersonen und Unternehmen, sind an der Börse notiert oder haben zumindest teilweise Anteile veräußert, und in den meisten Fällen wurde (und wird) dadurch weit mehr Geld von außen in die Vereine hineingetragen als ihnen wieder entzogen wurde. Dazu kommen weiterhin drastisch steigende Einnahmen aus Sponsoring und Fernsehrechten, und selbst der mittlerweile relativ kleine Anteil aus den Zuschauereinnahmen wird insgesamt nicht weniger. Insbesondere lässt sich hinsichtlich der Globalisierung des Sports sagen, dass das Ende der Fahnenstange vermutlich noch lange nicht erreicht ist.

Worin besteht dann das Risiko im Fußball?

Trotzdem kann natürlich sein, dass ein wesentlicher Teil der Transfers im Sport durch geliehenes Geld finanziert wird; insbesondere wenn man versuchen will (oder muss), mit anderen Vereinen mitzuhalten, die ihr Geld durch eine glückliche Fügung oder eine gute Strategie erwirtschaftet haben. Dieser Zwang ist natürlich umso stärker, je mehr Geld als Einmaleffekt in den Markt gepumpt wurde. Um beim Beispiel Dembélé zu bleiben: Auch wenn der BVB den Spieler gern behalten hätte, sollte die nun erwirtschaftete Ablösesumme dem Verein die Möglichkeit bieten, den Kader spätestens zur nächsten Saison qualitativ noch einmal zu verbessern. Wollen Vereine in Deutschland mithalten und die Lücke zum BVB nicht größer werden lassen, haben diese kurzfristig kaum eine andere Möglichkeit als eine Finanzierung durch Kredite. Und selbst Investoren bzw. Mäzene bieten keine Sicherheit für wirtschaftliche und sportliche Stabilität, wie unlängst bei 1860 München zu beobachten war.

Das Phänomen der kreditfinanzierten Transfers, wie auch das Risiko des damit verbundenen Ausfalls des Kredits, ist jedenfalls nicht neu, man möge sich nur mal an den Transfer von Smolarek nach Santander 2007 erinnern, bei dem der BVB noch Jahre später auf Teile der Ratenzahlung warten musste. In diesem Fall wurde der Kredit an Santander also praktisch vom BVB gewährt, indem ein Teil der Zahlung in die Zukunft verlagert wurde, jedoch gibt es natürlich auch klassische Kredite durch Banken. Hinzu kommt das relativ neue Prinzip der (offiziell verbotenen) Third-Party-Ownership, bei der Spieler nicht vom Verein selbst erworben werden, sondern mindestens zum Teil fremdfinanziert werden. Oft sind die Kosten damit bei Vertragsabschluss relativ gering, jedoch werden nach einigen Jahren weitere Zahlungen an die dritte Partei fällig. Ganz ähnlich wie bei einem Kredit also, nur dass die später zu leistenden Zahlungen nicht klar erkennbar in den Bilanzen auftauchen.

Auszuschließen ist also nicht, dass einzelne Vereine auch in Zukunft Insolvenz anmelden müssen. Ob das passiert, wird abzuwarten sein. Großflächig würde es vermutlich erst dann passieren, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen im Fußball grundsätzlich verändern und plötzlich weit weniger Geld im Markt vorhanden ist als ursprünglich gedacht. Aber bis dahin kann noch viel Zeit ins Land gehen, wenn es überhaupt je passiert. Es ist halt immer so: Man weiß erst hinterher, ob es wirklich eine Blase gegeben hat. Bloß weil im Fußball viel Geld ausgegeben wird, heißt es nicht, dass die Gefahr einer Blase tatsächlich besteht.

Das eigentliche Problem ist vermutlich sowieso, politisch betrachtet, dass es überhaupt Menschen auf der Welt gibt, die mal eben Schecks über 220 Mio. EUR ausstellen können, und dass diesen Leuten dann nichts Besseres einfällt, als dieses Geld ausgerechnet in den Fußball zu pumpen, wo sowieso schon viel Geld bewegt wird und alle wesentlichen Akteure steinreich sind. Aber das ist ein anderes Thema, auch weil Katar damit vermutlich andere Ziele verfolgt als Multimilliardäre, die sich Vereine wie Yachten als Prestigeobjekte gönnen. Schämen muss sich der BVB für das viele Geld aus dem Transfer von Dembélé deshalb wohl eher nicht: Am Ende macht es für das Wohl der Welt wenig aus, ob dieses Geld nun zu großen Teilen auf einem Konto in Dortmund liegt oder weiter auf einem Konto in Katar.

Scherben, 30.08.2017


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