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Spielbericht Profis - 27.08.2017

Auch ohne Ous der Bosz!

Gedenken an Erbse Erdmann auf der Südtribüne

Borussia Dortmund gewinnt auch das erste Heimspiel gegen Hertha BSC und grüßt nach dem zweiten Spieltag weiter von der Tabellenspitze. Die Mannschaft zeigte gegen einen starken Gegner schon die Spielanlage, die ihnen Peter Bosz in der Sommerpause eingeimpft hat und ließ sich durch das Wechseltheater um den streikenden Trotzkopf Ousmane Dembélé offenbar überhaupt nicht beeindrucken. So kann es gerne weitergehen!

Zum Heimspielauftakt der Schwarzgelben stand mit Hertha BSC auch gleich ein erster echter Prüfstein für die Borussia auf dem Programm, nachdem zum Saisonauftakt die Autotruppe aus der KdF-Stadt ohne Probleme weggefiedelt wurde. Dass die Werksmannschaft vom Mittellandkanal auch nicht komplett unterschätzt werden sollte, stellte sie allerdings mit dem Sieg in Frankfurt direkt unter Beweis. Ganz so klein reden sollte man den souveränen Auftakterfolg also auch nicht.

Für den BVB war es natürlich auch das erste Spiel nach dem größten Verkauf der Vereinsgeschichte. Das französische Talent Ousmane Dembélé wechselte für einen obszönen Haufen frisch gewaschener Katari-Petrodollars endlich in Richtung Barcelona. Der arme Junge konnte also endlich seinen Streik aufgeben, denn seinem Lebenstraum stand nichts mehr im Wege. Dass hier ein Spieler, der bei allem Talent noch nicht wirklich unter Beweis stellen konnte, zu den ganz, ganz Großen seiner Zunft zu gehören, plötzlich der zweitteuerste Transfer aller Zeiten wurde, muss man nicht

Aktion der Berliner Fans im Gästeblock

verstehen, kann einen aber im Wahnsinn des heutigen Fußballs auch nicht mehr wirklich schocken. Aki und Susi hatten jedenfalls mit ihrer harten Haltung alles richtig gemacht. Der Geldspeicher am Rheinlanddamm ist prall gefüllt. Wenn die Saison wider Erwarten richtig scheiße läuft, sollte ein Grillfest mit großer Runde Freibier für alle kein Problem sein. Spannend bleibt aus Dortmunder Sicht natürlich, ob in der nächsten Woche noch ein Teil der Einnahmen für eine oder mehrere Neuverpflichtungen weitergereicht werden.

Bereits weit vor dem Spiel wurde es laut im Kreuzviertel. Das Fanbündnis Südtribüne hatte zum Angrillen im Westpark aufgerufen und anschließend marschierte man geschlossen singend zum Stadion. Ein schönes Bild, das hoffentlich von nun an zum regelmäßigen Heimspielritual werden wird. Interessant wäre noch zu erfahren, ob die Staatsmacht sich auch heute bemüßigt fühlte, beim Fanmarsch Anzeigen wegen angeblichen Verkehrsregelverstößen durch auf der Straße laufende Fans zu verteilen.

Im Stadion gab es vor dem Spiel einige Ehrungen. Zunächst wurde Verkaufstalent Susi Zorc zum Geburtstag gratuliert und dann Nobby Dickel für 25 Jahre als BVB-Stadionsprecher. Und während das Happy Birthday für Susi von den Tribünen noch etwas zaghaft ausfiel, wurde Nobby von fast der ganzen Süd mit seinem Lied als Held von Berlin gefeiert. Eigentlich schade, dass man das in letzter Zeit so selten macht. Dann bekam auch noch Pierre-Emerick Aubameyang ein goldenes Kicker „K“ für irgendwas. Schließlich wurde noch zu Ehren des kürzlich verstorbenen Erbse Erdmann sein

Kritik am Boulevard auf der Südtribüne

BVB-Walzer angespielt und so einer der großen Persönlichkeiten der BVB-Fanszene gedacht. Durch sein Lied wird er auch weit über seinen Tod hinaus im Westfalenstadion und bei BVB-Auswärtsspielen präsent bleiben. Mach’s gut, Erbse! You’ll never walk alone!

Schon vor dem Spiel übten sich beide Fanlager kurz im „Scheiß DFB!“-Wechselgesang. Doch nach Anpfiff gingen die Proteste gegen Kollektivstrafen und andere Auswüchse des modernen Fußballs zunächst nicht weiter. Zwar wurden zwei Tapeten mit offenkundigen Kritikpunkten präsentiert: „Auslandsvermarktung“ und „Spieltagszerstückelung“. Jedoch geschah das offenbar unkoordiniert, da diese weder durch weitere Banner noch durch Sprechchöre unterstützt oder erklärt wurden. Die Berliner Fans verzierten den Gästeblock mit einer netten Choreo und zogen eine Blockfahne in Form eines Trikots auf und schwenkten dazu Fähnchen in den hässlichen Vereinsfarben.

Coach Peter Bosz vertraute der gleichen Startelf, die das Auftaktsspiel so locker-leicht gewonnen hatte. Viel Grund zum Wechseln gab es nach dem starken Saisonauftakt ja auch nicht, zumal der Kapitän weiterhin nicht an Bord war. Anstelle von Schmelzer besetzte erneut Dan-Axel Zagadou die linke Außenbahn. Der neue Coach stand in feinem Zwirn an der Seitenlinie und gab nicht nur deshalb ein völlig anderes Bild ab als sein gertenschlanker Vorgänger mit der Vorliebe für Hochwasserhosen. Der Holländer bevorzugt offenbar auch eine wesentlich ruhigere Art des Coachings als Thomas Tuchel. Hektisches Gefuchtel war von ihm jedenfalls selten zu sehen.

Erste Halbzeit

Christian Pulisic stand erneut in der Startelf

Zu Beginn des Spiels stimmte die Süd erneut den BVB-Walzer an und das war am heutigen Spieltag natürlich ein ergreifendes Zeichen. Direkt danach erschallten BVB-Wechselgesänge. Man war erkennbar darum bemüht, an die gute Stimmung der zweiten Halbzeit in Wolfsburg anzuknüpfen. Das sollte auch über weite Teile des Spiels auch gelingen. Die Mitmachquote im Süden war erfreulich hoch und so konnte man immer wieder den Westfalenstadion-Roar in seiner ganzen Pracht vernehmen.

Auf dem Platz tat sich die erste Chance nach 5 Minuten auf, aber Maximilian Philipp trat leider in aussichtsreicher Position ein Luftloch. Anschließend neutralisierten sich beide Mannschaften eine Weile, bevor es mal wieder Zeit für einen Salto war. Eine Hereingabe von Nuri Sahin veredelte der Torschützenkönig der letzten Saison lässig mit einem Schuss ins lange Eck. Verständlicherweise brach sodann im Süden Euphorie aus und man warf die Frage auf, wer denn wohl deutscher Meister wird…Borussia BVB. Zu diesem Zeitpunkt deuteten natürlich auch alle Zeichen darauf hin, dass uns auf dem Weg zum Ziel keiner halten kann. Das musste nun wirklich jeder einsehen!

Borussia blieb weiter spielbestimmend und ganz im Gegensatz zu den Befürchtungen, dass der neue Trainer nur auf Gegenpressing als Spielmacher setzen könnte, spielten die Schwatzgelben zumeist einen gepflegten Ballbesitzfußball und spielten sich auch ordentliche Torchancen heraus. Aber Christian Pulisic scheiterte aus kurzer Distanz an der Fußabwehr Jarsteins und bei einigen anderen Angriffen fehlte die Präzision bei Hereingaben von Zagadou und Piszczek.

Torjubel zum 1-0

Nach einer Monstergrätsche im eigenen Strafraum musste der Kapitän die Segel streichen. Schien es von der Tribüne aus noch so, als hätte sich Sokratis eine Muskelverletzung zugezogen, sorgte Peter Bosz nach dem Spiel für Aufklärung. Sokratis war von einer Magen-Darm-Erkrankung geschwächt ins Spiel gegangen und klagte über Schwindel. Der Grieche wurde nach 39 Minuten durch Neuzugang Toprak ersetzt. Die Binde trug fortan Piszczek. Kurz vor der Pause zeigte Maximilian Philipp das erste Mal was er kann und stellte Jarstein mit einem Fernschuss eine Aufgabe, die dieser aber relativ problemlos bewältigte. So ging es mit einer knappen aber hochverdienten Führung für Schwarzgelb in die Pause

Zweite Halbzeit

Wieder gab es zum Auftakt Wechselgesänge gegen den Fußballverband. Auch ein kritisches Transparent zur Springer-Kampagne gegen Ultras wurde auf der Süd präsentiert. „Die Bild ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch sie zu lesen“ Die DES'99 zitierten damit Max Goldt. Insgesamt fielen die Proteste an diesem zweiten Spieltag jedoch deutlich leiser aus als noch in Wolfsburg.

Sokratis musste noch in der ersten Halbzeit raus

Auf dem Rasen setzte Hertha gleich den ersten Nadelstich, doch Bürki präsentierte sich auf dem Posten. Der BVB wurde durch Pulisic gefährlich, aber sein Fernschuss strich knapp am Tor vorbei. Beide Mannschaften wollten den attraktiven Fußball der ersten Hälfte fortsetzen.

Auf den Rängen setzte sich die gute Stimmung nahtlos fort. Hoffentlich lässt sich dieser positive Trend aufrechterhalten. In der Endphase der Tuchelära vermochte ja nicht einmal mehr großer sportlicher Erfolg, den Tempel zum Kochen zu bringen. Hoffentlich genießt die Mannschaft unter neuer Führung wieder einen größeren Kredit bei den Fans. Entscheidend dafür wird natürlich auch sein, ob Peter Bosz den attraktiven Fußball, der ihm vorschwebt, auch wirklich dauerhaft auf den Rasen bringen kann. Der Saisonauftakt lässt durchaus darauf hoffen.

Denn Borussia spielte weiter so dominant wie in Wolfsburg und der ersten Halbzeit und der Ertrag dieses Aufwands ließ auch nicht lange auf sich warten. Ein geblockter Schuss von Philipp fiel kurz vor dem Strafraum Nuri Sahin vor die Füße und das Dortmunder Eigengewächs zündete mit seinem schwachen rechten Fuß eine Superfackel, der Jarstein nur machtlos hinterher schauen konnte. Was für ein Hammer-Dropkick! Nun brachen natürlich auf den Tribünen wieder alle Dämme und der kommende deutsche Meister wurde ausgiebig gefeiert. Hoffentlich ist auch jedem klar, dass auch Rückschläge folgen werden.

Nach einer guten Stunde ging Götze vom Platz und die Fans zollten ihm stehende Ovationen. Der verlorene Sohn scheint endgültig wieder zuhause angekommen zu sein. Und auch wenn seine Leistung nicht so spektakulär wie in Wolfsburg ausgefallen war, stellte Götze doch auch heute wieder

Niklas Stark gegen Maximilian Philipp

unter Beweis, dass er ein ganz wichtiger Baustein in der Dortmunder Offensive sein kann, wenn er körperlich ein Niveau erreicht, dass ihm auch 90 Minuten Fußball ermöglicht. Mit seiner Ballsicherheit und seinen kurzen, exakten Pässen sorgte er auch heute wieder für viel Ruhe und Präzision bei Dortmunder Ballbesitz.

Roman Bürki hatte auch einen ganz starken Nachmittag erwischt. Wie er einen Kopfball von Langkamp noch vor der Linie fischte, war große Klasse und auch ansonsten präsentierte sich der Schweizer als starker Rückhalt seiner Elf. Die Hertha blieb aber stets gefährlich. Darida verpasste per Hacke nur knapp. Auch wenn die Kräfteverhältnisse im Westfalenstadion sehr klar waren, dürfte der Hauptstadtclub bei der Vergabe der internationalen Plätze wieder ein gewichtiges Wort mitreden, wenn die ungewohnte Doppelbelastung durch die Europa League weggesteckt werden kann.

Dann hatte auch der Mann hinter Nobby Dickel seinen großen Auftritt. Auch Hartmut „Ausverkauft“ Salmen, der sonst immer im Schatten des Helden von Berlin steht, durfte sich selbst für 25 Jahre am Stadionmikrophon danken, bevor er wie üblich die Zuschauerzahl verkündete. Von dieser Stelle auch ein großer Dank an Hartmut dafür, dass er seit einem Vierteljahrhundert dazu beiträgt, den Stadionbesuch zu dem Erlebnis zu machen, dass er Woche für Woche ist.

Ausgelassener Jubel nach Abpfiff

Auch mit seinem nächsten Abschluss konnte Maximilian Philipp sich noch nicht belohnen. Aber auch wenn sein Schuss über das Tor strich, konnte der Neuzugang im ersten Heimspiel schon andeuten, warum der BVB bereit war für ihn 20 Millionen nach Freiburg zu überweisen. In dieser Form kann Philipp in einer langen Saison noch eine sehr wertvolle Alternative werden. Und auch wenn Peter Bosz nach dem Spiel immer wieder betonte, dass ihm der Fußball seiner Mannschaft insbesondere bei eigenem Ballbesitz noch nicht gefallen hat, zeigte der BVB zeigte immer wieder Angriffe, die den Ideen des neuen Trainers schon ganz gut entsprechen dürften. Schnelles Umschaltspiel mit hohem Risiko geradlinig bis zum Abschluss durchgespielt, wenn man dem BVB Räume bietet, kann das schmerzhaft bestraft werden. Diese Spielanlage macht auch dem Zuschauer Spaß! Vielleicht wollte der Trainer mit seinen kritischen Äußerungen auch nur verhindern, dass seine Mannschaft nach der souverän erspielten Tabellenführung abhebt. Dass er Verbesserungspotential aber insbesondere bei eigenem Ballbesitz gegen tiefstehende Gegner sieht, spricht aber dafür, dass er taktisch nicht so eindimensional auf Gegenpressing festgelegt ist, wie ihm das von einigen Kritikern unterstellt wurde.

Wenn Christian Pulisic und Maximilian Philipp heute im Abschluss nicht irgendwie das Pech am Stiefel geklebt hätte, wäre auch der Ertrag deutlich höher ausgefallen. Aber wenn das größte Problem am Ende die Chancenauswertung ist, spricht das ja auch schon eine deutliche Sprache. Dieser

Nuri Sahin holte sich ein Sonderlob der Südtribüne ab

Saisonauftakt macht richtig Lust auf mehr. Mehr Fußball, mehr Tore, mehr Borussia!

Statistik

BVB: Bürki – Piszczek, Sokratis (40. Toprak), Bartra, Zagadou – Castro, Sahin, Götze (63. Kagawa) – Pulisic, Aubameyang, Philipp (79. Dahoud)

Hertha: Jarstein, Skjelbred, Rekik, Stark, Darida, Kalou (58. Haraguchi), Leckie, Langkamp, Ibisevic (58. Esswein), Plattenhardt, Weiser

Tore: 1:0 Aubameyang (15. Sahin), 2:0 Sahin (57. Philipp)

Torschüsse: 18:8

Ecken: 4:4

Ballbesitz: 63% - 37%

80.860 Zuschauer im Westfalenstadion zu Dortmund

Web, 26.08.2017



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