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Unsa Senf - 22.08.2017

Kommentar zum Protest gegen die Verbände

"DFB-Präsident Reinhard Grindel schafft Kollektivstraven vorerst ab" - So, oder zumindest so ähnlich klang es Mitte der Woche vordergründig nach einem Erfolg auf ganzer Linie für eine nahezu deutschlandweit einheitliche Kampagne der Ultraszenen.

Dabei sollten aber zwei Punkte nicht unterschlagen werden. Zum einen handelt es sich dabei erst einmal nur um eine Empfehlung Grindels an das Sportgericht. Dieses Gremium kann der Empfehlung zwar folgen, muss es aber nicht. Ein charmantes Hintertürchen, dass sich der DFB damit gelassen hat. In der Ultraszene wird dieser Unterschied zu einer wirklichen Abschaffung von Kollektivstrafen vermutlich sehr genau registriert worden sein. Geisterspiele hängen so auch weiterhin wie ein Damoklesschwert über den jetzt hoffentlich folgenden Gesprächen.

Zum anderen handelt es sich dabei auch eben nur um einen Punkt von mehreren, der bei vielen Fans, nicht alleine nur bei den Ultragruppen, auf Unverständnis stößt. Eben jene Pseudo-Gerichtsbarkeit des DFB gehört generell auf den Prüfstand gestellt, weil ihre Handlungweisen völlig intransparent sind. Auf Rückfragen zu Urteilsbegründungen erhält man keinerlei detaillierte Erklärungen. So haben wir im Nachgang zur Sperrung der Süd beim DFB um eine Erklärung gebeten, welches in der Urteilsbegründung mit angeführte, beleidigende Banner beim Spiel in (!) Leipzig gemeint war. Auch nach Durchsicht unseres Fotomaterials konnten wir uns diesen Punkt nicht erklären. Die Antwort des DFB bestand in einer nichtssagenden Information, dass man beleidigende Inhalte nicht wiederholen würde. Der Eindruck blieb, dass dieser Punkt eine reine Erfindung war. Darüber hinaus fällt Strafmaß bei gleichen Vergehen oft sehr unterschiedlich aus. Darüber hinaus sind Ticketpreise und 50+1 weiterhin Dauerbrenner, bei denen DFB und DFL Antworten und vor allem Lösungen schon lange schuldig sind. Seitens "Kein Zwanni - Fußball muss bezahlbar sein" wurde mehrfach angeregt, beispielsweise Topspielzuschläge für Gästefans ligaweit entfallen zu lassen. Außer Lippenbekenntnissen, das in die entsprechenden Gremien zu tragen, ist hier noch nichts passiert. Dabei wird die Situation immer wahnwitziger, dass für Transfers, Gehälter und Berater die Beträge in schwindelerregende Höhen schießen, der Fan aber um jeden einzelnen Euro Ersparnis für sich kämpfen muss. Bei 50+1 hat man sich mit vielen Ausnahmen in eine Sackgasse manövriert, in der man es sich anscheinend so lange bequem machen will, bis die Fans selber für eine vollständige Abschaffung der Regelung sind, um wenigstens wieder ein Mindestmaß an sportlichen Wettbewerb herzustellen.

Richtige und wichtige Punkte, bei denen endlich mal Bewegung reinkommen muss. Und wer die Geschichte von Faninitiativen und -kampagnen intensiver verfolgt, der kommt nicht umhin einzugestehen, dass ein plakatives "Krieg dem DFB" vielleicht genau der richtige Tritt in die Hintern war, um selbigen in die Höhe zu kriegen. Dialogrunden waren nämlich nicht selten reine Verzögerungstaktiken, in denen so mancher Fanvertreter entnervt und frustriert vom mangelnden Fortschritt aufgegeben hat. Wenn reden nicht hilft, muss man machmal eben schreien.

Den Ultragruppen kann man für diese Initialzündung danken. Jetzt kommt allerdings ein großes "Aber". Die teilweise durchklingende Selbstgefälligkeit sollte man sich tunlichst klemmen und seinerseits durch Selbstreflexion und Kompromissbereitschaft ersetzen. Geisterspiele als Kollektivstrafen sind zu verurteilen, keine Frage. Dabei darf aber nicht unter den Tisch fallen, dass diesen Sanktionen auch immer ein sanktionswürdiges Vergehen zuvorstand und die Verursacher sehr häufig aus den Reihen kommen, die jetzt das Verhalten der Verbände anprangern. Kann man über Sinn und Unsinn von Pyrotechnik sogar noch diskutieren, endet das Verständnis allerdings bei den mittlerweile fast schon traditionellen Platzstürmen im Abstiegsfall, bei denen vollmaskiert der Rasen betreten und die Mannschaft in die Kabine gejagt wird.

Und man macht es sich als Szene auch zu einfach, wenn man in weiten Teilen Gewalt- und Raubdelikte zum Fankulturgut erklärt. Längst findet man nicht nur geraubtes Material gegnerischer Szenen, sondern auch Fanclubfahnen und normales Fanmerch unter dem präsentierten Diebesgut. Die Information, dass man auf sich aufpassen, oder sein Zeug eben zuhause lassen müsse, ist dann eher unbefriedigend. Noch viel weniger akzeptabel sind Geschichten, bei denen Auswärtsbusse teilweise sogar gezielt angegriffen wurden. Es sind in der Ultraszene in den letzten Jahren viele Dinge passiert, bei denen man als "Normalo" ähnlich verständnislos den Kopf schüttelt wie bei einigen Entscheidungen von DFL und DFB. Deshalb passt die Rolle als moralische Instanz im Fußball nur sehr bedingt. Wer Veränderungen von anderen fordert, sollte sich dem seinerseits auch nicht verschließen und eigene Standpunkte als festzementiert erklären.

Zu guter Letzt kann man mit dem Rest der Tribüne auch mal wieder ergebnisoffen darüber diskutieren, wie die 90 Minuten während des Spiels ablaufen können, dass alle ihre Vorstellung von Support halbwegs befriedigt sehen. Es sind ja auch keine neuen Wünsche. Die Gruppen selber werden ja schon die Augen verdrehen, wenn sich wieder jemand beschwert, dass er aufgrund von permanent gewedelten Fahnen kaum etwas vom Spiel mitbekommen hat, oder den Wunsch äußert, dass es auch mal fünf Minuten still sein kann, um dann in den wichtigen Momenten den richtigen ROAR anschmeißen zu können, statt für einen möglichst nahtlosen Klangteppich über die komplette Spielzeit hinweg zu sorgen.

Auch in diesem Binnenverhältnis auf der Tribüne gibt es viele Punkt zu klären und hier ist eine ähnliche Dialogbereitschaft, wie man sie jetzt von der Verbandsseite einfordert, geboten.

Sascha, 22.08.2017


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