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Unsa Senf - 15.08.2017

​Zwischen Herz und H...

Die meisten haben oder hatten irgendwann einen Lieblingsspieler. Man sucht ihn sich selten aus und gar nicht mal so oft sind es die strahlenden Gesichter der Mannschaft, die mit den 50 Toren oder den fünfeinhalb Millionen Followern auf Instagram. Lieblingsspieler sind anders. Sie schleichen sich ganz hinterrücks an und plötzlich sind sie einfach da. Sie verändern alles. Dann geht es am Spieltag nicht mehr nur noch um Gewinnen und Verlieren, um drei Punkte, um das Weiterkommen, sondern auch um 'Spielt der Lieblingsspieler?'. 'Spielt er gut?' 'Warum spielt er nicht?' Verletzungen des Lieblingsspielers sind immer noch ein Fitzelchen schlimmer als bei allen anderen – und da sind sie schon schlimm genug. Beim Blick auf die Mannschaftsaufstellung geht jegliche Objektivität verloren. Mag sein, dass die Vertretung jünger, fitter, schneller und knackiger ist – der Lieblingsspieler hätte das ja wohl viel besser hinbekommen!!!11!

Ich heule tatsächlich nicht oft. Bei Titanic saß ich teilnahmslos daneben und checkte mit halbem Auge Facebook. Bei fußballerischen Dingen gestaltet sich das ähnlich. Nicht einmal Klopp konnte mir damals eine Träne entlocken – der Schock war wohl zu groß für einen derartigen Gefühlsausbruch. Bei Kuba jedoch brachen damals die Dämme (meine Mutter reagiert bis heute mit Unverständnis). Und ein weiterer Spieler, der bereits die Tränen fließen ließ, ist Nuri. Es waren Tränen der Wut, des Unverständnisses. Die letzten beiden Saisons waren hart für mein inneres Nuri-Fangirl. Irgendwann war gar der Punkt erreicht, an dem ich einem Wechsel zu Gladbach (und ich mag Gladbach nun so gar nicht) erleichtert zugestimmt hätte. Hauptsache nicht Türkei, Hauptsache nicht Russland. Hauptsache er ist irgendwie noch in der Nähe. Seine Rückkehr unter Bosz, die vorsichtige Andeutung, dass er auch nach seiner Karriere dem Verein verbleiben könne – das ist im Grunde das Paradies.

Dabei gab es tatsächlich mal eine Zeit, da fand ich Şahin einfach nur richtig, richtig doof. Ich bin immer noch irgendwie ganz schön beleidigt wegen seines Abgangs und wollte ihn damals so überhaupt gar nicht zurück. Der BVB als zweite oder gar dritte Wahl? Na danke. Aber irgendwo zwischen Malaga, Tränen in Wembley und hammergeilen Derbytoren funkte es plötzlich.

Mittlerweile liebe ich einfach alles an dem Kerl. Seine langen Bälle direkt auf die Füße seiner Mitspieler. Seine Chancenlosigkeit in 90 % aller Laufduelle. Seine Zweikämpfe gegen Gegner, die doppelt so breit und groß sind wie er. Sein schier unerschöpfliches Repertoire an zickig-genervten Gesichtsausdrücken. Seine herrlichen, genau getimeten Grätschen. Sein grandioses Schmollgesicht. Seine einzigartige Übersicht. Seine Arschigkeit in gewissen Momenten (Podolski remembers). Sein unfassbares Durchhaltevermögen. Seine Liebe zu Borussia Dortmund – das ganz besonders.

Es erfüllte mich mit ungemeiner Freude, im Trainingslager live zu sehen, mit welch einem Selbstverständnis er seine Mitspieler dirigiert, lobt und kritisiert. Der verlängerte Arm des Trainers, ein Boss für Bosz? Manchmal machte es fast den Eindruck.

Als Nuri beim Supercup wieder einmal zusammengekrümmt auf dem Platz lag – hätte es die Möglichkeit gegeben, ich hätte mich ohne zu zögern mit meinen ganzen 1,65 Metern auf den Verantwortlichen gestürzt.

Ich werde in meinem Fußballleben noch viele Lieblingsspieler haben. Bei manchen werde ich beim unausweichlichen Abschied vielleicht sogar die ein oder andere Träne vergießen. Bei anderen wird sich die Liebe beim Abgang in ein schön zu brüllendes Wort mit „H“ am Anfang gewandelt haben. Manche werden mir das Herz brechen. Manche werden dort auf ewig ihren Sonderplatz innehaben. Ich weiß noch nicht, in welche Kategorie Nuri eines Tages gehören wird, denn Fußball ist nun mal ein fieser Mistkerl. Momentan gehe ich jedoch stark davon aus, dass es die letztere sein wird.

15.08.2017, Larissa


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