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Erzähl ma... - 14.08.2017

Alex Frei: "Ein großer Stich ins Schalker Herz"

DerbyheldFangen wir mit dem 12. Mai 2007 an. Das Datum sagt Dir vielleicht noch etwas, da es ein sehr besonderes Derby war. Was sind Deine Erinnerungen an dieses Spiel?

Die Erinnerungen sind natürlich vor allem aufgrund der Bedeutung des Spiels für den Fan so stark. Im Vorfeld hat Gerald Asamoah gesagt, er läuft barfuß von Dortmund nach Gelsenkirchen, weil er dann Meister ist. Meine Erfahrung hat mir gezeigt: Je mehr du vom Titel sprichst, bevor du ihn eigentlich hast, desto geringer sind die Chancen, ihn zu gewinnen. Wir wussten um die Bedeutung dieses Spiels und vor allem um die Bedeutung für die Fans, denn was gibt es schlimmeres für einen Dortmund-Fan, als dass Schalke in Dortmund Meister wird? Gleichzeitig hatte ich noch ein Schmunzeln auf den Lippen, weil zwei Kumpels in Stuttgart spielten. Die haben mich unter der Woche ein bisschen aufgeheizt und aufgezogen: „Es wäre gut, wenn du das richten könntest, damit wir noch Chancen auf den Titel haben.“ Solche Spiele helfen dir als Spieler natürlich, bei den Fans sehr positiv in Erinnerung zu bleiben. Ich glaube, bei all dem Schwachsinn, der heute im Fußball stattfindet, sind solche Ereignisse unglaublich relevant. Mein Ansporn oder Ziel als Spieler war es immer, im Verein und bei den Fans eine gute Erinnerung zu hinterlassen. Ich sehe, dass es sich momentan anders entwickelt: Viele Spieler wechseln die Vereine jedes oder jedes zweite Jahr und scheren sich eigentlich wenig darum, ob sie in den Geschichtsbüchern des Vereins nur eine Randnotiz sind oder eben vielleicht eine ganze Seite bekommen.

Du hast mir gerade quasi den Gerald Asamoah vorweggenommen. Ihr habt diese Aussage also schon im Vorfeld mitbekommen?

Selbstverständlich, ja.

Nimmt man so etwas als Spieler ernst oder sagt man sich dann eher „gut, der muss halt mal einen Spruch raushauen“ oder ist das nochmal ein Ansporn?

Ja, wie soll ich sagen, es ist 100 Prozent Gerald Asamoah. Das heißt, Vollblutschalker, tolle Karriere, deutscher Nationalspieler. Ich glaube, dass er den Spruch heute vielleicht nicht mehr sagen würde, aber zu diesem Zeitpunkt war er vielleicht für ihn auch passend. Wenn du – das zweite Mal – so kurz davor bist, dann ist es natürlich umso bitterer. Und jetzt ist doch klar, dass es immer schwieriger wird.

Hat man diesen Tag im Stadion anders erlebt? War die Stimmung anders?

Dazu muss ich sagen, dass in Dortmund immer eine unglaubliche Stimmung war, unabhängig vom Gegner. An dem Tag waren es dann vielleicht noch zwei, drei Prozent mehr. Wenn Cottbus, Bielefeld oder Stuttgart da waren, dann war es laut. Aber ich denke, so ein Spiel wie das gegen Schalke setzt dem Ganzen noch ein bisschen die Krone auf.

Spulen wir mal ein Jahr vor: Die EM im eigenen Land. Man hat Dir schon die Vorfreude angemerkt und das erste Spiel lief dann gleich richtig schlecht für Dich. Du musstest unter Tränen ausgewechselt werden, weil Du Dich verletzt hattest. War das vielleicht der härteste Tag in Deiner Karriere?

Was heißt härtester Tag? Es war einfach aufgrund der Umstände schwierig. Nach dem Spiel gegen Schalke habe ich mich operieren lassen, eine Arthroskopie an der Hüfte. Dann fiel ich mit zwei, drei Folgeverletzungen fast sechs Monate aus. Ich bin im Trainingslager zurückgekommen. In Marbella konnte ich wieder mit dem Team trainieren und das Problem war, dass ich in dem Moment, als es passierte, wieder wusste, was der Leidensweg sein wird, dass ich wieder von vorne beginne. Dazu kommt natürlich, dass es im eigenen Land war. Große Erwartungshaltung, du spielst eine Euro oder eine WM vielleicht einmal in deinem Leben im eigenen Land, du hast die Chance, bist eigentlich super drauf – und dann kannst du dem Team nicht mehr helfen und das Ereignis wird dir geraubt. Ich denke, dass durchaus Männer weinen dürfen.

Absolut. Umso schöner war dann das Comeback zwei Monate später. Ich glaube, das war das erste Derby unter Klopp, in dem Du dann wieder eingewechselt wurdest?

Das ist richtig, ja.

Da hast Du Dich relativ gut wieder eingefügt. Wie war das aus Deiner Sicht, als Du eingewechselt wurdest? Ihr lagt schon 2:0 hinten.

Jürgen hat mir diesen famosen Spruch mit auf den Weg gegeben. Er hat mich umarmt und gesagt, „in solchen Spielen werden Helden geboren“. Du kommst rein, es steht 2:0 für den Gegner, der dazu noch Schalke ist. Für mich war es aber eher so, dass man nicht so unter Druck steht, wenn man drei Monate verletzt war. Man hofft schon, dass man noch etwas bewirken kann, aber der Trainer erwartet nicht von dir, die Entscheidung zu bringen. Vielleicht war das Spiel auch schon in der Halbzeit abgehakt. Dann schoss Schalke sogar das 3:0, Kuranyi hatte die Chance zum 4:0 – und dann hat dieses Spiel so eine unglaubliche Eigendynamik entwickelt. Dieser Tag war auch für den Fan besonders, es war unmittelbar hintereinander wieder ein großer Stich ins Schalker Herz.

Du hast in dem Spiel ein Traumtor geschossen. Da hast Du den Ball richtig gut getroffen, oder?

Ja, nur einmal in meinem Leben mit links!

Ich habe übrigens nochmal nachgeschaut, es war gleiche Höhe.

Ja, nicht ganz..., aber ein Stürmer profitiert auch von Fehlentscheidungen, genauso wie ihm Tore durch Fehlentscheidungen genommen werden.

Aber gegen Schalke ist alles gleiche Höhe.

(lacht) Ja, man muss sich dann vielleicht auch fragen, ob man nicht selber schuld ist, wenn man 3:0 führt und diesen Vorsprung aus der Hand gibt.

Wie schießt man einen Elfmeter in der 90. Minute beim Stand von 2:3 vor der gelben Wand? Und dann auch noch gegen Schalke.

Grundsätzlich wähle ich mir die Ecke aus, bevor ich schieße – dann ist es mehr so „Augen zu und durch“. Ich war nie ein Elfmeterschütze wie Thomas Müller, der auf die Bewegung des Torhüters wartet. Ich habe mir gesagt „da will ich hin schießen“, habe mit maximaler Stärke dahin geschossen und es ist oft aufgegangen. Man würde aber lügen, wenn man sagen würde, man wüsste, dass man den Elfmeter vor der gelben Wand in der 90. Minute mit den Erwartungen von 25.000 auf der Tribüne so eiskalt macht, um das 3:3 zu erreichen. Ein bisschen nervös ist man schon. Es gibt Elfmeter, die sind weniger bedeutend und es gibt die mit unglaublicher Bedeutung.

Wie hast Du Dich generell psychisch auf einen Elfmeter vorbereitet? Du hast gerade die Drucksituation angesprochen.

Übung. Auch bei Freistößen, einfach Übung. Irgendwann hast du gewisse Automatismen und Abläufe, mit denen du versuchst, den Druck auszublenden.

Also ist es nicht so, dass das Tor immer kleiner wurde, wenn Du zum Elfmeter angetreten bist?

Nein, überhaupt nicht.

Um nochmal auf Jürgen Klopp zurückzukommen: Mit ihm kam dann auch neuer Wind in den Verein. Was macht ihn so besonders?

Er ist ein Menschenfänger. Er kann die Leute begeistern, kann seine Mannschaft begeistern. Er lebt den Fußball 24 Stunden am Tag, vermittelt das auch und er hat auch eine große Fachkompetenz.

Aber das sind teilweise Eigenschaften, die auch andere Trainer haben. Warum konnten die Trainer davor diesen schlafenden Riesen Borussia Dortmund nicht wecken?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass auch die Trainer davor den BVB geweckt haben, nur eben nicht über eine längere Zeit. Wir hatten auch gute Phasen mit Jürgen Röber, er hat sein erstes Spiel mit 3:2 gegen Bayern München gewonnen. Wir hatten tolle Spiele mit Thomas Doll. Aber am Ende ist es eben die Kunst. Ich denke, jeder, der den Fußballlehrer gemacht hat, besitzt eine unglaubliche Fachkompetenz, ein Wissen. Aber es ist eben das Gesamtpaket, was entscheidend ist. Jeder Trainer hat Defizite und Pluspunkte. Je ausgeglichener das ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass du als Trainer Erfolg hast.

2008/2009 war Deine letzte Saison beim BVB. Hast Du Dich unter Klopp ein bisschen ausgemustert gefühlt oder wie kam der Schritt zu Basel damals zustande?

Nein, nein. Ich wusste, dass ich nicht der Wunschspielertyp von Jürgen Klopp war. Das wusste ich. Wir hatten aber auch ein so gutes Verhältnis, dass das offen gesagt wurde. Nichtsdestotrotz hat er mir aber immer das Gefühl gegeben und auch in Gesprächen vermittelt, dass es schwierig ist, Torjäger zu finden und dass er meine Art Fußball so viel nutzen wollte, wie möglich. Ich habe eine tolle Vorbereitung gemacht. 2009 habe ich mich unglaublich stark gefühlt und es war nicht so, dass Jürgen Klopp mich wirklich abgeben wollte. Es war nur dem Umstand geschuldet, dass ich mit mir selbst als Spieler und mit dem FC Basel eine Rechnung offen hatte, dass ich eines Tages zurückkehren wollte. Ich wollte aber so zurückkehren, dass ich noch fähig war, Leistung zu zeigen, in einem Alter, in dem du noch dominant sein kannst, in dem du mit deinem Spiel dem Verein etwas zurückgeben kannst, an das sich die Leute dann auch erinnern. Klar hätte ich auch mit 34 zurückgehen können. Ich glaube aber, dass es schwierig ist, dann nur eine oder zwei Saisons bei deinem Herzensclub zu spielen. Es wurden dann vier und ich würde alles wieder genauso machen, weil ich nach Basel zurückkehren konnte. Sonst hätte ich Borussia Dortmund nicht verlassen.

Wie würdest Du Dein Spiel oder Deine Spielweise beschreiben?

Das ist schwierig. Ich war immer der Typ, der andere Leute beurteilen und analysieren ließ. Ich lebte von den Toren, auch von Vorlagen. Eher von der Fußballintelligenz als von der Schnelligkeit.

Gibt es noch andere Spieler in schwarzgelb, an die Du Dich gerne erinnerst?

Ja, es gab viele tolle Spieler, die einfach zu dem Zeitpunkt vielleicht am falschen Ort waren. Steven Pienaar zum Beispiel war ein großartiger Spieler, bekam es aber in Dortmund nicht auf den Platz. Nelson Valdez war für mich ein super Sturmpartner, aber der arme Kerl hat in der ersten Saison nur ein Tor gemacht. Das war eigentlich bitter, weil er unglaublich wichtig für die Mannschaft war. Es ist klar, dass am Schluss ein Stürmer an den Toren gemessen wird und so hat man es ihm immer zum Vorwurf gemacht, dass er nur einmal getroffen hat. Das wurde ihm aber nicht gerecht, weil er ein sehr guter Spieler war. Dann hatte ich das Glück, mit Roman Weidenfeller und Sebastian Kehl zu spielen, die unglaubliche Persönlichkeiten haben. Wörns, der ein Leader war. Dede, der Unglaubliches geschafft hat. Selbst wenn er keine Lust hatte, Fußball zu spielen, war er immer noch überdurchschnittlich und wenn er Lust hatte, war er wahrscheinlich der beste Linksverteidiger der Liga. Es gab unglaublich viele Spieler, die toll waren. Mo Zidan, auch Mladen Petrić, der einen unglaublichen linken Fuß hatte. Es war eigentlich eine fantastische Zeit.

Gibt es einige Bundesliga- oder Pokalspiele, die in Deinem Kopf geblieben sind?

Die Bundesligaspiele sind eigentlich alle im Kopf geblieben. In der Bundesliga riechst du Fußball, lebst den Fußball, du wirst eigentlich rund um die Uhr mit Fußball konfrontiert. Es ist einfach eine tolle Liga. Ob du auswärts spielst oder zu Hause, die Stadien sind eigentlich immer ausverkauft. Selbst gegen vermeintlich kleinere Gegner wie Bielefeld oder Aachen waren es immer tolle Spiele mit guter Kulisse. Es ist nicht wie in Frankreich, wo bei einzelnen Spielen im Pokal vielleicht 2.000 Zuschauer sind. Man lebt den Fußball in Deutschland und das ist eigentlich die größte Attraktivität.

Du hattest eben schon mal angesprochen, dass Du in Dortmund oft als Derbyheld bezeichnet wirst und Klopp auch sagte, in solchen Spielen würden Helden geboren. Inwiefern ehrt Dich das und inwiefern ist diese Bezeichnung „Held“ auch manchmal absurd?

Das ist sehr einfach zusammenzufassen. Es ist eine Bestätigung und eine schöne Sache, wenn du in einem Geschichtsbuch von Borussia Dortmund – auch wenn es dort viele tolle Spieler gab – mehr als nur eine Randnotiz bist, vielleicht sogar eine ganze Seite bekommst. Wenn du mit Dortmund in Verbindung gebracht wirst, sind alle anderen Dinge nicht so relevant. Dafür spielst du Fußball, dass man dich gerne in Erinnerung behält, mit deinen positiven und negativen Seiten. Das ist das, was mich mit Stolz erfüllt. Wenn du heute noch Kontakt mit Michael Zorc, mit Aki Watzke, mit Kehli, mit Roman hast. Das ist schon nicht mehr selbstverständlich, acht Jahre später.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man zum Warmmachen auf den Platz kommt und die ganze Süd singt für dich? Realisiert man das? Läuft man mit Gänsehaut auf den Platz oder ist man schon so im Tunnel, dass man es nicht mitbekommt?

Nein. Man bekommt das mit, man genießt es auch. Es gibt Phasen, da berührt es einen mehr, es gibt Phasen, in denen man als Spieler auch überlegt, wie sehr das für die Mannschaft förderlich ist. Aber es waren immer schöne und tolle Momente. Jedes Heimspiel war außergewöhnlich.

Du sagtest gerade, man müsse sich fragen, inwiefern das förderlich für die Mannschaft sei. Führt das ein bisschen zu Neid, wenn einer so ein großer Publikumsliebling ist?

Ich meine, die Fans singen ja nicht, weil du so eine tolle Frisur hast...

Bei manchen schon…

… oder ein Tattoo am Oberarm. Die Fans singen, weil sie dich mögen, in der Art, wie du spielst, wie du dich mit dem Verein identifizierst und da ist Neid fehl am Platz. Ich habe nicht eine Sekunde gespürt, dass ein Mitspieler von mir neidisch war, überhaupt nicht, in keinster Weise.

Im zweiten Teil berichtet Alex Frei dann über den Weg zu seiner jetzigen Tätigkeit, die Schwierigkeiten als Sportdirektor, die Jugendarbeit und spricht über die jetzige Situation des BVB. Hier geht's zum zweiten Teil.

Larissa und Seb, 14.08.2017


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