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Auffem Platz - 13.08.2017

Frikadelle mit Sucuk - Trauerspiel in Freiburg

Pure Euphorie auf der Gastgeberseite

Mein Wecker klingelt um 5:45 am gestrigen Morgen, wach bin ich dank vollmondtypischer Träume von ertrunkenen Fußbällen und einstürzenden Stadien schon weitaus früher. Und so habe ich ausreichend Zeit, Proviant im Wert der Ablösesumme Dembélés einzupacken. Wären wir an diesem Tag von einer sechswöchigen Vollsperrung betroffen gewesen, wäre ich immerhin nicht verhungert.

Auf der Fahrt trifft man erste bekannte und auch unbekannte Gesichter in schwarzgelb. Das ein oder andere schiefe Grinsen und „gute Fahrt“ wird unbekannterweise untereinander ausgetauscht, ehe man sich beim nächsten Halt vor dem heranrasenden Fanbus aus Lennetal in Sicherheit bringen muss, aus dem ein übergewichtiger Junge, der mir bestens bekannt ist, gestürzt kommt. Schreiend erleichtert er sich am nächsten Baum. Mein Herz geht auf. Das ist Dortmund auswärts. In Freiburg angekommen kommt uns bereits die gesamte Gemeinde aus Südbaden entgegen, Shirts mit der Aufschrift „südbadischer Verbandsmeister 2017“ lassen uns in einem roten Meer versinken.

Als eine der ersten betreten wir das Schwarzwaldstadion. Da wir noch zwei Stunden Zeit haben und bereits der erste Würstchenduft in meine Nase zieht, startet von nun an der Qualitätscheck aller Stadionbuden des Gästeblockes. Mein persönliches Highlight des Tages: In der hausgemachten Frikadelle des mittleren Essensstandes ist Sucuk enthalten. Frikadelle mit Sucuk, versteht ihr? Letzteres bleibt mir jedoch schon kurz darauf im Hals

Tristesse im Gästeblock aufgrund forscher Tunnelbauarbeiten der Bahn bei Raststatt

stecken. Denn mit der Zeit sickert die Nachricht durch, dass die meisten aktiven Fans dem Spiel fern bleiben müssen. Statt farbenfrohem Gesamtbild prangert nun die Zaunfahne eines holländischen Fanclubs einsam und verlassen in der Mitte des Gästestehblockes. Ich schaue mich im Block um und die Anzahl der bekannten Gesichter lässt sich an weniger als einer Hand abzählen. Währenddessen bereiten die organisierten Fans aus Arlen eine Choreographie inklusive BVB Wappen vor und heizen sich trotz des Durchschnittsalters von etwa 50 Jahren voller Zuversicht ein. Der FCR startet ebenso motiviert in die erste Halbzeit und zeitweise scheint sogar der Dortmunder Block zu vergessen, welche Farben er anfeuert, da auch das am Bildschirm angezeigte Freiburger Zwischenergebnis für ähnlichen Jubel wie das Dortmunder Tor in der zwölften Minute sorgt. Nach Bartras Treffer gelingt dem Sechstligisten dann ein Angriff, der nicht nur Champions-League-würdig ist, sondern auch alle Tribünen für einen kurzen Moment in Extase versetzt. Welchen Verein unterstütze ich eigentlich? Ach, egal. Ein Möchtegernhooligan neben mir im „Krieg dem DFB“-Army T-Shirt stimmtein „Scheiß DFB“ an, dem sich zumindest seine Mitreisenden anschließen. Aus Mitleid, vermute ich. Der darauffolgende neue Vorsänger wird dank eines Becherwurfes schnell auf den Boden der Tatsachen geschossen, eine vierzigminütige Schweigeminute folgt. Diese wird kurz von einem Elfmetertor unterbrochen, nachdem Torwart Klose Neuankömmling und Ex-Freiburger Philipp zu Fall brachte.

Moritz Strauß gegen Pierre-Emerick Aubameyang

Zumindest der Protest gegen Chinas U20 auf der Gegengerade lässt mich die Hoffnung nicht aufgeben, doch noch Gefallen an diesem Ausflug zu finden. Ich schwelge in Erinnerung an das letzte Bundesligaspiel in Freiburg, als in einer Halbzeit lautstark kaum mehr als zwei Lieder gegröhlt wurden und jeder Einzelne den Spaß seines Lebens hatte. Mir sagt diese merkwürdige Stimmung immer weniger zu und die Entscheidung, den Rest des Spieles nicht im Stadion anzusehen, wird mir von einer Gruppe Fans abgenommen. Sie bitten die Ordner, die Tore zu öffnen, diese verweisen verblüfft darauf hin, dass ein Verlassen des Stadions eine Rückkehr automatisch ausschließe. Nein, das wolle eh niemand und so zogen einige Fans schon in der Halbzeitpause in die Kneipen. Fußball ohne Halligalli auf den Rängen, wer will das schon? Ich würde liebend gerne den DFB oder die Uniformierten als Auslöser für nennen, leider aber ist es nur die Deutsche Bahn. Ein großer Haufen BVB Fans hat sich morgens auf den Weg mit der Deutschen Bahn gen Freiburg im Breisgau gemacht. Es sollte eine recht entspannte Tour werden. Auch die Zugbegleiter hatten sich mit der ungewohnten Reisegruppe arrangiert. Bis Karlsruhe war es eine sehr entspannte Tour, was auch die sehr spärliche Polizeibegleitung zeigt. Ob das daran lag, dass die Dortmunder SKBs mal wieder überrascht waren oder man tatsächlich gewillt ist abzurüsten, wird die Zeit zeigen. In Karlsruhe war dann aber Schluss.

Torjubel zum 2-0

Einige Fans versuchten noch mit Reisebussen nach Freiburg zu kommen, was aber ebenso wie der Versuch der Bahn, Ersatzbusse aufzutreiben, misslang. So ging es im nächsten ICE wieder zurück nach NRW. Hier noch einmal ein Dank an die Jungs vom Fanprojekt, die sich immer bemühten, Informationen zu bekommen und als Ansprechpartner für alle Seiten agierten.

Natürlich kann niemand etwas für eine technische Störung und trotzdem zeigt es mal wieder, wie schnell aus einem Ausflug quer durch Deutschland ein Trauerspiel wird. Die Polizei, die ob der fehlenden Problemfans ganz auf Kaffeepause eingestellt ist, baut spontane Straßensperren auf. Auch meine Reise endet hier. Wenn sich mehr für Freiburg auf dem Bildschirm gefreut und halbstündige Schweigephasen tonangebend sind, dann ist das nicht mehr meins. 1000 Kilometer, 12 Stunden Fahrt für Hin- und Rückweg, vielleicht hätte jemand anderes die Karte mehr verdient gehabt, aber ich habe schlicht und ergreifend keine Lust mehr. Und ich mir sicher, dass das nicht das letzte Mal in dieser Saison sein wird, dass so mancher Platz leer bleibt. Es hätte eine lustige Auswärtsfahrt ans südwestliche Ende Deutschlands werden können. Aber nicht wenn die Freude neben mir fehlen.

Der Schlusspunkt - natürlich durch Aubameyang

Die zweite Halbzeit verfolge ich via skygo im Auto. Der FCR läuft weiter um sein Leben, was ihm jedoch gleichzeitig zum Verhängnis wird. Aubameyang nutzt die Chance und erhöht in der 55. Minute auf ein 3:0. Die Südbaden geben nicht auf, doch der Ball will nicht mehr ins Tor und so ist es erneut Aubameyang, der abschließend mit einem Abseitstor in der 80. Minute jegliche Hoffnung auf eine Sensation zerstört.

Die Fotostrecke zum Erstrundensieg gibt es wie gewohnt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Michi, 13.08.2017


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