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Im Fokus - 08.08.2017

Was Stadionbesucher von Pyrotechnik halten

Nachdem die Gespräche zum Thema Pyrotechnik zwischen DFB und organisierten Fanszenen Ende 2011 abgebrochen wurden, ließ der DFB zur Bestätigung seiner Position eine Telefonumfrage durchführen. BVB-Fan Philipp war damit nicht zufrieden und machte selbst eine Umfrage. Wir dokumentieren die Ergebnisse.

Die BVB-Fans verwandeln den Mainzer Gästeblock in ein LichtspektakelWir schreiben das Jahr 2011: Borussia Dortmund ist amtierender und verteidigender Deutscher Meister, das Spielsystem des Jürgen Klopp noch nicht entschlüsselt und auch sonst macht Fußball gerade eigentlich relativ viel Spaß. Während sich ganz Fußballdeutschland am Märchen der 11 Freunde vom BVB entzückt, haben sich Ultra-Gruppen und weitere organisierte Fans in ganz Deutschland verbündet, um ein ihnen sehr wichtiges Anliegen ein für alle mal zu klären: Pyrotechnik legalisieren.

Mit einem 16-seitigen Strategiepapier werden sie beim DFB vorstellig, führen Gespräche mit den Herstellern von Feuerwerkskörpern, um Leuchtfackeln zu produzieren, die in Deutschland ganzjährig gezündet werden dürfen und regen Testreihen an, bei denen Pyrotechnik als Teil von Choreografien in gesonderten Bereichen verwendet werden darf. Feuerwehren werden konsultiert, es ist die Rede von Crash-Kursen durch ausgebildete Pyrotechniker und bei den Vertretern der über 160 Fangruppen entsteht der Eindruck, dass man bei DFB und DFL wirklich einen Kompromiss erzielen könne.

Doch es kommt anders. Im November 2011 verkündet der DFB kurzerhand, eine Legalisierung von Pyrotechnik käme schlicht nicht in Frage. Und während sich jene Fans, die sich in der Hoffnung eines konstruktiven Ergebnisses der Gespräche in den vorigen Monaten mit dem Einsatz von Pyrotechnik massiv zurückgehalten haben, um Disziplin zu beweisen, nun massiv vor den Kopf gestoßen fühlen, legt der DFB nach: mit Hilfe des Meinungsforschungsinstituts tns-infratest lässt er per Telefonbefragung 2.000 Bundesbürger zum Thema Pyrotechnik befragen. Die Ergebnisse:

Die Veröffentlichung schlägt hohe Wellen, die mutmaßliche Ablehnung von Pyrotechnik ist nun in Zahlen gegossen. Doch nicht nur die 11Freunde kritisieren die schwammigen Definitionen und tendenziösen Suggestivfragen, auch BVB-Fan Philipp ist mit Methodik und Ergebnissen der Umfrage nicht zufrieden. Er kann sich nicht erklären, wieso bei jeder Pyro-Show im Stadion tausende Blitzlichter aufblinken, um das Spektakel in Video und Bild festzuhalten, obwohl doch angeblich mehr als 4 von 5 Fußballfans gegen Pyrotechnik sind. Und so nimmt er die Dinge einfach selbst in die Hände und führt im Rahmen seiner Bachelor-Arbeit zum Thema "Empirische Analysen" seine eigene Umfrage durch.

Er nimmt dafür jedoch keinen Telefonhörer in die Hand, Philipp fährt zu den Stadien. Denn "Fußballinteresse" ist ihm als Gradmesser nicht gut genug. Er will wissen, was Stadionbesucher von Pyrotechnik halten und besucht deshalb mit einigen Freunden innerhalb von zwei Februarwochen insgesamt neun verschiedene Fußballspiele in ganz Deutschland, von der zweiten Bundesliga über die Europa- bis zur Champions League. Insgesamt befragen sie dabei 1.001 Fußballfans. Seine Fragen sind offener und seine Ergebnisse differenzierter.

Zuerst möchten wir euch vorstellen, wen er befragt hat.

Auch wenn die Fans des BVB in der großen Mehrheit sind, hat Philipp großen Wert darauf gelegt, verschiedene Fans zu befragen. Er und seine Freunde fuhren absichtlich zu Spielen von mehreren Clubs anderer Prägung und gingen gezielt auf unterschiedliche Fantypen zu, die sie mit Hilfe eines offenen Fragebogens zu ihren demografischen Daten, ihren Stadiongewohnheiten und natürlich ihrer Meinung zu Pyrotechnik befragt haben.

Sehen wir uns die Fragen und Antworten an, die er gestellt und bekommen hat.

Die Ergebnisse

Die Ablehnung von Pyrotechnik unter Stadionbesuchern war seinerzeit deutlich geringer als die von "Fußballinteressierten" - auch wenn die davon ausgehende Gefahr und das geltende Verbot fast immer mitschwangen. Da die Fragestellung bewusst offen gewählt war, gab es häufig Antworten, die positive und negative Aspekte gleichermaßen berücksichtigen, wie z. B. "Pyrotechnik ist wirklich schön anzusehen, das Abbrennen aber auch sehr gefährlich." Wichtig zu erwähnen ist vor allem, dass nur 1,6% der Befragten die Verbindung zwischen Pyrotechnik und Gewalt herstellten, diese medial häufig aufgebaute Verbindung in den Köpfen der Fans also nahezu nicht vorhanden war.

Das tendenziell positive Bild von Pyrotechnik setzt sich auch in der zweiten Frage fort: Zwei Drittel aller Stadionbesucher hätten sich gewünscht, dass es eine Möglichkeit gibt, das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion unter sicheren Voraussetzungen zu ermöglichen. Nicht mal ein Drittel war bei der offeneren Fragestellung für ein Bestehenbleiben des Verbots, 3,9% verzichteten auf eine klare Antwort in dieser Frage.

Während laut tns-infratest-Umfrage vier von fünf Personen für härtere Strafen waren, forderten mehr als zwei Drittel der Stadionbesucher, dass der Einsatz von Pyrotechnik nicht härter bestraft wird. Kaum mehr als ein Viertel war 2012 der Meinung, dass der Einsatz von Bengalos härter bestraft werden solle.

Dies ist vor allem interessant, wenn man die Antworten einzelner Personen übereinanderlegt: Während 46,9% der Personen, die für eine härtere Bestrafung waren, sich simultan für eine Legalisierung von Pyrotechnik im Stadion aussprachen, waren nur 14,4% aller Befragten für die Aufrechterhaltung des Verbots in Kombination mit höheren Strafen.

Die Antwort auf diese Fragen zeigen klar, wie stark sich die Meinung regelmäßiger Stadionbesucher von bloßen Fußballinteressierten unterscheidet - und wie wichtig es ist, eine Frage nicht suggestiv zu formulieren. Ein krasser Widerspruch zur Studie, die der DFB in Auftrag gegeben hatte.

Die Frage nach der Zufriedenheit mit der Vorgehensweise stellt sowohl DFB als auch DFL in der Causa Pyrotechnik ein vernichtendes Zeugnis aus: Mehr als die Hälfte aller Befragten gibt den Verbänden die Noten "mangelhaft" und "ungenügend", nur rund ein Fünftel sehen die Vorgehensweise als "befriedigend" oder besser.

In der Folge seiner Bachelor-Arbeit vertiefte Philipp seine Befragungen noch, indem er die befragten Fans nach der Anzahl der besuchten Spiele, ihrem Alter und dem favorisierten Verein unterteilte und so z.B. die Einzelwerte für Erst- und Zweitligavereine oder eine Unterteilung nach verschiedenen Fantypen vornahm. Das soll für uns an dieser Stelle aber nachrangig sein, da es die generelle Aussage der Befragungsergebnisse nicht verändert. Wir möchten uns an dieser Stelle bei ihm dafür bedanken, dass er uns die Ergebnisse bereitwillig zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.

Und heute?

Diese Zahlen sind eindrucksvoll und widerlegen die klare Ablehnung von Pyrotechnik, die DFB und DFL uns 2011 verkaufen wollten - sie sind allerdings auch schon fünf Jahre alt. In der Zwischenzeit gab es nicht nur das Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC, welches durch verfrühte Freude der Heimfans später eher als blutrünstiger Bürgerkrieg in die Geschichtsbücher eingehen sollte, generell haben sich die Fronten in allen Belangen verhärtet. Der BVB durfte in der vergangenen Saison nicht nur den ersten Zuschauerteilausschluss verbüßen, obwohl der DFB dabei wohl Vergehen sanktionierte, die gar nicht in seinem Zuständigkeitsbereich lagen, er muss aufgrund des wiederholten Abbrennens von Pyrotechnik nun auch ein Sicherheitskonzept für das DFB-Pokalfinale erarbeiten, obwohl er dort gar kein Veranstalter war. Die Frustrationsgrenze ist bei wohl allen Fußballfans gesunken, sowohl in Bezug auf die Verbände und deren fragwürdige Strafen als auch bezogen auf die eigenen Ultras, welche sich regelmäßig in die Nesseln setzen. Dementsprechend könnten diese Zahlen heute natürlich bedeutend anders ausfallen - sie veranschaulichen aber dennoch ganz gut, dass Pyrotechnik nicht nur verabscheuungswürdiges Teufelszeug ist, sondern bei einer breiten Basis von Fußballfans als Stilmittel akzeptiert wird.


Disclaimer: Der Autor war Teil des Teams, das die Interviews geführt hat.

NeusserJens, 08.08.2017


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