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Helden in schwatzgelb - 07.08.2017

Siggi Held: "Fußball macht Spaß".

Heute feiert Siggi Held seinen 75. Geburtstag, zu dem wir ihm ganz herzlich gratulieren! Wir haben dies zum Anlass genommen, mit ihm über seine Zeit im schwarzgelben Trikot und besonders über den Europapokalsieg von 1966 zu sprechen, haben ihn mit der Frage gequält, ob der Ball in Wembley nun im Tor war oder nicht und von ihm erfahren, warum früher nicht alles besser war.


Wir treffen uns heute hier in einem Dortmunder Golfclub. Sind Sie zufrieden mit ihrem Handicap?

Nein, bin ich nicht. Die Bälle wurden bei mir im Laufe der Zeit immer kleiner und das Spiel immer schlechter. Vom Fußball zum Tennis und jetzt Golf.

Wir haben viele junge Leser, die Sie – wie wir auch – noch nie haben spielen sehen. Können Sie uns kurz beschreiben, wie Sie als Spieler waren?

Das ist immer schwierig, sich selbst zu beschreiben. Ich glaube, ich war schnell und dribbelstark. Emmerich war der Torjäger, ich war mehr Vorbereiter.

Sie haben viele berühmte Spiele bestritten, das Europapokalfinale 1966, im selben Jahr auch das Weltmeisterschaftsfinale, das durch das berühmte Wembley-Tor entschieden wurde. Welches Spiel ist denn für Sie persönlich das wichtigste Spiel?

Ich glaube, das kann man nicht so gewichten. Die waren beide einzigartig und ein Highlight in meinem Sportlerleben. Die wichtigsten Spiele insgesamt waren sicher die Europapokalspiele mit Borussia und dann zwei Mal die WM 1966 und 1970, da waren schöne Spiele dabei. Aber kein Spiel ragt besonders heraus. Das Schönste ist immer, wenn man gewinnt und dann ist der Europapokalsieg herausragend. Verlieren ist nicht so schön. Aber es waren alles schöne Spiele.

Sie sind zur Saison 1965/1966 von Kickers Offenbach zum BVB gewechselt. Was waren Ihre Motive für den Wechsel?

Borussia war damals wie heute eine Spitzenmannschaft. Ich kam von einem Zweitligisten und man strebt ja nach Ruhm, man will Fortschritte machen. Insofern war das für mich eine tolle Sache. Für mich war das ein Riesenschritt und die Trainingsbedingungen waren ganz anders. Ich habe davor in Offenbach gespielt, erst war ich bei der Bundeswehr. Dann habe ich nebenbei noch ein bisschen gearbeitet und in Dortmund war ich dann Vollprofi.

Was zeichnete die BVB-Europapokalmannschaft von 1966 aus? Was waren Ihre Stärken und Schwächen?

Ich glaube, es war eine sehr ausgeglichene Mannschaft. Erfolg kann man nur haben, wenn es rundherum stimmt, insofern war das für damalige Verhältnisse eine perfekte Mannschaft.

Und welchen Anteil hatte der Trainer Multhaup?

Der Trainer ist auch ein Teil vom Ganzen. Wenn es da nicht stimmt, dann hakt es auch irgendwo in der Mannschaft.

Gab es in der Mannschaft jemanden, der Sie vom Fußballerischen her besonders beeindruckt hat?

Das war insgesamt eine gute Mannschaft, es hat gestimmt. Der I-Punkt wäre lediglich gewesen, wenn wir damals auch Deutscher Meister geworden wären, aber das entscheidende Spiel zu Hause gegen 1860 München haben wir verloren. Da waren wir scheinbar etwas abgeschlafft.

Zu viel gefeiert?

Nein, das würde ich nicht sagen, gefeiert haben wir nicht. Aber wenn man einen Höhepunkt erreicht hat, dann schnauft man mal durch und das ist dann schon zu viel.

Können Sie uns über das Finale gegen den FC Liverpool berichten?

Liverpool war der haushohe Favorit. Das Spiel fand in Glasgow statt. Wir hatten eineinhalb Stunden Fahrt bis zum Stadion und hatten ein schönes Quartier. Vorher standen ein paar Sprüche in der englischen Presse, die stärkste Mannschaft sei Liverpool, die zweitstärkste die Reserve von Liverpool. Das ist eben das Drumherum bei so einem Spiel und bei uns hat das ein bisschen den Ehrgeiz angestachelt. Es lief ja dann in die richtige Richtung.

Nimmt man solche Sprüche im Vorfeld wahr?

Am Rande nimmt man es wahr. Man überbewertet es nicht, aber man nimmt es wahr.

Haben Sie von dem Spiel selbst noch jede Szene in Erinnerung?

Das ist natürlich lange her. Man hat schon wieder so viel erlebt, dass das schon wieder verblasst ist. Es bleibt natürlich ein Highlight und ich erinnere mich an den Empfang hier in Dortmund, dass wir im Wagen durch die Straßen durch Dortmund gefahren sind, dass die Straßen voll waren.

Ist das vergleichbar mit heutigen Feiern?

Das glaube ich nicht, heute ist es größer. Damals war Dortmund auch auf den Beinen, aber es ist mit der heutigen Zeit sicher nicht zu vergleichen.

Wie war das denn, als das 2:1 fiel, wie haben Sie das Tor wahrgenommen? Lief das für Sie in Zeitlupe ab, dass der Ball unendlich in der Luft war?

Nein, das läuft schon in realer Zeit ab. Es war noch eine Weile zu spielen und man tut natürlich alles, um das über die Zeit zu bringen. Die Zeit kommt einem vielleicht ein bisschen länger vor.

In der englischen Presse hat man Lothar Emmerich und Sie damals als "terrible twins" bezeichnet. Was hat das Zusammenspiel zwischen Ihnen ausgezeichnet und wie war „Emma“ als Person?

Er war mein Kollege, der immer das Zimmer mit mir geteilt hat. Heute gibt es meistens für die Spieler Einzelzimmer, damals Doppelzimmer. Wir haben uns gut verstanden, vor allem auf dem Fußballfeld und weil wir dann auch oft über Fußball gesprochen haben. Er war sehr torgefährlich und ist immer vor dem Tor aufgetaucht, wenn es wichtig war. Er hat eine Menge Tore gemacht.

Sie waren auch lange Mitglied der Nationalmannschaft und haben bei den Weltmeisterschaften 1966 und 1970 gespielt. Hätten Sie sich im Finale 1966 den Video-Schiedsrichter gewünscht?

Och ja, jetzt im Nachhinein schon. Es wäre schön gewesen, aber gut, es ist halt so wie es war.

Ist es nervig, dass man Sie immer wieder darauf anspricht?

Nein, da leidet mein Torhüterkollege Hans Tilkowski vielleicht drunter, den man immer fragt, ob der Ball nun drin war oder nicht.

War er denn drin?

Ich glaube nicht. Es gibt Indizien dafür, dass er nicht drin war. Wenn ich es mal kurz erklären darf: Ein Linienrichter ist damals immer schnurstracks an der Linie gelaufen, wenn der Ball im Tor war. Und in dieser Situation stand der Linienrichter, hat mit dem Fähnchen gewedelt und wusste nicht, was er machen sollte. Dann sind die englischen Spieler auf ihn eingestürmt und es waren auch von uns welche da. Und auf einmal hat er zur Mitte gezeigt. Insofern war das eigentlich ein Indiz, dass er sich seiner Sache nicht sicher war, weil er da stand und nicht wusste, was zu tun ist.

1971 sind Sie vom BVB zurück nach Offenbach gewechselt, das gerade in die zweite Liga abgestiegen war. Wie ist es dazu gekommen?

Ich habe dort ein gutes Angebot bekommen und in Dortmund hat man damals auf Talente gesetzt. Nach Ansicht der Verantwortlichen war ich damals schon im höheren Fußballalter. So haben wir uns nicht geeinigt und es kam zu dem Wechsel.

Aber es ist dem BVB nicht gut bekommen, der danach auch abgestiegen ist.

Das war Sache der Verantwortlichen damals. Die haben gedacht, sie könnten mit einer jungen, talentierten Mannschaft was reißen. Es war halt so.

Sie haben Ihre aktive Karriere erst mit 39 Jahren beendet und sind dann Trainer geworden. Was hat Sie so lange angetrieben?

Fußball macht Spaß. Es ist schön. Es ging immer noch sehr gut und wenn wir damals mit Uerdingen nicht abgestiegen wären, hätte ich sicher noch weiter gespielt, da ich gesundheitlich auf der Höhe war, keine schwerwiegenden Verletzungen hatte und körperlich in relativ gutem Zustand war. Es hätte alles dafür gesprochen, weiter zu spielen. Das einzige war eben der Abstieg und dann ein Angebot als Trainer. Und da man ja zwangsläufig mal aufhören muss, dachte ich, das ist eine gute Gelegenheit, als Trainer einzusteigen.

Sie haben in diesen ganzen Jahren als Spieler sehr viele Trainer erlebt. Welcher hat Sie denn am meisten geprägt?

Da muss man immer seinen eigenen Stil finden. Man schaut sich manches ab und sieht Gutes und weniger Gutes und versucht, seinen Stil zu finden. Außerdem hatte ich einen Lehrgang gemacht und es studiert.

Gab es auch Trainer, über die Sie als Spieler eher den Kopf geschüttelt haben?

Es gibt immer mal irgendetwas, was einem nicht so zusagt, aber der Trainer wird sicher seine Gründe gehabt haben, so zu handeln und man kann anderen nicht in den Kopf schauen. Jeder hat seine eigene Sicht der Dinge.

Sie haben dann selbst sehr lange als Trainer gearbeitet und ihre erste Station als Trainer war ausgerechnet ein Engagement bei den Blauen. War dort ihre schwarz-gelbe Vergangenheit überhaupt kein Thema?

Mein Manager dort war mein ehemaliger Kollege Rudi Assauer und der hat mich gefragt. Damals waren Schalke und Uerdingen abgestiegen und er hat mich gefragt, ob ich denn nicht Trainer werden wolle. Ich dachte, das ist ein guter Einstieg. So war mein erster Job als Trainer bei Schalke. Angefeindet hat man mich nicht.

War die Rivalität zu dem Zeitpunkt schon so stark wie heute?

Da war sicherlich auch Rivalität vorhanden, aber Rivalität beflügelt auch. Ich glaube, von Fanseite ist die Rivalität heute sicher größer. Das ist schon gewachsen, aber die Anzahl der Fans ist auch gestiegen.

Sie kennen beide Vereine, Dortmund und Schalke. Was haben beide gemeinsam und was trennt sie?

Ich war nur anderthalb Jahre bei Schalke, ich will mir daher kein Urteil anmaßen, weil ich dort mit meinem Trainerjob genug zu tun hatte. Und jetzt bin ich bei Borussia in der Fanbetreuung tätig, das ist schon einzigartig. Aber es ist natürlich alles auch gewachsen.

Wenn man sich Ihren Lebenslauf anschaut, dann merkt man ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen einer sehr langen Verbundenheit mit dem Ruhrgebiet und einer gewissen Weltläufigkeit. Wie ist das zu erklären?

Es gab Angebote aus dem Ausland und meine Tätigkeit im Ausland hat dann weitere Angebote aus dem Ausland nach sich gezogen. Es hat sich gewissermaßen eine Eigendynamik entwickelt und so bin ich dann viel im Ausland gewesen.

Geboren wurden Sie 1942 in Freudenthal, das heute Bruntál heißt und in Tschechien liegt. Haben Sie noch Erinnerungen an die Flucht? Und wie schwer war es dann, in der neuen Heimat Wurzeln zu schlagen?

Erinnerungen an die Flucht habe ich keine. Als Kind bin ich in Holzbaracken auf der Wiese aufgewachsen. Es war eigentlich eine schöne, unbeschwerte Kindheit. Natürlich auch von Knappheit bei manchen Dingen geprägt. Aber ich habe meine Kindheit durchaus positiv in Erinnerung. Das einzige Freizeitvergnügen war Fußballspielen. Fußballfelder waren in Hülle und Fülle da. Wiesen und Felder, auf denen man sich austoben konnte.

Können Sie uns etwas über ihre Eltern und Ihr Elternhaus erzählen?

Mein Vater war Bundesbahnbeamter, Angestellter und er war auch fußballbegeistert. Er hat mich in dem kleinen Ort, in dem wir wohnten, auf den Fußballplatz mitgenommen. Da bin ich dann auch in den Verein gegangen. Ich bin in meinem Elternhaus wohlbehütet aufgewachsen und hatte viel Spaß in meiner Freizeit.

Sie waren als Trainer in vielen Ländern tätig, unter anderem in Japan, Malta und Island. Wo hat es Ihnen besonders gut gefallen und warum?

Man muss immer unterscheiden zwischen Freizeit und Arbeit. Arbeiten ist oft schwierig, weil nicht alles so gut organisiert ist wie in Deutschland. Da muss man sich auch erst zurecht finden. Sehr gut leben kann man in vielen Städten.

Sprechen Sie irgendwelche Sprachen aus den Ländern, in denen Sie tätig waren?

Englisch. Mit den Spielern habe ich mit einem Dolmetscher gesprochen. Das birgt sicherlich Gefahren, denn man weiß nicht immer, ob der Dolmetscher das übersetzt, was man so sagt. Es gibt die Rückmeldung, dass man sieht, was da abläuft. Aber es gab auch Länder, in denen man mit Englisch zurechtkam.

Gab es manchmal Grund zu zweifeln, dass der Dolmetscher etwas falsch übersetzt hat?

In Japan hat der Dolmetscher sich einmal geweigert, das so zu übersetzen und hat dann auf mein Nachbohren erst übersetzt. Ich wollte Kritik anbringen und er dachte, das würde man ihm persönlich übel nehmen und daher wollte er das so nicht übersetzen. Auf mein Drängen hat er es dann gemacht, aber es bleibt die Frage offen, ob richtig oder nicht.

Wenn sie jetzt noch einmal irgendwo hinziehen müssten, ohne dort Trainer zu sein. Welches Land wäre das?

Das ist schwer. Island hat seine Reize, auch Kairo und Bangkok sind tolle Städte. Auf Malta war es schön. Man kann überall gut leben.

Wie kommt es, dass Sie jetzt wieder in Dortmund leben?

Ich hatte meinen Wohnsitz in Dortmund behalten, denn als Trainer hat man manchmal schneller Urlaub als man glaubt. So hatte ich dort immer mein Rückzugsgebiet.

Sie sind jetzt schon relativ lange als Fanbetreuer tätig. Wie ist es dazu gekommen und was reizt Sie an ihren Aufgaben?

Ich bin gefragt worden, ob ich Interesse daran hätte. Fanbetreuung in Dortmund ist ja ein großes Feld. Fanclubs laden auch immer Vertreter vom BVB ein. Die würden sicherlich lieber den Manager oder den Geschäftsführer sehen, weil die mehr aus dem Nähkästchen plaudern können. Aber die haben natürlich keine Zeit, weil sie mit anderen Dingen beschäftigt sind. So bin ich es, der dort tätig ist. Und es macht Spaß. Die Leute freuen sich und wir sprechen über Fußball.

Wenn Sie die heutige Fanszene mit der von früher vergleichen: Was war früher anders?

Das ist für mich schwer zu beurteilen, weil ich früher nicht so nah an den Fans dran war. Ich habe zwar auch mal mit dem ein oder anderen gesprochen, aber jetzt bin ich wesentlich näher dran. Damals ist mir das nicht so bewusst gewesen, wie viele Opfer die Fans – auch finanziell – immer bringen und was sie alles anstellen, um bei Spielen dabei zu sein.

Waren denn früher schon Fans dabei? Sind welche mit nach Glasgow gefahren?

Ja, aber sicher nicht in dem Ausmaß. Das Spiel war damals auch nicht ausverkauft. Das ist heute unvorstellbar. Das hat einen gewaltigen Schub bekommen.

Aber Fangesänge gab es doch auch schon?

Es wurde auch schon gesungen. Aber nicht so schön wie heute. Ich gehöre nicht zu denen, die immer von der guten alten Zeit sprechen. Das ist heute alles wesentlich schöner, das ganze Drumherum.

Das schließt gut an unsere nächste Frage an. In der Presse wird heute viel über Randale von Fans oder anderes Negative geschrieben. Was ist denn heute Ihrer Ansicht nach besser als früher?

Die Randale ist natürlich weniger gut, das sind aber Randerscheinungen. Ich glaube, die Anzahl derjenigen, die über die Stränge schlagen, bewegt sich im Promillebereich und alles andere ist besser geworden. Das gilt auch für die Fans, das Drumherum. Man sieht besser im Stadion, der Komfort ist besser geworden für die Fans und natürlich auch für die Spieler. Die Stadien, die Plätze, die Bezahlung. Es beklagen manche die Kommerzialisierung, aber irgendwoher muss das Geld ja auch kommen.

Sind Sie denn auch regelmäßig im Stadion?

Ich bin bei jedem Heimspiel. Auswärts weniger, da sind wir meistens bei Fanclubs.

Abschließend eine Frage zur nächsten Saison: Wie schätzen Sie die Chancen des BVB unter dem neuen Trainer ein?

Ich glaube, wir haben nach wie vor gute Spieler und der Trainer hat den Nachweis erbracht, dass er mit einer Mannschaft umgehen kann. Ich bin zuversichtlich, dass wir wieder Ähnliches erreichen wie im vergangenen Jahr.

Vielen Dank für das Interview und zum Geburtstag alles Gute!

7.8.2017, Nina und Seb, Fotos: Larissa


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