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Reportage - 23.07.2017

Wie organisiert man eigentlich ein Trainingslager?

„Das war das beste Trainingslager, das ich jemals mitgemacht habe“, so ließ sich Jupp Heynckes Anfang 2012 zitieren, bevor es in die Rückrunde der Saison 2011/2012 ging. Gereicht hat es trotzdem nicht. Die Bayern landeten hinter unserem BVB. – Trainingslager sind ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitung auf eine Halbserie im Profifußball. Aber wie organisiert man eigentlich ein Trainingslager?

Die Schweiz ist nur im Sommer möglichAnfang September: Im Kalender von Ingo Preuß leuchtet ein Termin auf „Wintertrainingslager organisieren“. Ingo Preuß ist Teammanager der U23 von Borussia Dortmund, die derzeit in der Regionalliga spielt, und damit hauptverantwortlich für die Organisation der halbjährlichen Fahrten ins Ausland. „Wenn du im Oktober anfängst, bist du schon zu spät dran. Du willst ja nicht nur die ‚Reste‘ bekommen, weil schon alles ausgebucht ist“. Preuß erledigt diese Aufgabe jetzt seit ca. 20 Jahren, da sammelt sich einiges an Erfahrung an. „Am ehesten kann man das mit der Organisation einer Klassenfahrt vergleichen“, beschreibt der hauptberufliche Lehrer mit dem naheliegendsten Vergleich seine Arbeit und fügt lachend hinzu: „Allerdings brauchen bei einer Profimannschaft keine Einverständniserklärungen wegen Alkohol und Rauchen ausgefüllt werden.“

Zu einer Klassenfahrt macht sich also der BVB-Tross in der Sommer- und Winterpause auf den Weg, um dort Inhalte intensiv einzuüben. Bei der U23 besteht der Tross dabei in der Regel aus 25 Spielern und zehn Betreuern: Trainer, Co-Trainer, Torwarttrainer, Athletiktrainer, zwei Physios, zwei Zeugwarte, der Filmemacher und natürlich der Teammanager. „Bei den Profis fahren noch bedeutend mehr Betreuer mit. Da sind ja auch Fans und Medien anwesend. Das muss man natürlich bedenken, aber bei uns stellen sich diese Fragen gar nicht erst.“, stellt Preuß direkt mal einen entscheidenden Unterschied heraus. Ein eigener Koch fährt übrigens nicht mit, zumindest die zweite Mannschaft gibt sich mit dem Essen im Hotel zufrieden, wenn auch Wünsche angemeldet werden, was nicht serviert werden muss oder sollte. Genauso wenig fährt übrigens ein Arzt mit. Für kleinere Sachen nutzt man die medizinische Versorgung vor Ort und greift auf die Physios zurück, bei größeren Verletzungen werden die Spieler dann direkt in die Heimat geflogen.

Fans sind im Amas-Trainingslager eher seltenDie örtlichen Gegebenheiten sind dann auch das wichtigste, worauf es dem Teammanager bei der Planung ankommt. Gar nicht mal so sehr das Hotel, sondern vor allem die Plätze: „Das Wesentliche ist, dass der Platz nah am Hotel und zu der Jahreszeit gut bespielbar ist. Da spielt natürlich auch das zu erwartende Wetter eine Rolle. Und Gegner für Testspiele brauchst du auch. Wenn man es auf drei Faktoren reduzieren will, dann sind es Gegner, Wetter und Plätze – Plätze an erster Stelle.“, beschreibt Ingo Preuß die Kriterien, nach denen ein Trainingsort ausgesucht wird. Nur einmal hat das leider nicht hingehauen: „In einem Trainingslager in der Türkei hat es mal nur geregnet. Wir haben vielleicht einmal den Platz gesehen und sonst nur im Innenhof Läufe gemacht. Da sind wir dann auch schon eher abgereist.“ Überhaupt beschreibt Preuß Belek in der Türkei als einen der optimalen Orte. Auf Grund der vielen Teams, die Belek für die Vorbereitung genutzt haben, hatte sich am Ort schon eine richtige Trainingslager-Tourismus-Infrastruktur gebildet mit reihenweise Hotels und vielen sehr guten Plätzen. Einen Testspielgegner zu finden, ist dann natürlich auch kein Problem. Selten aber auch mit Komplikationen: „Wir hatten ein Testspiel mit dem FC Watford vereinbart. 18 Stunden vor Anpfiff hat der Trainer von Watford es sich anders überlegt. Dave Wagner war damals etwas ungehalten und meinte ‚Ingo, so was musst du schriftlich vereinbaren!‘. Hab ich noch nie und werde ich auf dem Niveau auch nicht. Von einer Strafe in Höhe von 500 Euro, weil die andere Mannschaft nicht antritt, kann ich mir auch nichts kaufen.“

Meistens sind zwei bis drei Testspiele im Trainingslager geplant. Die Gegner ergeben sich häufig schon während der Saison, wenn die Teammanager sich mal hier und mal da bei den Spielen sehen und natürlich auch darüber sprechen, wer wann wo hinfährt. Die Trainingsspiele werden dann in einen genau koordinierten Ablaufplan eingefügt. Im Trainingslager ist in der Regel alles genau durchgetaktet. Von den Mahlzeiten über die Trainingseinheiten bis hin zum Mittagsschlaf. Wichtig ist der Fokus und der soll auf dem runden Leder liegen: „Fußball, Fußball, Fußball. Die Jungs sollen nur ans Fußball spielen denken. Damit sie fit sind, ist dann auch um 22:30 Uhr Nachtruhe. Ein Nachmittag ist frei, ein Abend ist Mannschaftsabend, da geht’s auch mal ein wenig länger. Ansonsten ist das Programm sehr straff“, so Preuß über die Regeln.

Wer zu laut schnarcht, wird ausgewechselt.Geschlafen wird übrigens in Doppelzimmern. Wie die Zimmer belegt werden, ist dabei von Trainer zu Trainer unterschiedlich. Der eine möchte, dass bestimmte Spieler zusammen auf ein Zimmer gehen, weil ein Älterer vielleicht ein bisschen Mentor für den Jüngeren sein soll. Andere Trainer lassen die Zimmerbelegung auslosen. „In der Regel ist die Zimmerbelegung kein Problem. Für Extremfälle gibt es natürlich auch noch ein Ausweichzimmer. Wir hatten zum Beispiel mal einen Japaner bei uns in der Mannschaft, der trotz seiner geringen Körpergröße scheinbar einen immensen Klangkörper hatte. Der muss wohl mehrere Wälder abgeholzt haben und hat dadurch verschiedene Mitspieler um den Schlaf gebracht. Wir haben ihn dann ausquartiert“.

Ingo Preuß fährt, wie bereits erwähnt, in jedes Trainingslager mit. Neben der Organisation vor Ort ist er als Teammanager vor allem in Einzelgesprächen gefragt: „Ziel ist es, mit jedem Spieler im Trainingslager so für ein halbes Stündchen zu sprechen. Das reicht meistens schon, um die generelle Befindlichkeit, Wünsche und Perspektive abzuklopfen. Diese Vier-Augen-Gespräche sind auf jeden Fall sehr wichtig und stehen immer auf meiner Agenda.“. Eine Art Feedback-Gespräch in größerer Runde gibt es übrigens nicht, erklärt Ingo Preuß: „Wir stehen ja sowieso jeden Tag eng in Kontakt, da tauschen wir uns genug aus.“

Nach einer Woche ist der ganze Zauber dann auch schon wieder vorbei und es geht gen Heimat, wo dann die nächste Halbserie ansteht. Damit in der nächsten Pause wieder eine optimale Vorbereitung gewährleistet werden kann, startet auch schon kurze Zeit später die Organisation des nächsten Trainingslagers.


Web, Daniel S. und Seb, 23.07.2017


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