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Erzähl Ma - 14.06.2017

"Der Fußball kann sich nicht mehr selbst retten" - Ein Interview mit Football-Leaks-Autor Rafael Buschmann

Die Enthüllungen von Football Leaks lösten in der Fußballbranche große Unruhe aus. Die Veröffentlichungen von Vertragsdetails zeigten nicht nur eindrücklich, mit welchen gigantischen Summen mittlerweile im Fußball gearbeitet wird, sondern sie enthüllten vor allem auch die zahlreichen halb- bis illegalen Tricks, die Spieler, Berater und Funktionäre anwenden, um sich weiter zu bereichern. Ans Licht kamen dabei auch zahlreiche Konstruktionen, die die Unabhängigkeit von Vereinen in Frage stellen. Wir haben mit dem Spiegel-Journalist Rafael Buschmann gesprochen, der gemeinsam mit einem Recherchenetzwerk Unmengen an Dokumenten ausgewertet hat, die ihm von der Enthüllungsplattform Football Leaks zur Verfügung gestellt wurden (eine Rezension seines Buches "Football Leaks. Die schmutzigen Geschäfte im Profifußball" findet Ihr hier: Rezension).

Rafael, was ist Football Leaks und wie seid Ihr an die Dokumente gekommen?

Football-Leaks-Autor Rafael Buschmann

Football Leaks entstand zunächst aus einer Enthüllungsplattform, die 2015 online ging. Ich habe mich mehrere Monate vergeblich um eine Kommunikation mit den anonymen Machern dieser Website bemüht. Erst Ende des Jahres 2015 bekam ich eine erste Antwort und von da an schrieben wir uns Emails. Das Vertrauen zwischen uns wurde größer, gleichzeitig wuchs auch die Bedrohung für den Whistleblower. Er schrieb mir, dass er von Privatdetektiven gejagt und dass mafiöse Gruppen nach ihm suchen würden, dass unterschiedliche Polizeibehörden Ermittlungsverfahren gegen die Site eingeleitet hätten. Mich verwunderte diese Reaktion der Fußballbranche nicht wirklich. Immerhin hat Football Leaks in den Wochen und Monaten davor unzählige Verträge, Dokumente und Nebenabsprachen von Vereinen wie Manchester United, Real Madrid oder dem FC Arsenal auf ihrer Page veröffentlicht. Wer die ansonsten so hermetisch verschlossene und null an Transparenz orientierte Branche dermaßen angreift, muss damit rechnen, dass diese sich entsprechend wehrt. Im Zuge dieser Bedrohung gab es einen Punkt, an dem es „FL“, so nannte sich mein anonymer Gesprächspartner damals, zu viel wurde. Er wollte reden und stimmte einem Treffen mit mir zu. Ich reiste in eine osteuropäische Stadt, um ihn zu sehen. Am Ende dieses wenig leberschonenden Termins übergab er mir zwei Festplatten mit rund 800 Gigabyte.

Zunächst durchsuchte ich gemeinsam mit meinem damaligen Ressortleiter und heutigem Co-Autoren Michael Wulzinger die Daten mit einer extrem altmodischen Methode: Wir versuchten uns von Pfad zu Pfad, von Ordner zu Ordner zu klicken. Es war ein Desaster! Wir arbeiteten stundenlang, verloren uns aber gänzlich in der Materialflut.

In dem Moment habt Ihr Euch entschieden, das Projekt auf eine größere Basis zu stellen.

Genau. Wir merkten, dass wir Hilfe bräuchten, um das Ganze in den Griff zu bekommen. Wir fragten bei unserem stellvertretenden Chefredakteur Alfred Weinzierl und den beiden SPIEGEL-Koordinatoren fürs Investigative, Jürgen Dahlkamp und Jörg Schmitt, an, ob wir Football Leaks nicht zu einem Projekt des European Investigative Collaborations (EIC) machen könnten. Das Recherchenetzwerk wurde unter der Federführung des SPIEGEL wenige Monate zuvor ins Leben gerufen.

Nun ging es wahnsinnig schnell: Mehr als 60 Journalisten aus zwölf europäischen Medienhäusern begannen gemeinsam mit uns an dem Datenmaterial zu arbeiten. Wir gründeten für die Recherche im SPIEGEL-Gebäude einen eigenen Datenraum, der besonders abgesichert wurde, zu dem auch nur das „Football-Leaks“-Team Zugang hatte. Unter der Leitung des EIC-Koordinators Stefan Candea wurde eine eigene virtuelle Plattform programmiert, über die wir mit allen Partnern sicher kommunizieren und in den Daten wühlen konnten. Sieben Monate lang haben wir an dem Projekt gearbeitet, bis wir im Dezember 2016 unsere Ergebnisse veröffentlichten. Während unserer Recherchen ließ Football Leaks uns weitere Daten zukommen, so dass wir es mit über 18,6 Millionen Dokumenten und 1,9 Terabyte Material zu tun bekommen haben. Es ist bislang das größte Leak in der Sportgeschichte.

Besonders spannend in dem Buch sind die Passagen über Deine Begegnungen mit dem Whistleblower John. Was für ein Typ ist er, was treibt ihn an?

Ich habe John mittlerweile Dutzende Male auf der ganzen Welt getroffen. Er ist ein nicht wirklich alter Mann, der in Portugal geboren wurde. Er ist ein riesiger Fußballfan, der auch den Kader von Hansa Rostock aus dem Jahr 1995 aufsagen kann. Es ist schon verblüffend, welche Detailkenntnisse er über den Fußball besitzt. John hat zudem eine sehr gute Allgemeinbildung, man kann mit ihm auch über die Finanzkrise oder die Probleme, denen sich Flüchtlinge seit geraumer Zeit aussetzen müssen, diskutieren. Er ist in seinen Meinungen nur selten mainstreamig, dafür oft mit einer sehr klaren Haltung.

Wir haben in den vergangenen nunmehr rund eineinhalb Jahren natürlich auch oft über die Kommerzialisierung des Fußballs, über die intransparenten und illegalen Deals in dem Business sowie über die Frage, wem der Sport eigentlich noch gehört, gesprochen. John wirkt sehr wütend auf den Profifußball, er sagt immer wieder, er fühle sich von der Branche „verarscht“. Seine Argumentation ist recht unumwunden: Der Fußballfan bezahlt mit seinen Ticket-, Trikots- und TV-Geldern eine Branche, in der Geldflüsse nahezu unkontrolliert stattfinden. Dies führt auch – und das haben viele der Daten, die wir ausgewertet haben deutlich gezeigt – mitunter zu Korruption, Veruntreuung und Steuerhinterziehung. Diese Auswüchse, so erklärt es John, wolle er mit den Football Leaks bekämpfen.

Die Enthüllungen von Football Leaks haben die Fußballwelt in Unruhe versetzt. Was hat Dich bei Deinen Recherchen am meisten überrascht?

Wie vollkommen unkontrolliert die Fußballbranche agieren kann, weil sie sich mittlerweile nahezu von allen Kontrollinstanzen abgekoppelt hat. Wie flächendeckend die Steuerminimierung – in vielen Teilen auch der Steuerbetrug – im Fußball abläuft. Wie leicht es für Berater und Investoren ist, die Spielregeln für ihre Deals vorzugeben und wie sie damit die Vereine und ihre Wettbewerbsfähigkeit maßgeblich beeinflussen. All dies zusammen ließ uns zu dem Ergebnis kommen, dass der Profifußball dringend Hilfe von außen braucht.

Welcher Art sind die Dokumente, die Ihr bekommen habt und wie habt Ihr sie ausgewertet?

In den Daten finden wir nahezu alle Dokumententypen, die man sich vorstellen kann: Verträge, Emails, Kontoauszüge, Nebenabsprachen, Pdfs, Word-Texte, Firmenpapiere und vieles mehr. Wir haben das Material mit der Software Intella bearbeitet. Dieses Werkzeug nutzen in der Regel Steuerfahnder und Wirtschaftsprüfer. Mit Intella lassen sich Zusammenhänge zwischen den einzelnen Dokumenten herstellen. So ist es uns oftmals gelungen, aus dem Wust an Daten herauszufiltern, wer zum Beispiel der tatsächlich wirtschaftlich Berechtigte hinter einer Firma ist oder wie Spielerberater Strohmänner einsetzen, um ihre Honorarerlöse zu maximieren.

Ein großes Thema Eures Buchs sind Third-Party-Ownerships (TPO), also der Besitz von Transferrechten durch Spieleragenturen. Warum sind sie ein Problem?

Anhand des TPO kann man gut sehen, wie stark der Profifußball mittlerweile seine Unabhängigkeit verloren hat. Wir beschreiben in unserem Buch Dutzende Spielertransfers, an deren Ende die jeweiligen Vereine nur kleine Krümel der Ablösesumme erhalten und stattdessen externe Investoren mit Geld überhäuft werden. Die Grundregel des TPO ist einfach: Investoren suchen sich zumeist junge, talentierte Spieler und kaufen den häufig sehr klammen Klubs die Anteile an den Transferrechten der Kicker ab. Dann warten die Investoren, bis der Spieler gut spielt und seinen Marktwert steigert, anschließend versuchen sie ihn dann mit einer hohen Rendite zu verkaufen. Wir beschreiben im Buch, wie viel Macht Investoren auf diese Weise erhalten und wie sie damit direkt in die Kaderplanung der jeweiligen Mannschaften eingreifen können. Und dadurch auch je nach Belieben einen Verein zu einem Champions-League-Bewerber aufpumpen oder nahezu in die Bedeutungslosigkeit schicken können. Wie fatal der Tanz mit einem Investor ausgehen kann, sehen wir aktuell nicht nur am Fall 1860 München, sondern auch in unzähligen tieferen Ligen, in denen auch das TPO dazu geführt hat, dass fremde Investoren Mannschaften mit „ihren“ Spielern nahezu unterwandert haben, um sie am Ende absichtlich verlieren zu lassen. Auf diese Weise lassen sich auf dem Wettmarkt Multimillionen verdienen. Das ist zwar mitunter die äußerste Form eines dubiosen Investoren-Geschäfts, aber sie zeigt gleichzeitig, wie immens mit dem höchsten Gut dieses Sports umgegangen wird: der Glaubwürdigkeit. Wenn der Fan irgendwann das Gefühl hat, dass ein Investor die Staraufstellung seiner Mannschaft eher nach den Rendite- denn nach den sportlichen Möglichkeiten auswählt, bin ich sehr gespannt, was dies mit der Leidenschaft von Fußballfans machen wird.

Selbst die Fifa hat die Gefahren solche Geschäfte mittlerweile erkannt und das TPO in seiner Urform verboten. Das Modell als solches wird aber in mehreren abgewandelten Formen weiterhin eingesetzt und ist immer noch sehr lukrativ.

Ein anderes Thema, das immer wieder auftaucht, ist das Geschäft mit Bildrechten zur Vermeidung von Steuerzahlungen. Wie funktioniert das Modell? Wie verbreitet ist es?

Diese Art von Zusatzgeschäft ist insbesondere in Spanien, England, aber auch Portugal und Frankreich sehr verbreitet. In Deutschland sind die Vereine und Spieler offenbar ein wenig vorsichtiger. Dies könnte unter anderem damit zu tun haben, dass ähnliche Modelle in der Bundesliga bereits ausprobiert und vom Finanzamt als eher problematisch angesehen wurden. Die Steuerfahnder beurteilten diese Form von Werberechteeinahmen teilweise als verdeckte Gehaltszahlungen. Man erinnere sich nur an den Fall Djorkaeff beim 1. FC Kaiserslautern oder einige Bildrechteverträge von Bayer Leverkusen mit brasilianischen Profis. Wobei wir nicht mit absoluter Sicherheit sagen können, dass es in den Bundesligen heute keine solchen Bildrechte-Geschäfte mehr gibt. Vielleicht sind sie bisher auch schlichtweg nur nicht in unserem Datensatz enthalten.

Die Modelle, die wir in unserem Material gefunden haben, laufen im Groben und Ganzen so ab: Sein Gehalt muss der Profi zum Spitzensteuersatz versteuern, in vielen Ländern sind das um die 50 Prozent. Von Werbeerlösen bleibt dagegen weit mehr übrig, wenn man moralflexible Steuerberater engagiert. Das läuft dann oft so ab: der Spieler überträgt seine Werberechte auf eine Firma, die für ihn arbeitet. Sie kassiert dann seine Einnahmen, wenn er für einen Müsliriegel oder ein Deo in die Kamera strahlt. So wie bei Firmen üblich, geht von diesen Einnahmen dann nur die Körperschaftssteuer ab. In Irland, einem beliebten Standort für solche Bildrechtefirmen, sind das schlanke 12,5 Prozent. In England beispielsweise haben mehr als 180 Spieler sogenannte Image Rights Companies, über die sie ihre Werbeerlöse laufen lassen. Die Modelle werden aber – je nachdem, wie viel moralische und ethische Grundwerte der Spieler und seine Berater vertreten – noch deutlich stärker ausgereizt. Cristiano Ronaldo zum Beispiel verdient bei Real rund 40 Millionen Euro an Gehalt. Daneben wurden rund um ihn in den vergangenen Jahren Firmen und Trusts in Irland, Panama und auf den British Virgin Islands aufgebaut. Seine über 150 Millionen Euro Werbegelder fließen am Ende nahezu steuerfrei auf eine kleine Privatbank in der Schweiz. Mehr verschachtelter Steuertourismus geht eigentlich nicht.

Ich bin kein wirklicher Freund des Übermoralisierens, trotzdem muss hier angemerkt werden: Ronaldo spielt in Spanien, einem Land, in dem die Arbeitslosenquote bei 18,2 Prozent liegt. 42,2, Prozent der Jugendlichen haben keinen Job. In Portugal, wo Ronaldo geboren wurde und wo ihn das ganze Land verehrt, sehen die Zahlen auch mies aus: 10,2 Prozent Arbeitslosenquote und 25,7 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Genau diese Menschen sind es, die einen Großteil von Ronaldos Werbeerlösen erzeugen. Genau diesen Menschen entzieht er die Steuergelder. Und Ronaldo ist nur die Spitze des Eisbergs. Wir sehen hunderte Spieler und Berater, die sich sehr ähnlich verhalten.

Aus der Sicht der Bundesliga handelt der vielleicht brisanteste Fall von Dietmar Hopp. Was habt Ihr über seine Geschäfte mit Transferrechten herausgefunden? Und wie sind seine Tätigkeiten zu bewerten?

Dietmar Hopp verdiente an Transfers der TSG HoffenheimWir stießen in den Unterlagen von „Football Leaks“ auf ein Unternehmen namens „Transfair Rechteverwertungsgesellschaft mbh & Co. KG“. Dahinter steckten Holdinggesellschaften, deren alleiniger Besitzer Dietmar Hopp war (später wurden die Eigentumsverhältnisse verändert und undurchsichtiger, aber diese Erklärung würde hier zu weit führen. Wir beschreiben im Buch allerdings ausführlich, wann und wie Hopp die Firma nach einiger Zeit an einen SAP-Intimus weiterreichte). Die „Transfair“ hat zum Ziel, Geld an Spielertransfers zu verdienen. Wir stellten uns die Frage, wofür der Mäzen der TSG Hoffenheim ein Investorenvehikel benötigt, mit dem sich Rendite an Spielern verdienen lässt? Eigentlich gibt ein Mäzen sein Geld, er nimmt es nicht. Und Hopp stilisiert sich seit Jahren gerne als großer Gönner seines Klubs und seiner Region.

Wir nahmen die Geschäfte der „Transfair“ also noch genauer unter die Lupe. Wir fanden insbesondere südamerikanische Spieler, an denen die Firma sich beteiligte. Die Geschäfte zeigten uns, wie zynisch und kalt das Fußballbusiness sein kann. Die Spieler wurden zwar von der TSG verpflichtet, aber nach kurzer Zeit an andere Klubs verliehen. Die „Transfair“ zockte also mit ihren Potenzialen. Denn das Kalkül ist simpel: Schafft einer dieser Spieler den Durchbruch, steigert er seinen Marktwert, dann steigen auch die Renditechancen der „Transfair“. Der Fall des Mittelfeldspielers Roberto Firmino ist das perfekte Beispiel dafür. Firmino wurde von der TSG 2015 für die damalige Rekordablösesumme von 40 Millionen Euro an den FC Liverpool verkauft. Die „Transfair“ erkaufte sich zuvor allerdings die Transferrechte an Firmino, so dass am Ende auch ein großer Batzen der Ablösesumme bei der Firma und nicht beim Verein landete.

Dieses TPO-Modell, an dessen Gründung Hopp direkt mitbeteiligt war, zeigt im Kern, wie einfach es war, auch in Deutschland an Transfers mitzuverdienen. Wir haben durch solche Deals gelernt, dass wir keiner kolportierten Ablösesumme mehr wirklich trauen können, da die Intransparenz der Fußballbranche es unmöglich macht, anhand der blanken Zahl zu verstehen, wer an diesen Geldern wirklich partizipiert.

Wir baten Hopp um eine Erklärung dieses Businessmodells. Er wollte uns keine inhaltlichen Antworten dazu geben. Er wird seine Gründe dafür haben. Die DFL erklärte, dass die Geschäfte nach den ihnen vorliegenden Informationen im Einklang mit den damaligen Regularien abliefen. An der Stelle haben wir uns gefragt, wie viel eine 50+1-Regelung überhaupt wert sein kann, wenn es Investoren oftmals trotzdem möglich ist, durch Umgehung der geltenden Spielregeln so intensiv am Business zu partizipieren?

Kritiker werfen Euch Voyeurismus vor, weil Ihr auch Vertragsinhalte veröffentlicht habt, die juristisch unzweifelhaft sind. Was entgegnest Du den Kritikern und nach welchen Kriterien habt Ihr die Geschichten ausgewählt?

Wir haben versucht, ein Sittengemälde der Fußballbranche zu zeichnen und zu zeigen, wie absurd und häufig frei von jeglicher Rationalität Gelder in diesem Business umgesetzt werden. Wir haben dabei darauf geachtet, dass jede sensible Enthüllung für etwas steht oder eine systemische beziehungsweise relevante Geschichte erzählt: Wenn wir die Torprämie eines Stürmers veröffentlichen, dann versuchen wir beispielsweise einzuordnen, was solche Anreize mit einem Spieler auf dem Spielfeld machen. Konkreter: Wenn der Angreifer gemeinsam mit seinem Sturmpartner auf den gegnerischen Torwart zuläuft, spielt er dann noch ab? Das würde ihn womöglich 50 000 Euro kosten, weil ihm durch das fehlende Tor die Prämie flöten gehen würde. Solche Details sind in der Tat nicht justiziabel, aber sie sind wichtig, um dieses Geschäft nachvollziehbar zu machen. Wir Journalisten haben nicht die Aufgabe, ausschließlich strafrechtlich relevante Geschichten zu erzählen. Unsere Aufgabe ist es, aufzuklären und relevante Hintergründe aufzuzeigen.

Der größte Name in den Football-Leaks-Dokumenten ist zweifelsohne Cristiano Ronaldo. Ihr könnt ihm nachweisen, dass er Vergewaltigungsvorwürfe außergerichtlich beigelegt hat. Außerdem wird gegen ihn mittlerweile aufgrund der Football-Leaks-Enthüllungen wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Als er vor einigen Tagen Real Madrid zum Champions-League-Sieger schoss, war von seinen dunklen Seiten fast nirgends zu lesen. Wie erklärst Du Dir die Reaktionen, ist das Fußballbusiness immun gegen solche Enthüllungen?

Nur auf dem Platz ein Superstar - Cristiano RonaldoDie Branche ist nicht immun. Aber sie hat starke Werkzeuge, um sich gegen Kritik zur Wehr zu setzen. Medienanwälte, PR-Berater, Spindoktoren – sie alle werden zunehmend in Bewegung gesetzt, um Nachrichten zu erzeugen und zu steuern. Dazu kommt eine gewisse Zurückhaltung von Sportjournalisten, Recherchen von Kollegen anderer Medienhäuser fortzusetzen oder weiterzuführen. Wir hätten uns sicherlich gewünscht, dass Cristiano Ronaldo in den vielen Pressekonferenzen nicht nur nach seinen vielen Toren, sondern auch nach den im Raum stehenden Vergewaltigungsvorwürfen befragt worden wäre. Oder dass andere Medien eigene Recherchen zu Ronaldos Steuersystem angestellt hätten. Oder dass die Statements seiner Beraterfirma zu unseren Recherchen, die mit Unwahrheiten und Nebelkerzen überfrachtet waren, genauer analysiert und eingeordnet worden wären. Warum dies alles ausgeblieben ist, ist mir ehrlicherweise recht schleierhaft. Wenn man sich Skandale in anderen Gesellschaftsfeldern anschaut – der VW-Abgasskandal, die Affären rund um die katholische Kirche oder die Enthüllungen zur Finanzkrise, um nur ein paar zu nennen – sehen wir deutlich intensivere und langfristigere Recherchen, die unabhängig von dem Medium stattfinden, das den Scoop gelandet hat. Uns ist schon klar, dass der Fußball eine sehr spezielle Branche ist. Kein anderes Multimilliardenbusiness ist so mit Emotionalität und Leidenschaft überzogen, wie dieser Sport. Ein erzieltes Tor kann für ein solch großes Gefühlsbeben sorgen, dass alles drum herum begraben wird. Wenn Fans sich von solchen Einflüssen leiten lassen, finde ich das vollkommen in Ordnung. Jeder muss selbst entscheiden, was er wissen oder vergessen möchte. Journalisten hingegen sollten sich im besten Fall von solchen Emotionen frei machen können und lediglich den Wert einer Enthüllung beziehungsweise der gesellschaftlichen Aufklärung in den Vordergrund stellen.

Welche Schlussfolgerungen sollten Vereine, Verbände und Sportpolitiker aus den Enthüllungen ziehen? Und wie wahrscheinlich ist es, dass sich etwas ändert?

Eines ist uns nach all den Recherchen ziemlich klar geworden: Der Fußball kann sich nicht mehr selbst retten. Niemand in der Branche hat ein wirkliches Interesse daran, dass sich grundlegend etwas verändert, immerhin partizipieren alle sehr gut an diesem riesigen Kuchen. Deshalb halte ich diese ganzen neu gegründeten Ethik- und Compliance-Kommissionen, die vermeintlichen Aufklärungen durch pseudo-unabhängige Wirtschaftsprüfer für reine Augenwischerei. Das Einzige, das dem Fußball wieder mehr Integrität geben könnte, wäre eine Ausweitung der Kompetenzen von Ermittlungs- und Steuerbehörden. Sie müssten mehr Einblicke in die internationalen Geldflüsse erhalten. Die vielen verschachtelten, globalen Finanzwege benötigen dringend mehr Transparenz, insbesondere auch rund um die Honorar- und Renditeprozesse von Spielerberatern und Investoren. Da geht es teilweise so vogelwild zu, dass man sich kaum vorstellen kann, wie diesem Treiben je wieder Einhalt geboten werden kann.

Auf der anderen Seite sehen wir, dass unsere Enthüllungen bereits einiges bewegt haben: Es gab zuletzt polizeiliche Razzien in England und Frankreich, sogar der Spitzenklub Paris Saint-Germain und die Häuser der Spieler di Maria und Pastore wurden durchsucht, um nur einige zu nennen. Bei ihnen geht es genauso wie bei Cristiano Ronaldo um den Verdacht der Steuerhinterziehung. Bei Ronaldo soll die Summe, die er dem Finanzamt vorenthalten haben soll, sogar bei bis zu 15 Millionen Euro liegen. Nur zum Vergleich: Das ist rund das Vierfache von dem, was Lionel Messi hinterzogen hat. Und der Argentinier rutschte nur haarscharf an einer Gefängnisstrafe vorbei.

Insofern sehen wir, dass sich nach unseren Enthüllungen insbesondere im Umgang mit den Image Rights einiges tut. Die Steuerbehörden scheinen diese Modelle nun deutlich intensiver zu prüfen.

Euer Buch endet mit der Übergabe weiterer Dokumente durch John: Können wir uns auf weitere Skandale gefasst machen?

Ich habe vor einigen Jahren mal gelernt, dass man für Enthüllungen erst dann trommeln sollte, wenn man sie veröffentlicht hat. Denn im Zuge einer Recherche kann einfach zu vieles passieren, was einen Scoop zerstören kann. Aber um es sehr vorsichtig zu formulieren: Das, was wir in dem neuen Material aktuell zu sehen bekommen, zeigt uns, dass die Arbeit in Zukunft nicht zwingend weniger werden wird.

Vielen Dank für das Gespräch!


Die Fragen stellte PatBorm, 14. Juni 2017

Zum Thema Football Leaks bereits erschienen: "Was ist Dein Problem mit Fußball? Viele Grüße, Football Leaks"


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