schwatzgelb.de
Zu schwatzgelb.com wechseln

Unsa Senf - 12.07.2017

Du bist unsere Droge

Die positiven Erlebnisse wie in Berlin waren letzte Saison eher die AusnahmeDie alte Saison ist nun schon eine Weile vorbei. Es war eine Saison, die in ihrer Vielseitigkeit sicherlich ziemlich einmalig war. Eine Achterbahnfahrt im wahrsten Sinne des Wortes, weil es nicht nur hoch und runter ging, sondern auch links und rechts, über Kopf und mit Spirale. Es wurde einem schlecht davon und man war verwirrt, durcheinander und voller Adrenalin.

Der Pokalsieg wird statistisch gesehen natürlich am meisten haften bleiben, weil er im Endeffekt, nebst der direkten CL-Quali, das einzige sportliche Überbleibsel darstellt. Und eigentlich auch das einzig wirklich Positive.

Dann war da natürlich das Ausscheiden aus der Champions-League, das für immer mit dem Anschlag auf die Mannschaft verbunden bleiben wird. Die Tage und Wochen danach waren sehr emotional und vor allem völlig frei von Fußball. Selbst vom Gedanken an Fußball. Alles bliebt stehen, das Rad drehte sich langsamer. Ergebnisse waren egal, Spiele waren egal. Es zählten nur die Spieler, die Menschen.

Auf der anderen Seite des emotionalen Spektrums die Ereignisse rund um das Spiel gegen RaBa und die Sperre der Süd gegen Wolfsburg. Tage und Wochen, in denen Fußball überall war. Die hässliche Fratze des Fußballs. Die Wut darüber, in der öffentlichen Meinung nur die Optionen zu haben für RaBa oder ein Steineschmeisser zu sein. Die Machtlosigkeit gegenüber dem Verkauf von allem, was uns wichtig ist im Fußball. Die Gewissheit, dass sich das alles nicht nur nicht mehr aufhalten lässt, sondern dass eigentlich die Grenze dessen, was man mal für ertragbar gehalten hat, schon längst überschritten ist. Die Tatsache, dass man sich den Fußball eigentlich nicht mehr schönreden oder schön saufen kann.

So makaber das nun klingen mag, aber wäre der Anschlag nicht gewesen, ich glaube es wäre in der Fanszene, im erweiterten harten Kern, etwas zerbrochen. Und wahrscheinlich ist es auch kaputt und nur provisorisch zusammengekittet von der Zeit nach dem Anschlag, in der jeder gespürt hat, dass die Mannschaft und ihr Wohlergehen das Wichtigste ist und die eigene Wut in Anbetracht dessen völlig deplatziert wäre.

Deutliche Anti-DFB-Haltung im FinaleDer Kitt war spätestens im Pokalfinale zerbrochen. Die Wut war – nicht nur auf unserer Seite des Stadions – wieder deutlich spür- und hörbar. Die Ablehnung des DFBs in eigentlich jeder Stufe (von Pyrotechnik über “Scheiß-DFB”-Rufe bis hin zum Auspfeifen der “Halbzeitshow”) bei einer vom DFB organisierten Veranstaltung, zeigte den Spalt zwischen Fanszene und den Machthabern sehr deutlich. Es war aber auch allen klar, dass dies eher etwas Vorübergehendes war. Ein letztes Aufbäumen der Traditionalisten, ehe irgendwann RaBa gegen Hoppenheim in Shanghai bei einem Konzert von Madonna feiern und zur Unterhaltung dazwischen noch Fußball gespielt wird. Daher ist der Triumph, dem DFB den Abend versaut zu haben, auch nur eine kurze Freude und vor allem der Tatsache zu verdanken, dass es zufälligerweise gerade zwei der laut- und mitgliederstärksten traditionellen Fanszenen nach Berlin verschlagen hatte. Der Protest wäre deutlich geringer ausgefallen, hätte der Gegner Wolfsburg geheißen. Egal welchen der beiden Mannschaften man durch Wolfsburg ersetzt hätte.

Und so blieb am Ende der Saison vor allem viel Frust hängen. Dabei habe ich noch gar nicht über die Wirren der Trainerentlassung, die schlechte Stimmung zum Beispiel im Heimspiel gegen Köln oder während der ersten Halbzeit des Pokalfinales, über die schlechten Mannschaftsleistungen, zum Beispiel im Auswärtsspiel in Darmstadt, oder über die anhaltende Dominanz der Bayern gesprochen. Selten habe ich nach dem Ende einer Saison die Schnauze so voll gehabt vom Fußball wie nach dieser.

Jetzt sind wir sechs Wochen weiter, am Freitag hat das Mannschaftstraining wieder begonnen. Heute war die Dauerkarte im Briefkasten und ich freue mich wie Bolle auf die neue Saison.

In der Sommerpause kann ich mir so herrlich vorlügen, dass alles besser wird. Dass die Bayern dieses Jahr nicht schon im Oktober als Meister feststehen. Dass RaBa durch die Doppelbelastung nicht nur aus der CL fliegen, sondern auch in den Abstiegskampf trudeln werden – für den sie natürlich völlig ungeeignet sind und absteigen. Dass Kind und Ismaik und wie sie alle heißen vernünftig werden und den Fußball wieder Fußball sein lassen. Dass die UEFA und die FIFA ihre Reformen durchführen und der DFB korruptionsfrei wird. Dass Video-Schiris eine unauffällige Bereicherung für den Fußball sind und wir mit dem neuen Trainer die Liga aufmischen.

Ich könnte es ja schön formulieren und von Liebe sprechen, die mich blind macht. Vielleicht sogar von echter Liebe. Doch ich bin nicht blind. Ich bin nicht verliebt. Ich bin süchtig.

Ich rede mir das alles ein, obwohl ich genau weiß, dass nichts davon zutreffen wird. Ich bin nicht naiv und nicht dumm. Ich bin auf Drogen. Oder besser gesagt im Moment auf Entzug.

Die Emotionen im Stadion. Die Rituale vor dem Spiel und nach dem Spiel. Freunde zu treffen. Aber vor allem zusammen zu hüpfen, zu schreien, zu singen, Tore zu feiern, einander in den Armen zu liegen. Das alles gibt mir so viel positive Energie, dass ich alles Negative einfach vergessen kann. Wenn ich sehe wie meine Nichte und mein Neffe bei einem Elfmeter von Aubameyang in ihren neu gekauften Trikots auf der Süd stehen und zittrige Knie haben, nur um dann, wenn der Ball im Netz zappelt, loszubrüllen - und das, obwohl sie offiziell eigentlich noch nicht mal BVB-Fans sind - dann ist es mir egal, dass die Trikots die sie tragen 80€ pro Stück gekostet haben oder dass der Torschütze vielleicht bald für noch 6 Nullen mehr nach China wechselt. Drogensüchtige können sowas ausblenden. Ich kann sowas ausblenden.

Ich mache mir nichts vor, ich weiß um meine Sucht und um die Irrationalität die sie verursacht. Es ist mir nur einfach egal, weil ich mich so sehr darauf freue wieder auf der Süd zu stehen und mit meinen Freunden zu feiern. Tore, Balleroberungen, Titel.

Weil wir mit dem neuen Trainer wieder Meister werden. Vielleicht. Irgendwann. Durch ein Tor in der 96. Minute von einem 100€-Mio.-Euro Stürmer, der danach nach Katar wechselt, unterstützt von einem falsch interpretierten Video-Beweis und präsentiert von Coca-Cola.

Es gibt nichts schöneres als einen Torjubel in einem wichtigen SpielIch kann und will mich nicht vom Fußball oder vom BVB lossagen, weil es nichts Schöneres gibt als den Moment, in dem der Ball in einem wichtigen Spiel zu einem wichtigen Tor die Linie überschreitet und alles in Schwarzgelb total ausflippt. Das entschädigt für alles. Für wirklich alles. Und ich weiß nicht, ob mich das verängstigen oder freuen sollte.

Wir brauchen dich täglich, es geht nicht mehr ohne.

Nadja, 12.07.2017


Du möchtest schwatzgelb.de unterstützen?

Schwatzgelb.de ist kostenlos und werbefrei. Wir finanzieren unsere ehrenamtliche Arbeit über unsere Shops. Schaut doch mal rein!