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Unsa Senf - 24.06.2017

Raus aus der Empörungsspirale!

Wer im Freundeskreis oder in der Familie als langjähriger Fußballfan bekannt ist, wird von weniger interessierten Leuten gerne mal gefragt, worum genau es eigentlich beim jeweils neuesten Thema geht, das in den sozialen Medien auf- und abwärts diskutiert wird. Konnte ich in früheren Jahren meistens noch kurz erläutern, worüber sich die anderen Fans aufregen und wo genau die Probleme liegen, fällt mir das in der letzten Zeit zunehmend schwer.

Beispiel gefällig?

"Sag mal, ich habe gehört, dass die chinesische Nationalmannschaft in der nächsten Saison in einer Liga in Deutschland mitspielt?"

"Quasi. Ist die U20-Nationalmannschaft."

"Im Ernst jetzt? Das klingt ja wie eine Meldung aus dem Postillon!"

"Das stimmt so schon. Es geht um die Regionalliga Südwest. Die hat im nächsten Jahr 19 Teilnehmer. Das ist eine ungerade Zahl, so dass an jedem Wochenende immer eine Mannschaft spielfrei hat. Diese Mannschaft spielt dann gegen die Chinesen."

"Ach so. Wurde der Platz der Mannschaft aus China denn einem Verein weggenommen?"

"Nein. Es wären auch sonst 19 Mannschaften gewesen. Die Spiele der Chinesen haben auch keine Auswirkungen auf Auf- und Abstieg am Ende der Saison. Es sind regelmäßige Freundschaftsspiele, wenn man so will."

"Und das wurde einfach so beschlossen?"

"Gute Frage. Ursprünglich hieß es, dass die Vereine das alle gut finden, auch weil der chinesische Verband jedem Verein 15.000 EUR für diese Spiele zahlt. Mittlerweile hat sich der erste Verein davon zwar schon distanziert, aber gefragt wurde er vorher wohl schon."

"Also ist das gar nicht so schlimm?"

"Keine Ahnung. Beim ersten Hören klang es verrückt, aber irgendwie ist es auch eine Win-Win-Situation, wenn man länger darüber nachdenkt. Die chronisch klammen Vereine kriegen Geld, und die Mannschaft aus China kriegt Spielpraxis. Gibt vermutlich Schlimmeres."

Das Problem: Es gäbe vermutlich einiges dazu zu erzählen, was in der Regionalliga grundsätzlich schief läuft. In fünf Staffeln tummeln sich Dorfvereine neben ehemaligen Erstligisten: Offenbach spielt gegen Steinbach, Essen spielt gegen Rödinghausen, Cottbus spielt gegen Neugersdorf. Für die einen ist die Regionalliga das Höchste der Gefühle, die anderen Teams wollen so schnell wie möglich aus der Regionalliga raus. Was bei insgesamt über 90 Mannschaften und nur drei Aufsteigern fast unmöglich ist. Also werden die großen Vereine praktisch gezwungen, riskant zu wirtschaften, um doch irgendwie einen der drei begehrten Plätze einzunehmen, während die kleineren Vereine (aktuelles Beispiel: Westfalia Rhynern aus Hamm) bei der Lizenzerteilung zum Teil an den Sicherheitsauflagen scheitern, die erfüllt sein müssen, weil man ja auch gegen einen der Traditionsvereine zu spielen hat, die eine entsprechende Anzahl an Fans mitbringen.

Klingt kompliziert? Ist es auch. Es ist sogar so kompliziert, dass damit irgendwie auch zusammenhängt, warum die Regionalliga Südwest überhaupt mit 19 Mannschaften und nicht bloß mit 18 Vereinen spielt. Wir sparen uns mal, die genauen Details zu erläutern. Jedenfalls scheint es um Längen wichtiger zu sein, sich diesem Problem in Gänze zu widmen und nach einer tragfähigen Reform zu suchen, die viele Vereine nicht chronisch an der Grenze zum Bankrott herumvegetieren lässt, als um die Frage zu streiten, ob man an einem spielfreien Wochenende lieber gar nichts macht oder gegen eine chinesische Nachwuchsauswahl testet. Was trotzdem medial durch die Decke geht: "Chinesische Mannschaft spielt nächstes Jahr in einer deutschen Liga!" klingt ja auch toll und spricht wohl allein schon aufgrund des nationalistischen Untertons ausreichend viele Leute an.

Wäre dieses Beispiel eine einmalige Geschichte, könnte man es vermutlich trotzdem auf sich beruhen lassen. Jedoch wird momentan jede noch so kleine Petitesse aus der Fußballwelt so diskutiert, als ob davon die Zukunft des Sports in seiner Gesamtheit abhängt. Wird vom IFAB, der Regelkommission des Weltverbands FIFA, eine Liste mit unzähligen Vorschlägen zur Veränderung des Regelwerks veröffentlicht, greift sich die Meute den Vorschlag von 60 Minuten Nettospielzeit heraus. Der zieht natürlich wieder Leser an, und man kann damit auch wunderbar das Klischee von den weltabgewandten Schreibtischtätern bei der FIFA bedienen. Besonders unangenehm hier: 11Freunde-Chefredakteur Philipp Köster, selbsternannter Gralshüter des wahren Fußballs, der sich in diesem Zusammenhang nicht entblödet, von "Geisteskrankheit" der entsprechenden Personen zu sprechen. Er hätte vielleicht einfach mal das entsprechende Dokument (zu finden etwa unter https://de.scribd.com/document/351700674/FIFA-IFAB-Regelanderungen-Play-fair-Papier-2017) lesen sollen, wenigstens grob.

Die Vorschläge sind in drei Kategorien unterteilt, von denen die ersten als praktisch sofort umsetzbar gelten und die zweiten zumindest für eine Testphase bereit seien, während die dritten bloß zur Diskussion gestellt werden. Und man ahnt es: Die 60 Minuten Nettospielzeit sind als weitreichender Vorschlag bloß Diskussionsgrundlage, während die meisten anderen Vorschläge, gerade die direkt umsetzbaren, eher unspektakulär, eigentlich ziemlich sinnvoll und vermutlich auch breit akzeptiert sind: Weniger Diskussionen zwischen Spielern und Schiedsrichtern, klarere Regeln für die Dauer der Nachspielzeit, schnellere Auswechslungen, und so weiter. Worüber wieder kaum gesprochen wird. Hauptsache, man macht viel Wind um nichts, anstatt wenigstens zu würdigen, dass sich auch der große Tanker FIFA manchmal in die richtige Richtung bewegt. Wenn auch mit kleiner Geschwindigkeit.

Besonders ärgerlich an diesem permanenten Ausnahmezustand ist, dass in der Kakophonie von Meckerei über alles und jeden auch die wesentlichen Dinge fast untergehen: Die zumindest aus meiner Sicht dramatischste Entscheidung der letzten Woche, nämlich die Zulassung der beiden Franchises aus Salzburg und Leipzig zur nächsten Champions League, wurde thematisch jedenfalls nach einem knappen Tag durch die Diskussion um die chinesische Jugendauswahl abgeräumt. Welche gefühlt auch noch mit deutlich mehr Verve geführt wird.

Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie weitreichend diese Zulassung ist. Nicht nur, weil man kein Prophet zu sein braucht, um sich vorstellen zu können, wie ein Spiel zwischen Leipzig und Salzburg im selben Wettbewerb ablaufen würde. Stallorder, falls nötig, kennt das Unternehmen ja schon aus der Formel 1. Vor allem wird mit dieser Zulassung auch den großen europäischen Vereinen Tür und Tor geöffnet, um sich in kleineren ausländischen Ligen Farmteams heranzuzüchten. Wo man talentierte Spieler für Spielpraxis auf höherem Niveau parken kann, um sich später dann dort zu bedienen. Im Kleinen gibt es das schon, wie man zum Beispiel in den letzten Jahren in den Niederlanden mehrfach gesehen hat, aber jetzt ist dieses Prinzip bis in die Champions League anwendbar. Eine Grundregel des Fußballs, ja eigentlich jedes Sports, nämlich dass in einem Wettbewerb nur klar voneinander getrennte Vereine antreten, die bloß ihrem eigenen Erfolg verpflichtet sind, wurde mal eben weggewischt. Man kann erahnen, dass diese Änderung weitreichendere Konsequenzen hat, als an welcher Ecke des Spielfelds ein ausgewechselter Spieler den Platz verlässt.

Natürlich ist das meine Einordnung der Dinge, und es mag gute Argumente dafür geben, eines der angesprochenen Themen für gravierender zu halten als ich. Aber auch mit einer anderen Gewichtung ist wohl klar: Wenn sich täglich über irgendetwas aufgeregt wird, ganz egal von welcher Tragweite es auch sein mag, entsteht ein Hintergrundrauschen, das irgendwann auch die großen Themen verdeckt. Nicht nur im Fußball. Meine Lehre daraus: Wir sollten mehr Mut haben, öfters einfach mal keine Meinung zu haben. Starke Positionen muss man dann einnehmen, wenn es wirklich wichtig ist. Nicht bei Kleinigkeiten.

Scherben, 24.06.2017


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