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Unsa Senf - 20.06.2017

Das Schwert der Kleinen - Ein Plädoyer für das Zeitspiel

„Ein Spiel dauert 90 Minuten." Wohl jeder Fußballfan wird dieses, dem ehemaligen Bundestrainer „Sepp" Herberger zugeschriebene, Zitat kennen. Doch dieses könnte bald seine Gültigkeit verlieren. Jedenfalls dann, wenn die Ideen des „International Football Association Board" (IFAB) in die Tat umgesetzt werden sollten. Dann könnte es in Zukunft heißen: „Ein Spiel dauert 60 Minuten." In dem kürzlich veröffentlichten Konzeptpapier unter dem Titel „Play Fair!" stellt das IFAB Ideen vor, wie das Fußballspiel fairer und attraktiver gestaltet werden könnte und stieß damit eine internationale Diskussion an. Mein Kollege PatBorm hat das Konzept bereits am Sonntag auf unserer Seite ausführlich vorgestellt und forderte: „Neue Regeln? Lasst uns die Debatte führen!"

Der zentrale und daher auch umfangreichste Punkt des Strategiepapiers ist die Auflistung von Ideen zur Reduzierung oder Verhinderung des Zeitspiels („Increasing playing time"). Zur Diskussion stellt das IFAB dort eine effektivere Spielzeitmessung zur Verhinderung des Zeitschindens. So könnte die Zeit zukünftig gestoppt werden, sobald das Spiel unterbrochen ist, und die Uhr erst bei der Wiederaufnahme des Spiels weiterlaufen. Das IFAB regt an, diese Methode entweder in den Schlussminuten der beiden Spielhälften, also den vermeintlich zeitspielanfälligsten Phasen, oder gar über die gesamte Spielzeit anzuwenden. Im letzten Fall würde, wie etwa im Handball üblich, die Spielzeit der Spielhälften auf jeweils 30 Minuten reduziert, wobei es sich hier eben um eine Netto-Spielzeit handelt. Bei jeglicher Spielunterbrechung - seien es Einwürfe, Abstöße, Fouls, Elfmeter, Verwarnungen, Platzverweise, Auswechslungen etc. - würde die Uhr durch den Schiedsrichter angehalten. Dies hätte zur Folge, dass entsprechendes Zeitspiel bei diesen Aktionen unterbunden wäre.

Auswirkungen auf das Spiel

"Letzte Ermahnung"Doch welche Auswirkungen hätte dies auf den Fußball? „Im Grunde ändert sich nur die Art der Zeitmessung, das Spiel an sich bleibt unberührt", meinte mein Kollege PatBorm in seinem Kommentar. Doch auf den zweiten Blick dürfte sich eine ganze Menge ändern. Das einzelne Spiel mag vielleicht attraktiver für den Zuschauer, da noch schneller, intensiver, athletischer, werden. Doch auf längere Sicht hin wird es den Fußball noch eintöniger machen als er ohnehin schon geworden ist. Schauen wir auf die Bundesliga, wo die Bayern an der Spitze bereits seit Jahren einsam ihre Kreise ziehen. Oder blicken wir auf die Champions League, deren Henkelpott seit Jahren nur noch in einem kleinen Kreis an Vereinen weitergereicht wird. Es ist keine Neuigkeit, dass die Kluft zwischen reichen und armen Vereinen immer größer wird, die armen Klubs entsprechend immer chancenloser werden.

Welche Chance bleibt den vermeintlich unterlegenen Mannschaften also, wenn sie spielerisch nicht mithalten können? Jürgen Klopp hat es 2011, seinerzeit als BVB-Trainer, vor einem Auswärtsspiel in München einmal so formuliert: „Wir wollen die Bayern auf unser Niveau herunterholen." Und genau das ist die durchaus legitime und bisweilen einzig Erfolg versprechende Taktik ebensolcher schwächerer Mannschaften. Mit bewusstem Zeitspiel wird versucht, ein Unentschieden zu halten oder sogar eine knappe Führung gegen ein Spitzenteam irgendwie über die Zeit zu retten. Ja, auch ich habe mich schon oftmals geärgert, wenn sich der Gegner minutenlang auf dem Rasen wälzt oder ein gegnerischer Spieler bei der Auswechslung Ewigkeiten braucht, um das Feld zu verlassen. Doch andersherum gefragt: Warum denn auch nicht?

Eine Änderung der Zeitmessung mit Fokus auf die effektive Spielzeit würde den finanz- und somit spielschwächeren Teams einen weiteren erheblichen Wettbewerbsnachteil bescheren. Das Spiel würde noch athletischer, intensiver, schneller, auf ein anderes qualitatives Niveau gehoben. Schwächere Mannschaften könnten sich der qualitativen Übermacht des Gegners nicht mehr mit dem Zeitspiel zur Wehr setzen. Den Ball aus dem eigenen Strafraum erst einmal auf die Tribüne jagen? Nach dem missglückten Torabschluss des Gegners den Ball in Ruhe am eigenen Fünfer zum Abstoß zurechtlegen? Nutzlos. Bliebe noch das Solo zur Eckfahne - doch da muss ein Darmstädter gegen einen Münchener oder Dortmunder auch erst einmal hinkommen. Es ist also ein ganz gravierender Einschnitt für den Fußball. Punktgewinne gegen die Branchen-Primen würden noch seltener als ohnehin schon, die Spaltung im DFB-Pokal, der Bundesliga und der Champions League würde noch schneller voranschreiten. Das Fußballspiel würde insgesamt zwar fairer, da stimme ich PatBorm zu, es würde jedoch zugleich auch mit Blick auf die Gesamtwettbewerbe als solche langweiliger.

Spielverzögerung konsequent nachspielenZudem gäbe es geeignetere Mittel, wenn man das Zeitspiel tatsächlich unterbinden will. So könnten die Schiedsrichter etwaiges Zeitspiel schon jetzt konsequent auf die 90 Minuten aufschlagen. Nachspielzeiten von acht, zehn, zwölf oder mehr Minuten würden dann die Regel. Oder offensichtlich zeitschindende Spieler könnten konsequent verwarnt und im Wiederholungsfall des Feldes verwiesen werden. Eine Reihe von gelb-rot sehender Torhüter könnte das Spiel mitunter letztlich auch beschleunigen. Man muss also nicht die radikalste Lösung wählen und das Fußballspiel bzw. die Zeitmessung komplett umstellen. Ein Spiel muss, brutto, immer noch 90 Minuten dauern, daran darf nicht gerüttelt werden.

Wegbereiter für Werbeunterbrechungen?

Doch mit dem Stoppen der Uhr würde man zugleich die Tür für eine unliebsame Entwicklung öffnen: Die Werbeunterbrechung. Ich unterstelle dem IFAB gar nicht mal, dass das ein möglicher Hintergedanke des jetzigen Strategiepapiers ist. Dennoch könnte man früher oder später geneigt sein, in eine solche Spielunterbrechung dann auch mal ein „Powerbreak" zu legen, wie er zuletzt in der Deutschen Eishockey-Liga eingeführt wurde oder beim us-amerikanischen Sport-Entertainment bereits allgemein akzeptiert ist. Schnell ein kleiner Werbeblock für Bier, Autos oder Chips vor dem Freistoß oder Elfmeter? Diese Tür sollte man nicht leichtfertig öffnen. Zudem würde der Stadionbesuch für den Zuschauer bei einer Umstellung auf die Nettospielzeit ein Stück weit weniger planbar. Gerade bei Abendspielen mit Blick auf die letzte fahrende Bahn ist Planungssicherheit aber dann doch ganz gut, wenn man weiß, dass das Spiel beispielsweise spätestens gegen 22.35 Uhr beendet sein wird.

Lasst uns also das Zeitspiel erhalten. Es gehört zum Fußball, es ist das Schwert der Kleinen. Und manchmal straft einen ja auch das Schicksal für das zweifellos nicht ganz faire Verhalten auf dem Rasen - wie den Autor dieser Zeilen, der sich einst ganz rege am Zeitspiel seines Teams beteiligte, um dann just Sekunden vor dem Schlusspfiff den entscheidenden Fehlpass zu spielen und damit noch die danach natürlich nicht mehr abwendbare Niederlage einzuleiten.

DM, 20.06.2017


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