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Eua Senf - 09.05.2017

Lass mal was ändern, Aleksander!

Das Herz des Westfalenstadions sind die StehplätzeDie UEFA hat sich seit jeher das Ziel gesetzt, die Entwicklungen im europäischen Fußball voran zu treiben. Man gibt sich gerne als Innovator und hat genügend Projekte vorzuweisen, bei denen man Dinge verändert hat. Zumeist ging es dabei im Kern um die Maximierung von Profit, sei es bei der Einführung bzw. der Veränderung der Champions oder Europa League. Im Grundsatz geht es der UEFA oft um: Immer weiter, immer größer, immer besser. So will die UEFA sein und nach dem Besten streben – kein Wunder, dies insbesondere in der Liga der Besten tun zu wollen.

1992 wurde die Champions League eingeführt, wenngleich sie nur ansatzweise mit der heutigen Eliteklasse verglichen werden sollte. 36 Teams traten gegeneinander an, wobei sich die Teilnehmerzahl auf den vollständigen Wettbewerb bezieht und damit die Vorrunde (Qualifikationsrunde) beinhaltet. Insgesamt sah der Modus 81 Partien vor.

In der laufenden Saison treten 78 Teams gegeneinander an. Innerhalb der Qualifikation finden 92 Partien statt, inklusive des Finals sind es insgesamt 217 Spiele pro Jahr im wichtigsten europäischen Wettbewerb für Vereinsmannschaften. Dazu kommt, dass die Spiele auf möglichst viele Wochen verteilt werden, um den TV-Anstalten mehr und mehr Termine mit möglichst vielen Einzelspielen anbieten zu können. In der aktuellen Spielzeit werden insgesamt 33 Spieltermine angeboten (die Verlegung des Hinspiels gegen Monaco ist darin nicht enthalten). Man will dadurch letztlich natürlich mehr Kunden/Fans erreichen, um den Umsatz der UEFA weiter steigern zu können. Dabei geht es naturgemäß in erster Linie um den gemeinen Fußballinteressierten, der die Spiele am TV-Gerät verfolgt und damit letztlich die Zeche zahlt.

Wenngleich man die Champions League 1992/1993 nicht mit dem heutigen Format vergleichen sollte, gibt es noch Regularien aus eben dieser Zeit. Anfang der 1990er Jahre wurde insbesondere aufgrund der Hillsborough-Katastrophe die Stadionsicherheit überdacht. Als Hauptgrund der Tragödie von Hillsborough wurden schnell die Stehplätze ausgemacht – auch den (toten) Fans wurde ein Großteil der Schuld an diesem Unglück aufgeladen. Infolge dieser Katastrophe sollte der Taylor-Report Lösungen aufzeigen. Eines der wesentlichen Ergebnisse dieses Reports war die Verbannung von Stehplätzen, die zu einer besseren Zukunft für den Fußball führen sollte. Zunächst wurden die Stehplätze aus englischen und schottischen Stadien verbannt – die UEFA folgte 1998 und stützte das Verbot ebenfalls auf die Erkenntnisse der Kommission unter Leitung von Lord Taylor of Gosforth.

Während in Großbritannien inzwischen sehr konkret über die Wiedereinführung von Stehplätzen gesprochen wird und erste Maßnahmen ergriffen wurden, vermisst man Äußerungen der UEFA zu diesem Thema. Die Frage bleibt, womit man das Festhalten an den althergebrachten Empfehlungen des Taylor-Reports begründet. Wäre es nicht an der Zeit diese auf den Prüfstand zu stellen, insbesondere da man inzwischen von Missständen des Taylor Reports erfahren hat?

Die Bundesliga zeigt, dass die Sicherheitslage durch Stehplätze nicht massiv beeinträchtigt wird. Inzwischen wissen wir, dass nicht die Stehplätze oder die Fans als Hauptschuldige für Hillsborough verantwortlich gemacht werden können. Im Zuge der ab 2014 von John Goldring geleiteten Untersuchungskommission wurden vielmehr Fehler der Polizei und des Ordnungsdienstes als Gründe für das Unglück identifiziert, bei dem die 96 Fans des FC Liverpool ihr Leben ließen. Dank des unermüdlichen Einsatzes der Fans vom FC Liverpool konnten die Opfer nun endlich „Gerechtigkeit“ erfahren – „Justice for the 96“ kann als Erfolg eben dieser Fanszene gewertet werden.

Neben dem immer wackligeren Fundament des Stehplatzverbots, dürfte es aber auch aus wirtschaftlicher Sicht relevant sein, über die Wiedereinführung von Stehplätzen bei internationalen Spielen nachzudenken. Für die UEFA wären vollere Stadien zweifellos ein weiteres Argument im Dschungel der Marketing-Claims. Einige Millionen Zuschauer mehr, die man in den Stadien mit dem Premium-Produkt Champions League beglücken könnte, die dadurch auch einen größeren Werbemarkt generieren.

In erster Linie dürfte es aber im Interesse der Vereine sein, die durch die Umrüstungen eine größere Anzahl an Plätzen leer lassen und (viel) Geld für die Umrüstung der Stehplatzbereiche aufwenden müssen. Unser Ballspielverein dürfte dabei weit vorne liegen. Borussia ‚beklagt‘ bei internationalen Spielen einen Zuschauerschwund von 15.511. Bei einem Kartenpreis von 18,50 Euro sprechen wir über ein entsprechendes Umsatzvolumen von etwa 287.000 Euro pro Spiel, welches sich nur auf die Ticketeinnahmen bezieht. Während es bei einer höheren Besucherzahl auch noch zusätzliche Einnahmen durch Merchandising und Verpflegung geben dürfte, würde eine erhöhte Kapazität naturgemäß auch erhöhte Kosten für Ordner und weiteres Personal bedingen. Inwieweit die wegfallenden Kosten der teilweisen Umrüstung der Unterränge im Bereich der Nord- und Südtribüne das Potential für Umsatz- und Gewinnsteigerungen erhöhen, wird der BVB wohl am ehesten einschätzen können. Durch die potentielle Rückkehr zu Stehplätzen wäre ein Umsatzwachstum von 1.000.000 Euro pro Champions-League-Saison sicherlich nicht unrealistisch.

Neben dem wirtschaftlichen Aspekt wäre eine ernsthaft geführte Diskussion über die Wiedereinführung der Stehplätze aber vor allem ein Dank an die Fans, die Borussia Dortmund in den letzten Jahren weltweit Anerkennung gebracht haben. Neben aufwendigen Choreographien sind die reisefreudigen Dortmunder zahlreich in den europäischen Stadien vertreten, um Borussia zu unterstützen. Das Image der Borussia wird dadurch positiv beeinflusst, wenngleich es im Gesamtkonstrukt mit einer jungen und frech aufspielenden Mannschaft im beeindruckenden Westfalenstadion noch verstärkt wird.

Die verbannten 15.511 Plätze im Westfalenstadion bedeuten, dass 14.735 Borussen nicht dabei sein können, wenn (mal wieder) Real Madrid im Stadion aufläuft oder das Viertelfinale im Wettbewerb angepfiffen wird. Ich würde mir wünschen, dass meine Borussia einen (medial geführten) Vorstoß wagt, um sich für eben diese Borussen einzusetzen. Sei es für jene, die keine internationale Option bekommen haben oder für Fans die aufgrund der geringeren Kapazität nicht über das Tageskartenkontingent bedient werden können.

stfn84, 04.05.2017


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