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Eua Senf - 30.04.2017

„Mia san raus“ - ist Schadenfreude noch erlaubt?

"Zeig du doch auch mal ein bisschen Größe, das ist doch echt peinlich.“ Dieser Satz erreichte mich am Donnerstag per Facebook und ich musste gleich zweimal auf den Absender schauen: Ein Freund, selbst Schwarz-gelber meinte mir mitteilen zu müssen, dass meine Freude über unseren Sieg gegen die Weißbiertrinker aus München am Abend zuvor doch echt peinlich sei. What?!

Was war geschehen? Ich hatte in einer Facebook-Diskussion den Satz „Super Bayern, Super Bayern, Hey“ geschrieben. Nein! Wie konnte ich nur? Wie konnte ich es wagen, offensichtlich ironisch zu betonen, dass bei eigener Freude über das vierte Mal Berlin auch ein gutes Stück Schadenfreude dabei war, den Bayern die Chance auf das eh schon nicht hoch angesehene Double abgeknöpft zu haben. Kurz nach meinem Posting habe ich einen Klassiker gepostet und mit einem „Mia san raus“-Bild wohl erneut die Schmerzgrenze meines Freunde getroffen: „Ich kann mich auf jeden Fall auch über den Sieg freuen und auch darüber freuen dass wir die Bauern rausgeschmissen haben, ohne das jemandem unter die Nase reiben zu müssen“, hieß es in der leicht hitzigen Diskussion im Social Web weiter. Natürlich kann er das! Aber was spricht denn dagegen, dass ich meine Emotionen und ein Stückchen Schadenfreude öffentlich in meiner Chronik ausdrücke?

Ähnliche Nachrichten erreichten mich in der Folge noch öfter und ich fragte mich: Was ist bloß geschehen? Freunde, die vor wenigen Jahren noch emotional und mit Sprüchen auf große Spiele reagiert haben, werden plötzlich ruhig und nach ihrer eigenen Aussage „vernünftig.“ Leider sind das dieselben, die mittlerweile im Fanbus mitfahren und lieber eine Cola trinken, weil sie ja am nächsten Tag arbeiten müssen. Es wirkt, als wäre eine große Falsche Weichspüler in den Pott der BVB-Fans in meinem Umfeld gefallen. Auf einmal haben sich alle lieb und gratulieren sich zum Sieg, bevor dann alle ins Bett gehen und von ihrer Akademiker-Karriere träumen. Selbiges gilt übrigens auch für die Rot-Blauen München-Anhänger. Was ist bloß passiert, dass diese Leute plötzlich verweichlichen und scheinbar die pure Emotion verloren haben.

Man kann sich (aber man muss nicht) fragen, ob Schadenfreude zu Emotionen dazugehört und ob es wirklich sein muss – ich finde: es muss! Wenn die „Singles“ aus München innerhalb einer Woche ihre sonst gute Saison „kaputt“ spielen und von ihrem offensichtlich hohen Ross herunterfallen, kann man sich darüber genauso freuen, wie über den Einzug ins Finale der eigenen Mannschaft. Schauen wir uns das "El Clasico" an, wo nach einem Barca-Sieg zahlreiche Fotomontagen des enttäuschten CHristiano Ronaldos zu finden waren. Nach fast jedem großen Spiel gibt es solche Bilder und zurecht wurde den Bauern vor dem Spiel ein "guter Rutsch" gewünscht - das gehört einfach dazu und macht diese Rivalität so reizvoll. Anders ist es doch langweilig.

Während ich mich gerade an die Kritik gewöhnt und den ersten Anfall von Unverständnis hinter mir hatte, bekam ich erneut eine Nachricht, wo es sinngemäß heißt, solche Aussagen würde dem BVB als Verein schaden und den Verein unsympathisch machen. Am Ende wurde mir sogar gespiegelt, dass ich als Mensch auch unsympathisch wirke, wenn ich so etwas schreibe. „Dortmund ist nicht länger der sympathische Underdog, sondern die meisten finden den BVB inzwischen fast genau so schlimm.“ Zack! Eine weitere Aussage eines schwarz-gelben Bekannten aus meinem Kreis. Bitte was?

Erst werde ich für einen Hauch von Schadenfreude kritisiert und am Ende wird unser BVB auf eine Stufe mit den Bayern gestellt? Ich könnte solche Aussagen durchaus verstehen, kämen sie aus den Mündern anderer Vereine. Was mich an der Sache stört, sind die eigenen Reihen, aus denen solche Worte kommen. BVB-Fans, von denen ich immer dachte, sie würden den Verein leben, scheinen auf einmal fast schon Sympathien für die Münchner zu bekommen und sehen sich wahrscheinlich gefühlt schon mit Klatschpappen auf der Westtribüne sitzen. Wenn ich ehrlich bin, fällt mir zu so einem Verhalten nur das Wort „spießig“ ein. Ich habe einen guten Job und bin unter der Woche auf Seriosität und Professionalität angewiesen. Für mich ist der Fußball und da vor allem der BVB die Chance, diese Skills am Spieltag mehr oder weniger abzulegen und einfach Fan sein zu dürfen. Dazu gehört für mich auch die Schadenfreude, gerade nachdem Bayern-Fans aus meinem Umfeld sich in den vergangenen Jahren auch nicht mit Ruhm bekleckert haben, wenn es um Kommentare ging. „Mia san raus“ - ist Schadenfreude noch erlaubt?

Gastautor Jendrik, 30.05.2017


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