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Unsa Senf - 24.04.2017

Durchhalten - Maschine Profisportler

Borussia Dortmund ist in der Champions League gegen den AS Monaco mit zwei Niederlagen ausgeschieden. Normalerweise hätte diese Tatsache sowohl an den Stammtischen als auch in der Tagespresse etliche kritische Nachfragen zur Folge gehabt. Dass das weitgehend ausgeblieben ist, liegt natürlich am Anschlag auf die Spieler vorletzte Woche Dienstag. Statt um Taktik und individuelle Leistungen drehten sich die Diskussionen vornehmlich darum, ob die Mannschaft momentan überhaupt in der Lage ist, Fußball zu spielen, ob ihr Zeit gegeben wird, die Ereignisse zu verarbeiten und inwieweit sportliche und wirtschaftliche Interessen über das psychische Wohl der Spieler gestellt werden dürfen oder vielleicht sogar müssen.

Die Diskussion ist richtig. Und sie ist wichtig. Es wird schon lange Zeit, all die im Zusammenhang mit dem Burn-Out-Syndrom von Sebastian Deisler oder dem Selbstmord Robert Enkes groß angekündigten Diskussionen, wie man menschenwürdig mit Profifußballern umgehen muss, endlich zu führen.

Aber sie ist auch ein Stück weit scheinheilig. Sie taucht immer dann auf, wenn es um die psychische Belastung der Spieler geht. Dabei haben wir alle schon lange akzeptiert, dass sie ihre Körper weit über die Belastungsgrenze hinaus treiben und ihnen irreperable Schäden zufügen. Nicht nur das, wir fordern es sogar. Ein Spieler soll zu einem wichtigen Spiel die Zähne zusammenbeißen und rechtzeitig fit werden. Heilungsprozesse, die länger als sowieso schon äußerst optimistisch prognostiziert ausfallen, werden kritisch beäugt und eine Auswechselung wegen Muskelkrämpfen in der Verlängerung macht verdächtig, ein "Weichei" zu sein. Dabei ist das eigentlich ein Warnsignal des Körpers, dass er nicht mehr weiter belastet werden kann.

Gegen Hertha mit Krampf in die Kabine - und wieder zurück aufs FeldUnd wenn ein Spieler dann doch vom Platz humpelt, ist mit Sicherheit eine Vereinsikone nicht mehr weit, die sich nicht entblödet, die alten Anekdoten rauszuholen, dass man früher ja mit einem Wadenbeinbruch weitergespielt hat, weil man gar nicht auswechseln durfte. Und niemand korrigiert ihn, dass das damals eben absolut dämlich war und man den damaligen Fußball auch nicht mehr mit dem heutigen vergleichen kann. Ein angeschlagener Spieler kann die Anforderungen des modernen Spiels einfach nicht mehr erfüllen und tut der Mannschaft eher einen Gefallen, wenn er den Platz verlässt.

Wenn man einschätzen will, was der Profifußball mit der Gesundheit der Spieler anstellt, braucht man nicht erst Psychogramme und Einschätzungen von Fachleuten. Die Zahlen liegen bereits auf dem Tisch. Im Juni 2012 titelte die FAZ "Der überlastete Körper wird ausgequetscht". Die FIFA selber gibt für die WM 2010 an, dass 60 Prozent der Spieler Schmerzmittel nehmen. Fast 40 Prozent der Spieler sogar vor jedem Spiel. Es geht sogar so weit, dass Schmerzmittel präventiv eingenommen werden, um schmerzresistenter zu werden. Und wir können davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um eine leichte Paracetamol handelt. Warum sie das tun, erklärt dort der Leiter des Kölner Zentrums für Gesundheit, Ingo Froböse. Einige Sportinvaliden seien so kaputt, dass sie mit ihren Kindern gar nicht mehr laufen gehen können, weil ihre Knochen das nicht mehr mitmachen. Der Fußball produziert systematisch tablettenabhängige Krüppel.

In der 11Freunde gab es letztens eine Titelstory über den Gladbacher Alvaro Dominguez, der seine Karriere beenden musste. Mittlerweile ist der Artikel online zu finden. Die Geschichte, die der 27-jährige erzählt, zeichnet ein erschreckendes Bild vom Umgang der Vereine und Ärzte mit den Spielern. Sie werden schon im Jugendalter darauf konditioniert, Schmerzen als Normalzustand zu akzeptieren und so weit es geht auszublenden. Er spricht von Ärzten, die Spieler schmerzlos spritzen und Druck, der auf die Spieler ausgeübt wird, so weit es irgend geht, doch auf den Platz zu gehen und zu spielen. Bis es bei manchen Spielern eben einfach nicht mehr weitergeht und sie körperlich am Ende sind.

Für unsere Spieler ist aktuell eine ordentliche psychische Betreuung und Zeit, die Geschehnisse zu verarbeiten, natürlich wichtig. Aber das kann und darf nicht alles sein. Für den Spieler dürfte es gleich schlimm sein, ob er am Ende seiner aktiven Profikarriere geistig oder körperlich irreparabel krank ist. Wer Menschen statt Maschinen auf dem Platz sehen will, der muss sie auch als solche behandeln. Es kann nicht sein, dass Ärzte, die eigentlich für die Gesundheit der Kicker sorgen sollen, ihre Patienten einfach nur spielbereit stellen, statt sie richtig gesund zu machen. Man kann auch überlegen, ob es wirklich sinnvoll ist, dass die Leistungen der Spieler immer weiter im Detail seziert und die Statistiken öffentlich gemacht werden. Wer die meisten Kilometer frisst und sich in die meisten Zweikämpfe wirft, steht besser da, als diejenigen, die in den Wertungen hinter ihm liegen. Das kann man den Spielern dann vorhalten und sie weiter antreiben, ihre Körper noch weiter zu schinden. Und natürlich wird es schon längst Zeit, den Terminkalender zu entrümpeln und Gruppenphasen, aufgeblähte Turniere und Marketingreisen auf andere Kontinente auf den Prüfstand zu stellen, damit wieder halbwegs ausreichende Pausen- und Regenrationszeiten vorhanden sind.

Robert Kovac spricht als einer der wenigen Trainer offen über SchmerzmittelmissbrauchGanz klar, die Spieler verdienen außerordentlich viel Geld in ihrem Beruf und dafür kann man auch außerordentliche Leistungen erwarten. Aber trotzdem können sie verlangen, dass man sie wie Menschen behandelt und man sich während ihrer Karriere darum kümmert, ihre psychische und körperliche Gesundheit so weit zu erhalten, dass sie ein ganz normales Leben führen können. Grundlegend dafür ist, dieses ganze miese System Profifußball zu hinterfragen, bei dem der Mensch dem Sport untergeordnet wird. Das schließt auch uns Fans ein. Wir verlangen zum Beispiel, dass sich die Spieler reinhängen und sich in jeden Zweikampf werfen. Tun sie das nicht, dann sind sie raffgierige Söldner, die den Verein und seine Fans nicht respektieren. Dabei blenden wir aus, dass zumindest an der Spitze für die Sportler schon längst ein Drei-Tage-Rhythmus im Terminkalender der Normalzustand ist und ihnen gar nicht mehr die Zeit bleibt, all die aus den Zweikämpfen resultierenden kleinen und mittleren Schäden auszukurieren. Da bleibt nur die Wahl zwischen Vorwürfen und dem Griff in den Medizinschrank.

Es ist geradezu pervers, dass so lange von allen Seiten Druck auf die Spieler ausgeübt wurde, bis sie all das selber als natürlich verstanden haben und Innehalten scheinbar keine Option mehr ist. Sie akzeptieren Folgeschäden für sich als Teil des Geschäfts und „Durchhalten“ als notwendig. Wenn auch in einem anderen Zusammenhang gefallen, so passen hier Olli Kahns Worte sehr gut, um die Ansprüche im Profifußball zu beschreiben: „Niemals aufgeben! Immer weitermachen! Immer weiter!“

Dieses System gehört aufgebrochen und muss wieder menschlicher gemacht werden. Dann hätten unsere Kicker vielleicht auch wirklich das machen können, was absolut notwendig war. Einfach mal sagen: „Ich kann jetzt nicht spielen.“

Sascha, 24.04.2017


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