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Unsa Senf - 06.04.2017

Es war einmal... das Derby

Gästeblock 2017Ich hatte nach langer Zeit mal wieder Lust. Lust auf ein Derby auswärts. Früher war ich recht regelmäßig dabei. Mein erster Fanschal hing Anfang der Neunziger brennend am Zaun des Parkstadions, die letzten zehn Minuten des legendären Siegs 2005 habe ich zusammengekauert auf einem Sitz der neuen Arena verbracht und ohne aufs Spielfeld zu gucken auf den Abpfiff gewartet. Und dann irgendwann wollte ich nicht mehr. Mich hat diese dauerhafte Präsenz von Blau und Weiß genervt. Die Leute. Das Drumherum. Es ging mir alles nur noch auf den Geist. Jetzt wollte ich endlich mal wieder.

Vielleicht weil schon die letzten Duelle in unserem Westfalenstadion nicht mehr viel Derbyfeeling versprühten. Aufgrund strikter Fantrennung kommt man auf dem Weg zum Stadion kaum noch wirklich in Kontakt zu den anderen Farben. Dank der sportlichen Entwicklung der letzten Jahre gehen die Karten für die Heimbereiche auch wirklich komplett an BVB-Fans, als dass sich blau-weiße Farbsprenkel bis in die Südecken verirren. Das ist auf die eine Art gut und richtig. Andererseits wünsche ich mir klammheimlich doch, dass da irgendjemand wäre, der meine Pöbeleien wirklich hören und sich darüber ärgern würde. Reibungspunkte muss man mittlerweile mit der Lupe suchen. Und die Stimmung? Sie unterscheidet sich immer weniger von Auftritten bei ganz normalen Ligaheimspielen. Wer 2007 miterlebt hat, wie die Blauen zur Pause von allen Tribünen mit einem lauten „Ihr werdet nie deutscher Meister“ in die Kabine geleitet wurden, der weiß, dass Derbystimmung anders geht.

Vermutlich wollte ich deshalb nach langer Zeit wieder in die Industriebrache rund um den Ernst-Kuzorra-Weg. Mich als Auswärtsfan so richtig nicht gemocht und nicht willkommen fühlen bei einem Derby. Wobei ich jeden verstehen kann, der diesem merkwürdigen Gedankengang nicht folgen kann. Das Ergebnis dieser Bemühungen fiel jedoch ziemlich ernüchternd aus. Konnte man früher schon die ersten Beschimpfungen und ausgestreckten Mittelfinger auf dem Weg durch den „Löwengang“ Richtung Gästeblock genießen, schauten die Heimfans mehr oder weniger interessiert zu wie der schwatzgelbe Anhang zu seinen Plätzen trottete. Im Innenraum dann die nächste, kleine Enttäuschung. Früher hingen unter dem Dach zwei Banner, die mir die gerechte Zornesröte ins Gesicht trieben. Zum einen das Banner des blauweißen Stachels, das prominent platziert den Gegner daran erinnern sollte, dass es auch in unserer Stadt eine kleine Gruppe von Menschen ohne Ahnung von Fußball, aber dafür mit Mut zur Geschmacksverirrung gibt. Zum anderen das „Ich war mal gelb und hing im Süden“-Banner als Anspielung auf den Raub des Südtribünenbanners. Vermutlich sind beide im Laufe der Zeit einer Deeskalationsstrategie zum Opfer gefallen. Als sie noch hingen, hätte ich sie am liebsten eigenhändig abgerissen, jetzt wo ihr Platz leer bleibt, fehlen sie mir irgendwie.

Sieht nett aus, besonders viel kam aber auch nichtAll diese Kleinigkeiten sorgen dafür, dass kaum noch echte Derbystimmung aufkommt und sich das Geschehen auf den Rängen fast gar nicht mehr von x-beliebigen Kicks gegen andere Vereine unterscheidet. Natürlich, auf unserer Seite fehlte die aktive Fanszene nahezu komplett, aber auch unter Berücksichtigung der fehlenden Koordination war das ein ziemlich erbärmlicher Auftritt. Eigentlich eine Einladung an die gegnerischen Fans, uns hemmungslos an die Wand zu singen. Aber anscheinend hat die gleiche Lethargie, die wir bei uns immer häufiger bemerken, auch unsere Nachbarn in Gelsenkirchen erfasst. Der früher mal krachend laute Wechselgesang „Schalke – Nullvier“ zwischen den Tribünen war nur noch ein müder Abklatsch besserer Tage. Und damit immer noch besser als die trostlose Stille, die phasenweise im Stadion herrschte. Fast war man schon dankbar für die Gestalt, die im Oberrang über dem Gästesteher über die Brüstung gebeugt herzhaft und ausgiebig pöbelte. Ein Anblick, der gleichzeitig albern und doch irgendwie gut war. Albern, weil das halbe Hemd ohne drei schützende Meter Höhenunterschied locker weggefrühstückt worden wäre, aber auch gut, weil es an die Stimmung früherer Jahre erinnerte. Da gab es an den Übergängen zwischen Heim- und Auswärtsbereich immer mächtig Gepose und niveaulose Nettigkeiten.

Richtig gut und laut wurden die Blauen nur nach dem Ausgleich, dann allerdings mehr als ordentlich. Auch wenn ich darauf wirklich äußerst gerne verzichtet hätte, aber ab der 80. Minute wirkten die Tribünen zum ersten Mal richtig lebendig und leidenschaftlich. Noch gesteigert durch Felix Zwayers nette Entscheidung, den Blauen einen Handelfmeter zu verwehren. Da tobte der Laden endlich so, wie es bei diesem Spiel eigentlich sein sollte.

GE feierte. Aufgrund des Spielverlaufs nicht völlig unverständlich, aber auch merkwürdig. Über 75 Minuten hinweg war bei keiner der beiden Mannschaften von markigen Worten über „alles reinhauen“ und unbedingten Siegeswillen viel zu spüren. Bei den Gastgebern hatte man über weite Strecken nicht den Eindruck, dass sie einen irgendwie gearteten Plan besäßen, wie sie selber zum Torerfolg kommen könnten. Und trotzdem feierten die Blauen. Bei einem Unentschieden zuhause. Weil sich nach der kaum verhohlenen Freude der vergangenen Jahre, ein Derby nur knapp mit 2:3 verloren zu haben, ein banales 1:1 vermutlich schon wie ein Sieg anfühlt. Hey, Leute – was ist mit euch los? Seit wann will man dieses Spiel nicht mehr unbedingt gewinnen, sondern nur noch einfach nicht verlieren? Wo sind die Zeiten hin, als die Blauen ihre Mannschaft dafür gefeiert haben, dass sie deutliche Qualitätsnachteile mit Eifer und Leidenschaft wettmachen konnten, statt teilnahmslos zuzuschauen, wie die eigene Elf nichts anderes im Sinn hat, als bloß selber kein Tor zu kassieren?

2007 - Die Mutter aller DerbysMögen die Gazetten im Vorfeld pflichtschuldig noch die große Rivalität beider Vereine beschwören, in Wahrheit ist das Derby mittlerweile eine ziemlich kastrierte und zahnlose Angelegenheit geworden. Das ist einerseits traurig, andererseits aber vielleicht auch zwangsläufig.

Derby war immer ein Spiel im Grenzbereich zwischen „gerade noch akzeptabel“ und „einfach zuviel“ und vielleicht ist die Schnittkarte zu scharf, um diesen Grenzbereich am Leben zu erhalten. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es mittlerweile common sense ist, dass „Hass und Gewalt“ beim Fußball nichts zu suchen haben und die folgenden Worte nicht jedermann teilen wird, aber für mich hatte beides in einem begrenzten Umfang eben doch seine Berechtigung bei diesem Spiel.

Wenn man wirklich ehrlich zu sich selbst ist, dann hat das Derby immer auch eine dunkle Faszination gehabt. Der Nervenkitzel, ein Spiel zu besuchen, das in einem etwas wilderen, anarchischen Kontext steht und einen Hauch von Gefahr versprüht, war Teil des Reizes. Ich hatte nie ein Problem damit, dass jemand, der bei diesem Spiel vor dem Gegner die Klappe zu weit aufmacht, auch eine schmerzhafte Ordnungsschelle dafür kassieren kann. Auch wenn ich selber, nicht nur beim Fußball, nie etwas mit Gewalt zu tun hatte, konnte ich sie in einem begrenzten Umfang beim Derby akzeptieren. Und mich auch dementsprechend verhalten, um ihr aus dem Weg zu gehen.

Genau so hatte ich auch nie ein Problem mit Liedern, in denen Gewalt und Hass besungen wurden. Weil ich dem Großteil der Anhänger zugetraut habe, diese Lieder mit ehrlich empfundener Abscheu gegenüber dem anderen Lager zu singen und dabei zu wissen, dass das Singen dieser Lieder eine Grenze darstellt, die nicht überschritten werden darf. Genau so wie sie vor, während und nach dem Spiel mit ausgestrecktem Mittelfinger Beleidigungen gebrüllt und sich dann trotzdem montags ganz vernünftig mit Arbeitskollegen der anderen Konfession unterhalten haben. In einer gewissen Dosis gehörte Aggressivität und Gefahr immer zu einem Derby dazu.

Und dennoch verstehe ich auch, dass diese Dosis immer weiter verkleinert wurde und mittlerweile kaum noch spürbar ist. Viel zu oft ist Derby nämlich zur anderen Seite gekippt. Raubzüge durch S-Bahnen, gezielte Angriffe abseits des Spieltags und Jagdszenen nach Abpfiff sind Vorfälle, die eine Gesellschaft einfach nicht akzeptieren kann und darf. Und neben Gesängen über den Tag, an dem „der FC Scheiße starb“ gibt es auch heute immer noch vereinzelt die unsäglichen und entsetzlichen Lieder über zu bauende U-Bahnen und Gelsenkirchener Juden. Es ist gut und richtig, dass sie schon lange nicht mehr Teil des allgemeinen Kanons von Derbygesängen sind und es ist unbedingt zu verhindern, dass sie wieder eine Legitimation erfahren, nur weil manche sie als gegen den sportlichen Gegner gerichtet auffassen.

Ganz am Ende steht wohl die ernüchternde Erkenntnis, dass es die „gesunde“, aggressive Derbystimmung nie gab und nie geben kann, ohne dass auch ihre dunkle Seite zum Vorschein kommt. Vermutlich besteht der Preis, diese „Derbyauswüchse“ zu bekämpfen, wirklich darin, dieses Spiel zur Normalität zusammenschrumpfen zu lassen und ihm ein Großteil des Besonderen zu nehmen. Der rationale Teil in mir versteht das voll und ganz. Er sieht die Notwendigkeit, Nährboden für Gewalt und Hass zu entziehen. Der irrationale denkt allerdings auch mit einer gewissen Wehmut an Siege und Niederlagen, die sich viel intensiver angefühlt haben als all die anderen und Spiele, bei denen der Adrenalinspiegel immer höher war als sonst.

Das Derby wird nie wieder so sein wie früher. Das ist gut. Aber auch trotzdem irgendwie traurig.

Sascha, 06.04.2017


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