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Reportage - 29.03.2017

The Old Firm - weit mehr als ein Derby

Es gibt Dinge, die will und wollte ich in meinem Leben als Fußballfan unbedingt erleben, die machen meine persönliche Fußball-"Bucket-List" aus. Weil der BVB im letzten Jahrzehnt unwahrscheinlich erfolgreich war, durfte ich Dinge erleben, von denen Andere nur träumen – vom DFB-Pokal-Sieg bis zum Champions-League-Finale – und konnte schon einige Punkte meiner Liste abhaken. Nun wird es also Zeit, mich den nächsten Punkten zu widmen.

Letzte Saison ergab sich die Möglichkeit, ein Spiel im sagenumwobenen Stadion an der Anfield Road zu sehen – und was für eins. Klar, die Niederlage schmerzt bis heute, aber dieses Stadion mit einer solchen Stimmung zu erleben, ist genau das, was ich mir gewünscht habe. Teil unserer Tour nach Liverpool war auch ein Besuch in Glasgow, denn 2016 hat sich der erste Europapokalsieg einer deutschen Mannschaft zum 50. Mal gejährt. Der BVB gewann seinerzeit im Hampden Park gegen den Liverpool FC mit 2:1 und so fanden wir es nur passend, das samstägliche Halbfinale des schottischen Pokals in eben diesem Stadion zu schauen .

Vom abstrakten Traum zum konkreten Willen

Auf dem Weg zum Hampden Park passierten wir auch ein Stadion, das von seinen Besuchern nur "Paradies" genannt wird: den Celtic Park. Ein paar Fotos und ein Besuch im Fanshop sollten aber alles bleiben, was wir vom legendären Ground sehen würden, denn Celtic traf am Tag darauf ebenfalls im Hampden Park auf die Rangers – zum ersten Mal seit mehreren Jahren. An Tickets war nicht zu kommen, zumal wir sowieso am Samstag zurückgeflogen sind. Was aber blieb, war das Bedürfnis, der Wunsch, der feste Wille, den Celtic Park bei einem Spiel zu erleben.

Also begann die lange Zeit des Wartens. "Wenn schon Celtic Park, dann auch zum Old Firm!" wurde zur Maxime und die erste Version des Aufeinandertreffens vergangenen September war zeitlich keine Option. Es musste also der März 2017 werden und ich begann bereits im Vorjahr, sämtliche Bekannten auf Ticketsuche zu schicken.

Die Zeit verging, das Spiel rückte näher und außer einem "I'm confident to get some tickets!" gab es keine positiven Signale aus Schottland. Wir haben drauf geschissen und trotzdem Flüge und Hotel gebucht, denn "confident" war für uns zuversichtlich genug. Als wir uns dann auf den Weg zum Flughafen machten, um via Edinburgh nach Glasgow zu fliegen, hatten wir zu dritt nur ein Ticket sicher und keins in Händen. Zweifel trübten die Stimmung, doch wir wollten uns dennoch ein nettes Wochenende in der wundervollen Stadt Glasgow machen.

Den kleinen Umweg über Edinburgh haben wir genutzt, um zumindest ein Spiel sicher zu sehen. Der Regelspieltag in Schottland ist der Samstagnachmittag, doch aus Gründen der Gewaltprävention wird das Old Firm in Glasgow regelmäßig am Sonntag um 12 Uhr mittags angepfiffen. So blieb also genug Zeit, nach der Landung noch gemütlich zum Heart of Midlothian FC zu fahren und das Spiel gegen Hamilton Academical zu begutachten. Mit der wundervoll modern ausgestatteten U-Bahn samt kostenfreiem WLAN ging es für uns direkt vorbei am schottischen Rugby-Nationalstadion in das Zentrum von Edinburgh, wo wir unsere Rucksäcke kurz in einem Hotel deponierten und dann per Bus zum Tynecastle fuhren.

Das Stadion der Hearts wird aktuell umgebaut und so war es entsprechend schwierig, kurzfristig an Tickets zu gelangen. Nicht weil das Spiel auch nur annähernd ausverkauft zu sein drohte, sondern weil die Ordner, die wir fragten, so undeutliches schottisches Englisch sprachen und so wenig Ahnung von der Verfügbarkeit von Tageskarten hatten, dass es eine kleine Odyssee wurde, bis wir dann wartend vor dem verschlossenen Tor zum Gästeeingang standen.

Heart of Midlothian FC - Hamilton Academical FC

Nach sehr lässigen Kontrollen, einem unkomplizierten Ticketkauf und Drehkreuzen, die hierzulande jeden Fluchtwegverordnungen zum Opfer fallen würden, befanden wir uns kurzerhand im Gästeblock des Tynecastles. Da wir direkt nach Toröffnung im Stadion waren, blickten wir natürlich auf leere Sitze – ein Umstand, der sich inseltypisch erst rund 15 Minuten vor Anpfiff grundlegend ändern sollte. Die Wartezeit vertrieben wir uns mit gelegentlichen Updates des BVB-Spiels aus Berlin und einigen netten Twitter-Nachrichten. Ich hatte beim Kurznachrichtendienst massiv nach Tickets für das Old Firm gesucht und während ich in Edinburgh im Stadion saß, meldete sich BVB-Fan David, welcher ein Auslandssemester in Glasgow absolviert. Wir unterhielten uns nett und verabredeten uns für den Abend, ehe dann endlich der Ball rollte.

Die alte Haupttribüne im Tynecastle

Das Spiel sollte sich einseitig gestalten. Hamilton, nicht grundlos Vorletzter, hatte einzig seinem Torhüter zu verdanken, nicht frühzeitig komplett unterzugehen und so dauerte es bis zur Nachspielzeit der ersten Hälfte, ehe das Tynecastle erstmals richtig laut wurde. 1:0 für die Gastgeber, der Großteil der 15.900 Zuschauer jubelte, während sich die Reservisten der Gästemannschaft, die zwei Reihen vor uns saßen, von den mitgereisten Gästefans einiges anhören durften.

In der zweiten Halbzeit wurde die Partie dann deutlicher: Nach einem spät erkannten Rückpass zum Torhüter wurde der indirekte Freistoß aus neun Metern ins Netz gebolzt und nur zwei Minuten später war es dann ein direkter Freistoß außerhalb des Strafraums, der ähnlich sehenswert in den Giebel flog wie wenige Minuten vorher der Treffer des Berliners Plattenhardt gegen den BVB. Ein weiterer direkter Freistoß besorgte kurz vor Schluss den 4:0 Endstand, den sich Hamiltons Reservisten bereits auf dem Weg in den Bus ansahen.

Die Stimmung war so, wie man sie von der Insel heutzutage allgemein erwartet. Laut wurde es eigentlich nur nach Toren, sonst wurde selten wirklich gesungen, dafür gab es aber massig Bezug zum direkten Geschehen auf dem Platz. Fouls wurden bepöbelt, spektakuläre Aktionen bejubelt und dazwischen plätscherten Spiel und Stimmung eben so vor sich hin, wie man das auch von den Amateurplätzen hierzulande kennt.

Nachdem unser Fußballhunger fürs Erste gestillt war, knurrten unsere Mägen. Wir suchten im westlichen Stadtkern nach einem Restaurant, das auch für Touristen vertrauenserweckend genug aussah, mussten aber leider feststellen, dass das Rugby-Spiel zwischen Schottland und England sämtliche Pubs aus allen Nähten platzen ließ. So blieb uns nichts anderes übrig, als einen Imbiss zu nehmen, der wenig einladend aussah und eine Karte führte, die von Pizza bis zu allerlei Frittiertem (u.a. frittierte Pizza...) reichte. Das Ergebnis war das beste Fish'n'Chips, das ich je gegessen habe.

Zwischen Edinburgh und Glasgow fahren alle 15 Minuten Überlandbusse, von denen uns einer aus Schottlands Hauptstadt in die größte Stadt des Landes brachte. Während der Fahrt amüsierte ich mich über eine Gruppe schnarchender Spanier vor uns im Bus und einen unbekannten Twitterer ohne echtes Profilbild, der mir ein VIP-Ticket für das Old Firm angeboten hat. Da er mir trotz der wachsenden Verzweiflung ob eines fehlenden dritten Tickets wenig vertrauenswürdig erschien, vertiefte ich den Kontakt nicht und wir checkten in unser Hotel ein.

One Night in Glasgow

Wir trafen uns mit David und seinem schottischen Kumpel Cameron vor einem Pub, das leider zu voll war, um uns mit Kaltgetränken zu versorgen. Wir quatschten kurz darüber, dass Cameron uns eine Dauerkarte für das Spiel überlassen könne und gingen dann gemeinsam zu einem Irish Pub. Zwei von drei Karten schienen also sicher! Auf dem Weg redeten wir über andere Dortmund-Fans, die beide bereits gesehen hatten und darüber, in welche Pubs wir als Celtic-Sympathisanten besser nicht gehen sollten. Als wir ankamen, wurden wir von Livemusik und mitsingenden Menschen empfangen, die einfach nur Gänsehaut verursacht haben. Während sich David und Cameron zur Theke quetschten, sog ich die Atmosphäre auf wie ein Schwamm und muss dabei ziemlich doof ausgesehen haben. Ein älterer Herr nahm sich meiner an und erklärte mir den Text der Ballade namens „Grace“, die von Grace Gifford und ihrem Ehemann handelt, welcher in Folge des Osteraufstands 1916 hingerichtet wurde und Grace nur wenige Stunden zuvor zur Frau genommen hatte. Die Bedeutung des Songs sollte mir erst einige Tage später bewusst werden.

Ich erzählte ihm, dass ich den Song nicht kenne, da ich aus Deutschland sei und er schloss mich sofort in die Arme, da er Ire sei und die Iren uns offenbar lieben. Wir unterhielten uns über Fußball (bei der Erwähnung Dortmunds leuchteten seine Augen ob der Choreo im Champions-League-Spiel zuvor), seine irische Herkunft und das kommende Old Firm. Ehe sich unsere Wege trennten, gab er mir zu verstehen, dass die Rangers ja allein schon deshalb scheiße seien, weil sie ein Testspiel gegen RaBa Leipzig gespielt haben. Eine Bemerkung, mit der ich im fernen Schottland so nie und nimmer gerechnet hätte.

David, Cameron, meine Kumpels und ich fanden darauf endlich einen Tisch und konnten uns noch mal etwas intensiver unterhalten. Als wir wissen wollten, wie gut man das Derby in Dortmund mit dem Derby in Glasgow vergleichen kann, machten die beiden deutlich, was für eine massive Bedeutung das Spiel in Glasgow habe. Neben dem Umstand, dass man sich eine Stadt teilt und deshalb auch schon mal auf die Mütze bekommt, wenn man im falschen Pub landet, erzählten die beiden uns vor allem von den kulturellen Unterschieden zwischen den Clubs. Celtic ist seit jeher der Club der ärmeren, irischen Einwanderer, gegründet von einem katholischen Bruder, um Spenden zu sammeln; die Rangers waren ein klassischer Fußballclub unionsbritischer und protestantischer Prägung, in dem lange Jahre keine Katholiken geduldet wurden.

Und allein das zeigt, worum es bei diesem Spiel geht: Katholiken gegen Protestanten, unabhängige Iren gegen unionstreue Schotten, Sozialisten gegen Konservative. Es ist kein Spiel zweier Fußballmannschaften, hier treffen Identitäten, Weltanschauungen und Historien aufeinander, die fernab des Balles eine entscheidende Rolle in den Leben der Bewohner Glasgows spielen.

Zwischen Geschichten über unsere Touren mit dem BVB redeten wir immer wieder über die Bedeutung und die Auswirkungen des Old Firm. So wurde 2012 der Offensive Behaviour at Football and Threatening Communications Act erlassen, ein schottisches Gesetz, das Konfessionalismus rund um Fußballspiele, vor allem in Glasgow wirksamer bekämpfen soll. Insbesondere die irisch-katholische Minorität der Glasgower Bevölkerung musste in der Vergangenheit stark unter Hass und Diskriminierung leiden, Gewalt von beiden Seiten war keine Seltenheit. Doch der Offensive Behaviour Act trieb weitere Blüten: Sieben Mitglieder einer Celtic-Fangruppe mussten sich 2014 vor Gericht verantworten, weil sie im Rahmen des Spiels den irisch-republikanischen Song "Roll of Honour" gesungen haben, welcher von Schottlands Regierung als "eine Terrororganisation unterstützend" eingestuft wurde, während die Green Brigade ihn als irisches Kulturgut sieht und befürchtet, dass der Ausdruck irischer Identität durch den Offensive Behaviour Act illegal erklärt würde. Das Gesetz ist seither hochgradig umstritten, da es die freie Meinungsäußerung untergrabe, weil es nicht nur auf religiös motivierte Gewalt abzielt, sondern auch Äußerungen im Internet oder per Post beinhaltet.

Ehe sich der Abend dem Ende neigte, schrieb mir Redaktionskollege Seb, dass er mir über einen Bekannten noch die dritte benötigte Karte besorgen konnte. Wir hatten zwar immer noch keine davon in der Hand, schienen aber wirklich alle drei das Old Firm im Stadion erleben zu können. Wir verliehen der gedämpften Vorfreude noch mit ein paar Kaltgetränken Ausdruck und begaben uns dann ins Hotel zurück, um für den kommenden Tag ausgeruht zu sein.

Welcome to Paradise

Nach einem sehr ausführlichen britischen Frühstück haben wir uns mit dem Bus zum Celtic Park begeben. David und Cameron hatten uns zwar dazu eingeladen, gemeinsam mit den aktiven Celtic-Fans von deren Treffpunkt zum Stadion zu marschieren, die unerwartet lange Busfahrt hat uns diesen Programmpunkt aber leider geraubt. Bei den Bildern, die wir nachträglich zugespielt bekamen, ein wirkliches Ärgernis. Stattdessen trafen wir uns vor dem großen Celtic-Fanshop am Stadion mit den zwei Bekannten Sebs, die uns jeweils ein Ticket gaben, bevor wir 45 Minuten vor Anpfiff David wiedertrafen, der sichtbar unter dem langen Abend und dem frühen Anpfiff litt, und von ihm das dritte Ticket erhielten. All unsere Zweifel waren endgültig besiegt und wir konnten uns ehrlich über das bevorstehende Spiel freuen. Wir wollten keine Zeit verlieren und endlich, endlich das Stadion betreten, das wir schon so lang von innen sehen wollten.

Welcome to paradise

Anders als am Vortag war das Stadion bereits gut gefüllt. Auf Seiten der Heimfans hingen zig irische Flaggen, im Gästeblock – der einen riesigen Pufferblock neben sich hatte – wurden Union Jacks geschwenkt. Ich machte ein paar Fotos und sog die Atmosphäre auf, das nervöse Treiben, die aggressive Vorfreude vor diesem wichtigen Spiel. Ich musste feststellen, dass mein Sitzplatz direkt hinter einer von zwei Säulen im Stadion sein würde, sodass ich vermutlich nur das halbe Spielfeld sehen konnte, doch für den Moment war mir das herzlich egal. Leider verbirgt sich genau hinter der Säule der interessanteste Bereich des Stadions: Seit Beginn der Saison hat Celtic als erster Club auf der Insel eine "Safe Standing area", also einen Stehplatzblock. Die Ecke ähnelt den Klappsitz-Wellenbrecher-Kombinationen, die wir z.B. im Oberrang der Südtribüne haben und stellt eine Revolution in britischen Stadien dar.

Die sportliche Ausgangslage vor dem Spiel war klar: Celtic war eindeutiger und unangefochtener Tabellenführer und hatte vor dem Spiel bis auf ein Unentschieden jedes Spiel gewonnen (!), die Rangers waren Dritter und hatten ein wenig Luft nach oben und nach unten. Die schottische Liga besteht aus 12 Mannschaften, die bis zum 33. Spieltag je dreimal gegeneinander antreten. Danach wird die Liga geteilt und mit den bisherigen Punkten werden fünf weitere Spieltage abgehalten, an denen die Top 6 und die Flop 6 jeweils gegeneinander spielen. Durch Aberdeens Sieg am Vortag konnte Celtic gegen die Rangers nicht vorzeitig schottischer Meister werden.

Vor dem Spiel gab es verhältnismäßig wenig Geplänkel durch den Stadionsprecher, dafür wurden die Spieler frenetisch zum Warmmachen empfangen – entweder mit lautstarkem Jubel oder eben mit gellenden Pfiffen. Der erste Eindruck der Stimmung war sehr gut, das Stadion schien überaus motiviert und erzeugte mit überzeugender Lautstärke mehrfach Gänsehaut bei mir. Vor dem Spiel gab es ausnahmsweise eine Darbietung von "You'll never walk alone", welche der in Liverpool in nichts nachstand und zum Einlaufen der Mannschaften in der Safe Standing Ecke eine Choreo, die mehrere Celtic-Legenden über dem Glaubensbekenntnis "The one true faith" zeigte. Es war angerichtet.

The one true faith

Celtic FC - Rangers FC

Nach anfänglich sehr beeindruckender Stimmung legte sich die Euphorie bei den Celtic-Fans recht schnell. Die Rangers waren besser im Spiel und so entstand im Stadion leider recht schnell eine Stimmung, die für die Insel relativ typisch ist: hochgradig spielbezogen, bei Missfallen aber auch eher meckernd als unterstützend, wenig andauernde Gesänge. Es wurde zwar zeitweise immer wieder laut, richtig beeindruckend wurde es während des Spiels aber nur, nachdem Celtic in der 35. Minute relativ unerwartet durch einen trockenen Flachschuss ins Torwarteck in Führung ging. Die zehn Minuten bis zur Pause waren wirklich mitreißend, sodass sogar ich ein bisschen gegen die Rangers singen musste. Zur Pause präsentierte die Stimmungsecke dann eine Blockfahne mit einem abgeänderten Zitat aus Trainspotting, das von meiner Seite aus kaum zu lesen war, nach dem Spiel aber für ordentliches Gelächter sorgte.

In der zweiten Halbzeit konnte Celtic das Spiel dann dominieren, sodass auch die Stimmung etwas besser, aber leider immer noch nicht durchgehend beeindruckend war. Die Stehplatz-Ecke versuchte durchgängig, den Rest des Stadions mitzunehmen, konnte diesen aber nur selten wirklich erreichen – unter anderem mit „Grace“, dem Song, den unser Pub am Abend zuvor schon so gänsehautbringend intoniert hatte. In der 67. Minute hat dann das ganze Stadion, zu Ehren des 50. Jubiläums vom Europapokalsieg der Lisbon Lions, mit Handytaschenlampen und dem Gassenhauer "Sixty Seven, in the heat of Lisbon" Celtics Sternstunde gefeiert und damit gleich noch einmal Gänsehaut verursacht, ehe sich die Stimmung wieder dem dahinplätschernden Spiel anpasste. Bis zur Schlussphase: in der 87. Minute trafen diesmal die Rangers relativ unerwartet zum Ausgleich und fortan machten sowohl Celtic als auch das Stadion noch einmal massiven Druck auf den Siegtreffer. Als der eingewechselte Griffiths im Strafraum eindeutig gefoult wurde, der Schiedsrichter aber den fälligen Pfiff verweigerte, wurde es noch einmal richtig ruppig – am Ergebnis konnte das aber nichts mehr ändern.

So blieb es also bei einem unbefriedigenden Ergebnis. Die über weite Strecken verhältnismäßig "normale" Stimmung resultierte offenkundig daraus, dass Celtic ein relativ schlechtes Spiel machte und die langanhaltende Siegesserie nicht fortsetzen konnte. Und so waren wir nach dem Spiel in erster Linie erschöpft und ein bisschen niedergeschlagen, weil wir natürlich mit den Hoops mitgefiebert hatten.

Da wir Cameron noch die Dauerkarte zurückgeben mussten, gingen wir zu Fuß zur Celtic Supporters Association und wurden dort äußerst freundlich empfangen. Mit Aufklebern der Green Brigade versorgt und nach einem netten Plausch mit weiteren aktiven Celtic-Fans über die Stimmung, die Choreo, die Blockfahne zur Halbzeit und das Verhältnis zwischen Fans und Verein fuhren wir mit dem Taxi zum Hotel und gingen dann, nach einem zu ausgiebigen Mittagsschlaf, noch einen hervorragenden Burger essen. Die verabredete Pub-Runde fiel der Ernüchterung über das Spiel und der späten Uhrzeit zum Opfer, sodass wir unsere neu gewonnenen Freunde leider nicht mehr wiedersahen, ehe wir am Folgetag nach Hause flogen.

Es war aber trotz allem ein unvergessliches Wochenende. Die Gastfreundschaft der Celtic-Fans, die gewährten Einblicke, die Geschichten und Erlebnisse waren wirklich unerwartet und haben das mäßig erfolgreiche Spiel Celtics zu einem beeindruckenden Erlebnis gemacht. Wir haben Dinge erfahren, die den Fußball und das anstehende Derby hierzulande in einem etwas milderen Licht erscheinen lassen, viel gelacht und uns einen Traum erfüllen können. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei Seb, Gerry, Tony, David, Cameron und allen anderen Jungs von der Green Brigade bedanken! Das Old Firm war an diesem Wochenende weit mehr als ein Fußballspiel. Nicht nur für uns.

29.03.2017, NeusserJens


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