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Erzähl ma... - 28.03.2017

Sebastian Kehl im Interview - Teil 2

Teil 1 findet ihr hier.

Die Einlaufmusik der Stadionführungsgruppe ertönt. Wir ziehen weiter zur Südtribüne. Just als wir uns für weitere Fragen hinstellen, erledigt eine Taube ihr Geschäft genau zwischen uns in die Mitte, was Sebastian Kehl mit einem Blick nach oben und „das war knapp“ kommentiert. Wir haken noch mal bei der Frage zum Thema Dialog mit Fans ein:

In schwierigen Zeiten, als der Verein vor der Insolvenz stand oder als wir beinahe abgestiegen wären, habe ich hautnah erfahren, wie wichtig der BVB für die Menschen hier ist, wie viel Halt, Mut und Sinn er ihnen gibt und wie sie darunter leiden. Das fängt morgens beim Bäcker an und hört beim Taxifahrer am Abend auf. Gerade 2005 war das natürlich sehr emotional, keiner wusste so richtig wie es weitergehen sollte, aber das hat mich persönlich noch viel näher mit diesem Verein verbunden. Und zu der Leistung auf dem Platz gehört auch, dass man als Spieler für die Fans da ist, greifbar, mit ihnen kommuniziert und ihnen einfach zeigt, dass einem die Situation nicht scheißegal ist.

schwatzgelb.de: Wir stehen hier auf der Süd. Inwieweit nimmt man als Spieler Gesänge oder Kritik während des Spiels war?

Wenn man aus dem Tunnel kommt und auf der Süd eine Choreo sieht, waren das supergeile Momente. Man nimmt die Stimmung natürlich auch extrem wahr, wenn man ein Tor schießt oder wenn es gerade nicht gut läuft und man Pfiffe einstecken muss. Es sind meistens diese Ausschläge. Ansonsten versucht man während des Spiels seine Leistung zu bringen, sich reinzuhauen und fokussiert zu bleiben.

Was war die schönste Wertschätzung, die du von Fans bekommen hast?

Wenn die Süd oder das ganze Stadion deinen Namen ruft, ist das ein unbeschreibliches Gefühl. Ich habe ja leider nicht so viele Tore in meinem Leben geschossen, aber ich glaube, dass ich dafür eine andere Art von Wertschätzung bekommen habe. Die Menschen haben meine Ehrlichkeit und meinen Charakter gewürdigt. Und dass ich diesen Verein immer gelebt, mich total identifiziert und mich für ihn zerrissen habe. Ich wollte etwas zurückzugeben, dankbar sein für diese aufregende Zeit in meinem Leben und hoffe, dass dies auch in Zukunft bei den Menschen noch hängenbleibt.

Als Spieler wird man von vielen Leuten angehimmelt und bringt Kinder- und Erwachsenenaugen zum Leuchten. Wie absurd fühlt es sich manchmal an, ein Star zu sein?

Für mich hängt vieles davon ab, wie man aufgewachsen ist, welche Werte und Charakterzüge man verinnerlicht hat, und wie bodenständig man trotz des Rummels wirklich bleibt. Das ist natürlich nicht ganz so einfach. Insgesamt lebt der Profifußballer schlichtweg oftmals in einer unrealen Welt. Allein beim BVB zu spielen ist unvergleichbar, alle zwei Wochen hier in dem Stadion. Es gibt einen extremen Hype um den Fußball. Dazu noch die Öffentlichkeit und Medien, die hohen Gehälter usw. Das kann einem schon den Kopf verdrehen. Man braucht genau deshalb ein stabiles Umfeld, das einen immer mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Ich bin froh, so eins gehabt zu haben. Und ich wusste schon seit langem, dass das Leben nach dem Fußball wieder anders wird. Das Flutlicht geht für einen aus, der Ball rollt aber trotzdem weiter.

Du machst aktuell ein Studium bei der UEFA. Worum geht es da und was hast du in Zukunft vor?

Nach meinem Karriereende bin ich erstmal auf Reisen gegangen, um Abstand zu bekommen und alles zu reflektieren. Dafür bleibt während der Karriere oft nur wenig Zeit. Da gewinnst du das Double und fünf Wochen später geht die Vorbereitung wieder los. Es bleibt auch nach großen Siegen nie die Zeit, es wirklich zu genießen. Die Zeit habe ich mir auf dieser Reise genommen und mich dann dazu entschieden, mich, wie schon als Spieler, wieder weiterentwickeln zu wollen. Der Studiengang befasst sich mit allen möglichen Bereichen des Sportmanagements und setzt sich aus Nationalspielern verschiedener Ländern zusammen. Im Mai muss ich meine Diplomarbeit abgeben, also muss ich im Moment fleißig schreiben. Außerdem bereite ich mich bald auf eine mündliche Prüfung vor, um den Abschluss „Master for International Players“ dann in der Tasche zu haben. Parallel habe ich damit angefangen, meine Trainerscheine zu absolvieren und seit ein paar Monaten bin ich für die neue DFB-Akademie in Frankfurt tätig und entwickele das Modul „Spielermentoring“. Ein sehr spannendes Projekt. Ach ja, und im Sommer bin ich auch wieder für das ZDF als Experte im Einsatz. Ich habe mich also bewusst auf den Weg gemacht und brauchte neue Ziele. Ich bin gespannt, und neugierig wo es hingeht.

Das klingt sehr breit aufgestellt. Hast du schon eine Tendenz, wo es hingehen soll, oder willst du das bewusst offenlassen?

Kehl auffe Süd

Ich möchte die Zeit nutzen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was ich mir wirklich vorstellen kann. Das kann man in meinen Augen nur, wenn man Dinge ausprobiert. Die Scheine, die ich gerade mache, helfen mir dabei, herauszufinden, ob ich mich auch als Trainer sehen könnte. Viele sehen mich eher im Management als auf der Trainerbank und das habe ich aktuell auch im Kopf. Aber all das, was man dazulernt, bringt einen definitiv weiter. Ich lasse mich überraschen, wohin es mich treibt. Ich merke, dass der Fußball mir sehr viel gegeben hat und von dieser Erfahrung möchte ich gerne etwas weitergeben.

Welchen Beruf hättest du ergriffen, wenn es nicht zur Fußballerkarriere gereicht hätte?

Meine Eltern haben mittlerweile in der fünften Generation ein Hotel in der Nähe von Fulda. Da hätte ich mir gut vorstellen können, miteinzusteigen. Die familiäre Bindung ist mir sehr wichtig.

Hast du noch Zeit dafür, den BVB aktiv zu verfolgen?

Ich habe einige Spiele gesehen, war aber nicht zu jedem Heimspiel da. Ich habe noch einen sehr engen Kontakt zu einigen Spielern, Mitarbeitern und Verantwortlichen beim BVB. Aber die Uhren laufen jetzt anders und ich bin viel unterwegs. Ich lebe aber nach wie vor mit einer großen Leidenschaft für den BVB hier in dieser Stadt. Vielleicht kehre ich ja auch zu diesem Verein zurück...

Wir haben aktuell noch drei Eisen im Feuer. Was ist deine Prognose für die laufende Saison?

Wenn der BVB für das Pokalspiel in München, noch jemanden braucht, der Elfmeter schießt, können sie mich gerne anrufen. (lacht) Natürlich wird das eine schwere Aufgabe, aber wenn man den Pott holen will, muss man irgendwann die Bayern schlagen, das ist jedes Jahr das gleiche. Monaco ist in der Champions League eine Aufgabe, die schwer, aber machbar ist. In der Bundesliga hat der BVB wieder Lunte gerochen. Die Leipziger schwächeln ein bisschen und am Ende wird für das Team die direkte Champions-League-Qualifikation stehen, da bin ich mir sicher. Trotz der zwischenzeitlichen Unruhe wird man hinterher von einer guten Saison sprechen können, die hoffentlich noch mit einem Titel gekrönt wird.

(mit einem Augenzwinkern) Fährst du dann auf dem Truck mit?

Das glaube ich nicht. Das ist der Moment der Mannschaft. Ich habe es zum Glück schon ein paar Mal erleben dürfen.

Du unterstützt schon seit vielen Jahren das Netzwerk „Roterkeil“ gegen Kinderprostitution. Wie kam er damals dazu und warum liegt dir das Thema so sehr am Herzen?

Als ich damals zu Borussia Dortmund gekommen bin, war Christoph Metzelder schon im Netzwerk involviert. Der Kaplan Jochen Reidegeld aus Münster war der Initiator. Er war damals auf Sri Lanka und ihm sind Kinder zum Kauf angeboten worden. Daraus ist das Netzwerk mit den Ordensbrüdern der Salesianer entstanden. Ich habe mich schnell dazu entschieden, mitzumachen und zu helfen. Kinderprostitution ist ein Tabuthema, aber ich habe die Gelegenheit und Verantwortung für mich begriffen, als Prominenter auf Themen und Missstände aufmerksam zu machen und mein großes Glück ein Stück weit an die Kinder zurückgeben.

Gibt es noch andere Projekte, für die du dich engagierst und hat der Fußball dir noch einen anderen Blickwinkel für solche Themen gegeben?

Es gibt noch ein paar Projekte mit Schulkindern, die ich ebenfalls unterstütze und ich übernehme regelmäßig Schirmherrschaften. Aber viele Spieler engagieren sich mittlerweile und das ist wirklich prima. Nicht um eine Marke zu bilden, sondern um am Ende Geld für die Projekte zu generieren. Und ohne das geht es leider nicht.

Nach deiner aktiven Karriere bist du durch die Welt gereist. Hat dich das für bestimmte Themen sensibilisiert?

Es war hilfreich, erst einmal rauszukommen. Meinen Rhythmus zu verändern und selbst bestimmt unterwegs zu sein. Als Spieler oder Fan arbeitet man doch immer auf das nächste Spiel, den Mittwoch oder Samstag, hin. Wenn man aber in Australien oder Kanada in der Wildnis ist und jeder Samstag so ist wie ein Montag, bekommen Dinge im Leben eine andere Gewichtung. Und auch wenn mir das jetzt schwer fällt hier auf der Süd zu sagen: Fußball ist die schönste Nebensache der Welt, ich liebe ihn, aber es bleibt Fußball. Und wenn Menschen bei Spielen und Ausschreitungen zu Schaden oder sogar um ihr Leben kommen, dann stimmt etwas einfach nicht mehr. Und da hört das Verständnis bei mir absolut auf. Ein bisschen Abstand hilft also, um die wichtigeren Dinge im Leben nicht aus den Augen zu verlieren: Gesundheit, Familie und wirkliche Freunde.

Vielen Dank für das Interview.


Lionard, Wiggy, Seb - 28.03.2017
Fotos: Wiggy


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