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Spielbericht Profis - 09.03.2017

"Und die Gazetten schreiben wieder" …

Gelungene Choreografie auf der Südtribüne

Die Ausgangslage vor dem so wichtigen Rückspiel in der Königsklasse war eindeutig: Nichts weniger als Vollgas! In Lissabon noch auf unglaubliche Art und Weise ohne Torerfolg geblieben, brauchte die Borussia an diesem Abend einen Triumph mit mindestens zwei Toren Unterschied, um das direkte Weiterkommen in die nächste Runde klar machen zu können. Dementsprechend heiß machte Nobby den Tempel vor dem Spiel: Sieben lebende Legenden aus der absolut überragenden Europapokal-Nacht von 1963 waren auf dem Rasen versammelt, und sollten den Geist vom 5:0 gegen die damalige Weltklasse-Truppe aus Lissabon für eine erneute glanzvolle Vorstellung im Westfalenstadion aufleben lassen.

Auch die Süd ließ sich mal wieder nicht lumpen, und lieferte mit ihrer Choreo unmittelbar vor Anpfiff einen absoluten Augenschmaus und ein dickes Ausrufezeichen: Vor dem eindrucksvollen schwarz-gelben Farbenmeer, zog sich eine Collage aus verschiedenen Zeitungsartikeln von 1963 hoch, die damals vom denkwürdigen Spiel berichteten. Der Nachklang dieser Partie von damals, sollte das unmittelbare Motto und Credo für den gegenwärtigen Abend werden: „Morgen schreiben die Gazetten wieder, Borussia spielt Benfica nieder!“

Taktik & Personal

Pulisic ersetze Reus in der Startelf

Tuchel setzt auf das bewährte 3-5-2 bzw. bei gegnerischem Ballbesitz 5-3-2 System. Schmelzer und Durm sollten bei eigenem Angriff extrem hoch aufrücken und so Überzahl-Situationen auf den Flügeln erzeugen. Bartra, Sokrates und Piszczek bildeten den Stamm des Defensivverbunds. Weigl, Castro, Pulisic und Dembele komplettierten das die Mittelfeldpositionen. Aubameyang sollte für die meiste Zeit die einzige richtige Spitze bilden.

Erste Hälfte

Wie man seine Ambitionen unterstreicht und deutlich macht, zeigte die Borussia vom Anpfiff der Partie hinweg. Es sollte ganze vier Zeigerumdrehungen dauern, bis der im Hinspiel so überragende portugiesische Keeper Ederson das erste Mal hinter sich greifen musste. Eine Flanke konnte Pulisic mit dem Kopf so weiterleiten, dass Aubameyang völlig frei zur frühen Führung vollstrecken konnte. Benfica hatte nicht den Hauch einer Zeit sich von diesem Rückschlag zu erholen, griffen die Borussen die Südeuropäer schon früh in der gegnerischen Hälfte an. Den anfänglichen Druck und die Sicherheit konnte man anschließend jedoch unverständlicherweise nicht mehr aufrecht erhalten. Zwar kontrollierte man das Spiel weitestgehend, jedoch hatte man nie das Gefühl, als könne Benfica nicht durch einen ihrer möglichen gefährlichen Konter einen für die Dortmunder so fatalen Auswärtstreffer erzielen. Mit dem Treffer zum 1:0

Pierre-Emerick Aubameyang sorgte für die frühe Führung

war zudem nur das Resultat aus dem Hinspiel egalisiert, man befand sich noch keinesfalls auf der sicheren Seite und weitere Tore mussten somit folgen. Nach knappen 20 Minuten konnten die Roten dann durch Cervi das erste Mal gefährlich in Tornähe kommen, Bürki fischte den Ball problemlos. Es folgte ein weiterer gefährlicher Kopfball von Luisao, und bis zum Pausentee entwickelte sich ein eher ruppiges und stockendes Kampfspiel, geprägt von vielen kleinen Fouls und Unterbrechungen. Häufig konnte man zudem Cheftrainer Tuchel an der Seitenlinie mehr oder weniger in Rage beobachten, sichtlich unzufrieden mit der Art und Weise welche Leistung man im ersten Spielabschnitt erbrachte. Szenen wie die, als man Weigl durch einen schlampigen Pass in Bedrängnis brachte und der anschließende Ballverlust zu einem gefährlichen Freistoß aus dem Halbfeld führte.

Zwei Momente möglicher Wermutstropfen, hätte es zudem ebenfalls im Laufe der ersten Hälfte geben können. Nach einer knappen halben Stunde fing Erik Durm plötzlich an zu humpeln, biss aber auf die Zähne und konnte weiterspielen. Dazu balancierte Dembele kurz vor der Halbzeitpause auf einem sehr dünnen Drahtseil, als zwei eher gelbe Karten in kurzem Abstand im Bereich des absoluten Möglichen lag. Der junge Franzose hatte aber Glück, und durfte sich laut Tuchel in der Kabine anschließend motivierende Worte in französischer Sprache seitens Aubameyang anhören.

Zweite Hälfte

Lukasz Piszczek gegen Franco Cervi

Mit festem Blick auf die Süd, sollte die Borussia in Hälfte zwei dann möglichst nachlegen und alle Zweifel an einem Weiterkommen in die nächste Runde aus dem Weg schaffen.

So schnell die Partie wieder angepfiffen wurde, genau so schnell hätte es für den BVB eine ganz böse Wendung nehmen können. Nach einer gefährlichen Flanke von Semedo, schlug Piszczek erst ein dickes Luftloch, um dann wiederum mit überragendem Einsatz und dem eigenen Kopf Cervis Schuss abzuwehren und den fast tödlichen Gegentreffer zu verhindern. Der BVB im Anschluss dann wie angeknipst, hellwach und sofort wieder mit dem nötigen Drive und Zug zum Tor.

Hätte Aubameyang nach knapp 50 Minuten mit seinem Fallrückzieher getroffen, der Abend wäre für ihn unwissend wohl noch schöner als ohnehin schon geworden. So war es aber dem US-Amerikaner Pulisic vorbehalten, das Tor im Deckmantel eines Dosenöffners in absoluter Weltklasse-Manier zu erzielen. Piszczek steckte am Strafraum überragend in die Gasse durch, und der 18-jährige, nebenbei jetzt auch noch jüngster CL-Torschütze für den BVB, überlupfte Ederson mit einer unfassbaren Abgeklärtheit. Einmal in Fahrt, rollte die schwarz-gelbe offensive Dampfwalze mal so richtig los. Nur zwei Minuten später folgte der nächste Lehrbuch-Angriff, bei dem Weigl mit einem starken Diagonalpass Schmelzer fand, dessen technisch perfekte direkte Hereingabe erneut Aubameyang über die Linie drücken konnte.

Christian Pulisic mit dem so wichtigen 2:0

Der Tempel stand Kopf und explodierte, man hörte förmlich tausende schwarzgelbe Steine von Herzen fallen. Nun musste Benfica schon zwei Treffer für ein Weiterkommen erzielen, und das sah man den Portugiesen zu diesem Zeitpunkt auch an. Mehr oder weniger paralysiert und um jegliches offensives Lebenszeichen, brachte man den Top-Goalgetter Jonas in die Partie. Diese Maßnahme war im Anschluss jedoch nur von sehr mäßigem Erfolg gekrönt, konnte die Borussia doch ihre Offensivmaschinerie weiterhin erfolgreich in Szene setzen. Im Anschluss an einen Kopfball von Bartra, der nur an den Außenpfosten krachte, setzte sich Auba mit seinem Treffer endgültig die europäische Krone des Abends auf. Stadion, Fans und Mannschaft verschwommen anschließend zu einem schwarz-gelb-goldenen Feiersymposium.

Eine der acht besten Mannschaften in Europa? „Gibt sicher Dinge, die mehr weh tun“, merkte auch Tuchel kurz nach Schlusspfiff an. Nächsten Freitag, am 17. März, wird dann das Viertelfinale ausgelost. Die Partie finden jeweils am 11. und 12. April, beziehungsweise am 18. und 19. April statt. Ganz egal wer dem BVB auch zugelost, wird: Es werden unter Garantie erneut zwei glanzvolle europäische Fußballabende!

Fazit

Die finale Entscheidung

In der ersten Halbzeit noch auf wackeligen Beinen, stürmte der BVB letztlich doch überzeugend in das Viertelfinale der Champions League. Gegen weitestgehend harmlose Portugiesen, merkte man der Borussia vor allem im ersten Spielabschnitt die unterschwellige Nervosität an, sich kein dummes und unnötiges Gegentor einzufangen. Der zweite Treffer öffnete dann Tür und Tor für die totale Offensivwelle in schwarz-gelb. Das Tor von Pulisic fiel in die Kategorie Extraklasse, der Dreierpack von Aubameyang unterstrich nochmals die Unersetzlichkeit des Gabuners für das Spiel der Dortmunder. Kann man das Niveau der zweiten Halbzeit auch in der nächsten Europapokal-Runde abrufen, kann man dem Viertelfinale der Königsklasse relativ entspannt entgegenblicken, und sich auf einen unter Garantie hochklassigen Gegner freuen.

Statistik

BVB: Bürki - Piszczek, Sokratis (88. Ginter), Bartra - Weigl - Durm, Castro, Dembele (81.), Schmelzer - Pulisic, Aubameyang (86. Schürrle)

Benfica: Ederson - Semedo, Luisao, Lindelöf, Eliseu - Samaris (74. Zivkovic), Pizzi - Salvio (64. Jonas), Andre Almeida - Cervi (82. Jimenez), Mitroglou

Schiedsrichter: Martin Atkinson
Assistenten: Stephen Child, Stuart Burt
Zusätzliche Assistenten: Michael Oliver, Kevin Friend
Zufriedene Gesichter nach AbpfiffVierter Offizieller: Constantine Hatzidakis
UEFA-Delegierter: Tomod Larsen

Tore: 1:0 Aubameyang (4.), 2:0 Pulisic (59.), 3:0 Aubameyang (61.), 4:0 Aubameyang (85.)

Zuschauer: 65.849 (ausverkauft)

Karten: Castro, Dembele, Piszczek - Samaris

Torschüsse: 8:2

Ecken: 4:5

Ballbesitz: 55:45

Stimmen zum Spiel

Thomas Tuchel: „Wir haben nach der Führung zu früh nach Lösungen gesucht und Zweikämpfe verloren. Es war eine Mischung aus allem, nie so

Thomas Tuchel war voll zufrieden

richtig schlecht, aber der Rhythmus war weg. Wir haben auch da immer seriös verteidigt. Nach der Halbzeit haben wir die Schlagzahl erhöht, wir haben kompakter gestanden und uns Sicherheit durch Balleroberungen geholt. Dadurch waren wir auch mit Ball wieder gut und haben eine fantastische zweite Halbzeit gespielt.“

… über Auba: „Ein paar Mal habe ich es ja schon gesagt: Unsere Ziele erreichen wir nur mit ihm in absoluter Top-Form. Nachdem wir in Lissabon mit seinem Zwillingsbruder gespielt haben war es schön, dass er heute selber da war. Er soll nach Möglichkeit unseren letzten Kontakt haben - heute hat das perfekt funktioniert.“

… zu Barcelona: „Wir waren nach dem eigenen 4:0 völlig euphorisiert in der Kabine, da stand es plötzlich 5:1 und jeder hatte sofort das Gefühl, die können definitiv noch eins schießen. Eigentlich dachten wir, dass wir die spektakuläre Nachricht heute sind, im Gegensatz dazu war es dann doch wohl eher langweilig (lacht). Für das Viertelfinale habe ich eigentlich nur den Wunsch kein deutsches Duell zu bekommen. Nicht, weil wir Angst hätten, sondern weil uns international messen wollen, reisen wollen um Stadien und neue Kulturen in Europa kennen zu lernen.“

09.03.2017, Boris Davidovski


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