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Spielberichte Profis - 05.03.2017

Sechs bittere Pillen für Bayer 04


Fahnenintro auf der Südtribüne

Schon seit einiger Zeit gehören Spiele gegen Bayer 04 Leverkusen zu den eher unangenehmeren für den Ballspielverein. Die intensive Spielweise der Werkself zusammen mit der über Jahre vorhandenen spielerischen Qualität stellten den BVB immer wieder vor Probleme. Und so wirklich sympathisch wollte einem die Truppe vom Bayerkreuz auch nie so wirklich erscheinen, weil zum einen die handelnden Personen immer wieder durch bemerkenswerte bescheuerte Aktionen glänzen (Rudi Völlers Dampfreden, Roger Schmidts Verhalten an der Seitenlinie), zum anderen die Mannschaft ebenso häufig durch unangebrachte Härte auffällt, die BVB-Trainer Thomas Tuchel nach der 0:2-Niederlage in der Hinrunde dann auch dazu brachte, die Fouldiskussion, die uns über einige Wochen begleitete, anzufachen. Und mit dieser ganzen Vorgeschichte war es schon ein sehr angenehmes Gefühl, am Samstag mal nicht die ganz großen Probleme mit den unangenehmen Leverkusenern zu haben, sondern ihnen gleich sechs bittere Pillen zu überreichen, an denen sie noch zu knabbern haben dürften. Einen 6:2 (2:0)-Sieg hätte man im Vorfeld wohl eher nicht erwartet, dennoch war er doch ein wenig Balsam für diejenigen unter uns, die nicht gerade viel Freude an Bayer Leverkusen haben. Was fehlte, war eigentlich nur noch der überfällige Platzverweis gegen einen der Gäste.

Vor dem Spiel

Thomas Tuchel ließ seine Startelf unverändert

Nachdem unter der Woche in Lotte ja doch nicht gespielt werden konnte, schickte Thomas Tuchel die gleiche Elf wie in Freiburg auf den Rasen. Nicht zum ersten Mal, was zusammen mit den spielerischen Leistungen der jüngeren Vergangenheit den Eindruck immer mehr verstärkt, dass es bereits in der Hinrunde hilfreich gewesen wäre, nicht so viel zu rotieren. Die Mannschaft wirkt mittlerweile sicherer und eingespielter, Mechanismen und Laufwege wurden stärker verinnerlicht, was sich natürlich positiv auf die Gesamtleistung auswirkt. Darunter leidet derweil aber auch beispielsweise Marcel Schmelzer, dem abermals Erik Durm vorgezogen wurde, der in den letzten Wochen gut aufspielte. Für Schmelle gab es zunächst also nur einen Platz auf der Bank.

Vor dem Anpfiff begrüßte Norbert Dickel nach der Sperre gegen den VfL Wolfsburg die Südtribüne, die „endlich“ wieder gefüllt war, weswegen man den Eindruck bekam, dass sie deutlich länger nicht mehr besetzt wurde als „nur“ für ein Heimspiel. Im Oberrang gab es zum Einlaufen der Mannschaften eine Banner-Reaktion „Gegen Kollektivstrafen“ zu sehen, ebenso wie in Block 15 Gute-Besserungs-Wünsche an Mario Götze geschickt wurden. Ansonsten sorgte ein Banner der „Borussenfront“ vor Block 14 für Aufsehen. Hier reagierte der Verein aber umgehend und ließ das Banner schnell vom Ordnungsdienst entfernen. Richtig so.

Dürftiger Auftritt der Farbenstädter

Auf der anderen Seite waren die Ultras Leverkusen, die die Heimspiele der Mannschaft derzeit boykottieren, im Gästeblock anzutreffen. Zwischendurch verschaffte man sich auch Gehör, insgesamt war die Mitmachquote bei den Gästen aber eher durchwachsen. Über dem Gästeblock bleib ein ganzer Block leer, mutmaßlich, weil Leverkusen die nicht abgenommenen Tickets zu spät an die Borussia zurückschickte. Somit gab es mal wieder ein Spiel unter 80.000 Zuschauern im Westfalenstadion, insgesamt waren es 79.100.

Erste Halbzeit

Viel besser hätte das Spiel eigentlich gar nicht starten könnte. Es dauerte gerade einmal sechs Zeigerumdrehungen, bis Ousmane Dembélé nach einer Hereingabe von der Seite eine Brustabwehr auf Höhe des Sechzehners übernahm, mit einem Haken noch einmal seine Gegenspieler aussteigen ließ und dann mit einem satten, aber auch platziertem 100km/h-Schuss in die lange Ecke zur Führung einnetzen konnte. Es war wieder einer dieser typischen Momente, bei denen das Genie in Dembélé deutlich wurde. Nicht zum letzten Mal an diesem Nachmittag, auch wenn es wieder diese Momente gab, an denen man auch die andere Seite sehen konnte.

Schwarzgelber Torjubel zum 2:0

Insgesamt war es ein guter Auftritt der Borussia in den ersten 45 Minuten der Partie, auch wenn die Leverkusener vielleicht sogar etwas mehr vom Spiel hatten. Gleichzeitig stand der BVB in den meisten Fällen defensiv aber durchaus sicher und ließ nur wenig Chancen zu, während die Gäste auch Schwierigkeiten hatten, das Spiel selbst kreativ zu gestalten. Eine gelungene Kombination der Umstände, die dazu führte, dass auf dem Chancenzettel zur Pause einige Chancen mehr für den Heimverein notiert werden konnte, genauer: Leverkusen hatte in der ersten Hälfte keine richtige Torchance, die Gastgeber hingegen einige. Eine von ihnen nutzte Pierre-Emerick Aubameyang zum 2:0 mit einem der traditionell seltenen BVB-Tore nach einem Eckstoß. Bartras Kopfball landete vor den Füßen des Gabuners, der mit dieser Einschusschance sicherlich mehr Probleme hatte, als mit einer Szene wenige Minuten später, aber dennoch verwandeln konnte. Fünf Minuten später setzte Durm nämlich Dembélé auf der rechten Seite in Szene, der die Hereingabe stark in die Mitte brachte. Als Tausende von Borussen, vielleicht sogar Aubameyang selbst, innerlich schon zum Torjubel ansetzten, weil der Top-Torschütze der Bundesliga eigentlich nur noch einschieben sollte, schaffte es die 17 aber irgendwie, den Ball nicht zu treffen und somit die Vorentscheidung nach einer halben Stunde auszulassen.

Bitter: Marco Reus musste nach dieser Flugeinlage raus

Das war es mit sportlichen Szenen bis zur Pause aber auch (fast) schon. Erwähnt werden muss noch, dass Charles Aranguiz nach 38 Minuten mit akuter Ampelkarten-Gefahr ausgewechselt werden musste. Für ihn kam Karim Bellarabi, der den Status des gelb-rot-gefährdeten auch direkt übernehmen sollte. Kurz vor der Pause langte der Nationalspieler nämlich ordentlich gegen Sokratis hin und sah somit bereits schon die gelbe Karte. Zwischenzeitig musste auch der BVB wechseln, hier aber verletzungsbedingt und durchaus auch mit einem dicken Wehrmutstropfen. Marco Reus nahm im Laufduell mit Tin Jedvaj selbigen nämlich einige Meter ab und wurde schließlich vom Verteidiger ins Straucheln gebracht. Wäre Reus sofort zu Boden gegangen, es hätte womöglich Rot für Jedvaj und einen Freistoß für Borussia gegeben, den ein fitter Reus eventuell sogar selbst hätte treten können. Reus entschied sich (löblicherweise) dagegen, wollte unbedingt das Tor erzielen und schaffte es sogar einen Abschluss auf Bernd Leno zu bringen, der abwehren konnte. Weil Dembélé vor dem Nachschuss auch noch ins Straucheln geriet, verpuffte die Gelegenheit zum 3:0 letztlich ungenutzt. Reus fehlt mit einem Muskelfaserriss im Oberschenkel nun bis Anfang April, was durchaus ein heftiger Schlag Schlag für den BVB ist, da Marco in den letzten Wochen auftrumpfen konnte und in eine beeindruckende Form fand.

Gruß an Rainer Wendt von der Südtribüne

Ansonsten gab es vor der Pause noch zwei Spruchbanner von Seiten The Unitys zu lesen. Kurz vor der Pause gab es ein „Kopf hoch, Kevin“, zwischendurch bekam Rainer Wendt ein paar Grüße zugeschickt: „Betrug… Rainer Zufall?“

Zweite Halbzeit

Es hatten noch nicht alle Zuschauer im Westfalenstadion ihren Platz eingenommen, dann konnte man schon erahnen, dass das Spiel zumindest kurz nach Wiederbeginn der Partie noch nicht entschieden war. Da war es nämlich wieder, das eher lässige Abwehrverhalten der Borussia, hier in Form von Sokratis, der nicht richtig in den Zweikampf gegen Kevin Volland kam und somit nur zugucken konnte, wie Volland noch einmal für Leverkusen verkürzen konnte. Unschöne Erinnerungen an aus der Hand gegebene Spiele wurden wach, befeuert durch die Tatsache, dass selbst große Gelegenheiten wie die riesige 3 gegen 2-Konterchancen nach einer knappen Stunde, fahrlässig liegen gelassen wurde. Hier machte Ousmane Dembélé nämlich wieder deutlich, was ihm noch von einem ganz großen Spieler unterscheidet. Er machte einiges richtig, ließ noch Gegenspieler mit einer schnellen Drehung ins Leere grätschen, entschied sich dann aber für den schwachen Abschluss über den rechten Winkel anstatt den Ball beispielsweise noch mal für den mitgelaufenen Mitspieler abzulegen.

Torjubel zum wichtigen 3:1

Nichtsdestotrotz merkte man dem BVB eine Qualität an, die man in der Hinrunde noch schmerzlich vermissen musste: die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen. Die Mannschaft ist aktuell gefestigter und lässt sich nicht mehr so schnell aus dem Konzept bringen, wie es noch in der Hinrunde der Fall war.

Außerdem hätte Karim Bellarabi wenige Sekunden später dann auch durchaus zum Duschen geschickt werden können, weil er Dembélé ordentlich in die Zange nahm. Für einen gelb vorbelasteten Spieler in meinen Augen deutlich zu viel, Schiedsrichter Christian Dingert, der übrigens auch schon das viel diskutierte Spiel zwischen Hoffenheim und Frankfurt ohne Platzverweis beendete, hatte noch nicht mal viele warnende Worte für Bellarabi übrig. Dass Bayer 04 dieses Spiel mit elf Spielern zu Ende bringen durfte, erscheint nach den Szenen um Aranguiz, Jedvaj und Bellarabi mal zumindest fragwürdig.

Turbulent wurde es dann tatsächlich in den letzten 20 Minuten der Partie. Aubas zweiter Streich eröffnete den Torreigen und schien zunächst wieder für eine Entscheidung zu sorgen, nachdem Dembélé artistisch den Ball noch einmal auf den langen Pfosten lege und Auba nun wirklich keine Wahl hatte als den Ball in das Netz zu köpfen. Es war aber immer noch nicht die Entscheidung, da ein (durchaus sehenswerter) Freistoß von Wendell noch einmal Spannung in die Partie brachte.

Verletztung beim 5:1-Torjubel: Christian Pulisic

Dabei hatte die Süd eigentlich schon den Kampf um Rang zwei der Bundesliga eröffnete. Da RaBa Leipzig am Freitag nur Unentschieden spielte, sind es mit dem Sieg über Leverkusen nun nur noch sechs Punkte Rückstand auf den Platz hinter den Bayern. Deswegen schickte man ein paar Liebesgrüße mit „Red Bull Leipzig Hurensöhne“ gen Salzburg II und riskierte damit natürlich nun eine weitere Sperre der Süd wegen des Singens von Schmähgesängen (Achtung, Ironie!). Trotz des erneuten Anschlusstreffers von Bayer 04 wurde es aber ein launischer Abschluss im Stadion, da Pulisic nach schöner Durm-Vorarbeit nun wirklich und nur zwei Minuten später alles klar machte. Es folge Ausgelassenheit auf den Rängen und Freude auf den Rasen. Stehende Ovationen gab es für Dembélé und Aubameyang bei ihren Auswechslungen, das ganze Stadion erhob sich zu „Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz“ und auch die Spieler auf dem Rasen waren noch nicht fertig. Schürrle verwandelte einen berechtigten Foulelfmeter zum 5:2 und Guerreiro setzte einen Schlusspunkt hinter das 6:2, das eine deutliche Klatsche für Bayer 04 Leverkusen war, die eigentlich zu keinem Zeitpunkt der Partie wirklich gefährlich waren. Das sah Roger Schmidt im Nachgang auf der Pressekonferenz ein wenig anders, wirkte er eigentlich recht zufrieden und sprach von einem „guten Schritt in die richtige Richtung“. Die mitgereisten Leverkusener Fans werden das anders gesehen haben, auch wenn diese eher gegen Leverkusen-Boss Michael Schade pöbelten und minutenlang „Schade raus bei Bayer (bei Bayer!)“ skandierten. Und dennoch wurde am Ende doch Trainer Roger Schmidt entlassen. Ich werde ihn nicht in der Bundesliga vermissen, weswegen seine Entlassung für mich zumindest ein guter Schritt in die richtige Richtung sein dürfte. Die Spieler merkten, dass es wohl

Ein starker Guerreiro setzte den Schlusspunkt

keine gute Idee gewesen wäre, sich dem Gästeblock nach Abpfiff noch einmal groß zu nähern, weswegen sie aus der Distanz klatschten, keiner mehr aber den Weg zu den Fans suchte. Ja, es kriselt bei Bayer und ja, das ist durchaus schön zu sehen. Persönlich habe ich diesen Verein nämlich alles andere als gern, was auch das gestrige Spiel mit 20 Fouls auf Seiten der Gäste, sechs gelben Karten (und zwei verwehrten gelb-roten Karten) bewies. Hätten die Spieler der Leverkusener statt des roten Trikots ein blauweißes an, sie würden ein hervorragendes Feindbild abgeben. Daher kann man nur darauf zurück kommen, dass es einfach gut tat, diese Mannschaft mal derart wegzuhauen und wieder zurück nach Hause zu schicken.

Unsere Fotostrecke zum Heimsieg gegen Bayer Leverkusen gibt es wie gehabt auf unserer BVB-Fotoseite unter diesem Link.

Statistik:

Borussia Dortmund: Bürki – Piszczek, Bartra, Sokratis – Durm, Weigl, Castro, Guerreiro – Dembélé (73. Kagawa), Reus (44. Pulisic), Aubameyang

Die Siegerwelle nach Abpfiff vor der Südtribüne

(81. Schürrle)

Bayer Leverkusen: Leno – Henrichs, Jedvaj, Toprak (86. Dragovic), Wendell – Aranguiz (38. Bellarabi), Bender, Mehmedi (66. Chicharito), Kampl – Havertz, Volland

Tore: 1:0 Dembélé (6.), 2:0 Aubameyang (26.), 2:1 Volland (47.), 3:1 Aubameyang (69.), 3:2 Wendell (74.), 4:2 Pulisic (77.), 5:2 Schürrle (FE, 85.), 6:2 Guerreiro (90.)

Gelbe Karten: Aranguiz, Havertz, Bellarabi, Volland, Bender, Wendell

Schiedsrichter: Dingert

Zuschauer: 79.100

Vanni, 05.03.2017


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