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Unsa Senf - 24.01.2018

Schon verloren? - Oder die Frage, ob der Kampf nicht schon längst entschieden ist

Probleme von 2012 - Es ist schlimmer geworden, nicht besserDer Text beginnt mit einer Warnung: Wer den Spruch „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren“ zur (Fan-)Lebensmaxime erklärt hat, wird mit ihm so seine Schwierigkeiten haben. Zuallererst ist zu sagen, dass auch für mich Fan- und Fußballkultur ein hohes Gut sind. Ich habe durchaus eine Idealvorstellung davon, wie Fußball sein sollte und diese Vorstellung reicht deutlich über die taktische Grundausrichtung meiner Mannschaft hinaus. Irgendwann kommt aber der Zeitpunkt, ab dem man um die Frage nicht mehr herumkommt, wie viel von dieser Idealvorstellung überhaupt noch vorhanden ist, oder anders gefragt: Haben wir sie nicht vielleicht schon verloren?

Der Profifußball und seine Rahmenbedingungen haben sich in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren massiv verändert. Einige Punkte fallen einem sofort ein, wie der Umstand, dass meine Dauerkarte in der Süd-Ost-Ecke bei der Eröffnung zur Saison 2003/2004 für die Ligaspiele noch über 100 Euro weniger gekostet hat. Und selbst einige Jahre später konnte ich mich auch noch Runde für Runde entscheiden, ob ich meinen Platz auch für den Europapokal nutzen wollte, statt dem Verein vor der Saison eine Blanko-Zahlungsverpflichtung über alles auszustellen. Nicht-Dauerkarteninhaber mussten auch keine als Mitgliedsbeitrag getarnte Preiserhöhung dafür zahlen, um bei einigen Spielen überhaupt die Chance zu bekommen, sich um ein Ticket bemühen zu können.

Der einzige TV-Sender, der in der Saison Livespiele übertrug, hieß noch Premiere – und er übertrug erst im dritten Jahr wirklich alle Erstligaspiele. Nächste Saison wird der BVB-Fan gleich drei TV-Abos brauchen, wenn er alle Spiele mit verfolgen will. Verbunden ist damit auch eine enorme Zerstückelung des Spieltags. Mit Freitag 20.30 Uhr, Samstag 15.30 Uhr und 18.30 Uhr, Sonntag 13.30 Uhr, 15.30 Uhr und 18 Uhr, sowie dem für die erste Liga neuen Spiel montagabends, gibt es in dieser Saison ganze sieben unterschiedliche Anstoßzeiten. An zehn Spieltagen dieser Saison werden Spiele zu sechs verschiedenen Zeiten angepfiffen. Noch in der Saison 2005/2006 gab es genau zwei. Sieben Spiele samstags um 15.30 Uhr und zwei weitere Partien am Sonntag um 17.30 Uhr. Ja, noch vor zwölf Jahren war das so – und nicht irgendwann kurz nach dem Wunder von Bern.

Zum Derby war es noch möglich, Choreos zu präsentieren – sogar ohne Brandschutznachweis für das Fahnenmaterial. Die Ankündigung, beleidigende Fangesänge mit Sanktionen bis hin zu Tribünensperren zu belegen, hätte für große Heiterkeit gesorgt, weil es jeder als Scherz aufgefasst hätte. Die intensiven Kontrollen vor dem Freiburger Gästeblock waren noch die ärgerliche Ausnahme und nicht Normalität. Damals konnte noch keiner ahnen, dass irgendwann zu Spielen auch Container eingesetzt werden, in denen man sich bis auf die Unterwäsche ausziehen muss. Fairerweise muss man sagen, dass Teile der Fans an dieser Entwicklung nicht unschuldig sind. Aber spätestens wenn Eltern mit kleinen Kindern keine Trinkpäckchen mehr mit ins Stadion nehmen dürfen, wird klar, dass bei all den „Sicherheitsmaßnahmen“ auch Vereinsinteressen eine Rolle spielen. Es wird wohl weniger die Gefahr, dass ein randalierender Familienblock aus dem Oberrang die Spieler mit vollen Capri-Sonnen als Wurfgeschoss eindeckt, eine Rolle spielen, denn das Interesse, auch die Getränke für die Kleinen über die mittlerweile üblichen Bezahlkarten laufen zu lassen.

Zu dieser Zeit gab es mit Wolfsburg und Leverkusen auch nur zwei Vereine in der Bundesliga, die 50+1 sowohl formal, als auch dem Geiste nach verletzten. In den letzten drei Spielzeiten waren es immer vier Teams – auch wenn das beim FC Ingolstadt nicht so aufgefallen ist, weil Audi sein Geld deutlich sparsamer eingesetzt hat, als es die Herren Hopp und Mateschitz taten. Und wenn niemand es schafft, Hannovers Kind noch aufzuhalten, dann spielt in der nächsten Saison bei 28 % der Bundesligavereine diese Regelung in ihrem ursprünglichen Sinne keine Rolle mehr. Wer die Aussagen diverser Bundesligamanager dieser Tage verfolgt, der ahnt auch schon, dass die 50+1-Regel, die bislang den letzten Rest des ursprünglichen Vereinslebens für den Profifußball bewahrt hat, auf dem Sterbebett liegt. Der Veräußerbarkeit von Anteilen an den Profifußballabteilungen sind dann endgültig alle Fesseln genommen und die Trennung vom Gründungsverein vervollständigt.

Kein Wunder, dass bei all diesen tiefgreifenden Veränderungen die kleinen Dinge, die einem früher einmal wichtig waren, an Bedeutung verlieren. In Dortmund gab es mal ernsthafte Diskussionen darüber, ob das Maskottchen Emma wirklich mit auf dem Rasen auflaufen darf und in der Folge wurde der Kompromiss geschlossen, dass zumindest der Bereich vor der Süd für sie tabu ist. Ist das heute noch jemandem bewusst? Interessiert es noch jemanden, dass Emma mittlerweile bei Veranstaltungen des BVB omnipräsent ist? Keine Frage, die Kids mögen das Maskottchen und dieser Teil Borussia Dortmunds ist ihnen zu gönnen. Aber sowas war als Thema vor vielen Jahren mal wichtig und hat Gemüter bewegt. Genau so wie die weißen Streifen im Trikot der Saison 2006/2007. Weiß-Gelb, statt Schwarz-Gelb bei dem Heimtrikot. Für Puristen ein Grund zum amtlichen Furor in jenen Tagen. Ich bin mir sehr sicher, dass dieses Thema heutzutage viel weniger Aufregung erzeugen würde, wenn mittlerweile schon Aufpreise dafür gezahlt werden, dass die Trikots bloß auch mit allen Sponsorenaufdrucken wie im Original ausgeführt werden.

Für manchen Grund zum Kopfschütteln, für andere ein Grund zur Wehmut. Ich hätte gerne die Zeit zurück, in der ich mich noch über solche Dinge ernsthaft ereifern konnte, für die es heutzutage nicht einmal mehr zum Luxusproblem reicht. Wir können nicht eventuell verlieren. Wir verlieren. Ganz einfach. Jede Saison ein bisschen mehr. Gegen die, denen wir eigentlich verbunden sind – die Vereine. Trotz aller öffentlichen Beteuerungen, welch hohes Gut der Fan für den Geschäftsbetrieb ist und er viel mehr als eine Melkkuh sei, werden immer neue Belastungen und Nachteile für ihn wortwörtlich ins Spiel gebracht. Sind die zu einschneidend und wird die Kritik zu laut, dann gibt man sich durchaus kompromissbereit und rückt von seinen Maximalforderungen ein Stück weit ab. Unter dem Strich steht aber immer weniger Raum, weniger Freiheit, oder ein Mehr an Belastung für den Fan. Es sind keine Siege – nur kleinere Niederlagen. Kein Wunder, dass viele Leute, die sich für Faninteressen engagieren, mittlerweile mürbe werden und ein Stück weit resignieren. Vielen ist bewusst, dass der Einsatz für Fans im Kern ein permanentes Rückzugsgefecht ist. Und dass jedes wie auch immer geartete Engagement für den Profifußball und für die Vereine auch ein Beitrag ist, der diesen Betrieb am Laufen hält, indem er ihm einen fanfreundlichen Anstrich gibt.

Das Dilemma für uns ist, dass wir selber eigentlich keine Alternativen aufzeigen können. Der Profifußball ist einfach durch das Geld bis tief in die Wurzeln versaut und der Jagd nach noch mehr davon muss sich alles unterordnen. Wir möchten auch gerne guten Fußball sehen. Es mag vielleicht wirklich Leute geben, die schon vollauf zufrieden sind, wenn sie einfach nur ihre Mannschaft angucken, aber die Saison unter Doll hat in vielen Heimspielen gezeigt, dass diese Menschen nicht gerade die Mehrheit stellen. Wir möchten in der Liga vielleicht nicht die Cremé de la Cremé der Topstars haben, aber schon den ein oder anderen Kicker, der einem was Besonderes am Ball zeigt. Wir möchten im Europapokal nicht gänzlich chancenlos sein. Und wir möchten eine Liga, die wieder etwas ausgeglichener ist und in der nicht der Branchenprimus mit dem dicken Festgeldkonto regelmäßig schon im März als Meister feststeht. Und da man die Konkurrenz in den anderen Ligen nicht daran hindern kann, immer bizarrere Summen in dieses Geschäft zu pumpen, bleibt auch in der Bundesliga nicht viel anderes übrig, als weiter der Kohle hinterher zu hecheln. Eben diese Jagd ist es aber, die uns immer weiter auf der Strecke zurücklässt.

Wer den Abbau von Faninteressen stoppen möchte, muss diesen Konflikt lösen. Jemand eine clevere Idee? Irgendjemand? Ja, dann siehts wohl düster aus für uns. Was kann man also machen, wenn der Fußball weit von dem entfernt ist, was man in ihm sehen will? Einige wenden ihm den Rücken zu und das ist wirklich schade. Es ist eigentlich auch gar nicht notwendig. Vielleicht ist es an der Zeit, den Fußball auch für sich selbst wieder auf das zu reduzieren, als was man es kennengelernt hat. Als ein Spiel, das einen mitreißt und mitfiebern lässt. Sich von ihm unterhalten lassen. Das ist nichts Schlimmes.

Vielleicht ist die einzige Möglichkeit, um langfrisitig am Fußball teilzunehmen, wenn man ihm ein großes Stück seiner Bedeutung nimmt und anfängt, ihn zu entidealisieren. Er ist nicht, kann nicht mehr das sein, was wir lange in ihm sehen wollten. Kein „Kitt der Gesellschaft“, der alle einlädt, teilzunehmen und vielfältige Probleme überwindet. Der Fußball von heute teilt und grenzt aus. Er fordert. Geld, Zeit und auch persönliche Freiheit. Aber es sind immer noch wir, die entscheiden, wieviel wir ihm davon geben. Es muss kein ganz oder gar nicht sein. Fußball war mal ein Hobby, nicht Lebensinhalt. Und wenn man es wieder zu einem Hobby degradiert, nimmt man ihm auch gleich einiges von seinem Frustpotential. Es könnte auch den Fußball und seine Akteure wieder etwas heilen, wenn man ihn von seinem Podest hebt und einen angemessenen Platz zuweist. Das Spiel in dem Umfang und der Intensität - und ohne den Glauben, etwas für ein diffuses Größeres leisten zu müssen – verfolgen, in dem man mag. Druck raus nehmen. Weghören, wenn die Fußballwelt einem atemlos weiß machen will, dass gerade etwas ganz Bedeutsames passiert.

Davon werden die Rahmenbedingungen für die Fans zwar nicht besser, aber es macht es auch leichter mal zu verzichten, wenn man etwas nicht mehr mittragen möchte. Am Ende geht es bei einem Spiel nämlich immer um den Spaß, den man dabei hat. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Sascha, 24.01.2018


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