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Eua Senf - 19.02.2017

Jetzt kommt die Kaltfront

Die letzten 14 Tage haben vieles von dem, welches seit Jahren als Problemstellung und Herausforderung rund um die Fanszene, den Fußball und das Verhältnis zwischen Fans, Vereinen, Konzerne und Verbänden gegeben ist, in einem heftigen Schleudergang zusammengepresst und zugespitzt vorgeführt. Auch die Spannungen innerhalb der einzelnen Interessengruppen wurden mehr als deutlich. Dazu wurde viel gesagt, viel diskutiert und viel geschrieben. Und doch wurde weiterhin Fußball gespielt – der Grund, warum das alles überhaupt relevant ist.

In Darmstadt konnte dank einer durch Informanten herbeigeführten Festnahme vieler gewaltbereiter Hooligans und/oder anderer gewaltaffiner Personen glücklicherweise vermieden werden, dass es zu größeren Vorfällen rund um das oder im Stadion kam. Gleiches galt nun für Lissabon, wo ebenfalls erneut fünf Personen festgenommen wurden, weil sie Pyrotechnik mit sich führten und offenbar versuchten, diese im Stadion zu nutzen. Diese Unbelehrbaren, außerhalb jeden Zugriffs für die aktive Fanszene stehenden Personen, sind einfach nur noch auf diesem Wege zu stoppen. Sie müssen ausfindig gemacht und festgenommen werden, sodass sie bis auf Weiteres aus dem Fußballkosmos verschwinden.

Und doch waren, wie in Darmstadt, auch in Lissabon wieder viele tausend BVB-Fans als Anhängsel der millionenschweren Profimannschaft mitgereist. Dies nach einer Woche, wo in der öffentlichen Wahrnehmung viele wohl geradezu Angst vor diesen Fans hatten. So merkte man bereits bei der Anreise am Flughafen, dass dort eine gespannte Erwartung vorherrschte, wie denn nun „diese BVB-Fans“ sein würden. Jedoch haben viele Flughafenmitarbeiter natürlich ausreichend Erfahrung mit Fußballfans, so dass viele wussten, dass hier nun keine Horde von „Barbaren“ einfallen würde.

Wie eigentlich immer, wenn größere Gruppen sich auf Reisen bewegen, gab es natürlich auch wieder solche, denen offenbar Benehmen und normaler Anstand einfach nicht möglich sind. Aber eben auch sehr viele, die sich freundlich, offen und sehr gut gelaunt zeigten, und verdeutlichten, wie schön solcherlei Reisen sein können und welch guten Eindruck man auch damit überall hinterlassen kann.

In Portugal und Lissabon (oder Porto, worüber auch viele BVB-Fans anreisten) selbst kannte man die BVB-Fans natürlich auch schon und wusste, dass hier überwiegend Leute anreisten, die vor allem versprachen, viel Bier zu konsumieren, Hotel- und Appartementbetten zu belegen und das portugiesische Essen zu genießen. Überall wurde man freundlich und durchaus hilfsbereit empfangen und die Menschen der Stadt sprachen einen sehr oft an, um zu verdeutlichen, dass sie entweder für Benfica oder eben für Sporting wären.

Dass Lissabon eine wunderschöne Stadt ist, deren durchaus maroder Charme aber vielleicht nicht jedem direkt zusagt, muss an dieser Stelle nicht sonderlich erläutert werden. Gesehen haben sollte man diese Stadt auf jeden Fall einmal.

Wer wie ich und meine Gruppe mehrere Tage in Lissabon verbrachte, konnte sich die ganze Zeit frei und ohne ungutes Gefühl in der Stadt bewegen- selbst als erkennbarer BVB-Fan mit Schal oder Trikot „bewaffnet“. Wir jedenfalls erlebten nicht eine Situation, wo es dadurch irgendwie unangenehm geworden wäre oder sonst wie ein ungutes Gefühl entstanden wäre. Dies ist so ja leider auch nicht immer üblich.

So konnte man die Tage ausgiebig dazu nutzen, die Stadt zu erkunden oder einfach mit Freunden etwas zu trinken oder zu essen. Wie so oft war die große Reisegruppe ein bunt gemischter Haufen aus vielen Ecken und Regionen Deutschland und sogar Europas. Gewiss ist der Begriff der „BVB-Familie“ nur eine relativ leere Hülle. Mit manch einem will und muss man sich gewiss nicht in „familiäre“ Verbindung bringen lassen. Und doch ist es für mich immer wieder ein Ereignis zu erleben, wie sehr dieser 1909 gegründete Klub Menschen aus den verschiedensten Schichten und Regionen zusammenbringt, welch wunderbaren Gespräche, Verbindungen und Zusammenkünfte daraus entstehen und entstanden sind. Es ist ein soziales Ereignis, welches man, so man es selbst noch nicht erlebt hat, auf jeden Fall einmal miterleben sollte.

Am Spieltag selbst war dann auch schönes Wetter, so dass der Tag „ vom Sonnenaufgang bis Untergang“ bei angenehmer frühlingshafter Wärme draußen verbracht werden konnte. Die Stadt war jetzt voll mit schwatzgelben Menschen und der zentrale Treffpunkt lag wundervoll gelegen direkt am Rio Tajo, inmitten der Stadt. Eine dort aufspielende portugiesische Straßenkapelle tat ihr Übriges für eine angenehme Atmosphäre, in welcher die Vorfreude auf das Spiel am Abend langsam und in Ruhe steigen konnte. Irgendwelche Vorfälle, Ärger oder Konfrontationen irgendeiner Art konnte ich jedenfalls nirgends wahrnehmen.

So wurde dann eine sehr große Gruppe BVB-Fans zu den extra für 17.15 Uhr eingesetzten Sonderzügen (besser Sonder-U-Bahnen) geführt. Dies geschah schon unter einem durchaus größeren Aufgebot an Polizei, wenngleich unter den BVB-Fans auch durch Trikot und Schal erkennbare Benfica-Fans waren, welche aber mehr als freundlich begleitet wurden.

Unter lauten Gesängen wurden wir also in die Tiefen der U-Bahn geführt und fuhren 15-20 Minuten in einer gut gefüllten Bahn zum Stadion. Die Stimmung war bestens und die Vorfreude auf den CL-Abend groß, trotz all des Ärgers, die die Dortmunder Fanszene in den letzten Wochen über sich ergehen lassen musste.

Am Zielpunkt angekommen, konnte man auch direkt auf das riesengroße Estádio da Luz blicken. Dies lag imposant unter blauem Himmel direkt vor einem. Wir wurden in der riesengroßen Gruppe auf eine Straße geführt, welche direkt zwischen einem großen Einkaufszentrum und dem Stadion lag. Um uns herum stand viel Polizei in voller Montur und mit Schlagstöcken, Schutzschildern, Elektroschockern oder gar Tränengas-Gewehren ausgestattet. Dort musste der große Pulk dann eine ganze Weile verharren, während die Uhr die 18 Uhr-Marke überschritt. Wie bereits die Tage zuvor in der Stadt erlebt, wurden die BVB-Fans von vielen Benfica-Fans, die vor dem Stadion oder dem Hotel standen, mit Applaus empfangen. Winkende (vermutlich portugiesische) Kinder hatten ihre Freude an diesem großen, bunten und laut singenden Menschenauflauf. Die angenehme Wärme, der blaue Himmel und die südeuropäische Atmosphäre taten ihr Übriges.

Nachdem nun seit Einstieg in den Sonderzug und weiterem Verharren im Stadionbereich mehr als eine Stunde vergangen war, mussten viele Fans schlichtweg auf die Toilette. Aber ein Heraustreten aus der Menge oder eine zeitnahe Weiterführung wurden seitens der Polizei nicht erlaubt oder durchgeführt.

Nachdem es dann endlich weiter ging, musste eine relativ lange Strecke „rund um das Stadion“ zurückgelegt werden, um schließlich den Vorplatz zu erreichen, wo allerdings eine erneute Sperre durch Polizisten wartete. Die Menge war dabei trotz der inzwischen recht langen Wartezeiten, der fehlenden Toiletten und der immer weiter voranschreitenden Uhrzeit ruhig und sang ihre Lieder, während die Sonne langsam unterging.

Von dort an nahm dann der Irrsinn seinen Lauf und die menschliche Kaltfront erreichte einen, nachdem der Rest des Tage so wunderschön gewesen war. Von der abgeriegelten großen Gruppe aus konnte man circa zehn mit hohen Drahtzäunen getrennte Durchgänge erkennen, welche ca. 5-10 Meter lang waren und Platz für eine Person boten. Die Polizei ließ nun peu a peu Gruppen von circa 30-40 Personen zu diesen Durchgängen vor. Die dort stehenden Ordner, zuständig dafür, mit einem Lesegerät die Karten zu scannen, glänzten schon durch Unfreundlichkeit und machten sich – offenbar im Glauben daran, sie seien die einzigen Menschen auf Erden, die portugiesisch könnten – über die wartenden Fans lustig. Von dort aus durfte dann immer eine Person den circa 5-10 Meter langen Weg antreten hin zu einer individuellen Kontrolle. Obwohl ich im vorderen Teil der BVB-Fans am Stadion eintraf, wartete ich auch eine Stunde vor dem Spiel (nach 19 Uhr) noch vergeblich darauf, die Einlasskontrolle über mich ergehen zu lassen. Zu allem Überfluss musste auch noch Platz gemacht werden für die heranrollenden „Family and Friends Borussia Dortmund“ und „VIP BVB“ Busse, wodurch es zu weiteren Verzögerungen kam. Dass die Insassen dieser Busse einen gesonderten Eingang mit komplett anderen Kontrollen nutzen durften, muss an dieser Stelle nicht sonderlich hervorgehoben werden.

Der für mich zuständig Kontrolleur forderte mich dann auf, dass ich meine Schuhe ausziehen möge (was, wie man zuvor schon beobachten konnte, bei jedem Fan der Fall war), meinen Gürtel öffnen solle und mein Portemonnaie übergeben müsse. Mein tatsächlich freundlicher Hinweis, ob denn klar wäre, das dort noch tausende BVB-Fans warten würden und man sich doch bitte beeilen möge, führte dann dazu, dass zwei offenbar leitende Ordner zu mir kamen und mir deutlich machten, dass wenn ich noch ein weiteres Wort sagen würde, ich mitkommen müsse und man mich der Polizei übergeben würde.

Der Ordner tastete dann meinen Oberkörper und meine Füße / Beine ab. Mein Hinweis, dass ich ein aufgrund einer Erkrankung schwer verletztes linkes Bein habe, welches mit Vorsicht zu berühren sei, wurde schlicht ignoriert und er fügte mir Schmerzen bei der Suche nach weiß ich was zu. Dass ich überhaupt etwas sagte, ließ erneut die leitenden Ordner auf den Plan treten. Im Anschluss griff er dann zwischen meine Beine und untersuchte den Intimbereich, um dann den Hosenbund von innen mit seinen Händen zu inspizieren. Das Durchsuchen meines Portemonnaies, meiner abgelegten Jacke und meiner Kappe war dann der Abschluss seiner Untersuchung. Ich war inzwischen (natürlich) nicht mehr sonderlich erfreut über diese Art der Zugangskontrolle und regte mich auf Deutsch darüber auf und beschwerte mich. Als ich mich wieder angezogen hatte, wollte ich endlich weiter, denn inzwischen war es bereits 19.15 Uhr. Doch nach wenigen Metern wurde ich erneut aufgehalten. Diesmal war es kein Ordner, sondern ein Polizist hielt mich auf und begann auf ein Neues mich zu untersuchen. Wohlgemerkt in zwei Meter Entfernung und somit Sichtweite zu jenem Ordner, der mich bereits untersucht hatte. Dergleichen Kontrollen konnte ich bei fast jedem Fan beobachten, inklusive der Frauen, die ebenfalls unüblich scharf und genau kontrolliert wurden, im Übrigen auch durch Männer!

Wer nun dachte, man könne endlich und noch pünktlich das Stadion betreten, irrte jedoch. Eine erneute Absperrung der Polizei hinderte einen am Weiterkommen in den eigentlichen Stadioninnenbereich. Dass weiterhin nicht erlaubt wurde, zur Toilette zu gehen, sei da nur noch als Randaspekt erwähnt.

Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die vielen, vielen BVB-Fans, die noch in der großen Menge vor dem Stadion warten mussten, niemals pünktlich zum Spiel im Stadion sein würden. Ich hatte bereits meine noch im Pulk befindlichen Freunde „gewarnt“, man möge möglichst nicht viel sagen, da ansonsten Ärger drohe. Sie berichteten dann auch davon, dass die Menge trotz der weit vorangeschrittenen Zeit und weiterer Einteilungen durch Polizeiketten im Vorfeld der Kontrollen ruhig und besonnen blieb. Dass dort dann z.B. das Vorstandsmitglied der Fanabteilung durch Polizisten verletzt wurde, dass man irgendwann den Einlass komplett einstellte, weil angeblich die Lesegeräte nicht mehr funktionierten und einfach nur noch Chaos herrschte, konnte ich persönlich mir dann nur noch berichten lassen.

Im Gästeblock fiel natürlich direkt auf, dass dieser um ca. 19.35 Uhr, also zehn Minuten vor Anpfiff, nicht im Ansatz voll war. Es kamen zwar nach und nach Fans hinein, aber der Großteil musste erst einmal vor dem Stadion verweilen, während im Innenraum die CL-Hymne erklang und das Spiel angepfiffen wurde.

Nach und nach gelang es dann aber wohl den meisten BVB-Fans, den Gästeblock zu erreichen. Spätestens zur Pause schienen weitestgehend alle mitgereisten Fans anwesend zu sein.

Die Stimmung im Gästeblock war dadurch schlichtweg gedämmt. Fast alle hatten am Einlass und bei der Anreise zum Spiel schlicht zu viel erlebt, als dass man nun einfach zum Spiel hätte übergehen können. Darüber hinaus waren großzügig Reihen im vorderen Bereich gesperrt worden und mit Polizeikräften, Feuerwehr und Ordner gefüllt.

Dass dann nach dem Spiel eine ausgedehnte Blocksperre von mehr als 45 Minuten hinzu kam, war wohl jedem da schon längst klar. Erneut durfte nicht auf Toilette gegangen werden und schwer ausgerüstete Polizeikräfte versperrten den Weg aus dem Block. Als das Stadion endgültig von allen anderen Fans geleert war, durften auch endlich wir BVB-Fans das Stadion verlassen und wurden erneut durch eine Polizeieskorte Richtung U-Bahn geführt. Wobei dann doch vor der U-Bahn, etwas ungeplant wie es schien, die Eskorte aufgelöst wurde und die Fans in alle Richtungen entschwinden konnten.

Und warum war das nötig gewesen? Weil bei anderen Gastspielen im letzten Jahr in Portugal ein wenig Pyrotechnik genutzt wurde? Und man tatsächlich erneut einige der Unbelehrbaren festnehmen konnte? Wirklich groteskerweise ein Mitglied der Kölner Ultragruppe Boyz, die den BVB regelmäßig auf solchen Touren begleitet.

Es wirkte schon wie eine Bündelung der Bündelung der letzten Wochen. Hier wurden hunderte, wenn nicht tausende BVB-Fans durch portugiesische Sicherheitskräfte und Ordner in die Mangel genommen, um eine Handvoll Unbelehrbarer zu fassen, die offensichtlich Pyro zünden wollten. Zweifellos keine Lappalie, aber auch kein Kapitalverbrechen, welches derart unmenschliche Kontrollen rechtfertigen würde.

Und so wurde eine gut gelaunte, bunte, weltoffene Reisegruppe, die schöne Tage in einem schönen Land verbrachten und sich gemeinsam mit den Menschen der Stadt Lissabon auf ein Fußballspiel freuten, am Ende so behandelt, als ob wirklich manch deutsches Medium der letzten 14 Tage Recht gehabt hätte. Gewiss, dass Gästefans schlecht behandelt werden, ist keine Neuigkeit. Aber die Bündelung der letzten Wochen schon…

Ja, wir Fans müssen auch intern vieles neu überdenken und manche Struktur, die Ungutes produziert hat, aufbrechen und neu gesalalten. Und ja, wir müssen uns von den wenigen Unbelehrbaren trennen und ganz klar abgrenzen. Aber was ist mit uns Fans, und ich wähle diese allgemeine Floskel sehr bewusst, seit ca. 14 Tagen getrieben wird, ist damit nicht zu erklären oder zu entschuldigen.

Die grundlegende Stigmatisierung vieler Fußballfans, zumal jener, die diesen Sport so bunt, laut und vielfältig machen, als „Kinder und Frauen jagende Steinewerfer“ ist inakzeptabel. Die Art der Behandlung, weil vielleicht jemand Pyrotechnik mit sich führt, ist inakzeptabel. Die generelle Berichterstattung ist oftmals inakzeptabel.

Ich kann nur darauf hoffen, dass sich möglichst viele jener, die friedlich, aber dennoch subkulturell diesem Sport als Fan folgen, nicht davon vertreiben lassen werden und endgültig das Feld räumen.

Wir müssen uns wehren und gemeinsam zeigen, dass wir weder das eine noch das andere wollen. Weder diejenigen, die nur noch auf Gewalt und Eskalation setzen, noch jene, die diesen Sport umbauen wollen und ein reines und steriles Produkt wünschen.

Phil, 19.02.2017

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