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Unsa Senf - 06.02.2017

Zwischen den Stühlen

Vor dem Duell zweier deutscher Spitzenteams (nein, RaBa Leipzig ist kein gewöhnlicher Aufsteiger) am Samstag wurden von Dortmunder Fans massenhaft Grenzen überschritten, die nicht überschritten werden dürfen. Als Konsequenz fordert nun die halbe deutsche Öffentlichkeit den Aufstand der Anständigen. Mich, als Anständigen, zerreißt dieses gesamte Thema.

Vorweg: Was da auf der Strobelallee vorgefallen ist, ist nicht zu entschuldigen. Die mindestens fahrlässige, wenn nicht sogar bewusste Verletzung anderer Menschen kann und darf nicht hingenommen werden, darum müssen und werden sich Strafverfolgungsbehörden jetzt ausführlich kümmern und Täter entsprechend zur Rechenschaft ziehen.

Was medial daraus aber gemacht wurde, von der Verhältnismäßigkeit der Berichterstattung über lachhafte Forderungen bis hin zu absolut hanebüchenen Schuldzuweisungen, spottet jedweder Beschreibung. Vom Leiter der Stadtredaktion Dortmund über den Werder-Korrespondenten bis hin zum Bundesinnenminister: jeder hatte etwas zu sagen, jeder forderte mit markigen Worten knallhartes Durchgreifen, alle wollten schwerwiegende Konsequenzen für die Chaoten und einen Aufstand der Anständigen. All das für Szenen, die zweifellos unschön und zu verurteilen sind, rund um Bundesligaspiele hierzulande aber auch im Jahre 2017 leider noch regelmäßig vorkommen, wie das Spiel der Frankfurter Eintracht gegen den SV Darmstadt 98 nur einen Tag nach "der Schande von Dortmund" zeigte.

Für mich als Anständigen, der nun selbst vom DFB-Präsidenten zum Aufstand aufgefordert wurde, ist diese hysterische Berichterstattung vor allem eins: anstrengend. Und sie zerreißt mich. Denn so sehr ich die Gewalt verurteile und verabscheue, die ausgeübt wurde, so sehr erzürnen mich inkompetente Berichterstattung und weltfremde Schuldzuweisungen. Ein Bundesinnenminister, dessen Partei nach fast 2.000 (!) Angriffen auf Flüchtlingsunterkünfte in den vergangenen zwei Jahren gefühlt kein Wort der Verurteilung verliert, sondern dafür wirbt, die "Ängste" der geistigen Brandstifter ernstzunehmen, fordert hartes Vorgehen gegen die Gewalttäter von Samstag. Hans-Joachim Watzke, der für den Geschmack vieler Fans deutlich zu zart mit dem Konstrukt RaBa ins Gericht ging, wird von RaBa-Fans und Medien zum Alleinschuldigen gemacht (#DankeMerkel). Andere Medien ziehen den Kern des eigentlichen Protests gegen Red Bull mit schiefen Vergleichen und Kontervorwürfen ins Lächerliche. Die Polizei Dortmund verwendet fast mehr Personal auf das Entfernen harmloser ("peinlicher") Schilder als auf die konsequente Trennung der Heim- und Gästefans. Idioten auf der Tribüne und vor dem Stadion überschreiten Grenzen von Strafrecht und gutem Geschmack. Und von Freunden bis zur Familie fragen mich alle (wenn auch nur scherzhaft), was ich denn da wieder angerichtet hätte, als ich vergangenen Samstag beim Spiel war.


Gegen wen soll ich mich denn jetzt alles erheben? Für uns Anständige ist das einfach ein Kampf an zu vielen Fronten.


Auf der einen Seite soll ich mich kreativ und witzig dagegen auflehnen, dass ein Getränkehersteller aus Fuschl am See einen Fußballverein nur dazu nutzt, um Werbung für seine Marke zu machen - auf der anderen Seite wird diese Kritik aber ungehört und unverstanden ins Lächerliche gezogen und mit schiefen Vergleichen mundtot gemacht.

Auf der einen Seite soll ich mich kritisch gegen die voranschreitende Kommerzialisierung in meinem eigenen Club positionieren - auf der anderen Seite wird mir immer wieder vorgeworfen, dass mein eigener Verein doch so kommerziell sei.

Auf der einen Seite rege ich mich tierisch darüber auf, wenn Hans-Joachim Watzke seine mediale Omnipräsenz auslebt und zu allem seinen Senf abgibt - auf der anderen Seite muss ich ihn jetzt gegen Vorwürfe verteidigen, die nicht mal am Toupet von Donald Trump herbei gezogen werden können.

Auf der einen Seite soll ich "selbstreinigend" die Gewalttäter in den eigenen Reihen verurteilen - auf der anderen Seite lässt uns die Polizei Dortmund beim Kampf gegen eben jene (sowie Nazis, die in Dortmund offenbar Narrenfreiheit genießen) regelmäßig im Stich.

Auf der einen Seite soll ich den modernen Fußball ablehnen - auf der anderen Seite reißen meine vermeintlichen Mitstreiter durch Dummheit und Gewalt jedwede Protesterfolge mit dem eigenen Arsch wieder ein.


Ganz ehrlich: Ich bin müde, mich aufzulehnen. Ich bin müde, zwischen den Stühlen zu sitzen. Ich bin müde, zwischen den Extremen vermitteln zu sollen. Ich habe keine Lust auf Gewalt, ich habe keine Lust auf Hysterie. Ich habe keine Lust mehr.


06.02.2017, NeusserJens


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