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Unsa Senf - 06.02.2017

BVB-Fans gegen Raba Leipzig: Ein Protest wird zum Eigentor

Die Mannschaft bissig, der Trainer überraschend leidenschaftlich und das Westfalenstadion aufgeheizt wie lange nicht mehr: Am liebsten möchte man sich als BVB-Fan über das wohltuende 1:0 über Raba Leipzig freuen. Doch am Tag nach der Partie standen die außer Kontrolle geratenen Proteste gegen das Leipziger Vereinskonstrukt im Vordergrund.

Als die Südtribüne sich am Samstagabend gegen 18.29 Uhr in ein Gewand aus Tapeten und Stoffbahnen kleidete, war der Anblick beeindruckend: Allein die Masse der Spruchbänder verdeutlichte die Macht, die eine solche Tribüne entfalten kann. Und die Botschaft, die der von den im Bündnis Südtribüne Dortmund zusammengeschlossenen Fanclubs und Ultragruppen ausgerufene Protest trug, war eindeutig: „Für den Volkssport Fußball – gegen die, die ihn zerstören“ prangte auf dem Zaun der Gelben Wand. Adressiert an Red Bull, den österreichischen Brause-Konzern, der aus dem Oberligisten SSV Markranstädt den „RasenBallsport Leipzig e. V.“ machte und ihn binnen sieben Jahren von der Ober- in die Bundesliga hievte.

Plumpe Spruchbänder statt kreativer Proteste

Viele Beobachterinnen und Beobachter, die kurz vor Anpfiff der Partie einen genauen Blick auf die Spruchbänder der Südtribüne warfen, dürften allerdings mit der Stirn gerunzelt haben. Denn der Inhalt des Großteils der Plakate war – das muss man an dieser Stelle einmal deutlich sagen – relativ plump: „Bullenschweine“, „Fick dich Mateschitz“, „Rangnick halts Maul“, „Bier statt Brause“ oder „Pflastersteine auf die Bullen“ lautete eine Auswahl. Hingegen zählten „Geboren auf Vorstadtwiesen mit nem Traum, nicht aus Geldgier in nem Vorstandsraum“ oder „Grün-weiße Bullen reichen uns“ noch zu den witzigsten, kreativsten. Vice Sports hat sich die Mühe gemacht, die vor Anpfiff präsentierten Spruchbänder zu dokumentieren (während der Partie wurden in den Blöcken 12 und 13 weitere Plakate mit ähnlichen Botschaften gezeigt).

Um eins direkt vorweg zu nehmen: Protest darf zynisch sein, gemein und erst recht plump. Auch Beleidigungen, zumal im raueren Fußballsprech, können ein Stilmittel sein, sofern sie nicht rassistisch, antisemitisch, homophob, anderweitig diskriminierend oder allzu persönlich sind. Doch Protest sollte nie seinen Zweck aus den Augen verlieren: Dem Ziel seiner Kritik Argumente entgegenzusetzen oder es gar zu entlarven – und es eben nicht bloß, quasi ohne doppelten Boden, zu beleidigen.

Keine Frage, das ist ein hoher Anspruch: Ironische Spruchbänder mit spitzer, treffender Botschaft pinselt man nicht mal eben auf die Tapete. Zumal der Platz eines Plakats stets begrenzt ist. Doch dass es eben auch anders gehen kann, hat nicht nur die TSG Hoffenheim gezeigt, die Raba Leipzig in der Hinrunde mit einer gehörigen Portion Selbstironie begegnete (wobei sich darunter auch eine geschmacklose Anspielung auf Ralf Rangnicks Burnout-Erkrankung fand). Nein, eigentlich sind wir BVB-Fans selbst das beste Beispiel, wie man gelungene Proteste organisiert: Die „Kein Zwanni – Fußball muss bezahlbar sein“-Kampagne hatte ihren Ursprung hier in Dortmund und verdankt ihre Erfolge auch den gewählten Demonstrationsformen. Seien es leere Gästeblöcke oder provokante Grenzüberschreitungen, die Aufmerksamkeit erzeugen, aber niemandem schaden, wie zuletzt das Werfen von Tennisbällen als Zeichen gegen die Preisgestaltung des VfB Stuttgart. Stattdessen hatte man das Gefühl, viele der Spruchbänder am Samstag gegen Leipzig verlören sich in „Bullen“-Wortspielen als Anspielung auf Brause-Produzent und Polizei gleichermaßen. Kann man machen, darf sich dann aber auch nicht beschweren, wenn die Wirkung verpufft und „Pflastersteine auf Bullenschweine“ als geschmacklos abgetan wird.

Fußball-Frust als Antrieb?

Vielleicht war die Aggressivität der Botschaften ein Ausdruck der Frustration, denn: Fußballfan zu sein, kann dieser Tage ganz schön nerven. Zwischen Montagsspielen, Trainingslager in Dubai und Fifa-Skandal hat man als aktiver Fan das Gefühl, fast ausschließlich Rückzugsgefechte zu führen. Die Gewissheit, die Kommerzialisierung des Fußballs höchstens marginal verlangsamen, auf keinen Fall aber stoppen zu können, brennt sich spätestens seit Leipzigs Ankunft in der Bundesliga immer mehr ein.

Mit der Erkenntnis, dass es menschlich ist, im Frust auch mal über die Stränge zu schlagen, könnte man den Samstag abhaken und sich als BVB-Fanszene fürs nächste Mal Besserung auf die Fahnen schreiben. Wir Dortmunder haben, siehe oben, schließlich schon oft gezeigt, dass wir das können.

Doch leider blieb es beim Spiel gegen Raba Leipzig nicht bei plumpen Beleidigungen. „Burnout Ralle: Häng dich auf“ als Anspielung auf das Erschöpfungssyndrom und die damit verbundene Auszeit des Leipziger Sportdirektors ist derart empathiebefreit, dass man sich als ernsthafter Gesprächspartner disqualifiziert. Ähnliches gilt für „Richtig Behindert“, wobei der jeweils erste Buchstabe beider Wörter farblich hervorgehoben war als Anspielung auf die Abkürzung „RB“ für Red Bull. Wer Behinderung tatsächlich als abwertende Beleidigung verwendet, überschreitet die Grenze des guten Geschmacks deutlich.

Polizeiaufgebot an der Strobelalle

Ein Redaktionskollege, der in Block 14 steht, berichtete darüber hinaus, dass Umstehende mindestens Skepsis, teilweise aber auch Ablehnung äußerten, als sie die Botschaften auf den Tapeten lasen, die sie gebeten wurden, vor dem Spiel hochzuhalten. Nach Samstag besteht nun die Gefahr, dass zukünftig kein Solidaritätsvorschuss mehr bei ähnlichen Aktionen gewährt werden wird.

Am Sonntag mehrten sich außerdem die Berichte von Raba-Fans, während ihres Weges zum Westfalenstadion auf der Strobelalle angegriffen worden zu sein. Der Verein beschwerte sich über seine sozialen Netzwerke beim BVB, berichtete von verletzten Fans. Was war passiert (bzw. soll passiert sein)?

Am frühen Nachmittag trafen sich die im Bündnis Südtribüne Dortmund organisierten Fanclubs und Ultra-Gruppen in und vor dem Biergarten Rote Erde. Ein zentraler Treffpunkt im Vorfeld einer gemeinsamen Protestaktion ist grundsätzlich ebenso wenig verwerflich wie das Bedürfnis, seinem Unmut über das Vereinskonstrukt Raba Leipzigs bereits an dieser Stelle gegenüber den ankommenden Anhängern Luft zu machen – sofern es im Rahmen bleibt. Doch das tat es nicht.

Eins vorweg: Unserer Redaktion liegen (noch) keine Informationen vor, welche Personen am Samstag aus der Reihe tanzten und ob sie bestimmten Gruppen zugehörig sind. Vor Ort waren jedenfalls nicht ausschließlich Bündnis-Mitglieder, da der Vorplatz der Roten Erde an Spieltagen stets ein wichtiger Treff- und Knotenpunkt unterschiedlichster Fans ist. Was man beobachten konnte: Gegen 16 Uhr begannen die anwesenden Polizeibeamtinnen und -beamten erstmals, die Strobelalle zu räumen und die darauf stehenden Fans zurückzudrängen, um den Weg für die Leipziger Anhänger frei zu machen. Manche Beamte waren dabei recht aggressiv in ihrer Ansprache und es kam zu ersten, lediglich verbalen Scharmützeln.

Wurfgeschosse gegen Leipzig-Fans vor der Roten Erde

Als nach und nach die ersten Raba-Fans eintrafen, mussten sie sich teilweise Beleidigungen von den Umstehenden anhören. Kein freundlicher Empfang, aber auch nichts, was man im Fußballkontext nicht gewohnt ist und als Dortmund-Fan in anderen Stadien selbst ebenso erlebt hat. Zumindest im Bereich vor der Roten Erde waren Dortmunder und Leipziger stets durch eine Polizeikette getrennt. Mit der Zeit füllte sich der Bereich vor der Roten Erde und man merkte, dass die Stimmung langsam aggressiver wurde. Raba-Fans, die nicht über die Strobelallee, sondern zwischen BVB-Anhängern liefen, bekamen teilweise Tritte und Schubser ab.

Trafen die Leipziger anfangs tröpfchenweise ein, wurden die ankommenden Gruppen vom Gästeparkplatz und Bahnhof Stadion, wo ihr Sonderzug hielt, langsam größer. Die versammelten BVB-Fans begrüßten sie mit Anti-Raba-Sprechchören. Da der Vorplatz der Roten Erde sehr voll war, war aus den hinteren Reihen nicht zu beobachten, ob und welche Gegenstände auf die Ankommenden geschmissen wurden. Die Berichte von Polizei, Leipzig- und Dortmund-Fans gehen hier teilweise noch auseinander.

Die Polizei berichtete in einer ersten Presseerklärung am späten Samstagabend von einem „massiven Bewurf mit Steinen und Dosen“, bei dem vier Polizeibeamtinnen und -beamte sowie ein Diensthund verletzt worden seien. In einer Folgeerklärung am Sonntagnachmittag korrigierte sich die Behörde um weitere sechs Verletzte Leipzig-Fans nach oben. Auch der BVB und Raba Leipzig sprechen in ihren Stellungnahmen von verletzten Fans, ohne jedoch genaue Zahlen zu nennen. Aus dem Umfeld Leipziger Fans ist die Zahl zehn zu hören, die nach ambulanten Behandlungen das Krankenhaus wieder verlassen konnten. Die Polizei meldete am Sonntag außerdem, dass neben Dosen und Steinen auch Flaschen und Bierkästen geworfen worden seien.

Schilderungen der Polizei entsprechen teilweise nicht den vor Ort gewonnenen Eindrücken

Aus der vorübergehenden Beobachterposition am Eingangstor der Roten Erde war dies nicht zu erkennen. Auf dem bisher öffentlich zugänglichen Videomaterial ist zu beobachten, wie ein Gästefan, offenbar durch einen Schlag, zu Boden geht, außerdem ein Flaschenwurf in die Menge der Leipziger. Auch Eier und mindestens eine Pyrofackel wurden mit Sicherheit geworfen. Außerdem scheinen Gästefans bespuckt worden zu sein. Ob Steine geflogen sind, konnte uns bisher niemand aus dem Umfeld unserer Redaktion bestätigen; ausschließen können wir es nicht und die Aussagen der Leipzig-Fans und der Polizei stehen damit erstmal im Raum.

Widersprechen sollte man an dieser Stelle allerdings der Darstellung der Polizei in ihrer Folge-Pressemitteilung. Aufgrund der von der Pressestelle sehr deutlich gewählten Formulierungen („hasserfüllte Fratzen“, „völlig enthemmter Mob“) wird der Eindruck vermittelt, es habe sich ein 300 bis 400 Mann starker Mob versammelt, der kollektiv Leipzig Fans angegriffen hätte, wenn die Polizei nicht gewesen wäre. Das entspricht nicht den vor Ort gewonnen Eindrücken.

Die große Gruppe der BVB-Fans hat mit der Zeit zwar eine feindselige, teilweise aggressive Stimmung erzeugt, aus der heraus Einzelne bzw. kleine Gruppen im Schutz der Masse die genannten Taten begangen haben. Das ist zwar unglaublich beschissen (und war ab einem gewissen Zeitpunkt auch zu erwarten), aber eben von anderer Qualität als von der Polizei beschrieben.

Bärendienst für die BVB-Fanszene

Man braucht hierzu eigentlich nicht viele Worte zu verlieren: Sinnvoller Protest rechtfertigt nicht diese Art von Gewalt und die Täterinnen bzw. Täter haben der Fanszene des BVB einen riesigen Bärendienst erwiesen. Mit diesem Verhalten haben sie nämlich genau das Gegenteil dessen erreicht, was die Protestaktion bezwecken sollte: Der Fokus liegt nicht auf der Kritik am Leipziger Vereins- und Sponsorenkonstrukt, sondern der BVB wurde von seinen eigenen Anhängern gezwungen, sich öffentlich für deren Fehlverhalten zu entschuldigen. Die wahrscheinlich größte Genugtuung für den Verein aus Leipzig, der das Benehmen der eigenen Fans stets gerne als Positiv-Beispiel hervorhebt, auch um Diskussionen über mögliche Verstöße gegen die 50+1-Regel etwas entgegen zu setzen. Die Opferrolle, die wir ihnen am Samstag per Steilvorlage zugespielt haben, werden sie dankend annehmen.

Vielleicht schlägt sich die Dortmunder Fanszene nun wenigstens beim selbstkritischen Umgang mit den Geschehnissen am Samstag besser als beim kritischen Umgang mit Raba Leipzig.

Malte S., 06.02.2017


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